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Nr. 443.
Wiesbaden, Dienstag. 2B. September
66. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
!. WL'crtt.
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Werlag des „Wiesbadener Tagölatt".
Dis Inlerlttrujleuer.
Heute tritt in Berlin der In t e r n a t i o n a l e Prejsekongreß zusammen, und es wird bei den offiziellen Empfängen, die damit verbunden sind, nicht an anerkennenden Worten für die Presse fehlen, die kein Geringerer als der frühere preußische Finanzminister v. Miguel als das wichtigste Bildungsmittel der Zeit bezeichnet hat. Aber in der gegenwärtigen Zeit scheinen die Finanzminister der Presse ein ganz anders geartetes Interesse zuzuwenden. Wenn die freilich unkontrollierbaren Gerüchte, die über die Reichsfinanz- pläne der Regierung in die Öffentlichkeit dringen, zutreffen, dann soll sich in dem Steuerbukett der Regierung auch eine Inseraten st euer befinden, mit deren Hilfe man angeblich dem Reichssäckel —_ alle Steuersucher sind eben Optimisten! — 60 Millionen Mark zuführen will.
Alles wiederholt sich nur im Leben. In England hat man die Jnseratensteuer im Jahre 1853 als unhaltbar aufgehoben, weil ste ebenso eine Belästigung der Presse wie des Lesepublikums darstellte, und im Jahre 1874 ist man in Österreich diesem Beispiel gefolgt. In demselben Jahre, wo man in Österreich zu dieser besseren Erkenntnis kam, wurde in Deutschland das Reich spreßgesetz geschaffen, in dessen Begründung es unter anderem heißt: „Wegfallen sollen alle
besonderenAbgaben, selbst solche, welche, wie dieAnzeigen- stcuer, direkt nicht die Presse, sondern das sie benutzende Publikum treffen," Wir können es uns kaum denken, daß man jetzt, dreiundeinhalb Jahrzehnte später, zu einer Besteuerungstaktik zurückgreift, die man in allen Kulturländern als ungerecht und unhaltbar erkannt hat.
Unsere Finanzwissenschaft zeigt in der Verurteilung der Jnseratensteuer eine erfreuliche Einmütigkeit, und das mit Recht, denn sie weist nahezu alle Eigentümlichkeiten auf, die eine Steuer nicht haben soll. Zunächst würde ihre Berechnung, wie jeder Zeitungsfach-
Fer Met on.
(Nachdruck oerbolen.)
£tu$ Ler Champagne.
w. Paris, 20. September.
Mit der Heimkehr nach Paris aus Bädern und Sommerfrischen braucht man noch lange nicht auf alle Freuden des Landlebens und der Natur zu verzichten. In der unmittelbaren Bannineile selbst ist so ziemlich alles zu haben, was sich Herz und Auge wünschen können. Und die Erntefreuden des Septembers treten hier gerade sehr erfreulich und schmeichelnd in Erscheinung. Sogar Weinlese? Man glaubt es vielleicht nicht, daß beispielsweise neben dem düsteren und rußigen Fabrikorte Saint-Denis eine hübsche Hügelreihe, die Buttes Pinsom heißt, mit erquickendem Grün sich hinzieht, auf der neben einem rauhen, unwirtlichen Fort Trauben gezogen werden, die einen ganz erträg- lichen Wein liefern. Allerdings muß man die „großen Marken" der Pariser Umgebung im Westen und Nordwesten um Saint-Germain, Suresnes und Argenteuil herum suchen. Der „Petit Bleu" von Suresnes besonders erfreute sich jahrhundertelang einer großen Beliebtheit und sein blauer Saft rinnt noch heute als Piccolo freudig die Arbeiterkehlen hinab. Sehr ernst wird behauptet und sogar historisch beglaubigt, daß ehedem mehrere dieser Marken der Umgebung von Paris sogar auf Königstafeln kredenzt wurden. Da muß aber im Laufe der Jahrhunderte eine große Verschlechterung eingetreten sein, denn ohne den Feingaumigen herauskehren zu wollen, muß ich doch gestehen, daß ich niir einen besseren Nektar vorstellen kann und sogar beanspruche als den an den Seine-Windungen um Paris gekelterten. Denn hier ist die Grenze des französischen Weinbaues erreicht und eigentlich schon überschritten. Entweder muß man hundert und einige Kilometer nach Süden seine Schritte richten oder ostwärts pilgern, nach der Champagne, um Neben
mann weiß, sowohl für die Zeitung wie für die Steuer- r behörde mit ganz außerordentlichen. Schwierigkeiten und Kosten verbunden sein. Des weiteren wäre ein genauer Steuerbetrag im einzelnen überhaupt nicht festzustellen, da manche Anzeigen, wie vor allem die sogenannten amtlichen, zu billigen Pauschalpreisen ausgenommen werden. Eine Steuer ist aber um so schlechter, je größer die Erhebungskosten sind, und die würden hier ungeheuerlich sein.
