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Nr. 42».
Wiesbaden, Donnerstag, 1«. September 1908.
56. Jahrgang.
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Aüv öen Monat September
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Wie K!fli6s8-Ka!ld!dll1llreu „lanciert“ merk«.
Während der letzten Monate erschienen in mehreren Blättern, insbesondere in der „Rhein.-Westf. Ztg.", wiederholt Artikel, die mit ziemlicher Bestimmtheit als künftigen Erzbischof von Gnesen-Posen den Divisionspfarrer Sander in Karlsruhe bezeichneten. Dieser Mann so hieß es, sei der geeignetste und er habe auch tatsächlich die größte Aussicht. Vor etwa vierzehn Tagen sah sich nun Herr Sander veranlaßt, zu diesen sich mit ihm beschäftigenden Artikeln eine Erklärung abzugcben. Er wisse nicht das Geringste davon, daß Papst oder Regierung ihn für das genannte Amt in Aussicht genommen hätten: er habe sich auch nicht selbst in Vorschlag gebracht, denn dazu sei er „zu wenig unverständig und zu wenig gewissenlos". Ein „vielseitiger" Geistlicher am Rhein, der u. a. mit Hilfe von Flugblättern für die Sache des Flottenvererns einge-- treten sei, habe die betreffenden Artikel verfaßt und sich die Mitteilung, er (Sander) sei Kandidat auf den Erzbischofthron, „ans den Fingern gesogen". Diese Erklärung erschien in deutschen und polnischen Blättern. Der Geistliche war nicht genannt, er meldet sich aber jetzt selbst in der „Rhein.-Westf. Zeitung". Er heißt F H Schütz, Rektor und -Oberlehrer a. D., und folgst in Eöln. Was er nunmehr über die Entstehung seiner Artikel mitteilt, ivird dem weiteren Publikum interessant genug min. als eine authentische Schilderung wie es versucht worden ist. einen Kandidaten fiir den'Erzbischofstuhl von Gnesen-Posen zu „lancieren".
Nach der „Vermutung" des Herrn Schütz hat Herr Divisionspfarrer Sander seinen Freunden „im Der- trauen" erzählt, er sei znm Domkapitular von Gnesen auseriehcn. Herr Schütz „vermutet" weiter, „daß dieses der Ursprung des ganzen Gerüchtes war". Seine Freunde hätten nun, da eine allgemeine Spannung m Deutschland wegen der Besetzung des Erzbischofsstuhles bestand, ohne weiteres hinzugesetzt: „Dann wirst du auch Erzbischof in Gnesen-Posen." Dies wird zwar
bereits einfach im Indicativus praeteriti berichtet, ist aber natürlich auch Vermutung, da ja die Voraussetzungen Vermutung sind. Positiv gewußt haben will er, daß Herr Sander Polnisch lernte. Und nun schrieb Herr Schütz einfach feine Artikel: die Zeitungen, denen er sie einsandte, nahmen sie auf, und andere druckten sie im guten Glauben nach. Herr Schütz versichert: „Nicht ich, sondern Sanders Freunde haben diese Mitteilung aus den Fingern gesogen, wenn sie nicht wahr war." Aber doch nur, wenn die „Freunde" es wirklich gesagt haben; das aber vermutet Herr Schütz ja nur. Trotz alledem fischt Herr Schütz aber das Dementi noch an. Er meint, es müsse den „unbefangenen" Leser zu der Meinung drängen: „Es war also (!) doch etwas an der Sache. Durch die verfrübte Mitteilung sind manche Kreise in Verlegenheit geraten." Während er _ die Feder führt, wird er mutiger und so schreibt er weiter: „Hätte Sander sich ausgeschwiegen, so hätte er mehr dem Interesse von Staat und Kirche genützt. Gerade jetzt glaubt man erst recht an seine Kandidatur." Dementieren hieße demnach eigentlich: bestätigen. Für ntanches Dementi trifft dies ja heutzutage zu. Aber von einer so bündigen Erklärung wie der des Pfarrers Sander zu sagen, sie veranlasse zum Glauben des Gegenteils, das ist denn doch geradezu verblüffend! Herr Schütz erzählt dann weiter eine volle Spalte lang von seinen persönlichen Erfahrungen: Wie er sich als Dorfgeistlicher der armen Westerwaldbewohner annahm und die große „Westerwälder Obstverwertungsge- nossenschaft"' gründete, als Direktor derselben infolge mangelnder kaufmännischer Kenntnis Defraudationen seiner Beamten zu spät entdeckte und die veruntreuten Summen ersetzen