Hwittwoch,
12. August 1963.
LG. Jahrgang.
i
Nr. 874
Abend-Ausgabe»
2. Blatt.
Die TraMe Mt gelten KchisssstliWen.
Aus New-Nork wird berichtet: Am Sonnabend nachmittag ging am Maste des englischen Dampfer? „Stratheyre" jene blaue Flagge in die Höhe, die die Engländer den Blue Peter nennen, der Abschieös- wimpel, der die baldige Ausfahrt des L-chisses ankündigt. Die Ladung war an Bord und von den Kaimauern in Brooklyn sollte Kurs nach Norfolk genommen «erben. Täglich gehen Schiffe von New Nork aus, aber ein jedes von ihnen findet sein Publikum, das vom Ufer aus den Abschied verfolgt und mit kritischen Bemerkungen die ersten Bewegungen des Schiffes beurteilt. Die Abfahrt des „Stratheyre", eines jener alten und schmutzigen Dampfer, die man die Lastträger des Ozeans nennen möchte, hatte ein besonders zahlreiches Publikum an die Docks gelockt, denn es ging das Gerücht — ungewiß und dunkel, niemand wußte eigentlich woher — daß an Bord eine Verschwörung sei. Und in der Tat sah man ein Bot der Hafenpolizet den Weg des Dampfers kreuzen. Die Nachricht von einer Verschwörung verhieß Sensation und Aufregung. Man erwartete ein Drama. Am Ufer drängten sich die Seeleute, die Habitues des Hafenviertels, und warteten auf ein Ereignis. Und das Ereignis kam. Schnell und gewaltsam, nur eine Minute, und dann war alles vorüber. Keine Schüsse krachten, keine Rufe ertönten, nirgends Unordnung: in düsterer Stille spielte die
Tragödie sich ab. Am Heck des Dampfers, das still und verödet lag, erscheint jetzt plötzlich eine menschliche Gestalt, einen Augenblick sieht man sie aufrecht stehen, dann fällt sie hinab in die grünen Wogen. Die Zuschauer haben nicht Zeit, sich klar zu werden über das Geschehnis, als ein zweiter Mensch von gleicher Stelle aus Hinabstürzt und in den Wellen verschwindet. Und dann, nach wenigen Sekunden, erscheint ein dritter und wieder fällt ein menschlicher Körper hinab ins Meer. Drei? Nein, schon kommt ein Vierter, ein Fünfter... Zehn Menschen stürzen so in die tiefen Fluten, man sieht den Wasserspiegel einen Augenblick einen Kreis sich bilden, sich weiten, dann ist alles still. Die kleine Barkasse der Hafenpolizei eilt hastig zu der Stelle, wo die Körper in den Wellen verschwanden. Weithin gellen die schrillen Pfiffe des kleinen Fahrzeuges. Die Beamten verlangen von dem Dampfer Hilfe. Und auf der ■ Kommandobrücke der „Stratheyre" erscheint auch ein Mann, der ruhig über das Wasser herüberruft: „Was -ist denn los? Es ist der Kapitän. „Kapitän Gunn", schallt's herauf von der Polizeibarkasse, „schnell, werfen Sie Seile aus und Rettungsgürtel." Aber der Kapitän bewegt sich nicht und er gibt nur eine gelassene kühle Antwort: „Neuer! Niemals!" Die Polizeivcamtcn arbeiten mit allen Kräften. Die zehn Mann, die da ins Wasser stürzten, können nicht schwimmen, aber sie wollen sich auch nicht retten lassen. Sie wollen sterben. Nur mit Gewalt, und als sie dem Tode nahe sind, gelingt es, sie an Bord zu bringen. Zwei bleiben verschwunden. Eine Viertelstunde später zieht die kleine Barkasse, acht balbohnmächtige Chinesen an Bord, eilig nach der Polizeistation A am Hudson. Der englische Dampfer rber hat das hohe Meer gewonnen; mit dem Glase '.rkennt man noch die britische Flagge am Heck. Was ft geschehen? Es waren zebn Unglückliche, so berichtet Zutat Barzini dem „Karriere". die in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg wußten, als den Tod. Als Matrosen waren sie für den englischen Dampfer angeheitert, als Galeerensklaven wurden sic behandelt. Sic hungerten nnd dursteten, und als man sie in New Pork
