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Nr» 391 .
Morgen - Ausgabe.
1. WLcrtt.
Bit Verschärfung des Falles Schücking»
Das bekanntlich gegen die „Frankfurter Zeitung" einge'teitete Z e u g n i s z w a n g sv e r f a h r e n wird allgemein selSstverständlich als eine Verschärfung des Falles Schücking angesehen. So bemerkt die „V offls is ch e Zeit uns";
Dieses Vorgehen mutz umso größeres Befremden und A u f f e h c n erregen, je löb-hastere Anerkennung der Reichskanzler noch vor wenigen Monaten für eine Verfügung erntete, die sich gegen die n n tz l ois e Anwendung des Zeugnis- zrvanges richtete, und eben erst ist bekannt geworden, öatz in der neuen Strafprozetzordnung, -deren Entwurf am 1. September veröffentlicht werden wird, der Zeu-g- niszwang gegen die Presse auf Strafverfolgungen wegen Verbrechens beschränkt, also bei solchen wegen Vergehens und wegen Übertretung, geschweige bei Disziplinarpro- zessen nicht beibchalten werden soll. Über alle diese wunderlichen Dinge wild eine eingehende und rückhaltlose Auseinandersetzung mit der Regierung erfolgen müssen, wenn Reichstag und Landtag znsammen- treten. Wir halten cs für selbstverständlich, daß über die Absichten des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten Klarheit geschaffen wird. Will er den B r u ch m i t d e r bürgerlichen Linken, nun gut, so kann er ihn haben, noch che die Finanzreform unter Dach und Fach ist. Will er ihn nicht, so ist cs seine Sache, nicht nur den jetzigen, Preußen neuerdings vor den übrigen deutschen Staaten bloßstcllenden reaktiv- n ä r"e n Maßnahmen energisch zu begegnen, sondern auch ihrer Wiederholung vorzubeugen, will sagen, die Hand dazu zu bieten, daß alsbald das Bestätigungsrecht beschränkt, der Zeugniszwang gegen die Presse beseitigt und die Disziplin arges e tz g e b u n g zeitgemäß umgestaltet und von kaukschnkartigen Begriffen gereinigt wird, vor allem von der Formel: „der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens unwürdig".
Die „Nene Badische L a n -d c s z c i t u n g" Whrt aus:
' Minister v. Moltke verrennt sich i in m e r m e i t e r . . . Die preußische Regierung hat sich gründlich verhauen und weiß nun nicht mehr aus noch ein. Statt alte Fehler gut zu machen, verfällt sie in neue, schlimmere. Die Tatsachen des Falles Schücking sind ihr linbeguem, und nun möchte sie wenigstens den Mann naßregeln, der diese Tatsachen bekannt gegeben hat. Es -st, als wollten die in Preußen Regierenden dokumentieren, daß ihnen die Blockpolitik Bülows in Preußen g a n z w u r s ch t ist. Bis zum offenen Fron- diercu ist es da nicht weit. Zinn, Erfolg wird Herr von Möltke mit diesem Verfahren nicht haben. Wir glauben auch nicht, daß ihm und seinen bei diesem Handel beteiligten Untergebenen die ganze Affäre gut bekommen wird.
LenNeton.
(Nachdruck verboten.)
Verlinee ZLimmungZbilöer.
Von Paul Lindcnberg.
Lom Lächerlichmachen. — Die „Huldigungen" für den »lauvtmavn von Köpenick". — Übertreibungen? — Wie beute, so einst. — Radikale Mittel. — Probefahrten der neuen lenkbaren Ballons. — Das internationale Wettrennen in den Lüften. — Ein Korsofest auf der Oberspree. — Unser Tiergarten. Wünsche und Anregungen. — Ludwig Barnap.
