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Nr. 430.
Wiesbaden, Montag, 14. September 1NV8.
56. Jahrgang.
5weiid-Ausgabe.
1. Matt.
Ouertreiüereien.
Alle Jahre, wenn der Zusammentritt des Parlaments herannaht, kann man die Erfahrung machen, daß in der Presse ein Geplänkel losgeht, bei dem diese oder jene leitende Persönlichkeit auss Korn genommen wipd. Diesmal scheint zur Abwechslung das Kesseltreiben sich gegen den Fürsten Bülow zu richten, der ja erklärlicherweise manchen Leuten ein Dorn im Auge ist. So wird dieser Tage von einem bayerischen Blatte die Nachricht ausgesprengt, der Kaiser habe in einer Unterredung gesagt: „Bernhard bleibt, ob mit oder
ohne Block!" Der Zweck dieses Märchens liegt klar auf der Hand, man will auf solche Weise den Fürsten Bülow in Mißkredit bringen, wobei inan sich nicht scheut, gleichzeitig die Person des Kaisers bloßzustellen. Eine derartige politische Brunnenvergiftung kann nicht scharf genug verdammt werden, denn das ist keine ehrliche Kampfesweise mehr, wie sie unter anständigen Politikern Gepflogenheit sein muß. Man will ersichtlich die schwierige innerpolitische Situation noch weiter verwirren, in der stillen Hoffnung, vielleicht im trüben fischen zu können. Augenscheinlich ist das ganze Bemühen darauf gerichtet, die heutige Parteikonstellation zu sprengen, indem man Mißtrauen sät, in der Hoffnung, auf solche Weise am besten zum Ziele zu gelangen. Wie von ungefähr erinnert man daran, daß auch Fürst Bismarck mehr als einmal seine Taktik geändert und beispielsweise nach Aufgabe des Kulturkampfes eine völlig entgegengesetzte Politik eingeschlagen habe. Man möchte auf diese Weise dem Fürsten Bülow eine Brücke schlagen, mit dem stillen Wunsche, daß diese unter ihn: zusammenbricht und er in der Tiefe verschwindet. Ob Fürst Bülow sich freilich in die Falle locken lassen wird, ist eine andere Sache. Kennt er doch auch zu gut das diplomatische Parkett, auf dem man noch viel leichter straucheln kann, und trotz aller Schmiegsamkeit kann inan vom Fürsten Bülow doch so viel Charakterfestigkeit voraussetzen, daß er durch ein derartiges Kaudinisches Jocb nicht kriechen, sondern die Konsequenzen ziehen wird. Die jetzigen Quertreibereien sind zu durchsichtig, als daß dadurch irgend etwas erreicht werden könnte, denn die in Frage kommenden Parteien werden sich hierdurch in ihrer Haltung nicht beeinflussen lasten. Wenige Wochen noch, dann wird man ja die Probe auf das Exempel machen können, wenn es gilt, das schwierige Werk der Finanzreform durchzuführen. Welchen Ausgang die Dinge nehmen werden, läßt sich heute in keiner Weise Voraussagen, das eine aber ist sicher, daß die Regierungsparteien einschließlich der Linken ohne Voreingenommenheit an die Prüfung der Vorschläge des Herrn Svdow herantreten werden, weil man allgemein davon überzeugt ist, daß neue Steuern aufgebracht werden müssen, wenn anders nicht der finanzielle Zusammenbruch des Reiches cin- treten soll. Es ist möglich, daß bei dieser Gelegenheit der bisherige Regierungsblock in Trümmer geht, aber eine derartige Wendung würde eben lediglich mit der Reichsfinanzreform selbst im Zusammenhang stehen, schwerlich aber mit Machinationen hinter den Kulissen. Man muß es dem Fürsten Bülow lassen, daß er, soweit °s unter den obwaltenden Verhältnissen möglich ist, sich ehrlich bemüht, der Linken entgegenzukommen, und trotz 'der zweifellos mißlichen Situation braucht man noch keineswegs die Hoffnung ganz zu verlieren, daß die Reichsfinanzreform zustande kommt und Fürst ,Bstlow selbst darüber nicht zu Fall gebracht wird.
MomntbMr vom soMenMaMen Parteitag*
Gr. Nürnberg, 13. September.
