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Nr. 321 .

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Abseits -er Öffentlichkeit.

Mit Staunen hat man den Brief des Fürsten Dohna-Schlobitten an den Fürsten Eulenburg gelesen, und in dies Staunen mischte sich unwilliges Befremden darüber, daß irgendwer (zunächst wußte man nicht wer) den Augenblick, wo Fürst Enlenburg sich gegen diesen Streich nicht verteidigen kann, dazu benutzt, ihm solchen tödlichen Stotz zu versetzen. Ritterlich war das nicht. Auch wer den gestürzten Mann, der jetzt in Moabit der Stunde seiner Vernichtung entgcgensieht, nach Gebühr beurteilt nnd verurteilt (und wer tut das nicht?), der mutzte bei der Veröffentlichung des Briefes das Gefühl haben, daß hier die Grenzeil über­schritten seien, innerhalb deren sich persönliche Gegen­sätze und Kämpfe abzuspielen haben. ., Jetzt hat, wie man weiß, der süddeutsche Volksparteiler und Reichs­lagsabgeordnete Hautzmann, Rechtsbeistand der mit hineingezogenen Frau Bach, der Schwägerin des früheren Hofschauspielers Theodor Döring, eine Gegenerklärung erlassen, wonach die Sache sich doch wesentlich anders Larstellt, als es nach dem Brief des Fürsten Dohna den Anscheiir hatte. Aus der Erklärung Haußmanns erfährt man wiederholt (eine Mitteilung gleichen Inhalts hatte Hautzmann schon früher ver­öffentlicht), daß Frau Bach den Fürsten Eulenburg wohlmeinend gebeten hatte, seinen Jugendfreund, den Grasen Hochberg, auf die gespannten Berliner Theaterverhältnisse freundschaftlich aufmerksam zu machen. Sie durfte eine solche Bitte aussprechen; denn sie hatte während einer langen Reihe von Jahren als Dörings Schwägerin ein tiefgehendes, geschärftes Interesse für das Berliner Schauspielhaus und sie be­saß die Verehrung und das Vertrauen einsichtiger

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FerMeton.

(Nachdruck «ervoielrl

Niemals.

Novelle von Hedwig Nicolay.

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Baronin Jutta faß auf dem Balkon ihrer eleganten Hotelwohnung und träumte in die Mittagsluft hinein. Auf ihrem Schoß lag ein Blumenstrauß. Sie sog den Duft ein, der sie heute wie eine sinnberanschende Er­innerung umschmeichelte.

Die schöne Frau träumte, und plötzlich nahmen ihre Träume Gestalt und Leben an. Sie hörte Worte, die sie nie wieder zu vernehmen geglaubt hatte, und wundersame Bilder stiegen vor ihrer Seele auf umhaucht von Rosenduft .....

Zeit, Ort nnd Stunde entschwanden ihr . ... .

Königin der Rosen, ich grüße dich!"

Ein duftiger Blumenregcn, ein elastischer Sprung über die Hecke, drei rasche Schritte über den Weg, und der Sprecher lag vor dem schönen Mäd­chen auf den Knien.

Aber Heinz, wenn uns nun jemand sieht!"

Er sprang aus, umfaßte und küßte sie stürmisch, bis sie sich heftig von ihm losriß.

Jutta, du Süße, stoße mich nicht von dir!"

Doch, Strafe mutz sein!" ries sie;der Überfall war gar zu heftig."

Strafe", entgegnete er weich,ach, ich habe sie schon im voraus erhalten. Komm", setzte er auf ihren fragenden Blick hinzu,dort drüben will ich es dir erklären."

Sie sammelten die Rosen auf und ließen sich dann am Parkweiher aus einer Moosbank nieder.

Ich komme, um Abschied von dir zu nehmen, mein Lieb"., tzgllte Heinz, nachdem er eine Weile dem Hüpfen

Wiesbaden, Sonntag, 12. Juli 1908.

Theatermitglieder und Theaterkenner, Nach Hauß- mann bleibt es also dabei: Wenn Fürst Eulenburg

damals dem Grafen Hochberg vertraulich mitteilte, jene Dame habe wohlmeinende und ernste Besorgnisse geäußert, so war diese Mitteilung keine intrigante Verlogenheit", sondern eine aufrichtige Wahrheit. So der Stuttgarter Anwalt, der weiterhin die Vermutung äußert, daß der betreffende, gegen den Fürsten Eulen­burg gerichtete Artikel derDresdenor Nachrichten" von Harden verfaßt worden sei, dem hiernach neuer­dings die privaten Urkunden des Grafen Hochberg nnd des Fürsten Dohna-Schlobitten zur Verfügung zu. stehen schienen, was dem Angriff einen pikanten Schein von hochadliger Autorität verleihe. Diese Vermutung Haußmanns wird nun aber sofort in bemerkenswerter Weise durch eine Gegenerklärung Hardens zerstört, der ans Anfrage desTagblatts" versichert, er habe die Artikel derDresd. Nachr." erst gesehen, als sie ihm durch Eilbrief zugeschickt wurden, sie seien von Anfang bis zu Ende vom Chefredakteur des Dresdener Blattes, Wolfs, verfaßt, dem Graf Hochberg einen Be­such gemacht und alles Material übergeben habe.