Wie würde aber die Jnseratensteuer praktisch wirken? Daß sie nicht von den Zeitungsverlegern getragen werden kann, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, und von den Befürwortern dieser Steuer wird ja auch immer versichert, daß die Inserenten sie tragen sollen. Dann würde aber die Steuer eine durchaus ungehörige Doppelbesteuerung für diejenigen bedeuten, die durch Gewerbesteuer und dergleichen doch schon ihren Steuertribut darbringen. Ader nicht bloß der Geschäftsmann, der sein Unternehmen auf der Höhe erhalten oder es gar noch vergrößern will, und besonders derjenige, der ein neues, also noch schwaches Unternehmen anfängt, ist in der heutigen Zeit, wo die Zeitung der Träger der Öffentlichkeit ist, zum Inserieren gezwungen, sondern nicht minder der Arbeit oder Stellung suchende Arbeiter, Handwerker, Handlungsgehilfe, das Dienstmädchen und so weiter, die doch alle wahrlich nicht so kapitalkräftig sind, als daß man auf ihre Bemühungen, sich ihren Lebensunterhalt zu suchen, eine Strafe in Gestalt einer Extrasteuer setzen sollte.
Welche Folgen hätte aber die Jnseratensteuer für die Zeitungen? Wenn sie, wie die Steuerkünstler sich das denken, den I n f e r a t e n st e m p e l — in dieser Form soll angeblich die Steuer erhoben werden — von den Inserenten einziehen oder den Jnsertionspreis entsprechend erhöhen, so würde selbstverständlich die Anzahl der Inserate abnehmen. Die Einnahme des Blattes würde sich dadurch vermindern und den Zeitungen somit nur die Erhöhung des Bezugspreises übrig bleiben. Wollte man aber aus Furcht vor einer Verminderung der Inserate die Steuer nicht ans die Inserenten abwälzen, so bliebe ebenfalls nur der Ausweg einer Erhöhung des Abonnementspreises übrig. Endlich wäre noch ein dritter Fall denkbar, daß die Zeitungen den Jnseratenstempel einbringen, indem sie an der Zeitung selbst sparen, natürlich auf Kosten der Güte des Blattes. In allen drei Fällen hätten also nicht die Inserenten, sondern die Zeitungen oder die A b o n - n e n t e n den Nachteil. Eine Steuer aber, die nicht den trifft, den sie treffen soll, ist eine miserable Steuer.
