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141 Ausgabestellen tu allen Teilen der Stadt: rn Biebrich: die dortigen »8 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblart» Träger. ».

Nr. 385.

Wiesbaden, Dienstag, 22. Augnst 188®.

56. Jahrgang.

Morgen»Ausgabe.

_ 1. Matt.

Kür: öcn Monat September:

auf das

Wiesbadener Tagblatt"

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tat Urr-lagTagblatthaus" Lirnggaff« 27, in den Zweig stellen der Ktadt, in den Ansgabeftrllen der Kiadt und Nachbarorte, und bei sämtlichen dentschen Reichspostanstalten.

Gesöhrdmg der naffllmslhen KimrltMjWe.

Gelegentlich der Beratung des nun in Kraft ge­tretenen reaktionären Studtschen Schulunterhaltungs­gesetzes, das von dem Leiter der Schulabteilung der Wiesbadener Regierung auf der diesjährigen allge­meinen Lehrerversammlung in Katzenelnbogen bezeich­nenderweise das neueSchulaufsichtsgesetz" genannt wurde, waren, so schreibt dieFranks. Ztg." in einem Leitartikel nicht nur von Zentrumsangehörigen son­dern auch von einer Anzahl Evangelischen des Dill- und Oberwesterwaldkreises.Petitionen an das Abge­ordnetenhaus und den orthodox-reaktionären Kultus­minister Studt gerichtet worden, welche die Beseitigung der Simultanschule und die Einführung der Kon­fessionsschule in Nassau erstrebten. Diese partiellen Bestrebungen waren auf die. separatistischen Einfliisse der in diesen Kreisen heimisch gewordenen Sektierer zurückznführen, welche die christlich-sozialen Agitatoren Stöckerscher Observanz für ihre politischen Zwecke aus­zunützen versuchten. Daß das Gros der nassauischen Bevölkerung, die an ihrer Stmnltanschule hängt, von diesen konfessionellen Bestrebungen und Einflüste­rungen nichts wissen will, ergibt die Tatsache, daß die von einzelnen orthodoxen Geistlichen ausgehenden Be­mühungen, die Kreissynoden für die Beseitigung der Simultanschule in Nassau mobil zu machen, ganz ent­schieden zurückgewiesen wurden. Wer aber aus dieser entschiedenen Abwehr den Schluß ziehen wollte, daß unsere nassauische Simultanschule für immer gesichert sei, daß ihr keine Gefahr mehr drohe und darum er­neute Wachsamkeit überflüssig erscheine, der würde sich einer sehr verhängnisvollen Täuschung hingeben, denn die Gegner der Simnltanschule von hüben und drüben, die Hauptführer sowohl vom Bonifatiusverein als vom Evangelischen Bund sind stetig an der Arbeit, sie end­lich zu Fall zu bringen, um das konfessionelle Banner auch über der nassauischen Volksschule wehen zu sehen. Zwar steht ein großer Teil der nassauischen Geistlichen

Liesen konfessionellen Bestrebungen hinsichtlich der Umgestaltung des nassauischen Schulwesens wenig sympathisch gegenüber, da sie selbst aus der nassauischen Simultanschule hervorgegangen sind und ihren Einfluß und ihre Bedeutung für ein einträgliches Zusammen­wohnen und Zusammengehen der konfessionell sehr ge­mischten^ Bevölkerung aus. eigener Erfahrung zu wür­digen wissen; aber andererseits wird von einemTeil der Geistlichen, besonders solchen, die ausBezirken herüberge­kommen sind, in denen ein heftiger Kampf zwischen Ultramontanismus und Protestantismus tobt, die Minierarbeit gegen die Simultanschule fortgesetzt, was um so mehr beachtet werden muß, als das orthodoxe Wiesbadener Konsistorium diese Bestrebungen sicherlich nicht ungern sieht. Bei dem großen Einfluß aber, den die numerisch kleine Zahl der rechtsstehenden Geistlichen und das Wiesbadener Konsistorium ein Mitglied des Konsistoriums ist auch^Dezernent der Schulabteilung aus das nassauische Schulwesen seit einigen Jahren ausübt, ist es erklärlich, daß von dieser Seite für den Fortbestand der nassauischen Simultanschule nichts Gutes zu erwarten ist.

