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N«. 324.
Wiesbaden, Dienstags 14. Juli 1808.
86. Jahrgang.
Kbend-Ausgabe.
1. Matt.
Me Wtendebstte im englischen Wierhüns.
W.T.B. London, 13. Juli.
In der Diskussion über das Schiffsbaubudget in der heutigen Sitzung des Unterhauses kritisierte Lee das Flottenprogramm der Regierung als unzulänglich und stellte ihm das Programm Deutschlands gegenüber. Er erklärte, im Herbst 1912 werde Deutschland 17 Schiffe der „Dreadnought"- und der „Jn- flexible"-Klasse haben, während England nnr 12 besitzen werde. Bezüglich der Zwistigkeiten innerhalb der Marine bemerkte der Redner, jedermann hege das Vertrauen, daß die Regierung sich dieser ernsten Angelegenheit gewachsen zeigen werde, daß sie sie mit Takt, Unparteilichkeit und Festigkeit behandeln werde. (Beifall.)
Der ersteLord derAdmiralität McKenna bemerkte, er glaube nicht, daß das Haus Ursache habe, über die „D r e a d n o u g h t" - F r a g e in Unruhe zu geraten. In diesem Augenblick seien in Deutschland fünf große Schiffe auf Stapel gelegt, während England zehn beinahe fertig gestellt habe. Im Juni 1911 werde England acht „Dreadnoughts" und vier Kreuzer haben, während Deutschland sieben Schiffe vom „Dreadnought"- und zwei vom „Jnflexible"-Typ besitzen werde, vorausgesetzt, daß es sein Programm in der von ihm selbst fixierten außerordentlich kurzen Zeit zur Ausführung bringen werde, worüber man jedoch, wie er bemerken möchte, auf feiten Deutschlands zu nicht allzu sanguinischen Hoffnungen berechtigt sei. McKenna fuhr in seiner Rede mit der Bemerkung fort, seine Kritik, die die Situation vom Jahre 1912 ins Auge fasse, habe mit dem Programm des gegenwärtigen Jahres nichts zu tun. In Ausführung dieses Programms batte sich England nur zu versichern, daß Deutschland nicht schneller bauen könne als Großbritannien und daß nach dem Programm des laufenden Jahres Großbritannien Mitte 1911 Deutschland überholt haben werde. Es sei unmöglich, die Tatsache außer acht zu lassen, daß England durch die „Dreadnought" eine beträchtliche Überlegenheit gewonnen habe und es dürfe behauptet werden, daß die Existenz der „Dreadnought" alle anderen Arten von Kriegsschiffen zu vernachlässigen gestatte. Die große Überlegenheit, die England in den älteren Schiffstypen besitze, und die 12 „Dreadnoughts" und „Inflexibles" gegenüber neun auf seiten Deutschlands verbürgen England vollkommene Sicherheit im Jahre 1911. Diese unbedingte Sicherheit sei eine Lebensfrage für Großbritannien, aber darüber hinauszugehen, wäre nichts als Verschwendung. Im nächsten Jahre würde die Regierung in der Lage sein, die Fortschritte im Schiffsbau anderer Staaten zu berücksichtigen und aus Stapel zu legen, was notwendig sein werde, nicht mehr . und nicht weniger, um England im Jahre 1912 seine Sicher- heit zu verbürgen. Redner schloß, indem er auf den kürznchen Zwischenfall innerhalb der Marine zu reden kam, sprach Lee für das der Regierung entgegengebrachte Vertrauen seinen Dank ans und versicherte, daß es das Bestreben der Regierung sein werde, Differenzen, die etwa bestehen sollten, auszugleichen. Es scheine ihm, daß diese Differenzen in der Presse stark übertrieben worden seien. So weit sie die Admiralität beträfen, beruhten sie jedenfalls auf unerwisfenen Gerüchten. Auch glaube er, daß drrrch sie schon zu einer befriedigenderen Gestaltung der Dinge Veranlassung gegeben würde. (Beifall.)
Der Abgeordnete Wyndham meinte, aus McKennas Erklärungen könne der Schluß gezogen werden, daß eine st a r k e V e r in e h r u ng der F l o t t e n - Ausgaben für die nächsten zwei Jahre stattfinden niüsse.
