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Nr. 442.
Wiesbaden, Montag, 2L. September LSW8.
Kvenö-Ausgabe.
1. Matt.
Interparlowentarische Konferenz.
cvb. Berlin, 19. September. Reichskanzler Fürst Bülow hatte die Mitglieder des Interparlamentarischen Kongresses mit ihren Damen eingeladen, Len heutigen Nachmittag bei ihm zuzubringen. Bei dem schönen Wetter gestaltete sich der Empfang zu einem Gartenfest, Loch waren auch die bekannten Empfangsräume des Kanzlerpalats den Besuchern geöffnet. Im Garten waren Buffets errichtet, auf dem Rasen des alten Parkes wandelten oder vereinigten sich zu zwanglosen Gruppen die Geladenen. Außer an die Kongreßmitglieder mit ihren Damen waren Einladungen ergangen an das Damenkomitee des internationalen Ausschusses, den Bundesrat, die Präsidien des Reichstags und des Landtags, die inaktiven Staatsminister, die Kabinettschefs, das diplomatische Korps, die Herren der Reichskanzlei, das Auswärtige Amt, das Staatsmlnistertnm, den Magistrat von Berlin, sowie an Gelehrte, Herren aus den Finanz- xvetfen und an die Presse, im ganzen über 1600 Personen, darunter etwa 360 Damen. Der Reichskanzler empfing seine Gäste mit gewohnter Liebenswürdigkeit, unterstützt durch fernen Adjutanten Hanptmann v. Schwartzkoppcn. Prinz Schönatch-Carolath und Professor Eickhoff stellten die Mitglieder des Kongresses vor. Unter anderen seien von den Anwesenden genannt die Minister und Staatssekretäre v. Schön, v. Moltke, Syüow, Holle, Dernbürg, Beseler, v. Tirpitz, v. Einem, Delbrück, Breitcnbach, Graf Gnlenbnrg, Berdy du Vernvts, Schönstedt, Freiherr v. Rheinbaben und v. Bethmann-Hollweg, Unterstaatssekretär v. Löbell, die Gesandten Graf Lerchenfeld, Graf Taube, Botschafter Sir Frank LascelleS, Botschafter Ponsa, Botschafter de Bernabe, Gesandter Frhr. v. Barn- bühler, Gesandter Graf Bcrckheim, Bürgermeister Dr. Bnrcharö - Hamburg, Generakfeldmarschall v. Hahnke, General v. Böhn, Exzellenz von dem Knesebeck, der Hofmarschall des Kronprinzen Graf Bismarck-Bohlen, der Herzog v. Trachenberg, Fürst Hohenlohe-Oeringen, Admiral v. Müller, Oberbürgermeister Kirschner, Oberbürgermeister Schustehrus. Der Reichskanzler unterhielt sich mit unermüdlicher Frische mit zahlreichen Anwesenden; längere Zeit sprach er u. a. mit dem Kongreß- mitglrede Pafly-Frankreich und mit Lord Weardale-Eng- land, sowie mit dem italienischen Botschafter. Inmitten einer größeren Gruppe hielt gegen Ende des Festes unter einer der mächtigen Eichen des herrlichen Parkes auf Beschluß der englischen Sektion des Kongresses Lord Weardale eine Ansprache an den Reichskanzler, in der er seinen Dank aussprach für die vorzügliche Aufnahme, die alle hier gefunden hätten, besonders auch für die freundlichen Worte, die der Kanzler bei der Eröffnung des Kongresses geäußert habe. Er dankte ferner für das Interview, bas der Kanzler dem englischen Journalisten Sidney W h i t m a n gewährt habe, was in ganz England mit Befriedigung gelesen worden sei. Der Redner fügte hinzu, daß 99 Prozent aller Engländer die allerbesten Beziehungen zu Deutschland wünschten. Die Rede wurde von den Umstehenden wiederholt mit Kundgebungen lebhafter Zustimmung unterbrochen. Der Reichskanzler antwortete in englischer Sprache, er freue sich sehr, die Herren bei sich zu sehen; er könne von seiten des Kaisers und des deutschen Volkes wie von seiner eigenen Seite versichern, daß wir nur beabsichtigen, die allerbesten Beziehungen zu England zu haben. Er hoffe, daß die Kongreßmitglieder sich hier von dieser guten Gesinnung überzeugt hätten und sich wohl gefühlt haben möchten. Übrigens bedauere er, daß er kein besseres Englisch spreche. Auch diese Rede wurde mit lautem Beifall ausgenommen, der Schlußsatz wurde mit heiterem Protest begleitet. In einem längeren Gespräch mit Alexander Gntschkow, dem Führer der russischen Okto- bristenpartet, bemerkte Fürst Bülow, er persönlich sei der Meinung, daß zivischen Rußland und Deutschland nur solche Mißverständnisse bestehen, wie sie stets beseitigt werden könnten. Zum Beweise dessen führte der Reichskanzler den Umstand an, daß weit über 100 Jahre zwischen den Nachbarländern Deutschland und Rußland kein Krieg stattgefunden hätte. „Aber in der Vergangenheit hat man doch viel von einem deutsch-russischen Kriege gesprochen, Durchlaucht!" bemerkte Gntschkow. „Aber es blieb auch nur bei diesen Gesprächen", erwiderte der Fürst. Gntschkow stellte dann dem Fürsten die im Garten anwesenden Dumamitglieder vor. Auch die Herren Bartholdt-Amerika und Conte de Sonnar-Jtalien drückten dem Reichskanzler den Dank ihrer Gruppen ans. Die Fürstin Bülow weilt , noch in Norönerncy. Frau Unterstaatssekretär Stemmrich machte die Honneurs.