Eine weitere Gefahr droht der nassauischen Simul­tanschule aus der Schule selbst. Verhältnismäßig viel größer als der Mangel an Volksschullehrern ist der­jenige an Mittelschullehrern. Infolge der in Kassel be­sonders streng gehandhabten Prüfungsordnung ist die Zahl der Mittelschullehrer in Nassau ganz erheblich zurückgegangen, so daß nicht nur die nassauischen Klein­städte, sondern auch Wiesbaden keine einheimischen Kandidaten zur Besetzung dieser Stellen finden können. Da aber die Ablegung der Mittelschulprüfung die Voraussetzung für die Ablegung des Rektorexamens und damit für die Berechtigung zur Anstellung als Schulleiter ist, so geht mit dem Mangel an Mittelschul­lehrern der Mangel an Rektoren Hand in Hand, Sämt­liche in Nassau in den letzten Jahren vakant gewordenen Rektorstellen, wir erinnern nur an Nassau, Hachenburg, Dillenburg, Idstein, Rödelheim, sind auswärtigen Be­werbern übertragen worden, die aus Bezirken kamen, in denen nur die Konfessionsschule besteht. Hat man bei diesen Bewerbern außer nach ihrer pädagogischen Tüchtigkeit auch einmal nach ihrer Stellung zur Simul­tanschule, die man ihrer Leitung unterstellte, gefragt? Wir möchten's bezweifeln. Daß auf diese Weise all­mählich aber eine ganze Anzahl Fachleute als Schul­leiter angestellt werden, die der Simultanschule, wenn auch nicht feindlich, so doch vielfach gleichgültig und teilnahmslos gegenüberstehen, dürste doch für ihren Fortbestand kaum förderlich sein. Und daß die von auswärts herangezogcnen Lehrer selbst beim besten Willen dem nassauischen Schulwesen nicht dieses Inter­esse und Verständnis entgegenbringen können wie die nassauischen Lehrer, die selbst durch die Schule hindurch­gegangen sind, unterliegt doch wohl keinem Zweifel.

. Als die ersten Kämpfe um die nassauische Simultan­schule entstanden, da stellten sich die nassauischen Lehrer-Seminare, ihre Leiter und Lehrer, in die vorder­sten Reihen, um sie zu verteidigen. Das ist nun ganz anders geworden, Die^ nassauischen Lehrerseminare stehen der nassauischen Simultanschule recht teilnahms­los gegenüber. Wie man sich im Religionsunterricht der Lehrerseminare längst nicht mehr um den nassauischen Landeskatechismus kümmert und diesen durch den orthodoxen lutherischen Katechismus ersetzt hat und merkwürdigerweise kümmert sich kein Mensch um dieses durch nichts zu rechtfertigende Vorgehen so ist ihnen auch die nassauische Simultanschule höchst gleichgültig geworden. Seit Jahren steht kein Nassauer, mehr an der Spitze eines nassauischen Lehrerseminars, und die Zahl der aus Nassau stammenden und hier wir­kenden Seminarlehrer ist eine verschwindend geringe. Zu Direktoren und Oberlehrern beruft man in erster Linie auswärtige Theologen, die von Haus aus Gegner der Simultanschule sind und den Unterscheidungslehren der einzelnen Konfessionen ganz besondere Würdigung zuteil werden lassen. Auch die Zeiten sind vorüber, da evangelische und katholische Seminaristen friedlich nebeneinandersaßen und gemeinsam ihre Unterweisung und Ausbildung erhielten. Aber auch an der Bezirks­regierung selbst, der in erster Linie die Pflege und Förderung der nassauischen Simultanschule anvertraut ist, hat diese keinen fördernden Freund.