Der Parlamentssekretär der Admiralität Namara, der über die gegenwärtig stattfindenden Flottenmanöver berichtete, betonte, die Art, wie 317 Kriegsschiffe mobilisiert wurden, habe die Energie gezeigt, init welcher ^ die Schiffswerften die Jn.stand- setzungsarbeiten ausführten. Was die großen Schiffe betreffe, so stehe England auf lange Zeit hinaus an der Spitze und werde voraussichtlich an der Spitze bleiben. Namara schloß mit der wiederholten Versicherung, daß die Regierung entschlossen sei, die u n - äntastbare Vorhcrrichaft Englands zur Sec aufrecht zu erhalten.
Nach weiteren Debatten, in deren Verlaufe verschiedene Dinge zur Sprache gelangten, kam McKenna von neuem auf die Debatte über das Schiffsbauprogramm zurück und bemerkte, daß dabei wiederholt Vergleiche mit dem Deutschen Reichs gezogen worden seien. Er habe den Wunsch, zu erklären, daß in Vergleichen dieser Art eine feindselige Ge.
s i n n u n g gegen Deutschland nicht zu erblicken sei, und daß ihnen auch nicht die Annahme zugrunde liege, daß es während dieses laufenden oder während eines zukünftigen Programmes zu Feindseligkeiten kommen werde. (Beifall.) Das deutsche Flottenprogramm werde nur zum Vergleich herangezogen, um ^für die eigenen Fortschritte im Schiffsbau einen Maßstab zu haben. Sodann gelangte das Schiffsbaubudget zur Annahme. _ __
Politische Kberstcht.
Z«v Segcgnrmg Kaiser Wilhelms mit der englischer» Flotte.
Dt. A. Kopenhagen, 12. Juli.
Als in England bekannt geworden war, daß Kaiser Wilhelm auf seiner Jacht „Hohenzollern" durch die Linie der unterhalb Skagens vor Anker liegenden englischen Flotte passiert war, langten sofort bei den Kopenhagener Korrespondenten der größten englischen Blätter zahlreiche Anfragen aus England mit der Bitte um detailliertere Mitteilungen über diese Episode an. Während nun in Deutschland die Sache so dargeistellt wird, als üb es sich bei der Begegnung um einen reinen Zufall gehandelt Hätte, der sehr leicht «habe eintreffen können, weil das Kaiserschiff auf dem Wege von Oeresund nach der norwegischen Westküste Skagen habe passieren müssen, und die englische Flotte bei Skagen auf der Route der „Hohenzollern" gelegen habe, sind die Anfragen, die bei den englischen Korrespondenten in Kopenhagen ein-, getroffen sind, von diesen in Übereinstimmung mit der in Dänemark Herrschenden Auffassung der ganzen Angelegenheit dahin beantwortet worden, daß die Wahr- scheiNlicheit gegen eine rein zufällige Begegnung und dafür spreche, daß der Kaiser die englische Flotte vorsätzlich ausgesucht habe. Diese Erklärung wird damit begründet, daß das Kaiserschiff sehr wohl mit der Signalstation auf Grcnau bei Skagen in Verbindung hätte kommen können, ohne mit der englischen Flotte in Ve- rührung zu kommen: tatsächlich lag die englische Flotte — und dies spricht allerdings, wenigstens auf den ersten Blick, gegen die Annahme eines Zufalls —, ein gutes Stück südlich Magens, in der Aalbank-Bucht, vor Anker, also nicht auf der Route der „Hohenzollern". Nach der Darstellung eines englischen Seeoffiziers, die soeben in Kopenhagen bekannt wird, sei nach den Manövern des Kaiserschiffs die Annahme, daß der Kaiser durch die Begegnung mit der englischen Flotte überrascht worden sei, völlig ausigeschlossen: vielmehr habe „Hohenzollern" die englische Flotte überrascht, und auf dem Admiralsschiff habe man sich beeilen müssen, das Salutieren und die Paradeanfstellung der Mannschaften vorzubereiten. Das Kaiserschiff sei dicht an „Hindustan" vorüberpassiert, zwischen der dritten und vierten Division der Flotte, habe hieraus den Kurs bis dicht an das Flaggschiff des Admirals Beresford heran gesetzt, worauf auch die übrigen Flaggschiffe passiert seien: sodann sei das Kaiserschiff von der Bildfläche verschwunden. Der Kaiser habe die ganze Zeit auf der Kommandobrücke gestanden und habe jedesmal gegrüßt, als die Cheers der englischen Matrosen zu ihm hcrübergedröhnt hätten. — Welche Annahme ist aber nun die richtige?
