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Nr. 43S.
Wiesbaden, Samstag. LS. September 1S«8.
LG. Jahrgang.
Morgen - KNSgsbe.
1. Matt.
Auch eine Malsizmrcke.
Wenn die Neichsfinanzretorm jetzt scheitern sollte, so wäre eine schwere Krise die unverzügliche Folge. Der Block könnte alsdann nicht länger zusammenhalten, nnd wenn es auch ganz einfach und selbstverständlich klingt, daß an Stelle der Blockmehrheit wieder eine konservativ-klerikale Mehrheit treten würde, so wäre die Ausführung eben nicht so einfach und selbstverständlich, wie es bei flüchtigem Hinsehen scheinen mag. Dre Wählerschaft, die sich bei den letzten Reichstagswahlen gegen die Fortdauer des klerikalen Drucks mit Erfolg aufgelehnt hatte, würde einen so schroffen Systemwechsel gewiß nicht gelassen hinnehmen. Mit anderen Worten: die Konservativen hätten es ungleich schwerer als früher, mit dem Zentrum vereint die Leitung der politischen Geschäfte zu übernehmen. Indessen sind das Zukunftssorgen, und gerade die liberalen Parteien brauchen sich weder die Köpfe der anderen Parteien noch hie der Regierung darüber zu zerbrechen, was wohl alles die Konsequenz eines Fehlschlagens der Bestrebungen sein würde, das Reich endlich einmal finanziell auf eigene Füße zu stellen. Immerhin verlohnt sich eine Erwägung, die bei der Erörterung von Steuerproblemen kaum je angestellt worden ist und deren Einfügung in die Debatten des Tages dem früheren Minister v. Möller zu danken ist. Herr v. Möller hat nämlich den jedenfalls überraschenden Gedanken ausgesprochen, daß für den Fall einer Ablehnung der Stcuerreformvorlage kaum etwas anderes übrigbleiben würde, als ein Appell an die Wähler, und daß, dieser Appell zum Ziele führen werde. Wie gesagt, es ist neu und kühn zu glauben und es mit Überzeugung anszusprechen, daß sich die Negierung mit Erfolg einer Wahlparole bedienen könnte, deren konkreter Inhalt die Auflegung von Steuerlasten im jährlichen Betrage von rund 400 Millionen Mark sein müßte. Solange das Experiment nicht gemacht worden ist, läßt, sich naturgemäß nur vermutungsweise über sein Gelingen oder Mißlingen sprechen. Merkwürdigerweise sind besonders die Konservativen geneigt, auf die Zugkraft einer solchen Wahlparole zu vertrauen, und noch merkwürdiger ist cs, daß sie von der liberalen Wählerschaft annehmen, sie werde sich einem derartigen Appell nicht entziehen. In diesem Sinne schrieb kürzlich u. a. die Kreuzzeitung", daß mit der Möllerschen Äußerung,die Stimmung der Wähler aller nationalen Parteien, namentlich auch der liberalen und der freisinnigen", richtig wiedergegeben sei, daß man auf das Zusammen-
FeniUeton.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenberg.
'yerl'ner Kongrcßwoche. — Der Interparlamentarische Kongreß. — Die erste Begrüßung im Reichstage. — Wichtige Beratungen. — Der Internationale Presse-Kongreß. — Sein Arbeits-Programm. — Zum erstenmal auf deutschem Boden.
— Die lenkbaren Luftschiffe. — Aus dem Theaterleben.
