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Nr. Svl.
Wiesbaden, Mittwoch, 5. August 1908,
56. Jahrgang.
Morgen- Ausgabe.
1. Matt.
KosiaipoMische Umschau.
— Anfang August. —
Dem Bundesrat ist jetzt endlich der Entwurf zu einer Reform des deutschen Strafprozesses zugegangen. Er bietet auch dem Sozial- politiker einige Enttäuschungen, bedeutet aber trotzdem einen erheblichen Fortschritt. Der Entwurf will die besonders von liberaler Seite seit Jahrzehnten dringend geforderte Berufung gegen die Urteile der Strafkammern einführen, er bestellt auch bei ihnen die Laien als Mitrichter, trifft Maßregeln zur Beschleunigung des ganzen gerichtlichen Verfahrens und zur größeren Sicherung des Beschuldigten während der Untersuchung. Auch sollen die Jugendgerichte einge- fllhrt, an Schöffen und Geschworene Tagegelder gezahlt werden, die Geschworenengerichte also erhalten bleiben. Erst mit der Zahlung derartiger Tagegelder ist es möglich, auch Angehörige der minderbemittelten und namentlich der Arbeiterklasse zum Schöffen- und Geschworenenamt heranzuziehen. Den Arbeitern ist es ohne Entgelt heute nur selten möglich, dieses Amt tagelang und bei Verhandlungen vor dem Geschworenengericht oft während einer ganzen Woche und länger auszuüben. Mit der Einführung besonderer Jugendgerichtshöfe bekommen wir endlich in Deutschland eine Einrichtung, die sich in einigen anderen Staaten längst bewährt hat.
Ohne Jugendgerichtshöfe entbehrt die heute mehr als früher als notwendig erkannte öffentliche Jugendfürsorge ihres notwendigsten Rückhalts. Es ist daher selbstverständlich, daß sie auch kürzUch auf dem Allgemeinen Fürsorgerziehungstage in Stratzbnrg gefordert wurden. Dort verlangte man auch eine gründliche Ausgestaltung der strafrechtlichen Behandlung der Jugend überhaupt, die Grenze für die bedingte Strafmündigkeit soll mindestens aus das vierzehnte Lebensjahr herausgesetzt, der Begriff der Zurechnungsfähigkeit soll besser abgegrenzt, die Anklagepflicht des Staatsanwalts eingeschränkt und die Möglichkeit gegeben werden, statt zu strafen auf Erziehung zu erkennen.
Nach der Strasprozetzreform hat die Öffentlichkeit besonders auch noch immer der fast unglaubliche Versuch eines süddeutschen Jndustriellen-Verbandes beschäftigt, die gesamte deutsche Industrie zur Entlassung der organisierten Beamten zu -bewegen. Die allgemeine Verurteilung, die dieser Versuch auch in Unternehmerkreisen fand, ist bekannt, aber es verdient noch besonders bemerkt zu werden, daß die städtischen Kollegien in Mannheim den Beschluß faßten, Arbeiten und Lieferungen nicht an solche Firmen zu vergeben, die das Koalitionsrecht ihrer Beamten und Arbeiter
FenMelorr.
(Nachdruck verboten.)
Dsr Dank öS§ ZpielerZ.
Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Adele Achard.
Es war mehrere Tage nach der Versteigerung von Burne Jones Nachlaß. Ich begab mich zu meinem Freund Millner, um ihn zu einem Konzert abzuholen. Meinen Eintritt in seine Bibliothek hatte er überhört, denn er stand wie hypnotisiert vor einer Staffelei, auf der sich, eingerahmt, ein Aquarell „Psyches Hochzeit" von Burne Jones, befand, um welches zwei Tage vorher bei der Versteigerung bei Christie ein erbitterter Kampf geführt worden war.
„Nun", fragte ich Millner neckend. „Sie haben sich also doch auch mal zu einer Torheit hinrcißen lassen? Jedenfalls ein Meisterwerk von Aquarell."