mußte, wie er dann eine ihm konzessionierte Privatschule in Eöln schuldenhalber der Regierung überlassen mußte, wie jetzt jedoch durch feinen Fleiß und seine Sparsamkeit und namentlich durch den Ertrag seiner Flottenschriften diese Schulden von 80 000 Mark auf 12 000 Mark gesunken sind. Mit der Sache hat das nichts zu tun, man müßte denn diese Angaben als mildernde Umstände für feine — nun sagen wir: journalistische Taten ansehen. Dem Leser der Erklärung drängt sich auch noch ein anderer mildernder Umstand auf: Herr Schütz hat überhaupt kern Auge für die Grenze zwischen Tatsachen und Phantasie- Erzeugnissen. Gebraucht er dach selbst bei der. Erzählung des Zustandekommens feiner Artikel die Wendung' Von selbst malt sich dann die Phantasie folgendes ans", und sein Erguß schließt: „Ist dankit die Er^z- bischofssrage von Gnescn-Poseir aufs neue aufgerollt worden, so ist es meine Schuld nicht. Würde sie aber jetzt zur Zufriedenheit aller beteiligten Kreise endlich erledigt, so hätte Herr Sander sogar ein großes Verdienst daran, weil er mich zur Zielscheibe seines Witzes (man ergänze: nahnr) und damit vorstehende, etwas ausgiebige Erwiderung notwendig machte. Cöln,
I. H. Schütz." Da hört ringesähr der Ernst auf. Aber die Artikel des Herrn Schütz sind doch gedruckt und diskutiert worden. So lanciert man eine Erzbischofs- Kandidatur.
In Frankreich ist es üblich und gilt als harmloses Vergnügen, einem Abgeordneten, auch wenn er gar keine politische Bedeutung hat, gelegentlich in einer Zeitung eine Ministerkandidatur anzuhängen. Das erfreut 'seine Gattin, Töchter, Vettern und Stamm- tischsreunde, und wenn es kurz vor seinem Geburtstag geschieht, so gibt er der Feier desselben ein ganz besonderes Relief. Von den Urteilsfähigen nimmt es niemand ernst und so wird denn auch eine Richtigstellung nicht für nötig gehalten, ^ In Deutschland nehmen wir den Inhalt des politischen Teiles der Zeitungen ernster und so erzeugen bei uns derartige erfundene Meldungen viel Auseinandersetzungen und Ärger. Wenn einige „Journalisten" aber den Pariser Brauch in seiner harmlosen Bedeutung bei uns ein- sühren wollen, so sollten sie das — wenigstens dabei- sagen. __
ZUM AutmnMl-Geseh-Entwurf.
Wegen Auslösung des Reichstags kam der demselben am 1. März 1906 vorgelegte Entwurf eines Gesetzes über die Haftpflicht für den bei dem Betriebe von Krasti- sahrzeugen entstehenden Schaden nicht zur Verabschiedung. Inzwischen • hat der Reichstag unter dem 12. Februar d. I. in zwei Resolutionen den Wunsch nach wirksameren Maßregeln zur Verhütung von Unfällen und einer Verschärfung sowohl der Haftung für den Schaden, als der Strafen für Überschreitungen der polizeilichen Vorschriften seitens der Halter und Führer von Kraftfahrzeugen znm Ausdruck gebracht. Der bereits in dem Bundesrat' festgestellte Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Kraftfahrzengen soll dem gerecht werden. Ob er die auf ihn gesetzten Erwartungen befriedigen werde, ist jedoch zu bezweifeln, weil er den Haltern und Führern von Kraftfahrzeugen zu streng, aber den durch letztere in ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrer Erwerbstätigkeit verletzten Staatsbürgern — und auf die kommt es doch wohl immer noch in erster Linie an — zu m i l d e erscheinen wird. Um das gesteckte Ziel zu erreichen, ist er sonach in einzelnen seiner Vorschriften einer Abänderung benötigt. Als Kraftfahrzeuge im Sinne dieses Gesetzes gelten Wagen oder Fahrräder, welche durch Maschinenkraft bewegt werden, ohne an Bahngeleise gebunden zu sein. Wird durch ein im Betriebe befindliches Kraftfahrzeug ein Mensch getötet, der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist dessen Halter (§ 1) bezw.Führer (§ 12) verpflichtet, demBerletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Doch ist die Ersatzpflicht ausgeschlvssen, wenn der Schaden weder durch ein
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Feuilleton.