„Wenn im Herbst die Blätter fallen", dann ist auch oic- Zeit der Kongresse gekommen, ihre Teilnehmer und Teilnehmerinnen packen Taschen und Koffer, folgen dem diesmal freilich sehr trügerischen Rufe der Herbstessonne nnd ziehen in die Weite. Zwar auch hier heiligt oft der Zweck die Mittel, 'mal eine andere Lust zu verließen und anderer Vergnügen teilhaft zu werden, wie^sie die Heiinat bietet, aber wo auf dem ganzen runden Erdball gäbe es nicht Mitläufer und Mitläuferinnen. die gern die anderen für sich raten und taten lassen und die höchst zufrieden sind, wenn man sie zu- frieden läßt.mit allen Kongreßsachen, soweit sich diese nicht auf die angenehmeren Seiten des Daseins erstrecken? Da sind sie allerdings dann furchtbar fleißig und entwickeln eine bewundernswerte Tätigkeit! Wehe aber, wenn ihre meist sehr hochgespannten Erwartungen 'in jener Hinsicht nicht erfüllt werden, dann gibt's Zeter und Mordio ob der schlechten Aufnahme, so nach dem Beispiele des Herrn Barons Lumbroso,, der sich kürzlich am hiesigen Historiker-Kongreß beteiligt und in der römischen „Tribuna" voll Gift und Galle über die deutsche Gastfreundschaft, die ihm viel zu gering erschienen/ hergezogen in einer eines Gentleman wenig
wiirdigen Weise. ,
Das hindert aber Berlin nicht, den Mitgliedern zweier wichtigen Kongresse abermals vollste Gastfreundschaft zu gewähren und alles zu tun, um ihnen den Aufenthalt in unseren Mauern angenehm und gedenk- voll zu gestalten. Ein wichtiges Arbeitsprogramm ist
halten der Nation in der Stunde der Gefahr fest vertrauen dürfe, daß das Bewußtsein der Gefahr tn allen lebendig sei. Nun sind wir Liberale gewiß der Meinung, daß diese Zuversicht zum Verständnis der Wählerschaft unserer Richtungen für die Notwendigkeit einer Reichsfinanzreform uns nur gibt, was uns „zukommt, aber es ist ein „Aber" dabei. , Herr v. Möller und die „Kreuzzeitung" haben recht mit ihren Voraussetzungen, wofern eine Steuerreform vorgeschlagen wird, für die sich jeder liberale Wähler erwärmen, kann, eine Steuerreform also, die die Millionen nicht mit kalkulatorischer Kleinlichkeit zusammenzuraffen versucht, die vielmehr auf einem großzügigen Programm beruht, die auf die Erhaltung von ungerechten Privilegien bevorzugter Erwerbsschichten verzichtet „ und, um es deutlich zu benennen, das System der indirekten Steuern mindestens durch den Ausbau, der Erbschaftssteuer ergänzt,. wenn eine direkte Reichssteuer nicht möglich sein sollte. Entspricht die zu, erwartende Vorlage nicht diesen Forderungen, oder können sich, die verbündeten Regierungen und die Konservativen im Verlaufe der parlamentarischen Debatten nicht zu angemessenen Zugeständnissen an den liberalen Gedanken aufschwingen, so fürchten wir, daß es ein überaus gewagter Versuch wäre, das Schicksal der Reichsfinanz- reform der Ungewißheit eines Wahlkampfes auszusehen. Überdies ermangeln die Erwägungen, von denen Herr v. Möller und die „Kreuzzeitung" ausgehen, der inneren Folgerichtigkeit. Wenn es wahr ist, daß ein Appell an die Wähler mit der Absicht, 4OO Millionen an neuen Steuern zu erzielen, nicht vergebens sein wird, und daß alles, was national gesinnt ist, alsdann seine Pflicht tun wird, dann brauchen wir doch wirklich nicht die Beschwerlichkeit und Aufregung eines neuen Wahlkampfes: denn eine Mehrheit, wie sie aus Neuwahlen hcrvorgehen müßte, besteht bereits, und anders als konservativ-liberal könnte sie doch keinesfalls sein. Warum also nicht mit der schon vorhandenen Mehrheit das versuchen, was eine von Neuwahlen erwartete Mehrheit, die der jetzigen ja wesensgleich sein , müßte, zu leisten hätte? Die Regierung sorge nur für das Wichtigste, nämlich für Vorlagen, denen der Block freilich wohl nur auf Grund von nicht leichten Kompro- missen zuzustimmen vermöchte, und es bedürfte alsdann gewiß nicht der heißen Kämpfe, ohne die eine der schwersten, uns niemals bescherten , Krisen nicht zu uberwinden wäre. Wie mißlich aber ein Appell bei Steuerfragen sein kann, dafür gibt es einen unvergeßlichen Beweis. Als Fürst Bismarck das Tabaksmonopol als „Patrimonium der Enterbten" dem deutschen „Volke schmackhaft zu machen suchte, war er überzeugt davon, daß er Erfolg haben werde. Er hat ihn Nicht gehabt. Was der große Staatsmann nicht vermochte, wird jeder Nachfolger wohl vergebens erstreben. _
Die Staütslchule und die Kirche.