Beim Bankett der Interparlamentarischen Friedenskonferenz in Berlin, das Samstagabend im Zoologischen Garten veranstaltet wurde, nahmen Delegierte aller auf der Konferenz vertretenen Staaten zu Trrnksprüchen das Wort, in denen sie übereinstimmend ihre Genug- tuuna über die dem Friedenswerk durch die Konferenz
zuteil gewordene Förderung sowie ihre Anerkennung und ihren Dank für die ihnen erwiesene deutsche Gastfreundschaft in herzlichen Worten zum Ausdruck brachten. Nachdem Prinz Schönatch-Carolath, der Präsident des Kongresses, ein Hoch auf die Souveräne und Staatsoberhäupter ausgebracht hatte, hob der „Vater der Interparlamentarischen Union", wie er sich scherzhaft selbst bezeichnete, der 86jährigc Frederic Passy, seinen berechtigten Stolz über die erneut zutage getretene Solidarität und Freundschaft der Mitglieder der Union hervor und betonte, daß nicht die Gründung eines internationalen Parlaments, nicht die Einmischung in die inneren und äußeren Verhältnisse der Nationen, sondern die Errichtung eines Weltschiedsgerichts das Ziel der Union sei. Er trank auf die baldige Erreichung dieses Zieles. Lord Weardale dankte den Behörden für den großartigen Empfang, der in den Annalen der Interparlamentarischen Union ohne gleichen sei. B r u n i a l t t: Italien sagte: Was Waffen, Religion und Literatur nicht erreichen, wird durch den Weltfrieden erreicht. Ihm gelten seine Wünsche. Im Namen der amerikanischen Gruppe sprach Richard Bartholdt in längerer, humoristisch gefärbter Rede. Er pries die genossene Gastfreundschaft, die freilich finsteren Verdacht in ihm auf- steigen lasse. Beim Festessen der Handelskammer habe man den Versuch gemacht, einen besseren Handelsvertrag von ihm herauszuschlagen, denn Deutschland und die Bereinigten Staaten lebten ja jetzt nach einem Modus vivendi, bei dem beide Teile den kürzeren zögen. Heute wolle man anscheinend die Bereinigten Staaten durch Liebenswürdigkeit unfähig machen, die kleineren Staaten, wie Deutschland, Frankreich und Groß-Britannien, zu annektieren. Diese Absicht.aber liege dem größten Lande der Erde vollkommen fern, da es an seiner eigenen Größe genug habe. In Wirklichkeit sei aber vielleicht die Annektion eine gegenseitige durch Förderung des gegenseitigen Verhältnisses. So werde man dazu gelangen, daß nicht der Stärkere als im Recht befindlich betrachtet werde, sondern daß das Recht als das Stärkere gelte. Gobat-Schweiz erhob sein Glas auf die Verbrüderung der Parlamentarier aller Kulturländer. Graf Ap p o nyt- Ungarn führte aus, durch die Stellungnahme des mächtigen Deutschen Reiches habe die Friedensidee einen mächtigen Zuwachs an Kraft erfahren. Durch den Beitritt Deutschlands sei die Fülle der Zeiten für die Friedenstdec etngctreten, denn diese Idee sei jetzt reif genug, um in die Geister einzudringen. Dafür habe die wundervolle, alle Erwartungen übersteigende Rede des Reichskanzlers Zeugnis abgelegt. Es sei kein Zufall, daß der Kanzler seinen Ausführungen eine leichte Polemik hinzugesügt habe gegen die, die behaupten, die Idee der Friedensfreunde stehe im Widerspruch mit dem Patriotismus. Ans dem Munde bedeutender Männer offenbare sich die Wahrheit. Kein Volk der Erde sei mehr berufen, die Synthese