Der Prolog zum Parteitag. — Die Frauenkonferenz. — Die Itraqe der Budaetbewilligung, eine «rage der Taktik. — Rosa Luxemburg, der einzige Mann in der Parte,. — Ede Bern- \ stein, der Mandatlose. — Die Schönheit des Nilpferdes.
In Her städtischen Festhalle -ton Luitpöldhain, der früheren 'Maschinenhalle der vor zwei Jahren hier statt- gefundenen Bayerischen Kunst- und Gewevbeausstellung, wird heute abend der diesjährige sozialdemokratische Parteitag eröffnet. Als Prolog voran ging dem Parteitag die fünfte -Konferenz sozialMscher Frauen. Die Fraueükon'ferenz ist- ein Parlament für sich, in dem manches Eräftige Wörtlein gegen die Herren Genossen gesprochen wird, die von der Gleichheit in Punkto Politik nichts wissen 'wollen. Dieses Mal ging cs sehr ruhig zu. Besonders interessant war es nur, daß die „Zentral- pertrauensperson" Ottilie B ander- Berlin rückhaltlos unter dem Beifall der Delegierten zugab, daß der Terror is-mns bei den letzten LandtagAwahlen rücksichtslos ausgenbt worden sei. Alle kleinen Geschäftsleute, Milchhändler, Holzhändler usw., die von der leben. Hütten entweder sür den -So-Aal-
demokratcn gestimmt oder nicht -gewählt. Das nächste Mal würde es noch ganz anders gemacht werben. Diese rückhaltlose Anerkennung des Terrorismus fand nicht den Beifall des bekannten Gewerkschastssührcrs v. E l m- HaMburg, der daran erinnerte, daß die Sozialdemokratie den Terrorismus grundsätzlich verwirft und daß sie es adlehnt, durch wirtschastliche Machtmittel jemand zu izwingen, gegen seine Überzeugung zu wählen. Aber diese Stimme verhallte nngehört. Die Sozialdemokratie verwirft den Terrorismus, aber die Frauen üben ihn rückhaltlos aus. Si duo facinnt idem, non est idem . . .
Das Hauptinteresse des diesjährigen Parteitages wird die Frage der süddeutschen Budgetbcwilligung in Anspruch nehmen. Frau Rosa Lübeck, geb. Luxemburg, die nach dem witzigen Ausspruch eines Partei-Kardinals der „einzige Mann in der Partei" ist, hat in dem hiesigen sozialdemokratischen Parteiorgan soeben ihre Stellung zu dieser strittigen Frage dargetan. Die Dame, die als die Wortführerin des radikalsten Flügels gilt, genießt in der Partei Ansehen, und ihr Wort hat Geltung. Da die 10 Minuten Redezeit auf dem Parteitag ihr nicht gestatten, ihre Ansichten darzulegen, so hat sie es vorweg in der Presse getan. Sie kommt zu dem -Schluß: Die «sozialdemokratische Taktik ist durch das Vorgehen der Parteiparlamentarier in Bayern, Baden, Württemberg und durch ihre Argumente zugunsten dieses Vorgehens in Frage -gestellt. Man treibt uns -zur bürgerlichen Reformpvlitik, und als unvermeidliches Gegenstück dazu Würde uns aus dem unzufriedenen Proletariat todsicher das nunmehr vermorschte Gespenst des Anarchismus mi-ederaufftehen, wenn — wenn wir nicht -in Nürnberg «Kraft, Klarheit, Geschlossenheit genug haben, diesem Gespenst sowie den anderen ein Apage zuzurufen."
-In der gleichen Nummer erhält auch der bekannte Revisionist Eduard Bernstein das Wort. Bernstein hat dieses Mal kein Mandat erhalten und so muß er mit seinen Ansichten in die Zeitung flüchten. Er betrachtet die Budgotbewillignng von zwei Punkten ans und sagt:
1. Die Bewilligung eines Budgets -ist immer eine Bewilligung non Mitteln an das -gegebene Gemeinwesen
Reich, Staat, Kommune — zur Führung feiner Geschäfte. , .
2. Die Bewilligung ist oft, aber n t cn t t m nt e r,
-ein Vertrauensvotum für die Leitung dieser Gemeinwesen. . .