Ist« ^Mntsr'L« juillet.
In Fra n k r e i ch wird heute das Nationalfest der französischen Republik mit dem üblichen Glanz gefeiert werden. Dieses Fest mit der großen Parade aus dem Lonqchamp bei Paris, einem Riescnplatz, auf welchem auch"die 30 000 Deutschen am 1. März 1871 vor dem Einzug in Paris in Parade standen, wird kurz „ls quatorze juillet," genannt. Auf die ehemaligen französischen Landesteile Elsaß-Lothringens übt dieser ll. Juli stets eine große Anziehungskraft aus. Alle nach Frankreich fahrenden Züge sind an diesem Tage und schon vorher dicht besetzt und die französischen Bahnen fördern ziel- bewußt jenes Anhänglichkeitsgefühl durch Gewährung stark ermäßigter Fahrpreise. Viele, welche sich auch äußerlich als „Franzosen" zeigen wollen, dies ans Gründen persönlichen Interesses aber nicht merken lassen dürfen, benutzen die Nachtzüge, die unvermeidlichen „gstres" (Gamaschen) und weiße Hosen vorsorglich cin- gepackt. Man ist dann ungeniert „unter sich" und darf, was in Elsaß-Lothringen verboten ist, nach Herzenslust „Vive la France!" schreien. Auch viele Altdeutsche aus den Reichslanden, und namentlich zahlreiche Offiziere aus den Grcnzgarnisoncn in Elsaß-Lothringen, „en pivil", wie gesagt wird, benutzen die Gelegenheit zur Wahrnehmung der militärischen Paraden in Nancy, Lunöville, Tont, Verdun, St. Die und Vclfort. In den ersten Jahrzehnten nach der Annexion wurde deutscherseits eine rege Kontrolle dieser „Gefühlsreisen" beobachtet, und manchem, der sich trotz seiner Beamtcn- stellwng, die er in den Reichs'lanbcn bekleidete, „drüben" mit der Trikolore schmückte und vergaß, sie vor der Rückkehr abzulcgen, wurde ein Strick daraus gedreht. Heuer siebt man deutscherseits mit nonchalanter Noblesse dar
über Hinweg, zur „Schonung berechtigter Gefühle", wie das SHlagwort heißt. Daß die Altdeutschen in Elsaß- Lothringen auch Anspruch auf solche Schonung haben, wird kühl ignoriert. In Frankreich selbst hat die Feier des „quatorze juillet" seit dem großen Kirchenstreite merklich nachgelassen.
E i n A u s st i e g d e r „Republiqu «e".
Von «einem Mitarbeiter aus Paris wird uns geschrieben, daß bei der heutigen Parade auf dem Long- champ dem Aufstieg des neuen lenLbaren Luftschiffes „Rspubligu-e" mit besonderem Interesse seitens aller Schichten der Bevölkerung entgegengesehen wird. Die Militärverwaltung hat eine besondere Sch leisen- fahrt über «den Häuptern der Zuschauer angekündigt und damit die Erwartungen ans das höchste gespannt, zumal man die phänomenalen Erfolge Zeppelins in Paris vielleicht ebenso eifrig bespricht wie im Vaterland« des genialen Aeronauten. Wie man hört, vergleicht man die „Rspubligue" «etwa mit dem Parfevalschen Luftschiff, bezüglich mit dem Militärballon des Majors Groß, und gibt sich daher auch nicht Illusionen hin, mit dem Zeppe- linlscherr Ballon irgendwie in Konkurrenz treten zu können. Sehr interessant sür alle Militärs sind übrigens die Bestimmungen des Militärgonverneurs von Paris über «die Stärke, in der die Jnfanteriekompagnien zur Truppenschau am 14. d. M. erscheinen sollen. Es ergibt sich aus ihnen, daß der MannsHaftsstand der Pariser Infanterie-Regimenter «ein ausfallend geringer ist. Es sollen nämlich alle Jnfanteriekompagnien zu nur 40 Rotten erscheinen, was einer Stärke von 80 Mann pro Kompagnie entsprechen würde. Dies würde noch an- getzstn. Wesentlich anders stellt sich aber die Sachlage, da befohlen wurde, «daß jedes Regiment zwei Bataillone zu je 4 Kompagnien formieren mutz. Es läßt sich hieraus ersehen, daß jedes Regiment nnr über 640 Leute verfügt (ohne Unteroffiziere), «die zur Parade erscheinen können. Der knappe Mannschaftsstand wird übrigens am «besten dadurch illustriert, daß nach den Bestimmungen das zweite Bataillon «eventuell nur mit zwei Komhagnien in der Front stehen «darf. ivk.