Dies der Tatbestand der Affäre Eulenburg-Pierson- Hochberg-Dohna. Man muß vier Namen hinsetzen, was die Sache zwar nicht verschönt, aber verdeutlicht, und zwar verdeutlicht gerade dadurch, daß auf diese Weise ihre komplizierte Verschlungenheit gezeigt wird. Die Versicherung Hardens wirkt überraschend und auf­klärend. Wir erfahren aus ihr, daß Graf Bolko Hochberg es gewesen ist, der in denDresd. Nachr." eine Mine gegen den Fürsten Eulenburg zu der Zeit legte, wo dieser wehrlos war. Wir erfahren ferner aus den Angaben Haußmanns, daß Fürst Enlenburg seine Pflicht getan hatte, als er aus die Warnungen und das Ersuchen einer ernst zu nehmenden Persön­lichkeit, eben der Frau Bach, den Generalintendanten auf vermeintliche Unregelmäßigkeiten in der Ver­waltung der Königlichen Schauspiele aufmerksam machte. Wenn die vom Grasen Hochberg alsbald an- gcstelltcn Ermittelungen die Grundlosigkeit der um­laufenden Gerüchte ergaben, so kann. das jeden ver­ständigen und anständigen Menschen im Interesse des verstorbenen Geheimrats Pierson und seines An­denkens nur aufrichtig freuen; aber wo hier die angeb­liche moralische Verfehlung des Fürsten Eulenburg liegen soll, das sehen wir nicht, und wenn Fürst Dohna ihn mit den bekannten Kernworten überfiel, so kann man sich freilich darüber wundern, daß der Liebenberger diese groben Beleidigungen aus sich sitzen ließ, voraus­gesetzt, daß er es getan hat, was ja unbekannt geblieben ist, aber es ist in keiner Weise nachgewiesen, daß Fürst Dohna angemessen unterrichtet war, als er seinen Brief schrieb. Wofern Hardens Behauptung zutrisft, daß Graf Hochberg die Artikel derDresd. Nachr." veranlaßt habe, kann man das Urteil über den frühe­ren Generalintendanten allen überlassen, die solche

der Sonnenfunken auf dcrn Wasserspiegel zugeschaut hatte.

Abschied?" fuhr Jutta erschreckt auf.

Nur für kurze Zeit!" Er zog sie beruhigend in seine Arme.Wenn ich wiederkomme, wird aus meiner Rosensee eine ehrbare, kleine Oberförstersfrau."

Es war wie heimlicher Jubel in seiner Stimme.

Jutta nickte lächelnd und lehnte ihr blondes Haupt an seine Schulter. Beide versanken in Schweigen. Es war wie eine traumhafte Seligkeit in ihrer Versnnken- heit. Den Mann schien dieser Augenblick stummen Glückes zu überwältigen.

Im Antlitz der Tochter des Barons v. Nohland in­des stand etwas, das mit dein Lächeln und Nicken von zuvor nicht recht harmonierte. Wie ein Fisch in woh- ligcr Flut hatte sie bisher in ihrer jungen Liebe ge­plätschert; aber nun es galt, sich häuslich darin einzu­richten, siel ihr mit einem Mal mancherlei ein, woran sie zuletzt nicht mehr gedacht hatte.

Heinz hatte ihr wohl ans den ersten Blick gefallen; seine Gestalt glich einem schlanken Waldbaum, nnd die grüne Uniform paßte gut zu seinem offenen Gesicht mit den sinnenden braunen Augen. Aber er war nur ein einfacher Försterssohn, der sich allerdings für die höhere Fonstkarriere vorbereitet hatte.

War das nun die Erfüllung der Wünsche, die wie eine bunte, tückische Flut in ihrem Haupt gewogt hatte?

Es kamen ihr plötzlich Bedenken, ob es nicht unrecht sei, die Perlen ihrer Adclskrono unter einem schlichten Jägerhut verbergen zu niüsicn. Frau Schulz sollte sie heißen, und mit dicscnl simpeln bürgerlichen Grau würde ihr Gatte später alle ihre Wappenherrlichkeit zudccken. Sie vergaß im Augenblick, daß sie noch vor kurzem, wenn ihr Vater sich unsichtbar machte, dessen Gläubiger Ijatte beschwichtigen müssen, bevor ein Vetter sich bereit finden ließ, ihm, dem bankrotten Guts­besitzer, die Verwaltung einer seiner Herrschasren zu

5«. Jahrgang.