Bon Professor Br. Karl Scll. *)
Der Kampf um die Grundlagen der Kultur wird geführt in der Behauptung der von jeder Kirche unabhängigen, selbständigen Staatsschule. Er ist, weil in keinem Lande nach seiner Vergangenheit das beiderseitige Kirchentum einen größeren Einfluß auf die Schule gehabt hat als in Deutschland, und, weil m keinem Lande sich die beiden Konfessionen in einem solchen Stärkeverhältnis gegenüberstehen, und weil Deutschlands katholische Partei kurial gesinnt ist, dort am stärksten. Er wird zum Teil auch von dem konser- vativen Protestantismus mitgemacht. Dieser verlangt aber nur für die Volksschule den konfessionellen Charakter, weil hier die Religion die Grundlage von Erziehung und Unterricht bilden solle und weil die Religion (ob mit Recht oder mit Unrecht, sei dahingestellt) als ein wesentlichesBestandstück derVaterlands- liebe und der Staatsgesinnung gilt.
Während also der kuriale Katholizismus konsequenterweise durchgehend?' konfessionelle Lehranstalten fordert, bis zur Universität hinauf, und seine idealen Forderungen gipfeln läßt in der Gestaltung freier kirchlicher Universitäten durch den Staat, so hat auch der strengste Protestantismus nichts einzuwenden gegen eine religiös neutrale Haltung in allen anderen weltlichen Lehrgegenständen und Wissenszweigen, aus dem einfachen Grunde, weil er der Macht der religiösen Wahrheit vertraut, die sich im Gemüt schon behaupten werde, wenn ihr nicht direkt unter dem Vorwand der Wissenschaft der Krieg gemacht wird. Aber selbst das nähme der Protestant lieber in Kauf, als daß er sich's gefallen ließe, daß irgendwo irgendwem verboten würde, eine von ihn: mit schlagenden Beweisen zu begründende Wahrheit auch öffentlich vorzutragen,.
Demnach rann man auch in der Schulpolitik, als dem wichtigsten Zweig der Kulturpolitik, folgenden charakteristischen Unterschied der beiden Konfessionen aufzeigen: Es kommt dem offiziellen Katholizismus überall und in erster Linie nur auf äußere Macht, auf Herrschaft, Geltung und politisches Ansehen an. Nur dadurch glaubt er sich auf die Dauer gesichert. Der Protestantismus dagegen vertraut in höherem Grade der eigenen Macht des Geistes, der Wahrheit.
Er' begnügt sich im nationalen Interesse mit einem Minimum von äußerem Einfluß, wenn er dadurch
Uns dessen soeben erschienenem, höchst bemerkenswertem Buche: „Katholizismus und Protestantismus in Geschichte, Relioion, Politik. Kultur". Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. 8. VII. u. 327 S. Geh. 4.40 M., m Original» leinenband 4.80 M-
dem Interparlamentarischen Kongreße der zunächst amnarschierte, Vorbehalten. Der Kongreg ist von mehr als 9OO Parlamentariern — nur solche können der „Union interparlementfure" angehören — besucht, wobei die Mehrzahl der Kulturstaatcn vertreten ist. , ^
Das war ein fröhliches und lebhaftes Begrüßen am Mittwochabend in den von elektrischem Licht überfluteten, weißleuchtenden Wandelhallen des Reichstagspalastes, dessen stolze Räume der ersten Bewillkommnung als Nahmen dienten. In dem Gewirr tauchten viele bekannte Erscheinungen auf, die ihre. Rolle im öffentlichen Leben spielen und deren Namen internationalen Ruf haben, aktive und frühere Minister, Diplomaten, einzelne höhere Offiziere, die „verschiedensten Sprachen schwirrten durcheinander, zunächst yielten sich noch die einzelnen lcmdsmännischen Gruppen zusammen, hier Franzosen, da Engländer, dort Italiener, daneben Ungarn, Russen. Holländer, Belgier, Amerikaner, aber allmählich trat eine freundschaftliche Verschmelzung ein und die erste Zurückhaltung ließ bald nach infolge der warmen Herzlichkeit der deutschen Komiteemitglieder, deren „Seele", , dem Prinzen Heinrich zu Schönaich-Carolath, man die freudige Genugtuung anmerkte, daß der Anfang ein so glanzender und vielversprechender war.
