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Nr. 3VZ.

Wiesbaden, Freitag, 3. JE@8.

56. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Mosten zur MndülgZtKWUZ.

Die viertägige Session des neu gewählten Land­tags ist am Dienstag in ebenso einfacher Weise ge- schlossen worden, wie in der vergangenen Woche die Er­öffnung ohne besonderes Zeremoniell erfolgt war. Wie angekündigt, Hai sie außer den formalen Geschäften der Konstituierung durch die Annahme des Kirchen- umlagengesetzes lediglich eine Erhöhung der K i r ch e n st c u e r gebracht. Die evangelischen Landes­kirchen haben die Berechtigung erhalten, neue Umlagen in der Höhe von 3*4 Prozent zu erheben. Gegen das erwähnte Gesetz stimmten nur die Freisinnigen und die Sozialdemokraten, dr-e Annahme ist also mit sehr großer Mehrheit vor sich gegangen. Das Zentrum nimmt bekanntlich im Abgeordnetenhause niemals an Debatten teil, welche eine evangelisch-kirchliche Frage betreffen, so daß man nicht darüber unterrichtet ist, ob diese Partei mit den Maßnahmen der Regierung einverstanden war. Die letzte Sitzung der Zweiten Kammer am Dienstag war nur von ganz kurzer Dauer, ebenso die gemeinschaftliche Schlußsitzung, man hätte also sehr wohl bereits am Samstag die kurze Session schließen können. Aber Freisinnige und Sozialdemo­kraten waren dagegen, daß die drei Lesungen des Kirchenstcuergesetzes an einem Tage erledigt werden, und so war die Sitzung vom Dienstag am Montag war katholischer Feiertag notwendig geworden. D:e kurze Tagung brachte auch die ersten Auseinander­setzungen zwischen der neuen sozialdemokratischen Frak­tion und der Regierung, wie den Mehrheitsparteien. Es gab einen heißen Streit um den Terrorismus, der -bei den Landtagswahlen geübt wurde. An diesen Auseinandersetzungen beteiligten sich hauptsächlich der sozialdemokratische Abgeordnete Strobel, der als Redakteur desVorwärts" gewiß die nötige Sachkennt­nis hatte, ferner der Abgeordnete Wiemer von der frei­sinnigen Volkspartei, ein zwar noch junger, aber doch erfahrener Parlamentarier, und endlich Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben, von dem man längst weiß, daß er ein besonders scharfer Gegner der Sozialdemokratie ist. Ein freikonservatives Berliner Blatt, das schon häufiger mit der Politik dieses Sprechministers im Abgeordnetenhause nicht einverstanden war, kriti­sierte auch seine letzte Rede insofern, als es der Ansicht Ausdruck gab, daß sie gänzlich überflüssig gewesen sei. Das Blatt glaubt, daß der kleinen sozialdemokratischen Gruppe allzuviel Ehre angetan würde, wenn vom R> gierungstisch sofort auf die Rede irgend eines sozial­demokratischen Abgeordneten eine Antwort erfolge. Man wird abwarten müssen, ob die Herren Minister in Zukunft weniger auf die Reden von der äußersten

Linken reagieren werden, wie es neuerdings im Reichs­tag üblich geworden ist. Man weiß, daß eine Zeit! ng sowohl der Reichskanzler wie auch einzelne Ressort­minister stets sofort irgend einem sozialdemokratischen Abgeordneten geantwortet haben; so sind noch die wiederholten Redeschlachten zwischen Bülow und Bebel in aller Erinnerung; wie es heißt, haben die Mehr­heitsparteien auf den Reichskanzler dahin eingewirkt, daß er hauptsächlich bei den Etatsdebatten in erster Linie ihnen Rede und Antwort steht, sich dagegen dem Zentrum und den Sozialdemokraten gegenüber mehr Reserve auferlegt. Mit ihrem Antrag, dem in Festungs­haft sitzenden Dr. Liebknecht die Ausübung seines Mandats zu ermöglichen, sind seine Parteigenossen nicht durchgedrungen. Große Anstrengungen dazu haben sie allerdings nicht gemacht, vermutlich weil sie die Erfolglosigkeit eingesehen haben. Selbstverständlich wird im Oktober, wenn das Parlament zu seiner ersten wirklichen Tagung zusammentreten wird, dieser An­trag wiederkehren, ob mit mehr Erfolg, wird abzu­warten sein.