zu finden zwischen den beiden scheinbaren Antithesen, der Pflege nationaler Interessen und einem gesunden wahren Internationalismus, als das deutsche, das Volk des tiefen Denkens und der philosopht- schen Auffassung. Es sei eine Eigenart des deutschen Geistes, zugleich individuell und universell zu sein, bei kräftiger Ausbildung seiner eigenen Individualität befähigt zu sein, fremde Vollsindtoidualitäten zu schätzen und aufznnehmen. Eine solche Nation aber könne keine andere Politik haben als die, welche sich nach außen und innen stark zeigt, dabei zugleich wohlwollend, zugleich freundschaftlich, zugleich brüderlich, zugleich verständnisvoll für fremde Volksindiviönalitäten. Auf Deutschland und seinen Frieücnsberuf, der dem Deutschen Reiche eine noch größere Bürgschaft für seine Machtstellung und seinen Ruhm biete, leerte Graf Rpponyi unter dem lebhaften Beifall aller Anwesenden sein Glas. Es sprachen ferner N a g a s h i m a-Japan, Hör st-Norwegcn, Senator de P a iv a-Portugal, Baron Do n d e-Schwcden und Prof. Dr. Stengel. Frhr. v. P l e n e r-Osterreich dankte dem Präsidenten Prinzen zu Schönatch-Carolath für die Geschäftsführung, worauf der Präsident mit der bereits gemeldeten Rede die Konferenz gegen 15% Uhr schloß. Der Interparlamentarische Rat beauftragte Lord Weardale, sich mit der kanadischen Regierung über die Frage der Einberufung des nächsten Interparlamentarischen Kongresses nach Kanada ins Einvernehmen zu setzen. Die definitive Festsetzung von Jahr und Zeit der nächsten Konferenz bleibt jedoch Vorbehalten.
v.1>. Neues Palais bei Potsdam, 20. September. Heute nachmittag 6 Uhr empfing der K r o n p r i n z hier im Aufträge des Kaisers den Rat und einige weitere Mitglieder der Interparlamentarischen Konferenz, etwa 40 Herren, mit dem Präsidenten Prinzen zu Schönaich- Carolath an der Spitze. Der Kronprinz kielt eine Ansprache, die folgendermaßen lautete: „Sehr geehrte Herren! Seine Majestät der Kaiser und König hat mir den Auftrag erteilt, an seiner Stelle die Herren von der Interparlamentarischen Union hier zu begrüßen. Es gereicht mir zu besonderer Freude, mich dieser Aufgabe zu unterziehen. Seine Majestät verfolgt die Arbeiten und Bestrebungen der Interparlamentarischen Union, deren zunehmende Bedeutung rüm nicht entgeht» mit leb
2«. Jahrgang.
haftem Interesse. Der Kaiser wünscht und hofft, daß aus Ihrer Tagung in Allerhöchstseiner Hauptstadt wohltätige Ergebnisse hervorgehen werden für die Sache des Friedens, welche die Grundlage aller wahren Kulturfortschritte ist und bleiben wird. Die Erhaltung und Bewahrung des Friedens, der mein kaiserlicher Herr Vater seine ganze Negierungszeit Hindurch seine vornehmste Sorge gewidmet hat, ist ein oftmals mühsames Werk, aber wert, daß die edelsten Geister aller Nationen ihre ganze Kraft dafür einsetzen. Seine Majestät der Kaiser sendet Ihnen, meine Herren, die herzlichsten Ab- schiedsgrüße in der Hoffnung, daß Sie schöne Erinnerungen aus meinem Vaterlande in Ihre Heimat zurücknehmen Möchten!" Hierauf unterhielt sich der Kronprinz eingehend und auf das liebenswürdigste mit allen Anwesenden. Der Empfang dauerte über eine Stunde.
Pomentltlto mm lMdemkraMek MMW.
VIII.
Gt. Nürnberg, 19. September.