„Nicht wahr?", cntgcgnete er mit voller Ekstase, „aber solchen Kauf gestatten mir meine Mittel denn doch nicht. Die wenigen Kunstsachen, die ich besitze, haben nur den Wert, daß ihre Anschaffung mich viel Mühe und Zeit gekostet haben. Dies Bild hier kommt soeben unter ganz eigenartigen Umständen in meine Hände, und nun stehe ich seit Stunden davor, um mich zu vergewissern, daß ich nicht von einer Illusion genarrt werde. Kommen Sie setzt, ich will Ihnen die Geschichte unterwegs erzählen."
Er begann:
„Zwölf Jahre sind es her, ich befand mich in Monte Carlo. Den Anblick dieses Paradieses genoß ich so gut, wie ich es vermochte, obwohl mich allenthalben das Gespenst des verwünschten Spiels angrinste. Endlich hielt cs mich nicht länger: ich begab mich in das Kasino mit der festen Absicht, zu verlieren. Mit hundert Frank
beeinträchtigen. Es ist zu wünschen, daß . dieser Beschluß auch in anderen Orten Nachahmung findet. Denn es ist nicht nur ein gänzlich unsoziales, sondern auch ein geradezu widersinniges Beginnen, in einer Zeit, die immer mehr dazu drängt, wichtige Teile unserer Sozialversicherung und überhaupt unserer sozialpolitischen Entwicklung aus Beamten- und Arbeiterorganisationen zu stützen oder sie doch wenigstens immer mehr zu nützlicher sozialer Mitarbeit heranzuziehen, diese Organisationen als gemeingefährlich hinzustellen und gegen sie zu einem Kampf anszurufen, der Unsummen von Erbitterung zur Folge haben und lediglich dem politischen Radikalismus Früchte bringen würde. Derartige scharfmacherische Doktoren am sozialen Körper schädigen auch das Ansehen des deutschen Unternehmerstandes. Es ist daher mitdoppelterFreudezu begrüßen, daß airch dieser einmal ganz unverhohlen in seiner weit überwiegenden Mehrheit sich von derartiger Scharfmacherei abwandte.
Fast zu gleicher Zeit, als man ohne soziales Verantwortungsgefühl zu jenem erbitternden Kamps gegen die etwa 300 000 organisierten deutschen Privatbeamten aufrief, hatte man im Reichsamt des Innern eine zweite Denkschrift zur Frage der staatlichen Versicherung der Privatbeamten sertiggestellt, die jetzt dem Reichstage zugegangen ist. Es werden in ihr derUmfang der Versicherung, die Leistungen, Organisation und Beiträge erörtert. Bemerkenswert ist, daß eine Befreiung der Angestellten von der reichsgesetzlichen Invalidenversicherung itrtb die Errichtung einer besonderen Versicherungsanstalt an deren Stelle aus sozialen und finanziellen Gründen von der Denkschrift ab gelehnt wird. Die Einrichtung soll vielmehr als Zusatz v eins i ch e r u n g zur reichsgesetzlichen Invalidenversicherung, und zwar ebenfalls als Pflichtversicherung, dürchgeführt werden. Die Privaibeamten-Organisatio- nen sollen sich jetzt zu dieser Denkschrift äußern. Sie werden an ihr sicher ebensoviel anszusetzen haben wie die Krankenkassen und Berussgenossenschasten an der geplanten Reform der Ar beite rversiche- r u n g. Zwar ist von einer völligen Verschmelzung der verschiedenen Zweige dieser Versicherung nicht mehr die Rede, sondern man will bekanntlich alle Krankenkassen im Bezirk einer unteren Verwaltungsbehörde zu einem Verbände zusammenschließen. Dieser soll dann als Versicherungsamt die Lokalinstanz bilden und gemeinsame Funktionen auch sür die Unfall-, Jnvalidi- täts- und die kommende Hinterbliebenenversicherung übernehmen. Diese Pläne sind von den Krankenkassen und Berufsgenossenschaften, soweit sie sich. überhaupt schon äußerten, nachdrücklich abgelehnt. Die Versicherungsanstalten haben noch nicht Stellung genommen.