Das ist aber die Jnseratensteuer auch deshalb, weil das Inserat nur einen Teil der Reklame darstellt, die doch als angeblich steuerkräftig getroffen werden soll. Die Plakate. Prospekte, Zirkulare, die Geschäfts- Wagen mit Firma, die Firmenschilder, auf denen sich
Hügel zu finden. — EinSonntagsausflug nach Epernay, Ay oder Reims, die von der Hauptstadt aus mit den reichlich zur Verfügung stehenden guten Zügen in zwei Stunden ausgesucht werden können, ist ein recht hübsches Herbstvergnügen. In diesem Jahre aber leider nicht', denn, wie ich mich letzthin selbst überzeugen konnte, ist die Ernte in der Champagne so gut wie ganz vernichtet, die Peronospora, der Mehltau, hat die jungen Pflanzen in den ersten feuchtwarmen Werdemonaten angefressen und getötet. So weit das Auge reicht, nur welke Blätter, aus denen hier und da einige magere und faulige Trauben herausschanen. Überall düstere Mienen und gleichzeitig heftige Verzweiflungsausbrüche. Es ist nämlich ein großer Irrtum, sich vor- zustellen, daß die Champagne ein Land des behaglichen Wohlstandes sei. Die Glücklichen, die in aller Herren Ländern die Champagnerpfropfen in die Luft knallen lassen, und auch die, die entsagungsvoll die hohen Ziffern, mit denen Pommäry und Gräno, Mumm, Heidsieck, Veuve Cliquot nsw. auf den Karten der vornehmen Lokale verzeichnet sind, anstaunen, würden verblüfft sein, wenn sie erführen, wie gering der Nutzen des Champagnewinzers bei harter Arbeit ist. Doch keine soziologischen Betrachtungen, zu denen hier reichlich Anlaß wäre. Man sieht doch, wo das Geld bleibt, das in Champagnerschaume anfbraust. Auf Schritt und Tritt begegnet man in und bei den Ortschaften großen Besitzungen mit Schlössern, die Champagnerfabrikanten oder Großhändlern gehören. Übrigens gibt es auch Angestellte, die in den Kellereien sich sehr gut stehen. Für gewisse Manipulationen mit den edlen Marken des Schaumweines, besonders für das Umgießen, erhalten gewandte Arbeiter sehr bedeutende Löhne, man zitierte mir bei Tbäophile Roederer mehrere, die wahre Ministergehälter, 15 000 bis 20 000 Frank jährlich, zu verdienen wissen. Und auch die spanischen Pfropfenfabrikanten, die hier in kleinen Kolonien angesessen sind, haben ihr reichliches Auskommen, was natürlich den Nationalismus der Winzer stark aufregt. Ein Durchwandern der ungeheuren Kellereien, die sich, mit
neben dem Namen des Inhabers auch die Waren ange- kündigt finden, die im Laden feilgehalten werden, die Schaufenster, welche einen Teil dieser Waren verlockend zur Schau stellen, sind ebenso Hilfsmittel der Reklame wie das Inserat. Das eine ohne das andere zu treffen, wäre eine steuerpolitische Ungerechtigkeit; das andere läßt sich aber eben nicht treffen.
Aus allen diesen Gründen ist das Urteil vollkommen zutreffend, das schon vor Jahrzehnten v. Liszt über die Jnseratensteuer gefällt hat, daß sie nämlich die tägliche geistige Nahrung des Volkes verteuert, an das Ungleiche schablonenhaft den gleichen Maßstab anlegt und daß sie endlich die Presse dem Großkapital in die Hände treibt. Eben deshalb können wir es uns nicht denken, daß die Negierung dem Reichstag ernstlich mit einem solchen Steuerprojekt kommt, noch weniger aber, daß sich im Reichstag eine Mehrheit findet, welche dem zustimmea könnte!
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Gegenüber öen Projekten von einer Jnjeratenstene» macht 'das ^Hamburger Fremdenblatt" auf die Erfahrungen, die in Hamburg mit der dort von 1849 brÄ 1874 in Übung gewesenen Jnseratensteuer gemacht worden sind, aufmerksam, die gewiß nicht zur Nachahmung verlocken können. Die Steuer wurde bei Aufgabe der Inserate gezahlt und nach Zeilen berechnet. Es zeigten sich bei der Erhebung fortdauernd große Schwierigkeiten, namentlich weil stets Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, was als Inserat aufzufassen sei. Die Steuer zeigte bald schlechte Wirkungen, war volkswirtschaftlich wie politisch schädlich, so daß man sich zur Ermäßigung verstehen mußte wegen der hervorgetretenen Gewerbe- belastung, bis dann das Reichs-Prcßgesetz damit aufräumte.