Dinge nach den in der guten Gesellschaft geltenden Grundsätzen zu werten pflegen. . Die Angelegenheit bei kommt jedenfalls von dieser Seite her eine Bedeutung besonderer Art. Es wird der deutschen Welt vor Augen geführt, wie es in Kreisen zugeht, die sich selber eine Ausnahmestellung nicht bloß in sozialer Hinsicht zuschreiben, und diese Affäre ist so­mit eigentlich noch lehrreicher, als der gegenwärtige; Prozeß selber. Denn bei dem Prozeß handelt es sich um Abnormitäten, bei jenen Vorgängen und Femd- schaften aber gewissermaßen um normale Dinge. Was soll man ferner dazu sagen, daß Fürst Dohnas Schlobitten, wie es zweifellos doch geschehen ist, auch weiterhin, trotz seines Brieses an den Liebcnberger, gesellschaftlich und auf dem höfischen Parkett' nnt rhnt verkehrt hat? Was soll man dazu sagen, daß von allen beteiligten Personen dem Kaiser gegenüber Schweigen über die Angelegenheit beobachtet wurde? Man hört und sieht und staunt. Man nimmt ivahr, daß sich abseits der Öffentlichkeit Zustandq etablieren und erhalten können, die in der bürgerliches Welt so jedenfalls nicht möglich wären. Die Nutz, anwendung mag jeder selber ziehen.

Politische Kbrrstcht.

Uversgegehrne Ittteiimtronalrtiit.

L. Berlin, 11. Juli.

Wieder scheint die Sozialdemokratie ein Stück ihres alten Grundanschauungen Preisgeben zu wollen. Bio^ her hatte die Partei gegen die Heranziehung stmslan, bischer Arbeiter durch deutsche Unternehmer nichts ein- zuwenüen. Sie stützte sich bei dieser Haltung ans ihr Prinzip der Jnternationalität und begnügte sich damit/ gegen eine geringere Bezahlung der.ausländischen Ar­beiter zu protestieren. Lediglich aus diesem Gesichts- punkte der Lohndrückevei und nur da, wo eine solche stattfand, hat die Sozialdemokratie seither gegen die Aus­länder Front gemacht. Jetzt aber protestieren dis Sozialdemokraten im Nuhrrevier überhaupt gegen die Beschäftigung von Ausländern, und das svzialdcmo-' kratlsche Blatt in Dortmund, sonst ein engerer Bundes­genosse derLeipziger Volkszeitung", unterstützt diese stramm nationale Forderung der Genossen. Das dorttge Gewerkschaftskartell nahm den Antrag, eine Protestver- sammlung gegen die Verwendung ausländischer Arbeiter einzuberufen, einstimmig an. Dabei sind cs unentwegte Radikale, die diesen Beschluß gefaßt haben, das zeigen andere Vorgänge aus derselben Sitzung aufs deutlichste. Man verurteilte nämlich scharf dieschwuuglose" Be- Handlung der Maifeierfrage auf dem Hamburger Ge­werkschaftskongreß und (vielleicht hat der Punkt einiges Interesse) und wünschte eine Urabstimmung über diese Frage. Urabstimmungen haben im ganzen etwas für sich. Die Abstimmung erfolgt mit mehr Ruhe und

übergeben; sie vergaß, daß sie außer ihrer Schönheit nichts besaß, was sie zu irgend welchen Ansprüchen be­rechtigte.

Du wirst mich keinen Augenblick vergessen?" fragte der Mann wie in zärtlichem Bangen in ihr. Sinnen hinein.

In Juttas Augen lag der Abglanz reiner Kinder- Unschuld.Nein, Heinz, niemals!" versicherte sie mit innigem Stimmklang. > v)

Niemals ist ein großes Wort", meinte er mit einem in den Tiefen ihrer Seele forschenden Blick.Es heißt: in alle Ewigkeit nicht! Niemals dürfen sich unsere Gedanken voneinander entfernen; !vir würden sonst einem zerspaltenen Stern gleichen, dessen beide Hälften den Weltraum durchirren. Sich, Liebste, ich hätte dir noch so viel zu sagen; aber nur das eine ver­nimm: Risse uns das Leben auseinander, wir trügen eine große Wunde in der Brust, die niemals heilte. Wir gehören zusammen wie die Rose und ihr Duft!( Aber was rede ich denn", unterbrach er seine glühen- den Worte,halte ich dich nicht fest im Arm, dich, das schönste, das treueste Weib!"

Ja, Heinz", sagte Jutta mit lieblichem Lächeln, und wir wollen immer dieses Tcmes gedenken und jedes Jahr die erste Rose dem Gott der Liebe weihen."

Das wollen wir!" rief er mit verhaltener Be- wegung und sah sie mit strahlender Zuversicht an.Und wenn sich einst die letzte Rose verwelkend neigt, wer­den unsere Seelen sich als leuchtendes Doppclgestirrs aufschwingen in den ewigen Äther."

Des Mädchens Blicke hingen wie gebannt an ihm. Wie schön er war in seiner schwärmerischen Begeiste­rung!

In den Lüften erscholl Lerchenmbel, der ihnen mit eigentümlicher Gewalt durchs Herz drang.

Ein stürmisches Umarmen, ein letzter, flammender Kuß, noch ein Gelöbnis ewiger Treue. dann verließ er sie.