Es ist etwas Gutes um das Lachen, etwas recht Kn- behagliches aber um das Lächerlich machen! Und das letztere bat ein Teil der Berliner Einwohnerschaft in dieser Woche gehörig verstanden, indem es den Ver- über eines guten Witzes, den begnadigten „H aupt - mann von K ö p e n i ck", Wilhelm Voigt, wie einen ruhmreichen Held gefeiert. Tausende erwarteten in Rirdorf stundenlang feine Heimkehr aus der Beschaulichkeit des Gefängnislebens, Geschenke auf Geschenke wurden in seinem Heim abgegeben, cs regnete Briefe und Telegramme, aus der Straße wuchsen drc Menschenscharen am Abend derart an, daß eine zahlreiche Schutzmannschaft ausgeboten werden mußte, um nur einigermaßen Ordnung zu schaffen, und groß war die Mißstimmung, als der Erwartete, der wohl einen solch' lärmenden Empfang geahnt, nicht erschien. Aber denOvationen konnte er in den nächstenTagen doch nicht entgehen: wo er sich blicken ließ und erkannt wurde, so •j. q. in einem großen Cafsi Unter den Linden, sammelte sich die Menge im Nu an und belästigte den Vielgenannten in ausdringlichster Weise, so daß ihm vor seiner Berühmtheit angst und bange wurde. Zudem betteten sichRevorter an seineFersen und veröffentlichten
Wiesbaden^ Samstags 33. August 190®.
.- p y i .o.^ | ir|T - r - Mr1 -f- I mm | | I 1 HI I ■ -
Der nationalliberale „Hannoversche Kurier" schreibt durchaus zutreffend, wie folgt:
Die preußische Regierung hat im Fall Schücking eine höchst unglückliche Hand. Es war verkehrt, einem Beamten der Selbstverwaltung das Recht der freien politischen Meinung durch Disziplinarmaßrcgel zu verkümmern. Es war verkehrt, dem Angeschuldigten durch den Aktenvermerk „Geheim" das Papagenoschloß eines Schweigsgebots airhängen zu wollen, da in eigener Sache niemand zum Schweigen gezwungen werden kann. Zum dritten -war cs -somit verkehrt, in dem Artikel der „Frkf. Ztg.", den man natürlich von Schücking geschrieben öder angeregt wähnt, weiteres hochnotpeinliches Belastungs-Material zu erblicken. Zum vierten endlich erklomm man den Gipfel der Berk eh r th eit, als man die rostigen Daumenschrauben des Zeugniszwanges aus der alten Folterkammer Hervorsuchte. Acht Monate ist's erst, daß ein Rundschreiben ausging vom Reichskanzler an alle Bundesregierungen, die Anwendung des Zengniszwanges einzuschränken. „Erstens weil er sehr gefährlich, zweitens gar nicht nötig ist." Welche Regierung sündigt aber zuerst gegen die reichskanzlerrsche Mahnung? Die pr e u ß > s tz e , deren Ministerpräsident mit dem Reichskanzler in derselben Haut steckt. Ein neues Stückleiu von jener 3 w e i s e e l e n k u n st, die, wre's trefft, -bald im Röich m i t dem Block, bald in Preußen gegen den Block zu regieren versteht. Man fragt nun vergebens nach dem Zweck der ganzen Veranstaltung. Glaubt mau auf diese Weise den Verfasser scnes Artikels ermitteln zu können? Naive Hoffnung! Schon oft hat die „Frkf. Ztg." die Leiden -des Zenaviszwanges gekostet, noch nie aber einer ihrer Redakteure dem Gebot der Standesehre zuwidevgehandelt. Will man die „Frkf. Ztg." auf Umwogen disziplinarisch strafen, weil man es gerichtlich nicht kann? Das wäre eine Ungesetzlichkeit schlimmster -Gattung. So ist der Frankfurter Vorgang nur ein böses Baromete r- zeichen für die reaktionäre Witterung, die wieder über Preuße n g e k o m m e n i st, und ein neuer, starker Beweis für die Notwendigkeit einer schleunigen gesetzlichen Abschaffung des Zengniszwanges.
Die „Tägliche Rundschau" bemerkt: Man konnte
kaum etwas Törichteres tun, als -den v i.e lv e r sah r e - nen Fall -Schücking auch noch auf diesem Knüppeldamm weiter zu verfahren."