Auch das führende Zentrumsblatt am Rhein, die Cölnische Volkszeitung" schneidet die Frage an, ob es richtig war, daß auf jede Rede der herzlich unbe­deutenden neuen sozialdemokratischen Abgeordneten die preußischen Minister denn auch Herr Holle hat es am Dienstag getan gleich losgingen wie der Stier auf ein rotes Tuch. Mit preußischer Überforschheit und dem beliebten Schneid macht man die Sozioldemo- kraten sicher nicht tot. DieCölnische Volkszeitung" schreibt dazu denn auch sehr vernünftig:Eine

falsche Methode. Die sozialdemokratischen Land- tagsabgeordncten haben in der kurzen Session des neuen preußischen Landtags schon bekundet, daß sie da sind, und die Debatte konzentrierte sich um ihre Reden. Der bisherige Verlauf dieser Debatte, so kurz sie war, bietet Momente, die Bedenken an der Nützlichkeit d r Methode aufsteigen lassen, mit der man anscheinend von Regierungsseite der neuen sozialdemokratischenLandtags- fraktion zu begegnen gewillt ist. Der nicht immer wirk­same Spott, der verschiedentlich geübt worden ist, wsid ja Wohl verschwinden, wenn die Spötter sich einmal an die neuen Elemente des Parlaments gewöhnt haben. Skeptischer muß man dem Auftreten des Finanz­ministers v. Rheinbaben in der Samstagssitznng des Abgeordnetenhauses gegenüberstehen, der nach be­rühmtem Muster eine fulminante Sozialistenrede hielt und dadurch die Sozialdemokraten in den Mittelpunkt der Debatte rückte. Ganz überflüssigerweis e. Die Ausführungen des Abgeordneten Ströbcl, die der Herr Minister ausdrücklich als Grund seiner Rede an­gab, boten nichts Neues. Wir halten die Vehemenz, mit der die Negierung den Kampf gegen die Sozial­demokraten führen zu wollen scheint, für ganz ver­fehlt. Zunächst wird damit der neuen sozialdemo­

kratischen Fraktion ein Maß von A u f m e r k s a m - k e i t geschenkt, das nur geeignet ist, sozialdemokra­tisches S e l b st b e w u ß t s e i n zu heben; dann sollte sich die Negierung doch auch nicht verhehlen, daß wütende Sozialistentöterei der Sozialdemokratie keinen Abbruch tun kann. Diesen Sozialisten­reden würde der Erfolg um so sicherer versagt sein, als sie von einer Stelle ausgehen, die in der Vergangen­heit sehr vieles getan hat. wodurch sie nur Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie lieferte wir er­innern an die Wahlcechtsverweigerung und besonders an das Enteignungsgesetz. Es wäre zu wünschen, daß die Anzeichen, die zu diesen Schlüssen Anlaß geben, trügen." _

Komische Übersicht.

KtiMmnrrgerr nnb am

ösipprerchrscherr Dose.