<R->ckidr»ck verboten.!
Nach Persien und Indien.
Von Rudolf Zabel.
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VI.
Die deutsche Kolonie Katherinenfeld im Kaukasus.
Als ich vor zwei Jahren in Turkestan war, wunderte ich mich über die vielen deutsch sprechenden Dienst- Mädchen. Sie stammten aus den deutschen Kolonien im 'Kaukasus. Der beste kaukasische Landwein, der tn .Tiflis getrunken wird, stammt aus den deutschen Kolonien. Ein deutscher Importeur landwirtschaftlicher Maschinen in Tiflis erzählte mir, daß er alle seine unverkäuflichen Maschinen auf Pacht in die deutschen Kolonien gäbe. Dort wiirden sie ihm nicht ruiniert, und er bekäme sie in gutem Zustande wieder. Wie sieht nun eine solche Kolonie im Kaukasus aus? Ganz so leicht hinzukommen ist's freilich nicht. Man hat zwischen Katherinenfeld und Tiflis das schon erwähnte Lehmtal zu durchfahren — kaum passierbar für Wagen, und erst für Automobile! Aber bereits als wir von Tiflis ans nach Osten steuerten, begegneten uns zahlreiche Last- suhrwerke, die meistens ein sogenanntes Fuderfaß geladen hatten. Entgegen russischer Sitte Biere lang fahrend und nicht als Quadriga bespannt, sieht man es ans den ersten Blick den braungebrannten Gesellen nicht an, daß cS biedere Schwaben ans Katherinenfeld sind. Desto echter schwäbisch aber ist das Idiom, in dem sie uns gelegentlich einer kurzen Rast anreden. Da „ischt" und ),aont" es am „Wägcle", daß cs nur so eine Freude ist. Unser Ouartierwirt, der uns am ersten Reisetage hinter Tiflis bewirtete — etwa 80 Werst von Tiflis enr- sernt —, war ein schwäbischer Gärtner ans Katherinen- feld; seinem Garten geht es so, wie dem Wirtshaus an der Labn.-r- da kalten alle Fuhrwerk' an -n- und trinken
seinen selbstgekelterten Wein, die große Flasche um zehn Kopeken. Schließlich am zweiten Tage, etwa 50 vis 6,0 Werst von Tiflis entfernt, fahren wir in Katherinenfeld selbst ein!
Würde nicht ein wolkenloser, sondern ein regen- schwerer Himmel über der Gegend sich wölben, würden nicht anstatt schwarzgrüncr Tannenwälder vielmehr saftig birkengrünc Weinberge von den Hängen der Berge, die dieses fruchtbare Tal umgeben, auf uns hernnter- schanen, wir würden uns im Schwarzwald glauben; denn schwarzwäldisch sind die Häuser von Katherinenfeld mit ihrem Gebälk, ihren Galerien und Veranden, mit ihren zwei Stockwerken und Giebelfronten. Und urschwäbisch ist der Dialekt, der uns von überall her cntgegcnschallt. Etwa 18 Kilometer lang und 7 bis 8 Kilometer breit ist das Gebiet der Kolonie, die heute bereits nttf ein ehrwürdiges Alter von über 100 Jahren hinavschaut. Ihr Geburtsjahr ist das Jahr des Unterganges des alten Deutschen Kaiserreiches. Und doch genügte diese Spanne Zeit, um bereits Erinnerungen auszulöschen. Wir machten die Bekanntschaft der Honoratioren. Aber nur wenige selbst dieser intelligenten und führenden Männer erinnern sich noch des Ortes bei Stuttgart, aus dem der Großvater — teilweise schon der Urgroßvater — zugc- wandert ist.