Gras Zeppelins Mgße Fahrt.
Fricdrichshafe«, 13. Juli. Graf Zeppelin versammelte heute abend im „Dcutsch«en Haus", seinem Hauptquartier, wie stets am Vorabend neuer Versuchsfahrten, den Kreis seiner alten getreuen Mitarbeiter und Gäste. An das gemeinsame Mahl schloß sich, wie die „Franks. Ztg." meldet, eine Art von Paroleausgabe. Für die große Fahrt ist die genaue Strecke noch nicht vorher- zusagen, doch geht sie sehr wahrscheinlich über Schaffhausen, Basel, Stratzburg, Mannheim und Mainz und über Stuttgart zurück nach Konstanz und wieder hierher. Graf Zeppelin ist außerordentlich zuversichtlich, obwohl Regen natürlich einen erschwerenden Umstand gerade bei großer Fahrt bedeuten würde. Er unterhielt sich noch angeregt und lebhaft wie immer mit seinen Gästen. Zugegen waren u. a. seine Tochter Gräfin Hella, sein Neffe Graf Ferdinand und dessen Gattin, Reichskommissar Lewald, Geheimrat Hergesell, . der alte Freund des Grafen, Ingenieur Gradenwitz, Dr. Hugo Eckencr, Major Hesse vom Generalstab, Kapitän Mischke vom Retchsmarineamt, Major Groß (der Konstrukteur des Reichsmilitärluftschiffs, also sozusagen „dieKonknrrenz"), Major Sperling vom Luftschifferbataillon, Major Lehmann von -den Berkehrstrnppen, Professor Aßmann- Lindenberg, einer der führenden deutschen Meteorologen, auch ein österreichischer Genieoffizier und mehrere jüngere Offiziere vom Luftschifferbataillon. Von den Genannten werden voraussichtlich folgende die Fernfahrt rnitrnachen: Hergesell ccks Reichskommissar, Mischte für das Marineamt, Sperling und Hauptmann v. Jena für das Kriegsministerium, außerdem der Graf Zeppelin als Führer, 'sein Neffe, sowie Baron Bassus-München als „Aeronauten", Oberingenienr Duerr, sowie die alten erprobten -Steuerleute und Monteure, letztere irr doppelter Besetzung. Insgesamt wird also das Luftschiff wahrscheinlich 18 Personen an Bord haben.
bck. Friedrichshafen, 14. Juli. Nach den Unwettern, die irr d«en letzten 24 Stunden in Snödcutfchlanö nied«er- gegangcn sind, erscheinen die Wetteraussichten für die heutige Fern - und Dauerfahrt des Zeppelinschcn Luftschiffes durchaus g ü n st i g. Ohne noch eine Probefahrt zu unternehmen, fährt das Luftschiff mit der Gas- süllnng heute n ach m i t t a g 1 Uhr ab. Der deutsch« K r o n prinz wird wahrscheinlich, von Bregenz kommend, zu der Abfahrt eintreffen.
Mannheim, 14. Juli. (Eigener Dvcchibericht.) Soeben ist aus Fricdrichshafen vom Nachrichtenbureau folgende von Geheimrat Lewald Unterzeichnete Depesche eingelaufen: „E r st e r T a g Aufstieg d e s Z e p p e l i n - scheu Luftschiffes 14. Juli."
wb. Mannheim, 14. Juli. Das gestern zufammenge- tvetene Komitee hat, wie di« „Neue «Bad. Landesztg/
