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Nr. 299.
Wiesbaden, Dienstag, SO. Juni *908.
56. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt.
§ritr öcrs 3. QuavfaC 1908
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Eine Meinung zur Fuge.
Das deutsche Volk hört m diesen Tagen (nach der Zusammenkunft von Reval, nach der Döberitzer Kaiserrede und nach der Regattarede des Kaisers) so viel Ernstes, Drohendes, Schweres und Zukunststrächtiges, daß es aus dem Ernst und der Schwere am Ende gar nicht mehr den Ausweg findet. So ist man denn ordentlich froh, aus Meinungen zu stoßen, die der Weltlage ungleich freundlichere Seiten abgewinnen. Wir wollen uns hier nicht auf ein langwieriges Für und Wider einlassen, wir möchten vielmehr den Optimismus, der darum noch lange nicht Leichtfertigkeit bc- deutet, selber reden lassen. Auf alle Fälle kann es nur gut tun, wenn nian sich kaltes Blut bewahrt und die Dinge einmal sozusagen von der Gegenseite her betrachtet. Dies Amt übt Dr. Theodor Barth aus, der in dem demnächst erscheinenden, uns freundlicherweise schon vorher überlassenen Hefte der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischer) u. a. folgendes schreibt: „Man
würde weit über das Ziel hinausschießen, wenn man der diplomatischen Klugheit des englischen Königs Zauberkräfte zuschreiben wollte, die Deutschland ernsthaft zu . bedrohen imstande wären. Die eigenen Torheiten sind immer viel gefährlicher als die Weisheit der anderen. Die realen Interessen der Völker sind schließlich ausschlaggebend, und an diesen realen Interessen finden auch die verwegensten Kombinationen königlicher Diplomaten ihre Schranken. Daß England den lebhaften Wunsch empfand, sich mit Rußland über asiatische Fragen gerade dann zu verständigen, als eben dieses Rußland auf den mandschurischen Schlachtfeldern die Grenzen seiner Macht kennen gelernt hatte, war nur allzu begreiflich. Die japanischen Siege haben in ganz Asien das Prestige Rußlands herabgedrückt und das Prestige des englischen Welt- reichs gehoben. England konnte für friedliche Ver- Handlungen mit seinem Rivalen keinen besseren Zeitpunkt wählen. Einer freundschaftlichen Verständigung Mit Frankreich stand gerauine Zeit der französische Traum, den durch den Bau des Suezkanals beginnenden Einfluß auf Ägypten zurückzugewinnen, im Wege. Nachdem dieser Traun: auch formell realem politischen
Erwachen gewichen war, stand einer französisch-englischen Entente kein wesentliches, rivalisierendes Interesse mehr entgegen. Die auswärtige Politik Englands ist sowohl Rußland wie Frankreich gegenüber so augenscheinlich von durchaus legitimen nationalen britischen Interessen diktiert, daß kein berechtigter Grund zu der Annahme gegeben ist, die eigentliche Spitze dieser englisch-russisch-französischenEntente richte sich gegen Deutschland. Daß keine englische Rcgieruiig, am wenigsten eine frcihändlerisch-liberale, sich auf eine bloße Jntrigenpolitik, bei der für England selbst gar nichts zu holen ist, gegen Deutschland einlassen wird, darf man so lange annehmen, wie die englische Politik von der öffentlichen Meinung des Landes kontrolliert wird. Diplomatische Interessen spielen heutigen Tages eine unvergleichlich geringere Nolle als der Zustand der öffentlichen Meinung. Die öffentliche Meinung Englands aber ist weniger als je aus politische Abenteuer erpicht. Das wird natürlich nicht verhindern, daß Sensationspolitiker immer wieder von Zeit zu Zeit mit dem Gedanken eines kriegerischen Konflikts zwischen England und Deutschland spielen werden, ebenso wie es. mit der Idee eines Kriegs zwischen Japan und den Vereinigten Staaten geschieht. Derartige Entgleisun- gen der Phantasie sind den Herrschenden gar nicht unlieb. Sie zieheii gerade politisch stark interessierte Kreise von der kritischen Betrachtung innerpolitischer Vorgänge ab. Wenn sich dann schließlich herausstellt, daß das befürchtete Unheil nicht eingetreten ist, so kann man diesen Ausgang auch noch ans daS Konto der eigenen staatsmännischen Besonnenheit buchen lassen. Die meisten Erfolge der Diplomatie liegen in der Einbildung der Drautzenstehenden. Ans tausend gläubige Staatsbürger kommt aber noch nicht ein skeptischer!"
So Theodor Barth. Wie gesagt, seine Auffassung möge für sich selber stehen, _ was sie ja auch sehr gut kann. Und schließlich, da diese Meinung bisher Recht behalten hat, warum vielleicht nicht auch weiter? ES kann ja allerdings zur Abwechslung auch ganz gut einmal anders kommen.
Spartaner des Ostens.