Am heutigen letzten Sitzungstage wurde zunächst die R e i ch s f i n a uz r eso r m behandelt. Der Referent Reichstagsabgeordneter Geyer legte eine lange Resolution vor, in der es u. a. heißt: „Die Steuern des Reiches sind ungerecht und unwirtschaftlich. Durch die Zölle und Verbrauchssteuern werden die ärmsten Klassen der Bevölkerung am schärfsten getroffen. Dabei kommt nur ein geringer Bruchteil der Millionen, die die Stenerzahler ausgeben, in die Reichskasse. Den größten Teil der durch Getreide-, Vieh- und Fleischzölle, Garn-, Eisen- und andere sog. Schutzzölle auf Gebrauchsartikel der breiten Masse, dem Volke, abgenommenen Summen fließt in die Taschen der Großgrundbesitzer und Großkapitalisten, die nur eine verhältnismäßig geringe Steuerquote für die Reichskasse leisten. Gesunde Finanzverhältnisse können nur geschaffen werden, wenn die Ausgaben für Militär, Marine und Kolonien herabgc-- setzt und die Steuern der Zahlungsfähigkeit der Steuerzahler angepaßt werden. Der Parteitag protestiert gegen die Erhöhung bereits bestehender, sowie die Einführung neuer Stenern auf Massenverbrauchsartikel. Insbesondere protestiert der Parteitag gegen die dem russischen Steuersystem entlehnte Banderolensteuer auf Zigarren und Tabak, sowie gegen die Erhöhung der Biersteuer. Ferner protestiert der Parteitag gegen Steuern auf Licht und Kraft (Petroleum, Gas, Elektrizität usw.j. Der Parteitag fordert die Abschaffung aller indirekten Stenern, Zölle und sonstigen steuerpolitischen Maßnahmen, welche die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten Minderheit opfern. Er fordert die Einführung einer stufenweise steigenden Reichs-Einkommen- und -Vermögenssteuer, die Reform der Erbschaftssteuer durch Heranziehung aller größeren Erbschaften und Erhöhung der Steuersätze nach dem Umfange des Erbgutes und nach dem Grade der Verwandtschaft, insbesondere die eröschnftssteuerliche Heranziehung des Erbgutes für Ehegatten und Kinder." — Unter dem Gesichtspunkte dieser Resolution betrachtete der Referent die Rcichsfinanzreform in länger als einstündiger Rede. Der Parteitag war diskussionsmüde und nahm die vorgeschlagene Resolution ohne Debatte an. — Darauf erstattete Haas e-Königsberg i Pr. den Bericht der Kommission über die Jugendorganisation. Die Kommission hat die zu dieser Frage vorliegenden 25 Anträge zu einer Resolution verarbeitet. Es heißt in dieser u. a.: „Der Parteitag verpflichtet die Organisationen, dafür zu sorgen, daß die Arbeiterjugend im Sinne der proletarischen Weltanschauung erzogen wird. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Borträge zu veranstalten, die dem Erkenntnisvermögen der Jugend angepaßt sind. Zu diesem Zweck sind an den einzelnen Orten besondere Kommissionen zu bilden. Der Kommission soll mindestens eine Genossin angehören. Die Teilnahme an den Vorträgen und, soweit es möglich, an den übrigen Veranstaltungen, ist unentgeltlich. Die Kommissionen sollen dahin wirken, daß die Gewerkschaftskartelle für den Lehrlingsschutz eintreten. Die wirtschaftliche Interessenvertretung und die Entscheidung über politische Parteifragen bleibt nach wie vor lediglich Aufgabe der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen." Auch diese Resolution wurde angenommen. — Es wurde dann eine Anzahl die Agitation betreffende Anträge behandelt. Ein Antrag Dortmund: „Die antimilitaristische
Propaganda sowie die Idee des Generalstreiks ist energischer zu betreiben", fand nicht die genügende Unterstützung und kam nicht zur Erörterung. — Der Wahlkreis Naumburg - Weißenfels - Zeitz beantragte: „Eine über das ganze Reich sich erstreckende Agitation soll darauf aufmerksam machen, daß durch private Vereinbarung vor Eingebung eines ländlichen Dienstverhältnisses die von der Gesindeordnnng festgesetzte Kündigungszeit ans- gehoben werden kann." Der Antrag gelangte zur Annahme. — Bei den Anträgen über „Literatur und Presse" wurde ein Antrag angenommen, welcher fordert, daß in Zukunft die Ausstattung der Maifest- Zeitung in bildlicher Beziehung eine bessere und der
