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Nr. 26».
Wiesbaden. Donnerstag, 11. Juni 1S»0S.
56. Jahrgang.
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Krieg in Sicht?
Von sehr geschätzter diplomatischer Seite wird uns geschrieben:
Nicht nur in den Kreisen der journalistischen, son- vern auch der amtlichen Politiker hat es beträchtliches Aufsehen erregt, daß eben jetzt, angesichts der Reval- Fahrt König Eduards, eine aus Berliner Hofkreisen gespeiste Zeitungskorrespondenz kurz hintereinander zwei geharnischte Artikel veröffentlicht, die nicht mehr und nicht weniger als einen europäischen Krieg ankündigen, und zwar einen Krieg, den Deutschland beginnen werde. Zu welchem Ende? Um den Mächten gegenüber, die Deutschland zu isolieren, einzukreisen, in seiner Bewegungsfreiheit zu hemmen trach. ten/ das Prävenire zu spielen und das Netz zu zerreißen. ehe es zugezogen werden kann. Ohne Um- schweife wird in dem ersten Artikel, der den Krieg jetzt als ebenso nahe bezeichnet wie vor der Algecirao- Konferenz, erklärt, das deutsche Volk sei der Behandlung. die inan ihm angedeihen läßt, müde. „Wenn Milliarden von Jndustriewerten durch den Krieg vernichtet werden, kümmert man sich heute nicht mehr durum, denn so wie es jetzt geht, stirbt man nur langsamer, und am Ende läßt sich nach dem Kampfe manches nachholen und Neues schassen." Und weiter heißt es:
Alles blickt auf die Armee, sie hat unermüdlich gearbeitet. Die Stunde der Entscheidung gebiert hoffentlich auch deu General, der die treffliche Waffe zu führen weiß .... Wenn wir klug und tapfer sind, wird man sich um das Datum der Entrevue bei Reval nicht mehr deu .Kopf zerbrechen brauchen." So schließt der erste „Kriegsartikel" und der zweite endet nach
Feuilleton.
Ciu Winter unter den Eskimos.
Eine Idylle von den Eskimos schildert in „Harpers Magazine" in anziehenden Bildern der Ethnologe Vilhjalmr S t e f a n s s o n, der als Teilnehmer der englisch-amerikanischen Polar-Expedition mit der Erforschung der Eskimo-Stämme betraut war, und der vom September 1606 ab einen ganzen langen Winter als einziger weißer Gast unter den Kogmollik-Eskimos nahe am Mackenzie River gelebt hat. Er hat sich sehr schnell ail das „reizende häusliche Leben" der Eskimos gewöhnen und ihren Sitten in jeder Beziehung anpassen können. Es war eine Fischergemeinde, zu der er gekommen war, und er befand sich zunächst in der üblen Lage, einen ganzen Winter vom Fisch leben zu müssen, während er von Kindheit an geradezu einen Abscheu vor jeder Fischnahrung hatte. Eine Wochelang nahm er denn auch nur eine Mahlzeit am Tage, nachdem er durch einen tüchtigen Tagesmarsch den größten Hunger bekommen hatte. Aber schon am Ende des ersten Monats konnte er Fischgerichte, in den erprobten Arten der Eskimo-Kochkunst zubereitet, essen: frische
Fische wie schon recht „angegangene", roh, gekocht oder aebacken ohne Salz und auch ohne Messer und Gabel oder überhaupt irgend welches Tischservice. Die Fainilie, die ihn als Gast ausgenommen hatte, war Zunächst sehr besorgt, daß er so wenig aß, und versuchte alle ihre Künste, die Fische schmackhafter zu machen. Kaum sah ihn die vierzehnjährige Tochter des Hauses in der Ferne von seinem Ausflug zurückkehrcn, so be- aann sie eine frische Lachsforelle am Feuer zu braten, und war sie fertig, so nahm sie einen Teller — denn sie wußte sehr wohl, daß der wcutzc Mann die Gewohnheit hatte, vom Teller zu essen — leckte ihn mit ihrer Zungen breitete ein Tuch auf dem Boden aus und servierte daraus das Mahl, wobei sie dem Gast versicherte.
einem grimmigen, freilich wahrheitsgetreuen Rückblick auf Eduards VII. privates Sündenregister mit der drohenden Wendung: „Er — Eduard — möge unser ruhiges Zusehen und unsere Geduld nicht als Schwäche auslegen. Es würde ihm übel bekommen — und sein ihm leider blindlings vertrauendes Volk hätte die Zeche zu bezahlen."
Eine sacksiedegrobe Tonart, die ihres Gleichen sucht! Selbst in den Tagen der schärfsten Spannung zwischen Deutschland und England ist man nirgends in der deutschen Presse einer so rücksichtslosen Kritik der Person und Politik des Britenkönigs begegnet wie in diesen von einer Reihe deutscher Blätter abgedruckten Artikeln. Sie müssen im Auslande, zumeist natürlich in England, böses Blut machen und Wasser auf die Mühlen derer leiten, die Deutschland lieber heute als morgen den Krieg erklären möchten. Man wird diese Artikel im Auslande nicht für bloße Druckerschwärze auf Papier halten, sie nicht dafür halten können, weiß man doch auch in den Berliner Gesandtschastshotels der auwärtigen Mächte genau so gut wie in der Wilhelmstraße, daß die Herausgeber der Korrespondenz zwei frühere Offiziere mit intimen Beziehungen zu Hof- und höheren Offiziers-Kreisen sind. Das macht es doch wahrscheinlich, daß sie nicht aus herostratischem Sensationsbedürfnis gehandelt haben.