bei der Polizei untersuchte, fand man ihre Körper bedeckt mit Narben und Spuren furchtbarer Mißhandlung. Als Gefangene wurden sie an Bord gehalten, sie durften nicht ans Land gehen, niemand sprechen, und ftctit ihrer Löhnung bekamen sie Strafen, auch hohe Geldstrafen, so daß sie formell stets Schuldner waren. Schon einmal, im November letzten Jahres, als die „Stratheyre" New Dork berührte, hatten die Unglücklichen gehofft, entfliehen zu können. Umsonst, alle Versuche wurden vereitelt. So griffen sie denn zu dem letzten Mittel, das ihnen freistand: zum Selbstmord. Alle zehn beschlossen, gemeinsam in den Tod zu gehen, um ihren Martern zu entrinnen. Es war ihre einzige Möglichkeit, Klage zu führen gegen den Kapitän. Die Ironie des Schicksals freilich will cs, daß aus den Klägern jetzt wieder Angeklagte werden, denn, als des Selbstmords verdächtigt, werden sie vor Gericht erscheinen und vielleicht die volle Schwere des amerikanischen Gesetzes erfahren müssen, indes die „Stratheyre" ungehindert den englischen Küsten zusteuert.
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§| sott.
25. Deutscher Radfahrer-Bundestag.
S. & H. Bremen, 10. August. Der Deutsche Radfahrer-Bund hält gegenwärtig hier seinen 25. Bundestag üb. Von den insgesamt etwa 43 000 Mitgliedern des Bundes sind bereits über 6000 hier eingetroffen. Die -Stadt steht ganz im Zeichen des Bundestages. Der Präsident des Senates Bürgermeister Dr. Pauli hat das Protektorat des Bundestages übernommen. Für die im Verlauf des Bundestages statrfiudcnden Wettbewerbe sind zahlreiche Preise gestiftet worden. Die zu Rad hier cingetrofsenen Bundesmitglieder werden je nach der zurückgelegten Entfernung in sechs Gruppen eingeteilt. Die fünf besten Fahrer jeder Gruppe erhalten wertvolle Ehrenpreise. Jeder Wanderfahrer erhält außerdem einen Erinnerungsbechcr, während die Dauerfahrer mit einer silbernen Erinnerungsmedaille ausgezeichnet werden.
Am Samstagabend hielt das Bundesvereins-Kartell seine dritte Generalversammlung ab. Das im Jahre 1006 gegründete Kartell, dem die bedeutendsten Vereine des Bundes angeboren, bezweckt die Hebung des Radsportes und des gesellschaftlichen Ansehens im Deutlichen Radfahrerbunde und in der Öffentlichkeit. — Gleichzeitig hielt die „Bundesgaröe", eine seit 10 Jahren bestehende Vereinigung solcher Mitglieder, die an mindestens drei Bundestagen teilgenommen haben, ihren Empfangskommers ab. — Am 8. August vormittags 9 Uhr traten die Vundestag-Dclogicrten zur Sitzung des Bundesausschusses im Künstlerheim zusammen. Wie schon an anderer Stelle berichtet wurde, bewilligte man für die Zeppelinfpende 500 M. — Ein Antrag des Berliner Klubs „Germania", den geschlossenen Mannschaften bei Preiswettbewerben eine Vergütung der Reisekosten zu gewähren, wurde angenommen, ein Antrag des Gaues 21 (Leipzig), Geldpreise bei Bereinswettbcwerhen zu bewilligen, dagegen abgelehnt. Auf Antrag v. Keller wurden die Bundessatzüngen dabin abgeändert, daß nicht mehr der Verwaltungsansschuß, sondern das Ehren- uNd Schiedsgericht die höchste Berufungsinstanz des Bundes bildet. Als Ort für das im nächsten Jahre statt- finöende JnürlänMsfcst wurde München gewählt. Ans Anregung des Dr. Martin-Berlin wird sich der Bundesvorstand mit der Frage der Finanzierung des