Sobald dieser Kongreß seinen Schluß gefunden, wird unser Reichstagsgebäude neue Gäste aufnehmen: die Mitglieder des I n t e r n a t i o n a l e n P re s s,e ° Kongresses, dessen Beratungen gleichfalls nu großen Sitzungssaale unseres Volksparlaments stott- finden. Auch hier ist die Beteiligung eine unerwartet rege und auch hier ist sie an bestimmte Vorbedingungen geknüpft, da nur Delegierte literarischer Vereine teilnehmen können, im ganzen 300 Herren und 100 Damen, zu denen sich noch die Mitglieder des Berliner Komitees und die Ehrengäste gesellen. Frankreich. England, Italien werden neben Österreich-Ungarn besonder ostair vertreten sein, und es ist freudig anzuerkennen, daß der Kongreß, nachdem er bisher in Bordeaux, Rom, Parro,
Bern, Wien und Lüttich getagt, endlich auch in Berlin stattsindet. Sehr wichtige Fragen stehen diesmal ans der Tagesordnung: die Ausgestaltung der Standesgerichte der Presse, das journalistische Berufsgeheimnis, die Herabsetzung der Post- und Telegraphengebuhren für die Presse, ferner wird die Änderung der Berner Konvention, die Unterdrückung des fliegenden Gerichtsstandes in internationalen Rechtsfragen und das Projekt einer internationalen Journalistenversicherung auf Gegenseitigkeit (Alters- und Invalidenversicherung) besprochen werden. Auch unsere Regierung erkennt dre Bedeutung dieses Kongresses an. indem sie letzterem die Vorschläge aut Abänderung bestimmter Artikel der Berner Literatur-Konvention zur Beratung unter- breitet- es handelt sich hier in erster Linie um den nachdrücklichen Sckmtz literarischer Veröffentlichungen auch in jenen Ländern, die noch nicht die Berner Bestimmungen anerkannt haben, also um eine sehr wünscbens- werte Vertiefung des internationalen Urheberrechtes.
Leider wird es nicht möglich sein, unseren Gästen die neueste und interessanteste Sehenswürdigkeit zu zeigen: einen der die Lüfte durchsegelnden beiden lenkbaren Ballons. In den letzten Tagen ward uns ja wiederholt dies anziehende ■ Schauspiel zuteil, da bald der Großsche Militär-, bald der Parseval-Ballon über dem Dächermeere Berlins schwebte. Das war dann stets ein Halft und Halloh unten! „Der Ballon, der lenkbare Ballon!" — der Ruf elektrisierte alles. Aus den Restaurants stürzten die Menschen auf„ die Straßen, überall sammelten sich kleinere und größere Gruppen, eifrig ihre Meinungen austauschend, die liebe Jugend brach in Hurrarufe aus und schwenkte jubelnd die Mützen, die Kutscher machten ihre Fahrgäste auf „det lange Zigarrending da oben" aufmerksam, aus den elektrischen Straßenbahnwagen strömte alles auf den hinteren Perron und streckten die Hälse, die Balkons belebten sich und die qrad' aus den Dächern beschäftigten Kamin-Husaren machten ihre Wippchen, die zur Ablösung der Wachen bestimmten «oldatentrupps verlangsamten den Schritt und die Augen der strammen
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