Aus Jschler Hoskreisen wird uns geschrieben: Alle Jubiläumsfeierlichkeiten und prunkvollen Huldigungen sind nicht imstande gewesen, die gedrückte Stimmung zu beseitigen, die seit einiger Zeit in der Umgebung des Kaisers herrscht. Das Befinden des 78jährigen Monar- chen ist zwar verhältnismäßig recht befriedigend, aber er selbst hat sich gelegentlich seines Empfanges dahin geäußert, daß erfürchterlich übermüdet" sei und dringend der Erholung bedürfe. Seit wenigen Tagen weilt er nun in seinem Lieblingsschloß in Ischl, wo er während einiger Wochen völlige Ruhe haben wird. Man kann kaum fehl gehen, wenn man die jetzige Nachgiebigkeit gegen Ungarn mit dem durch das Befinden des Monarchen bedingten Ruhebedürs- nis erklärt., Gar oft wird sowohl der Kaiser wie seine nähere Umgebung durch die Feldzüge gegen die zere­moniellen Gesetze peinlich berührt, die bezwecken, die Fürstin Hohenberg nach und nach in eine den Erz­herzoginnen ebenbürtige Stelle zu bringen. Man macht in Hofkreisen gar keinen Hehl daraus, daß der oft über Regierungsmüdigkeit klagende Kaiser dem des öfteren vom Grafen Starnberg im Parlament ziemlich unverblümt ausgesprochenen Wunsche, der Träger der Krone möge seine Macht jüngeren Händen ander­trauen, nur deshalb keine Folge leiste, weil er schwere innere K ä m p f e unter seinem Nach­folger voraussehe. Dementsprechend ist der ganze Kaiserliche Hof in zwei deutlich zu unterscheidendeLager gespalten. Der nähere Anhang des Kaisers, darunter vornehmlich seine Töchter Erzherzogin Gisela, und Erzherzogin Marie Valerie, und deren Gatte Erzherzog Franz Salvator verkehren nur notgedrungen im Hause des Thronfolgers, dessen morganatische Gemahlin als Eindringling in die kaiserliche Familie betrachtet wird. Um die. Familie des Erzherzog-Thronfolgers scharen sich einige jüngere Prinzen. Wenn man sich auch in

FeuUleton.

(Nachdruck verboten.)

RoueN»

Französische Städtebilder von Karl Lahm, Paris.

Jüngst lud der Automobilclub de France zu einem Festbankett in seinem Palast auf dem Coneordien-Platz in Paris ein, wo man ausgezeichnet speist und von Lakaien in weihen Strümpfen und Handschuhen bedient wird. Dreihundert Herren im Frack sahen au den Tischen und hörten die obligaten Reden. Man war noch nicht beim Dessert angelangt, als die dreihundert Gäste sich ausnahmslos unwohl fühlten. Eine wahre Vergistungs- epidemie wurde von den Ärzten konstatiert, und arideren Tags noch lagen trotz der schnell verordneten Gegen­mittel sämtliche Automöbilfreunüc unter fürchterlichem Bauchgrimmen in ihren respektiven Betten. Das Attentat war von dem Canard a k Rouennaise verübt worden. Die Ente auf Rouener Art ist einer der von allen Gvur- mands gepriescnsten Leckerbissen. Die Ente wird erwürgt und ihr in den Adern gestautes Blut gibt ihr im Brat­enen den Wohlgeschmack,' bei einigermaßen warmer Witterung rächt sich die erwürgte Ente, indem sic schon wenige Stunden nach ihrem Tod ungenießbar wird. Ungezählte Franzosen sind ihr bereits zum Opfer ge­fallen: selbst die Pariser Journalisten, die dcmFestmahl im Automobileklub beiwohnten, erkrankten schwer, und das besagt genügend, wie gefährlich die Ente aus Rouen ist, da Journalisten jegliche Ente vertragen sollten.

Man mutz es aber dem Canard ä la Rouennaise lassen, daß er unendlich viel zum Ruhm seiner Batcr- siadt beigetragen hat: denn fragt man einen gebildeten Pariser über Rouen, dann wird er zuerst mit Zungcn- schnalzen der besagten Ente gedenken und auch hinzu­setzen, daß dort die besten Apfelbonbons der Welt kom­poniert werden, bat er eine literarische Ader, dann

erinnert er an die Geburt Flauberts und sieht die graziöse Gestalt der Madame Bovary vorüberschweben, vielleicht gar nennt er mit gähnendem Hinweis aus die Comodie Frangaise die beiden Corneilles, ist er historisch beschlagen, dann zitiert er die Verbrennung Jeanne d'Arcs, hat er künstlerische Liebhabereien, dann vergißt er nicht des bäurisch bunt dekorierten Porzellans, und bei rein geographischem Aderlaß versichert er, daß Rouen, wie Amiens, nordwärts zu finden sei, Amiens, die Stadt der berühmten Entcnpastcten und exquisiten Makronen.