Die nassauische Simultanschule nimmt in der preu­ßischen Schulverwaltung eine Ausnahmestellung ein, sie paßt nicht in dasSystem", sie läßt sich nicht unter­bringen im Schema F der preußischen Schulverwaltung, die den ganzen Unterricht doch so gern uniformieren möchte. Und wie die.Frankfurter Zeitung" seinerzeit ja mitteilte, war von der Wiesbadener Regierung vor der Bearbeitung des Schnlunterhaltungsgesetzes tatsäch­lich an den Minister Studt das Ersuchen gerichtet wor­den, die nassauisthe Simultanschule aufzuheben und durch die Konfessionsschule zu ersetzen. Wenn das Ministerium im Hinblick auf den zu erwartenden Wider- stand vor diesem Gewaltakt zurückschreckte, so zeigt es doch durch die Berufung der Schuldezernenten, daß ihm das Wohl der L-imultanschule wenig am Herzen liegt. Bei Errichtung der dritten Dezernentenstelle hatte man allgemein erwartet, daß ein nassauischer Schulmann, der die nassauischen Verhältnisse besonders würdigen und pflegen könnte, in diese Stelle berufen würde. Weit ge­fehlt. Die Stelle wurde einen ostpreußischen Seminar- direktor übertragen, der zum Überfluß seinen Weg nach Wiesbaden noch durch das orthodox-reaktionäre Ministe­rium Studt-Schwartzkopss genommen hat. Und wie diese Herren zuweilen ihrer Stellung aufsassen, ergibt sich aus den Worten des vor einiger Zeit verstorbenen Schuldezernenten Hildebrandt, der nach seinem Amts­antritt meinte, der Minister habe ihn nach Wiesbaden

FenrUetorr.

iNaLdruck verboten.;

Bilder vom Esperrmto^Aongreß.

Zum Abselchen ihrer internationalen Bestreibungen haben sich die Esperantisten einen fünfstrahligen grünen Stern erwählt, der als Symbol dafür gelten soll, daß die von dem russischen Augenarzt Dt. Zamcnhof er­fundene Kunstsprache, deren Grundlagen dieser 1887 unter dom PseudonymDr. Esperanto" (Der Hofsende) zuerst bekannt machte, ihre vöckkervereinenden Wirkungen aus alle fünf Erdteile auszustrahlcn hofft. Unter der Farbe der Hoffnung steht die ganze Idee, das Hemmnis der Vielsprachigkeit zwischen den Völkern der Erde durch die Einheit einer internationalen Hilfssprache zu über­winden, und seit Leibnizens Plan einerlingua rationalis" hat das Problem einer Weltsprache nicht ge­ruht. Vor 80 Jahren schrieb Nietzsche noch von einer ,-fernen Zukunft", in der es eine neue Sprache, zuerst als Handelssprache, dann als Sprache des geistigen Ver­kehrs überhaupt, für alle geben werde. Heute hüben wir mehr als 100 Vorschläge zu einer solchen Sprache, Haben einen sehr erfolgreichen Versuch im Volapük des Pfarrers Martin Schleyer kommen und verschwinden sehen und müssen jetzt gestehen, daß Dr. Zamenhofs Esperanto alle Anwartschaft hat, den Sieg davonzutragen und der Lösung des Problems nahezukommen.

Die Zahl der Anhänger des Esperanto wird gegen­wärtig von manchen auf zwei, ja drei Millionen geschätzt, und ihr Anschwellen Läßt sich in dem steigenden Besuch der Kongresse erkennen. 1908 vertraten in Bonlogne- sur-Mer etwa 800 Esperantisten 20 Nationen, heute in Dresden mögen an 2000 Vertreter aus 30 verschiedenen Völkern beieinander gewesen sein. Der Kongreß trug durchaus die Zeichen einer allgemeinen und ehrlichen Begeisterung für die große und znkunftsvolle Idee zur Schau und bedeutet einen kräftigen Borstoß internatio­naler KulturbestreLungen.

An Feinden fohlt es solchen Unternehmungen ja gewiß nicht: außer gegen die prinzipielle Verständnis­losigkeit und die Kulturträgheit der geistig Armen, gegen die jede Idee zu kämpfen hat, mutz der Esperantismus gegen zwei Fronten kämpfen. Einmal glauben die Nationalisten, man wolle ihnen ihre Muttersprache rauben und sie zur Erlernung eines fremden Idioms zwingen, was natürlich Unsinn ist. Nach der Absicht der Weltsprachler soll nun neben die Nationalsprache eine allgemeine Einheitssprache treten, die den ungehinderten Geistesverkehr eines jeden Volkes mit einem jeden anderen schier mühelos gewährleisten, für die allge­meinen Beziehungen vielleicht sogar das Erlernen frem­der Nationalsprachen überflüssig machen soll. Also ein rein praktisch gerichtetes Streben, das keinem National­stolz zu nahe treten will, vielmehr das unleugbare Be­dürfnis einer leichten allgemeinen Verständigung nicht durch Bevorzugung einer bestimmten Nationalsprache, sondern durch ein neutrales Gemeingut befriedigen will.