Bernstein zählt dann eine Reihe von »allen ans, in denen die Sozialdemokratie bereit gewesen ist, der Regierung die Mittel zu den verschiedensten Ausgaben zu bewilligen. Zum -Schlosse macht er fich darüber lustig, idaß dies Stimmen gegen das Gefamtbudgct eine Demonstration da-rstelle. Diese Abstimmung fei keine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung. „Man muß nur einmal — so fährt er wörtlich fort — der Schlußsitzung der Budgetberatungen im Deutschen Reichstage be-igewohnt haben, um von diesem Wahn kuriert -zu werden. In endloser -Monotonie ruft der Präsident stundenlang Positionen über Positionen ans, die bewilligt sind, wenn kein Widerspruch erhoben wird. Niemand erhebt Widerspruch, es -werden Millionen auf Millionen bewilligt, während die Abgeordneten teils lesen, teils schreiben, teils schwatzen, oder aber gähnend zur Galerie hinaus- schauen. Dann endlich schreitet der Präsident zur Ge- sa-mt-abstimmung. Gelangweilt erhebt sich die Mehrheit: die Sozialdemokraten aber bekunden ihre umstürzlc- rischen Tendenzen dadurch, daß sie auf ihren Plätzen verharren und in der Beschäftigung fortfahren, die sie gerade Vorhaben. Das ist der große Moment, wo über das Milliardenbud-get abgestimmt -wird. Wenn -über die Schönheit des Nilpferdes verhandelt würde, könne die Interesselosigkeit nicht -größer fein . . . Bernstein widerspricht dann dem Bestreben, -aus der Sache mit aller Gewalt eine Hauptak-tion zu machen. — Das ist die Angelegenheit aber zweifellos bereits und die erbittertsten Kämpfe stehen auf -dem Parteitag bevor.
In -der großen städtischen Festhalle, die etwa 10 060 bis 12 OOO Personen faßt, wurde heute abend der sozialdemokratische Parteitag eröffnet. Der Zudrang -zu dem FestloPal war ein ganz ungeheurer, und schon lange vor Beginn der Eröffnungssitzung war die gewaltige Halle bis auf den letzten Platz gedrückt voll. Die räumliche Ausdehnung der Halle und die Unruhe der großen Meuschcnmasse machte es ganz unmöglich, sowohl von den musikalischen -und gesanglichen Vorträgen als von den Rednern etwas zu -verstehen. Nach dem Gesänge von Hevwighs „Bet' und arbe-it" begrüßte Landtags- aibgeordneter D o r n - Nürnberg' den Parteitag. -Er erinnerte an die früheren sozialdemokratischen^ Veranstaltungen -in Nürnberg und -wie gute Frucht sie gebracht, was man an den Resultaten -der Reichstags- und Landtagswahlen ersehen könne. War dieser Redner noch teilweise verständlich, so konnten von der nun folgenden Eröffnungsrede des Reichstvgsabgeordneten Singer selbst die in nächster Nähe sitzenden Pressevertreter nur unverständliche und un-zusammenhängende Worte . erhaschen. Die g a n z e Veranstaltung erwies sich als total verfehlt, das 5a-ü auch das Partei-
bureau ein und vertagte die geschäftlichen Verhandlungen, wie Festsetzung der Tagesordnung usw., ans morgen, da es bei dem Durcheinander von Delegierten und Zuhörern ganz unmöglich erschien, eine Abstimmung herbeizuführcn. Es wurden deshalb nur die beiden Präsidenten Landtagsabgeordneter Dorn- Nürnberg und Reichsta'gsabgeorön-eter Singer-Berlin gewählt. Darauf begrüßte der Nürnberger Senior der Partei, Löwenstein, den Parteitag, blieb über -ebenso unverständlich wie -seine Vorredner.
Obwohl noch -eine Reihe musikalischer und gesanglicher Darbietungen auf dem Programm standen, verließ ein großer Teil der Besucher enttäuscht schon vorher das Festlokal.
Die morgigen Verhandlungen beginnen um 9 Uhr im Herkules-Velodrom.
politische Kberstcht.
Wie wert sind die Dinge?