Wer Paris besucht, sollte nicht versäumen, auch einen kleinen Abstecher nach Rouen zu machen. Von allen französischen Städten hat es am reinsten seinen mittel­alterlichen Charakter und buch einige Kleinodien der Renaissance-Architektur in vollkommenstem Zustand be­wahrt. Stil haben sie in den Gassen der Rouener Alt­stadt nur in den seltensten Füllen, aber bizarr sehen alle die Häuschen aus. So sehr sich schon die oft fünf Jahr­hunderte alten.Hotels" am Boden naherücken, jedes höhere Stockwerk springt weiter vor, wie bei einer um­gekehrten Treppe: die Dächer berühren sich beinahe und lassen weder Regen noch Licht zur Erde fallen. Von Hygiene hatten die alten Rouener keine Ahnung, dafür aber waren die Modernen so von ihrer Notwendigkeit durchdrungen, bah sie ganze Quartiere der Altstadt nieberreitzen ließen, um sie mit nüchternen Provinz- Boulevards und Plätzen zu besetzen. Erst in den letzten Jahren erwachte historischer Geist in der Munizipalität, und es wurde beschlossen, die alten Sehenswürdigkeiten nach Möglichkeit zu konservieren'. Glücklicherweise sind einige der seltsamsten Straßen ohne Korrektur erhalten, so die famose ruc Eau-de-Nobec, durch die sich halb ciu- kanalisiert das Flüßchen Robec hinzieht venezianische Reminiszenz: nach jedem Haus der rechtsseitigen Straßenfront führt ein Brückchen über das Wasser. Das kreuzförmig quer eingelegte Holzwerk in den alten Mauern, die verwitterten Steinskulpturen, die genial angesetztcn Wasserkäntel und Wandlaternen, das rostige

Eisengitter um den Kanal, dazu die behäbigen Händler, ein lebendigeres Stück Mittelalter ist selten in Frank­reich zu finden. Fragt man einen der die Zigarette rauchenden Bürger, die unter Türen stehen, die so schmal sind, daß man sich seitwärts in den nicht breiteren Flur schieben muß:He, guter Mann, wie bringt man denn hier die Möbel Hinauf?", dann deutet er nach einem Flaschenzug, der vom Dach herunterhängt) die guten Leute ziehen ihre Möbel durch die Fenster! Die rne Saint-Romain darf sich der ältesten Bauten rühmen,' man weiß nicht, ob bas Holzwerk die zerbröckelten Steine oder die Steine das mürbe Holzwerk zusammen halten. Wie die Balken in die Mauern gelegt sind, ist wunder­bar. Ost ganz grotesk krumm geschnittene tragen die voripringenüen Fenstergesimse. Die Zierde der rne Saint-Romain ist die Haute-Bieille-Tour, ein Denkmal mit vielen Türmchen zu Ehren des Heil. Romain. Dicht daneben ist die Place de la Hante-Vielle-Tvur, wo seit 1260 zwei eiserne Hallen stehen, die früher denRouen- neries", den berühmten Rouener Wollentuchen, später, wie heute noch, dem Fisch- und Buttermarkt dienten. Jeder Fleck Erde eine historische Erinnerung. Hier die rue Grand-Pont mit dem Thöstre des Arts, dessen Bühne genau die Stelle, einnimmt, wo Jeanne d'Arc den Scheiterhaufen bestieg. . .

Dieselbe Straße birgt einen koketten Ban: das ehe­malige Bureau des Finances, heute ein Museum: 1810 ließ es Roland Leroux, einer der größten Baumeister Frankreichs erstehen. Zwei Fassaden voll zierlicher Kronenmedaillons, Nischen mit schlanken Piloncn, um- woben von Arabesken. Als Staatsgebäude ist dieses Museum natürlich in geradezu skandalöser Weise mit Bekanntmachungen und Wahlplakaien überklebt. Aus der Place de la Pucelle d'Orleans steht ein noch be­achtenswerteres Renaissancegcbäude, das Hotel de Bonrg- theroulde, das 1846 errtstanö und von einem kunstsinnigen geistlichen Herrn außen rrrid innen in ein Schmuck­kästchen verwandelt wurde. Zwei recht gut den alten