Dies Unterfangen stößt aber wenigstens im Falle deS Esperanto noch ans einen zweiten Widerstand, näm­lich. ans den der Sprachforscher. Die erklären die Schöpfung einer Kunstsprache überhaupt Kr widersinnig, und allerlei alte Einwände tauchen wieder auf, die Lis ans Platons Erörterungen imKratylos" zurückführen, ob eine Sprache organisch aus der Natur herauswachse oder durch menschliche Setzung und Sinnbestimmung er­zeugt werde. Die Linguisten nennen das Esperanto einen Homunkulus und erklären diese Retortensprache für nicht lebensfähig, für einefreie dreiste Mache ein­zelner", und die Beschäftigung mit ihr für Energiever­geudung. Die Philologen und Lautphysiologen fühlen sich auf ihrer Artikulationsbasis erschüttert und prophe­zeien, daß fehr bald jedes Volk die Laute des Esperanto so verschieden aussprechen wird, daß der kühne Versuch, die peinlichen Folgen des Turmbaus von Babel zu be­seitigen, nur zu neuer Verwirrung führen müsse. Einer dieser Gelehrten leistet sich den Verlegenheitswitz, daß im. praktischen Leben das internationale Hilfsmittel der Geberdensprache vielfach hinreichend sei! Ich glaube, die

Fachmänner, welche bisher immer nur die Analyse der Sprache betrieben Haben, empört am meisten, daß un­zünftige Geister das Wagnis einer synthetischen Philo­logie unternommen und eine Sprache zusammengesetzt haben, wie die Chemie künstlichen Indigo und Zucker zu erzeugen vermocht hatte. Hier entscheiden eben nicht Urteile, seien sic noch so gelehrt, sondern Taten und Er­folge: auch die Eisenbahn und Zeppelins lenkbares Luft­schiff waren nach der Theorie Unmöglichkeiten.

Auf dem Kongreß in Dresden hat das Esperanto jedenfalls die Möglichkeit der Verwendung einer Kunst­sprache zu rein praktischen Zwecken, die Geringfügigkeit der Bedenken gegen die nationalen Lautbildungen und den internationalen Charakter seiner Wirkung von neuem und in gesteigertem Maße bewiesen. Der Ver­lauf der Tagung hat wenigstens die Teilnehmer selbst in vollem Matze befriedigt, und inan muß zugestehen, daß neben den mannigfachen künstlerischen und unterhalten­den Veranstaltungen viel ernste Arbeit geleistet wor­den ist.

Mit einer großen öffentlichen Propaganda- versammlung im Vereinshaus begann unter Lei­tung Dr. Mybs aus Altona die Arbeit des Kongresses, über den hier schon kurz berichtet wurde. Nach cincnr allerdings nur wenig aufklärenden und zu sehr auf. innere Angelegenheiten der Esperantisten eingehenden Vortrag des Professors Schmidt aus Berlin kamen zahlreiche Vertreter der verschiedensten Nationen zum Worte, und es interessierte nno amüsierte das nicht- efperantlstische Publikum sichtlich, von Franzosen, Eng­ländern, Schweden, Portugiesen, Spaniern, Japanern usiv. das hohe Lied vom zungenlösenden Esperanto singen zu hören, das zumal dem schwer zu erlernenden Deutsch gegenüber wie Milch und Honigseim eingehc. Es war ivie in einer Versammlung der Heilsarmee, wo jeder, den der Geist treibt, aussteht und des überfließt, wes ihm das Herz voll ist. Ein Rumäne weckte jubelnden Beifall mit dem Gefchichtchen, wie er für Esperanto ge­wonnen worden fei, daß er nämlich trotz Beherrschung TO acht Sprachen ans einer Reise außerstande geweint