Zu diesen schwierigen Fragen auf dem Gebiete unserer staatlichen Fürsorgegesetzgebung tritt immer wieder die Forderung nach einer Arbeitslosenversicherung durch das Reich. Aussicht auf eine i baldige Losung dieser noch völlig ungeklärten Frage ist
sing ich an, und — gewann. Gewann immer wieder, so daß bereits ein ansehnliches Häufchen Gold vor nur lag. Dann kam der Rückschlag — wie immer. Ich verlor meinen ganzen Gewinn bis aus 10 Louis, die ich aus Noir setzte. Und diesmal gewann ich wieder. Fast reute es mich. Als ich nun eben mein Eigentum an mich nehmen wollte, bemerkte ich, wie sich mir gegenüber eine Hand danach ausstreckte. Kaum hatte ich Zeit gehabt, einen leisen Schrei auszustoßen niit den Worten: „Mein Herr, diese 20 Louis gehören mir!", was ein neben mir stehender Herr bestätigte.
„Das Geld gehört dem Herrn hier!" rief mein Nachbar dem Croupier zu, der einen Augenblick innehielt.
„Wer hat das Geld an sich genommen?" fragte mich der Croupier. „Würden Sie die Person wiedererkennen?"
„Ganz gewiß", sagte ich und wollte soeben den Dieb mit dem Finger bezeichnen. Der aber war verschwunden. Die halbe Minute, die über Frage und Antwort verstrich, hatte genügt, um ihm in der dichten Menge, die die Tische umdrängte, die Flucht zu ermöglichen. Ich starrte die Menschen an.
„Er war ja soeben noch hier", sagte ich; das Weitere erstarb mir auf den Lippen, denn neben mir. Schulter an Schulter, stand der Gesuchte. Krampfhaft hielten seine Hände meinen Arm umspannt. Sprachlos, unfähig, mich zu rühren, blickte ich ihn an. Er war totenbleich und sehr jung. Ich erkannte den Landsmann in ihm. Unsere Blicke begegneten sich. In dem seinigen lag eine so grenzenlose Qual, eine so angstvolle Bitte, daß es mir unmöglich gewesen wäre, ihn sestnehmen zu lassen. Mich dem Beamten wieder zuwendend, stotterte ich nur:
„Ich finde ihn nicht mehr heraus."
„Also reklamieren Sie das Geld nicht weiter?" fragte der Croupier zurück.
weder durch das Reich noch durch die Einzelstaaterl in absehbarer Zeit vorhanden, wie kürzlich auch Minister v. Brettreich in dem Ausschuß der bayerischen Kammer für Sozialpolitik erklärte. Es verdient jedoch bemerkt zu werden, daß gerade Bayern aus den letzten Wochen einen sehr erfreulichen sozialpolitischen Fortschritt verzeichnen kann. Das Abgeordnetenhaus, hat nämlich einstimmig die Novelle zum Berggesetz angenommen, in der gegen den Widerspruch der Regierung einstimmig der Achtstundentag für Arbeiter unter Tage gesetzlich sestqelegt und die sehr zu begrüßende Heranziehung der "Arbeiterz nr Grubenkontrolle bestimmt wird.
Bei einer Volksabstimmung in der Schweiz hat sich die Mehrheit t ü r das biel umkämpfte Abs int h - verbot entschieden, das in Frankreich von allen Physiologen und Hygienikern schon seit Jahren gefordert wird. Auch von ihnen wird der Absinthgenuß als eine öffentliche Gefahr betrachtet, von der sich das Schweizervolk jetzt glücklich befreit hat.
Volttischr Kbrrstcht.
Die Blockpolitik mrd die Feeismttigert.