Schließlich lassen wir noch die mit dem neuen Vvr- stoß der preußischen Reaktion beglückte „Frankfurter Zeitung" selber zu Worte kommen. Sie betont mit Recht die politische Seite der Frage, indem sie an leitender -Stelle schreibt:
„Die politische Bedeutung des jetzt versuchten ZeugniszwangA liegt darin, daß es sich ganz unzweideutig um einen Vorstoß gegen die ö s f c n t- l i c!j e Meinung handelt. Weiß der Minister des Innern etwa auch von diesem Vorgehen nichts, und ist ohne sein Wissen und Willen eine solche Aktion unternommen worden? Wir erblicken in ihr nur einen neuen Beweis für das ungenierte Vorgehen der p r e u ß i s ch e n Reaktion:, -die irgendwelche Rücksichten n i ch t -m e h r n i m nt t. Zuerst sprichi
recht albernes Zeug über die törichtsten Unbedeutenheiten aus seinem Leben, die ihnen der ehemalige Schuhmacher selbstgefällig erzählte, Agenten stellten sich ein, um ihn zu Schaustellungen und Vorträgen zu verpflichten, man bot ihm allerhand Stellungen an, kurz, der „Rummel" erreichte bald den Gipfelpunkt unfreiwilliger Komik. Und all' das in Spree-Athen, dessen Bewohner sich so viel aus ihre Intelligenz und ihr Welt- städtertum einbilden! _ _
Für den, der Berlin liebt und btc guten Seiten seiner Einwohnerschaft schätzt, wirken diese Lächerlichkeiten um so peinlicher gerade jetzt, wo das ganze deutsche Volk von einer so ehrlichen Begeisterung für eine große Sache erfüllt ist. Alle Übertreibungen sind vom Übel, man neigt aber sehr zu ihnen in der Reichshauptstadt, auf den verschiedensten Gebieten, auch in der Kunst, im Kunsthandwerk, in der Geselligkeit, im Theater, in der Mode. Meist ein Zuviel, nie eine entsprechende Zurückhaltung, selten die goldene Mittelstraße! Das zeigte sich kürzlich in einer zit Wohltätig- keitszwecken stattgefundenen festlichen Veranstaltung, in der es zu einem niedlichen Skandal kam ob der gewagten „Behauptungen" verschiedener Damen, die mit ihren riesigen Hüten den. hinter ihnen Sitzenden völlig den Ausblick auf die Bühne versperrten. Ob cs ein gar so großer Trost isi, daß alles schon einmal dagc- wesen und daß sich die früheren Berlinerinnen, in gewissem Sinne ebenso hervorgetan, wie die heutigen? Heißt es doch in einem Berliner Journal vom Jahre 1788: „Die großen Hüte der Damen si ln Montgolfier oder Blanchard mit ihren Federbuschen gaben Anlaß zu vielen Klagen. Einmal passierte es, daß in der Königlichen Oper ein fremder Herr verschiedenen vor ihm sitzenden Damen zurief:. Hut ab! Da man es nicht verstand oder nicht verstehen wollte, so nahm er ohne
S«. Jahrgang.
man -den Beamten der Selbstverwaltung das Recht der freien politischen Meinungsäußerung ab, und dann will man sie im geheimen Verfahren unschädlich machen, und tritt nun die öffentliche Meinung sür sie ein, so wird nicht nur den bereits Verfolgten das Recht der öffentlichen Klarstellung abgesprochen, sondern es tritt außerdem noch eine Verfolgung der Organe der öffentlichen Meinung ein, welche -das Treiben der Verwaltungs- reaktivn der Öffentlichkeit unterbreiten. Wir können -die gegen uns beliebte Maßnahme nur als eine politische Verfolgung -auffassen. Man mutz abermals fragen, ob die Regierung die Zeit für gekommen erachtet, um der Reaktion in Preußen die unbedingte Herrschaft einzu- räumen. Will sie das, so soll sie es offen sagen, und ihr wird bald Gelegenheit dazu geboten werden. Sie wird dann aber auch sofort ihre Blockpolitik ernsavgen können. Mit erfreulicher Entschiedenheit ist in den schl e sw ig-h ölst einst ch e n Protestversamm-lnn-gen vom freisinnigen Redner, dem Abg. Wiemer, erklärt worden, daß die Blockpolitik der Regierung keine Unterstützung mehr von den Freisinnigen erhalten werde, wenn nicht wirkliche G e nug t u u n g in der Angelegenheit Schücking -gegeben werde. Das deckt sich mit der von uns vertretenen Auffassung, daß. ^es nicht gut arvgeht, ein reaktionäres System zu unterstützen. Die politische Klärung wird also nicht mehr -laü-ge auf sitz -warten lassen, und die Regierung kann heute nicht mehr zweiselhaft fein, daß sie hier vor eine Entscheidung -gestellt wird, von welcher der Fortbestand der ganzen von ihr vertretenen Politik abhängt."