Das junge Kulturvolk des Ostens, die Japaner, deren Armee durch ihre kriegerischen Erfolge die Welt in Erstaunen versetzte, führt einen einfachen, von verweichlichenden Einflüssen freien, den Körper abhärtenden Lebenswandel. Mit welch unermüdlichem Eifer die Armee des Mikado an ihrer Vervollkommnung arbeitet, dafür liefert der Tageslauf eines japanischen Offiziers, der von einem der nach Japan kommandierten deutschen Kameraden geschildert wird, den besten Beweis.
Der Winterdienst fesselt sämtliche Offiziere vom Regimentskommandeur bis zum jüngsten Leutnant täglich von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags an die Kaserne. An dem praktischen Dienst beteiligen sich die Offiziere stets aktiv und gönnen sich den Mannschaften gegenüber keine Erleichterungen. Trägt der Soldat keinen Mantel, so erscheint auch der Offizier nie in einem solchen, und zum Turnen und Bajonet-
ticren legen Vorgesetzte wie Soldaten den Rock ab. Die Leutnants üben in kalten ungeheizten Räumen, barfuß und nur mit einein ganz leichten Fechtanzuge bekleidet, das beliebte Jiu-Jitsu. Während der kurz bemessenen Dienstpausen fertigen die jüngeren Offiziere Ausarbeitungen und taktische Aufgaben an. Auch die älteren Offiziere befassen sich viel mit schriftlichen Arbeiten und dem Studium der Kriegswissenschaften.
Zum Mittagessen versammeln sich alle Offiziere des Reginients, einschließlich der verheirateten, um 12 Uhr mittags im Kasino. Das Essen üesteht ans Reis, etwas Fisch und Gemüse. Als einziges Getränk wird Tee verabreicht. Andere Getränke gibt eZ überhaupt nur bei festlichen Gelegenheiten. Dem Essen folgt eine kurze dienstliche Besprechung, und sofort eilt alles wieder zum Dienst. Im Kasino und in der Kaserne wird nur über dienstliche und militärische Angelegenheiten gesprochen. Andere Interessen bewegen den japanischen Offizier im allgemeinen nicht. Die Kasinoräume sind, dem einfachen Lebenswandel ent- sprechend, äußerst einfach eingerichtet. Besonders be- merkenswert ist ein Raum, der die Bilder der gefalle- neu Offiziere enthält, und eine Bibliothek, in der sich fast alle Dienstvorschriften der großen Armeen neben taktischen Lehrbüchern aller Art finden. Zu geselligen Veranstaltungen mit Familien der Offiziere, wie wir es bei uns in Deutschland finden, werden I>ie Kasinoräume nicht benutzt. Dagegen finden Sonntags regelmäßig kameradschaftliche Vereinigungen der jüngeren Offiziere bei ihrem Regimentskommandeur oder bei älteren Offizieren statt. Luxus und Wohlleben sind da- be: ausgeschlossen.
Von jeder Kompagnie usw. wohnen 1 bis 52 Pcnt- nants in der Kaserne. Diese sind decsewen strengen Kasernenordnung wie die Unteroffizrere und Mann- schäften unterworfen. Tie kärgliche Ausstattung der „Leutnantsbnden" besteht ans einem Bert, einem Tisch, ein paar Stühlen und einem Kohlenbecken. Während der Dienstpausen sind auch die außerhalb der Kaserne wohnenden Leirtnants auf diese Kasernenwohnungcn als Aufenthaltsort angewiesen. In der Kleidung befleißigt sich der japanische Offizier äußerster Einfachheit, kauft seine Hemden, Strümpfe und Handschuhe mit dem gemeinen Mann zusammen in der einzigen Kantine des Regiments, ist im übrigen aber sehr reinlich und gibt viel ans Körperpflege.
Pflege, Abhärtung und Kräftigung dc§ Körpers bilden auch das erste Ziel der Rekrutenausbildung. Man erreicht dies durch regelmäßiges Baden, vieles Waschen, Freiübungen, Turnen und Laufschrittüben. Das Waschen findet stets im Freien statt. Auch ber starker Kälte, Schnee und scharfem Winde wird der für gewöhnlich getragene Trillichanzug nur in den seltensten Fällen mit dem Tuchrock vertauscht. Wollene Unterkleidung ist streng untersagt. Stiefel, an die sich der die japanische Nationaltracht gewohnte Soldat nur schwer gewohnt, werden nur im Dienst getragen, außer Dienst durch Strohsandalen an den nackten Füßen er- setzt. Beim Turnen werden auch diese Sandalen abgelegt. Die Verpflegung der Mannschaften ist einfach und reichlich. Sie besteht, wie bei den Offizieren, aus
Feuilleton.
Maffidru« »«toten.)
Gesundheitspflege im Sommer.
Von Dt. Otto Gotthilf.