Der freisinnige Reichstagsabgeordnete Schräder veröffentlicht in der „Lib. Korresp." einen Artikel, der sich über die Situation der Blockpolitik ausläßt und zu dem Eraebnis konnnt, von allen Voraussetzungen der Blockpolitik sei nichts erfüllt mit Ausnahme des Vereinsgesetzes. Dann heißt es weiter:
„Die Frage ist wohl berechtigt, ob, wenn man im Anfang des Jahres 1907 gewußt hätte, was heute sest- steht, irgend welche Aussicht auf eine Unterstützung der Politik, wie sie sich jetzt darstellt, durch Freisinnige vorhanden gewesen wäre.
Aber nun kommt doch die große patriotische Aufgabe- der Refor m der Reich ssinanzen. Mögen die Dinge auch sonst sein wie sie wollen, dieser Ausgabe können sich doch die Freisinnigen nicht entziehen? Gewiß nicht, wenn sie so gelöst wird, wie cs dem Interesse des Reichs entspricht. Dazu gehören aber zwei Voraus-, setzungen, von deren Erfüllung bis jetzt wenigstens nicht die Rede ist. Nämlich erstens die Sicherheit, daß sparsam gewirtschastet werden wird; es scheint nicht, daß daran gedacht wird, denn die Summe der geforderten Stenererhöhuna wird stets höher und höher; man muß also wohl sehr große Ausgaben im Sinne haben. Zweitens aber eine solche Ausbringung der Steuern daß dadurch Produktion und Verkehr und der Verbrauch der unteren und mittleren Klassen nicht von neuem belastet wird, die wohlhabenderen Klassen nicht freigelassen werden. Die Schutzzollpolitik legt jetzt schon, ohne der Staatskasse Geld zu bringen, der großen Menge der Bevölkerung die schwersten Opfer aus und vermindert ihre Steuer-
„Nein", erwiderte ich.
In diesem Augenblick wurde mein Arm sanft gelöst. Ich hatte das Mitleid reden lassen und war im Begriff, dem jugendlichen Dieb einige Fragen vorzulegen, um mir Klarheit über seine Handlungsweise zu verschaffen. Plötzlich wandelte sich indes mein Gefühl, und eitel Empörung ergriff mich. Er war ruhig neben mir stehen geblieben. Seine Lippen bewegten sich, sprechen koiinte er nicht. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Mit kaum hörbarer Stimme, in derenTon mein voller Abscheu, meine tiefste Verachtung lag, sagte ich ihm auf Englisch: „Machen Sie, daß sie wegkonimen, Sie Schuft!"
Er erwiderte nichts. Nur eine dunkelrote Blun Welle ergoß sich über sein bleiches Gesicht und Tränen traten ihm in die Augen. Langsam wandte er sich und verschwand in der Menge. Aus welch abschüssige Bahn mochte er sich begeben? Ich hatte das Gefühl, als müsse ich ihm folgen und ihm eine Beichte abnehmen. Ich unterließ auch das. Wo hätte ich ihn auch suchen sollen? Haben Sie jemals erfahren, was es heißt, jemandes Verhängnis gewesen zu sein? Wenn nicht, so wird es mir schwer, Ihnen zu erklären, eine wie große Rolle dieser Vorgang in meinem Gemütsleben spielte. Immer wieder trat das geängstigte Jünglingsantlitz vor meinen Geist. Am Ende hatte ich ihn, ohne meine Schuld freilich, in irgend eine bestimmte Bahn geschleudert. Er war noch ein halbes Kind. Was mochte ihn zu diesem bösen Schritt bewogen haben? Warum hatte er gerade mich zu seinein Opfer ausersehen? Hatte er den Amerikaner in mir erkannt und auf die Nachsicht des Landsmannes gerechnet? Abwechselnd fiel ich den widersprechendsten Gefühlen anheim. Bald rechtfertigte, bald verurteilte ich mein Verfahren gegen ihn. Eine Frage drängte sich mar stets wieder auf. Wenn 'dies sein erster Diebstahl war, w geriet er durch diesen ersten Schritt wahrscheinlich