Teuerung ohne Ende.
Williges Brot ist die beste Sozialpolitik. Wie in- frwheren Zeiten, so versteht auch noch heute jener Gesetz-, geber fein Handwerk gut, der für wohlfeile NaHrnngs- mrttelpreise sorgt. Gegenwärtig sind zwar andere Dheorien in Geltung: aber was man auch sagen möge: hier wird StaatsEunst zur Volkswohlfahrt. Alle Entwickelung wird von hohen Lebensmittelprersen ungünstig beeinflußt; nicht nur die allgemein kulturelle, sondern auch die industrielle. Eine frühere Staatskunst legte daher auf die Wohlfeilheit der Vo'lksernährung den grüßten Wert. Sind die Preise für die notwendigsten Lebensmittel einmal hinaufgetrieben, so bleiben sie meistens auf der einmal erreichten Höhe. Nur einzelne Artikel können vielleicht wieder sinken, die Hau.pt- nahrnngsstoffe, wie z. B. Brot, Fleisch, Kartoffeln, bleiben im Kleinverkauf teuer und weichen nur vorüber- gehend einmal um wenige Prozent nach unten, um bet
allen Einrichtungen des modernsten Verkehrs versehen, kilometerlang unter den Hügeln zwischen Epernay und Reims dahinziehen, beweist sofort, daß trotz der be. klagten Mißernte kein Mangel an edlem Schaumweine zu befürchten ist. Den Versicherungen, daß weit über hundert Millionen Flaschen dort ans den Reserven der guten Erntejahre lagern, schenke ich unbedingt Glauben, denn man kann stundenlang in den unterirdischen Straßen hin- und herwandern, um überall Flaschenberge und volle Fässer aufgehäuft zu sehen. Das nimmt gar kein Ende! Freilich ist das weitaus nicht alles Gewächs von den Kalkbergen in der Champagne. Eben deshalb ist dort eine sehr bedenkliche Bewegung im Gange, die mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdient wie die im vorigen Jahre in Südfrankreich aus- gebrochene. Wenn bisher alles ruhig geblieben ist, so muß das auf das kühlere Temperament der Cham- penois zurückgeleiret werden. Aber darum sind ihre Beschwerden gegen die Einführung „fremder" Weine, die auf ihrem Gebiete verarbeitet werden und mit ihren Märken in die Welt hinausgehen, nicht minder heftig, und man fühlt ein dumpfes Drohen in der Lust. Das „fremd" soll nicht etwa ausländisch bedeuten. Es gilt den Weinen, die aus benachbarten Departements und mehr noch ans der Touraine, wie aus Saumur, in Massen nach den berühmten Champagnerorten versandt werden und hier ihre „Wertbezeichnung" erhalten. Das soll ja nun in Zukunft allerdings anders werden, da bereits eine Gesetzesvorlage zur Abgrenzung des Gebietes eingebracht ist, dessen Trauben allein zu Schaumweinen mit der Marke „Champagne" verarbeitet werden dürfen. Aber sehr begreifliche Widerstände gegen diese berechtigte Reform schieben sie hinaus, und so schwillt in diesem llnglücksjahre für die Bewohner der kaum verhaltene Zorn immer mächtiger an. Wer Wein, der hier wächst, eignet sich übrigens nicht zur Schaumweinherstellung, und man erhält deshalb für sehr billige Preise einen guten, rosig schillernden Wein zu den Mahlzeiten, der etwas herb, aber sehr er- frischend ist. Weshalb für ihn nicht größere Absatz,