Sonnenfcheim und frische Lust! ist jetzt die Parole für jodermann, der gesund werden und bleiben will. Der Italiener sagt: „Dvvs non viene il sole, vione il medico," — wohin die Sonne nicht kommt, dahin kommt der Arzt und ein altes Sprichwort lautet: „Aus der Schattenseite der Straße hält der Leichenwagen dreimal so oft wie auf der Sonnenseite." Gehet hinaus in den lachenden Sonnenschein und lernt an den Tieren die Heilkraft der Sonne kennen! Dort aus jenem Bauernhöfe liegt behaglich in der Sonne ausgcstrcckt der Hos- huind; nicht weit davon nimmt die Katze mit wohlgefälligem Schnurren und zufrieden blinzelnden Augen ein Sonnenbad: und im heißen Sande liegen die Hühner, lüsten bald den einen, bald den anderen Flügel, drehen und wenden sich, damit die belebenden Sonnenstrahlen sie an allen Körperstellen bescheincn können. Ganz wunderbar ist der Einfluß der Sonne auch auf den menschlichen Organismus. Der noch schwache Rekonvaleszent fühlt bei ihren erwärmenden Strahlen seine Lcibcnskräfte und -säfte sich mehren. Wie unter ihrer Einwirkung der grüne Farbstoff der Blätter gebildet wird, so verleiht sic auch dem bleichen Blute, den fahlen Wangen eine gesunde, rote Farbe. Der Stoffwechsel des ganzen Organismus, das Nervensystem und die Gemütsstimmung werden in ganz erheblicher Weise an
geregt. Daher sollten diese große Wohltat besonders Kinder und alte Personen, Blcichsüchtige, Nervöse. Rheumatiker, Schwindsüchtige u:id mit Hautkrankheiten Behaftete sich zunutze machen. Ihr Städter, verdunkelt nicht in ängstlicher Lichtfeindschaft die Zimmer mit Vorhängen und Fensterläden zu grabgcwölbartigen Räumen oder vermeidet gar jeden Gang im Sonnenschein, nur um nicht einige Schweißtropfen zu verlieren. Gerade Schwitzen ist gesund. Die meisten Krankheiten treffen uns nicht plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, vielmehr sammeln sich allmählich gesundheitsschädliche Substanzen, «namentlich giftige Stoffwechselprodukte an. Diese müssen immer einmal wieder durch hygienische Maßnahmen ausgeschieden werden. Dazu ist natürliches reichliches Schwitzen, ohne innere schweißtreibende Mittel, besonders geeignet. Deshalb arbeite man körperlich öfter bis zum Schwitzen beim Graben, Bergsteigen, Turnen, Hanteln und dergleichen, und suche sich auch nicht vor dem Sonnenstrahl ängstlich unter dem Räumen oder dem Schirme zu verbergen. Auch die Hygiene stimmt voll und ganz Schillers Wort bei:
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß!
Wer noch an das Muhmenmärchen glaubt, daß Nachtluft ungesund sei, und deshalb bei geschlossenen Fenstern schläft, der entschließe sich doch endlich einmal, in diesen milden Sommernächten die Fenster offen zu lassen: tiefer, ruhiger, erquickender Schlaf und morgens ein frisches, munteres Erwachen ohne Schlaffheit und Bleischwere in den Gliedern wird der Lohn sein!
In der Nahrung ist der Fleischgcnutz etwas einizn- schränkcn und durch Gemüse, Mühlspeisen, Hülsenfrüchtc
und Obst zu ersetzen. Von letzterem sollte in jeder Familie stets ein Teller voll auf dem Tisch stehen, da es das beste und angenehmste natürliche Gesundungs- lnittcl für jung und alt bleibt.
„Wie ist cs doch gesund, auf Speisen, die da nähren,
Zu Settern frisches Obst erquicklich zu verzehren", sang schon vor zweieinhalb Jahrhunderten der Dichter Logau. Auch der Genuß erhitzender alkoholischer Getränke ist zu beschränken: dafür trinke man die erfrischenden und gesunden Limonaden, besonders die von natürlichem Zitronensaft bereiteten. Will man Getränke durch Cts kühlen, so darf man cs nie in das Getränk hinein, sondern nur um dasselbe herum tun (wie beim Sekt), damit nicht etwa im Eis vorhandene krankheitserregende Bakterien in den BerdauungSapparat gelangen. Dieser besitzt überhaupt in der heißen Jahreszeit eine größere Reizbarkeit und Disposition zu Erkrankungen (Erbrechen, Diarrhöe), so daß jetzt Vorsicht am Platze ist. Namentlich unter den Kindern fordern die Verdauungs- kran-kheiten oft furchtbare Opfer. Welche Vorsichtsmaßregeln und Heilmittel man dagegen anwcnden muß, habe ich ausführlich beschrieben in meinem Büchlein: „Gesundheitspflege in den verschiedenen Jahreszeiten". lW. Rommels Verlag, Frankfurt a. M., 1,20 M.)
Für Radfahrer, Touristen, Sommerfrischler ist auch die Kleidung in gesundheitlicher Beziehung von Wichtigkeit. Die Obcokleider, am ^besten von Leinen oder Baumwolle, seien luftig und nirgends beengend, namentlich nicht am Gürtel, Brustkorb oder Hals. Helle lichte Gewandung nimmt die Sonnenstrahlen und die leuchtende Wärme in geringerem Grade ans als dunkle, erhitzt also den Körper viel weniger. Zur Unterkleidung