Berliner Stadions beschäftigen und das Votum des Bunöesausschusses einholen. Am Abend fand dte^feier- liche Übergabe des Bundesbanners an den Verein Sport- Bremen und die offizielle Eröffnung des Bundestages statt. Am Sonntag fand ein vom glänzendsten Wetter begünstigter Korso statt, der einen prachtvollen Verlaus nahm. Mehr als 1000 Radfahrer mit 240 Bannern nahmen an dom Korso teil. Sieben Musikkapellen be- gleiteten den Zug, au dem sich viele Automobile und über 100 Equipagen beteiligten. Die Borbetfahrt dauerte über eine Stunde. Mittags fand ein Festbankett in Hillmanns Hotel statt, das ebenfalls einen glänzenden Verlauf nahm. An die einzelnen hochinteressanten Wettbewerbe, die D elegierten vcrsammtun gen und die übrigen Veranstaltungen schließt sich amDienstag eine Sonderfahrt nach London von achttägiger Dauer an. Ferner wird noch eine Seefahrt nach Helgoland und eine' drei- bis viertägige RadwaNderfahrt zum Neueüüurger Walde und nach Wilhelms h a v e n stattsinöen.
Sirius Gtzr-snik.
Ein neuer Flugversuch Wrights. Aus Le Mans, 11. August, wird gemeldet: Wright unternahm heute abend einen 'neuen Flugversuch. Er beschrieb in 3 Minuten 43 Sekunden drei große Kreise in verschiedene!: Höhen mit einer Geschwindigkeit von 65 Kilometer.
Die Voruntersuch,tng gegen die Kammerfrau Sieger wegen Diebstahls des Perlenhalsbandes der Gräfin Wartensleven ist abgeschlossen. Die Rechtsanwälte der Frau Sieger haben Antrag auf Haftentlassung gestellt, da eine Verdunkelung des Tatbestandes nicht zu besorgen sei und Fluchtverdacht nicht vorliege.
Opfer der Berge. Im Salzkammergut Lei Weißen» bach am Attersee ist gestern der 28jährige Wiener Ingenieur Kronstein bei einem Ansflug auf den Schoberstein tödlich verunglückt.
Erstochen. In der Hannoverschen Portland-Zement- fabrik wurde der unverheiratete Arbeiter Kaczmarek durch den Arbeiter Ahrens ohne Veranlassung erdolcht. Der Täter ist flüchtig.
Automobil,tnglück. Ein von einem Amerikaner auS Boston gesteuertes Automobil stürzte in eine Schlucht bei Voulogne-fnr-Mer. Der Amerikaner fand den Tod, der Chauffeur und zwei Reisende wurden verletzt.
Erdbeben. Auf der Insel Leukas wurde gestern früh ein heftiges Erdbeben verspürt, das die Bewohner in Schrecken setzte, aber keinen erheblichen Schaden verursachte.
Verbrecherischer Landstreicher. In Gonesse Bei Paris wurde ein Landstreicher Lobertis verhaftet, welcher angab, einen Kameraden in einen Strohhaufen geworfen nnd verbrannt zu haben. Man hielt diese Erzählung für eine Lüge. Aber wenige Stunden später wurde in einem Graben der Feldarbeiter Jouret über und über mit Brandwunden bedeckt aufgefunden. Er bestätigte, daß er mit Lobertis in Streit geraten und von diesem tatsächlich in einen Strohhansen geworfen worden war. Bon furchtbaren Schmerzen gefoltert, konnte er sich aus den Flammen retten nnd sich zu dem Graben schleppen.^
Der Blitz. Bei einem Gewitter in Kuschwerda bei Pass au wurden ein Gutsbesitzer und sein 24jähriger Sohn vom Blitz erschlagen.
Beim Edelwoitzpflücken abgcstürzt. Von der Mäbeler» gabol ist ein Nürnberger Tourist Hans Bogner beim Edelweißpflücken abgestürzt. Die Leiche war entsetzlich verstümmelt.
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