L. Berlin, 12. September.
Von Tag zu Tag deutlicher drückt die Zentrumspresse die Bereitwilligkeit aus, wieder mit dem Fürsten Bülow zusammenzuarbeiten. Ein neuer Leiter, den die „Cöln. Volksztg." und andere Zentrumsorgane gleichzeitig bringen, gipfelt in folgenden Sätzen: „Er (Fürst Bülow) hat sein Amt nicht aus den Händen der Zen- trumspartei. Die Krone hat darüber zu entscheiden, und sie wird darüber weder die Interessen des Zentrums noch des Liberalismus, sondern die des Reichs entscheiden lassen. Es ist dann Sache des Fürsten Bülow, wenn er im Amte bleibt, zu sehen, wie er fertig wird. Treibt ec eine Politik, die das Zentrum aus sachlichen Gründen unterstützen mutz, so ist in der Tai nicht einzusehen, wie das Zentrum dann air ihm „Rache" nehmen sollte; denn das Zentrum pflegt seine Stellung aus sachlichen, nicht aus persönlichen Gründen zu nehmen." Zum Schluß folgt noch die Versiehe- rung, daß das Zentrum sich allerdings beim Zusammenwirken mit einem Reichskanzler und Ministerpräsidenten „nie etwas vergeben hat" und daß „es dabei bleiben" werde; entscheidend sei dabei für das Zentrum immer das Wohl des Vaterlandes. Das alles ist sehr geschickt gemacht, wohlerwogen nach allen Seiten hin, die bei der Sache ein Wort zu reden haben. Da nun die konservativen Blätter „Kreuzzeitung" und „Deutsche Tageszeitung" gleichzeitig ebenfalls Sie konservativ- klerikale Verbrüderung dringend begünstigen, so wird der Schluß nahegelcgl, daß hinter den Kulissen eine Verständigung abgeschlossen oder im Werk sei, an der auch der Reichskanzler teilnehme oder die er billige. Wir haben die uns zugänglichen Stellen, die uns hrer- über informieren könnten, befragt, aber das Ergebnis ist ein gänzlich negatives: Niemandem ist bekannt, daß „etwas vorgehe". Alle diese Artikel scheinen vielmeyr „Fühler" zu sein. Die Zentrumsblätter wünschen zu wissen, wie Fürst Bülow die Vorschläge aufnimmt. Und auf den Zentrumsredaktionen harrt man an jedem Moraen sehnsüchtig einer offiziösen Kundgebung, die vorerst gar nicht so plump deutlich zu sein braucht.
Abg. Schiffer ht München.
Aus München wird uns geschrieben: Der Abg.
Schiffer hat die bekannte Äußerung des Erzbischofs Fischer auf dem Katholikentage auch hier rn einer öffentlichen Versammlung der christlichen Gewerkschaften erörtert und dabei auch Namen genannt, was er in Cöln. vermied. Er erklärte, es habe den Gewerkverein- lern serngelegen, den Erzbischof zu beleidigen, was frei- lich auch niemand behauptet hat; man hat vielmehr dcw Hm^ekehr^e angenommen. den „Berliner Freun^
den", von den katholischen Fachabteilungen nämlich, ging'der Redner weniger glimpflich um. Es bleibe bei den interkonfessionellen Gewerkvereinen.
Eine Folge der Rloitke Harden Pporesie?
Leutnant v. Kruse, bisher im Kürassier-Regiment Kaiser Nikolaus I. von Rußland (Brandenburgisches) Nr. 6, der Sohn aus erster Ehe der Frau Lilly v. Elbe und geschiedenen Gräfin Kuno v. Moltke, ist durch kaiserliche Kabinettsorder aus Urville vom 10. September in das am 1. Oktober d. I. zu errichtende Jäger- Regiment zu Pferde Nr. 5 nach Mülhausen i. E. der- setzt worden. Der Tausch von den Brandenburger Kürassieren, einem der sogenannten „vornehmen" und feudalsten Neginrenter der Armee, mit dem _ neuen Grenzregiment wird kaum als besondere Auszeichnung für den jungen sympathischen Offizier aufzufassen sein, dessen Aussagen im ersten Moltke-Prozeß vrellercht bald noch eine besondere, eigenartige Klärung und Unterstreichung erfahren dürften. Es wird wenigstens rn weitesten militärischen Kreisen mit der Möglichkeit ge- rechnet, daß die dritte Verhandlung rn Sachen: Gras Moltke gegen Harden ein besonders von dem zweiten - Prozesse durchaus abweichendes Bild ergeben kann. M.fi.