In einer Beziehung allerdings haben sie öle Tradition aufrecht erhalten: sie sind Deutsche geblieben, und zwar echte Süddeutsche ' — Schwaben in ihrer Genügsamkeit, in ihrer Ehrlichkeit und in ihxer Aufgelegtheit zu dummen Streichen. Was von diesem Grundbilde abweicht» haben Zeit und Milien verändert.
Den wichtigsten Erwerbszweig der Kolonie bildet der Weinbau — ebenfalls ein heimisches Erbstück! Gut die Hälfte des verfügbaren Landes stellt Weingärten dar, und sozusagen jedermann — der Schmied, der Gastwirt, der Tischler, der Kornbaucr, der Schnapsbrenner und der Brauer, der Pastor und der Lehrer — ist im Hauptberuf zunächst einmal Weingartner. Der Preis des Weines, für den als Markt Tiflis maßgebend ist, ist daher: auch bestimmend für die größere, oder geringere
„Güte" eines Jahres. Es ist nicht zu verwundern, daß der Wein hier noch einen Einheitspreis besitzt, und daß Preisschwankungen wegen Qualitätsdifferenzen verhältnismäßig gering sind. Dabei ist der Wein durchschnittlich ausgezeichnet und dem anderweitig hier viel konsumierten kachetischen Wein entschieden in bezug auf Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit vorzuztehen. Um an seiner Reinheit zu zweifeln — dazu ist der We!n zu billig! In diesem Jahr kostete der Eimer Kathcrinen- felder Wein auf dem Markt in Tiflis nur 60 bis 70 Kopeken; ein Eimer enthält ziemlich genau 18 Flaschen zu % Liter, also etwas mehr als 11 Liter. Die Flasche kommt daher auf 10 bis 15 Pf. zu stehen. Freilich war es ein „schlechtes" Jahr, obgleich der Wein ausgezeichnet war. In besseren Jahren kostet der Eimer 1 Rubel — ja, in ganz besonders guten Jahren sogar bis 2 Rubel! Was hier fehlt, iväre eine deutsche Sektfabrik, die bei diesen Preisen glänzende Geschäfte machen und Rußland, sowie selbst die angrenzenden Länder mit Sekt versorgen könnte. Bekanntlich ist der Sekt für den Mohammedaner kein Wein, sondern „Limonade"!
Vielleicht interessiert es, auch einige andere in Katherinenfeld ortsübliche Preise zu erfahren. So kostet — immer pro Pud, also 16 Kilo gerechnet — bte Gerste tit diesem Jahr 1 Rubel 80 Kopeken (der Rubel gleich 2 M. 16 Pf.), der Weizen kostet 2 Rubel, der Hafer 60 Kopeken, der Dinkel 90 Kopeken, das Weizenmehl 2,86 Rubel, die Kartoffeln 70 Kopeken, der Welschkohl (Mais) 90 Kopeken bis 1 Rubel, der Kohl (Rotkohl, Kraut, Kappes, Grünkohl nsw.) durchschnittlich 25 bis 30 Kopeken das Pud. Namentlich das Fleisch ist billig. Es kostet das russische Pfund Rindfleisch 12 Kopeken, Schaffleisch 15 Kopeken, Kalbfleisch 15 Kopeken und Schweinefleisch 10 bis 12 Kopeken.
In Katherinenfeld wohnen ca. 400 Familien, was auch ungefähr der Zahl der Gehöfte glcichkommt. Die Familien sind meistens stark an Köpfen, und so komm! cs, daß man Katherinenfeld auf 5- bis 6000 Einwohner schätzen kann, wobei allerdings einige tatarische Arbeiterfamilien, sowie einige Rüsten, Armenier und sporadisch