So wird man ohne Frage in allen wirklich liberalen Kreisen denken. Die Geduld der entschieden liberalen Parteien gegenüber den trotz Bülows Blockpolitik fortgesetzt betriebenen Brüskierungen durch die preußische Reaktion ist bald zu Ende! Oder die freisinnigen Parlamentarier bringen sich um allen Kredit bei ihrer Wähler-- schafi. _ _
Politische Merstcht.
per Handfertigkeitsirirterrrcht in de» höhere« Schulen.
Die Frage des Handfertigkeitsunterrichts an höheren Schulen liegt dem gegenwärtigen preußischen Unterrichtsminister am Herzen. Wir lesen in Berliner Blättern: „Über die Einführung von Handfertigkeitsunterricht an den höheren Lehranstalten hat der Kultusminister . an das Provinzialschulkollegium eine Verfügung erlassen, nach der letzteres eine Erhebung darüber anstellen soll, ob ein Bedürfnis besteht, allgemein sür die Einführung dieses praktischen Ünter- richtszweiges Vorkehrungen zu treffen. Das Provinzialschulkollegium hat daraufhin an die Direktoren der höheren Lehranstalten eine Rundfrage gerichtet, sich darüber und über die eventuell entstehenden Unkosten zu äußern, damit es zu dieser Frage Stellung nehmen kann. Cs mag dabei bemerkt werden, daß der Handfertigkeitsunterricht bereits an mehreren höheren
alle Komplimente seinen Stock, berührte damit die Hüte der Damen und wiederholte: Hut ab! Hut ab' Die Damen sahen sich zur Vermeidung größeren Lärms in der Tat genötigt, ihre Hüte abzunehmen. Eben dieses Rufen Hut ab! Hut ab! fiel im Parterre, einigemal ebenfalls vor." Diese Rufe scheinen übrigens wenig genutzt zu haben, denn in demselben Journal lesen^wrr bald darauf: „Diese Damens mit ihren Kopfzeugen, beinahe den Wagenrädern ähnlich, benahmen mit denselben den Hinterstehenden nicht nur alle Aussicht, sondern waren gar so höflich, ans die. Bänke sich zu stellen und den hinter ihnenStehenden eine ganz andere Dekoration zu präsentieren. So duldsam das männliche Geschlecht in diesen Fällen gegen die Damen in in Berlin ist, so mußte doch manche Dame diesmal mit dem Stocke eine Erinnerung vorlieb nehmen, herunter zu treten und sich löblichem Gebrauche nach zu fetzen." Also mit dem Stock — und diese „Mahnung" scheint gefruchtet zu haben, freilich wohl nur für kurze Zeit.
Hüte ä In Montgolfier und Blanchard — dies die Namen der berühmten ersten Luftschiffer — das ist ja sehr zeitgemäß, und vielleicht nehmen die berufenen Vertreter von Madame Mode diese Anregung auf. Wir sind ja mitten drin in der Ära des brennenden Interesses für alles, was mit der Luftschiffahrt zusammenhängt. Mit aufrichtiger Freude vernahm man die näheren Mitteilungen über die gelungenen Probefahrten des neuen Parseval- wie des neuen Militär-Luftschiffes, die einen tüchtigen Schritt vorwärts bedeuten und zunächst noch die Vorherrschaft in der Luft sichern. Berlin scheint jetzt tatsächlich der Mittelpunkt der Versuche, die Luft zu bezwingen, zu sein, findet doch hier in der ersten Oktober- hälfte das Internationale Gordon-
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