In der Tat: Es ist ausgeschlossen, daß die dem Schreiber dieser Zeilen seit Jahren bekannten beiden Journalisten aus bloßer S e n s a t i o n s l u st gehandelt hätten. Aber Fassung und Form ihrer Alarmartikel belastet sie doch mit dein Vorwurf, ihrer publizistischen Verantwortlichkeitspflicht nicht voll gerecht geworden zu sein. Die Artikel erscheinen nicht als das, was sie sind, mcht als Wiedergabe der Ansichten und Wünsche der Kriegspartei, die am Ber- liner Hofe allezeit ebensy besteht wie am Zentrum der Politik jedes anderen Landes, sie erscheinen vielmehr als Ausdruck der allgemeinen öffentlichen Meinung Deutschlands. Und das begründet gegen die Herausgeber der Korrespondenz, wen,: man ihnen nicht
Mangel an politischem Augenmaß zugute halten will, den Vorwurf, leichtherzig _ mit den Interessen des Landes umgesprungen zu sein.
Angesichts der unerwünschten Wirkung, die diese Alarmsignale im Auslande, aber auch in: Jnlande haben müssen, ist es unabweisbare Pflicht, nachdrücklich sestzustellen. daß weder das deutsche Volk noch die deutschen amtlichen Kreise auch nur die m i n d e st e Neigung zu einem Angriffskrieg verspüren. Solche Neigung besteht nur bei gewissen militärischen Halbgöttern, deren Tatendurst und Ehrgeiz aus dem Exerzierplatz und im Manövergelünde keine Befriedigung finden. D i e Truppenführer, auf die die Nation besonders vertraut, die Goltz und H ä s e l e r , sind nicht darunter. Sie fürchten den Krieg nicht, und ginge
daß es der schönste Fisch wäre, den sie an diesem Morgen gefangen hätten, und daß sie hoffte, er würde ihm besser schmecken als am Tage vorher. Später gewöhnte sich der Forscher freilich, wie gesagt, völlig an die Eskimo-Sitten und zog den bereits etwas verdorbenen Fisch dem frischen, rohen Fisch entschieden vor. . . .
Das Zelt, in dem er wohnte, bildete den Mittelpunkt des Lebens in der klernen Zeltstadt; an hellen Tagen versammelten sich hier die Männer und saßen im Kreise herum, Netze ausbessernd oder mit irgend einer an de- ren nützlichen Arbeit beschäftigt, denn ein Eskimo, Mann oder Frau, wird niemals untätig sein. Die Frauen tragen während der Arbeit ihre Kinder immer mit sich herum, und zwar werden diese in die Fellblusen hineingesteckt und an dem nackten Körper getragen, um warm gehalten zu werden. Kehrt bie Frau nach langer Wanderung vom Beerensuchen zurück, so werden die Früchte in eine große Mulde gelegt, es wird Robbenöl darüber gegossen und dann das Gericht mit der Hand umgerührt. Ist alles fertig, so ertönt ein Ruf, den jedermann versteht, und alles eilt zum Festmahl herbei. Man langt mit der Hand zu und reinigt die Hand nach beendeter Mahlzeit durch das übliche Ablecken.
In der ersten Woche des Oktober setzte der arktische Winter ein; schon in der Mitte des Monats hatte Stesansson all seine „arktische Kleidung", die er in Amerika gekauft hatte, abgelegt und sich vom Kopf bis zur Zeh' in Eskimo-Tracht gehüllt. So fühlte er sich durchaus wohl und entbehrte niemals etwas von der europäischen Kleidung, eine Erfahrung, die auch von den anderen Mitgliedern der Expedition durchaus bestätigt wurde. Etwa am 20. November hörte dre Sonne auf, am Mittag über den Küstenketten der Rocky Mountains zu erscheinen, und die arktische Nacht von etwa elf Wochen begann. Der Forscher hatte dieser Zeit mit einigem Mißbehagen entgegengesehen, erinnerte er sich doch der beängstigenden Beschreibungen 1 von der niederdrückenden Monotonie des Wechsels von
er gegen eine doppelte und dreifache Front, aber. sie halten es mit Bismarck, der anfangs der achtziger Jahre selbst dem erprobten Genie Molttes, trotz allen Drängens, den erfolgssicheren Präventivkrieg gegen Frankreich rundweg abschlug: Der Mann, der das deutsche Volk kannte wie kein anderer, wollte keinen Krieg wagen, zu dem wir nicht unweigerlich g e - z w u n g e n würden. Nur dann erwartete er den Aus- bruch des Furor teutonicus und damit den Sieg.
Es bedarf auch keiner Versicherung, daß die leitenden politischen Kreise nichts von den Wünschen der Kriegspartei wissen wollen. In der Wilhelmstraße ist man ganz und gar nicht kriegerisch, eher zu friedfertig gestimmt. Man könnte gut und gern in der diplomatischen Aktion etwas mehr auf unsere militärischen Macht- mittel pochen; gerade Bismarck, der Gegner jedes vermeidbaren Krieges, hat das redlich besorgt und ein gut Teil seiner diplomatischen Ernte dieser Praxis zu verdanken. Die weise Mäßigung und die Friedfertig, keil seiner Politik ward doppelt fruchtbar, gerade weil er es an mitunter recht deutlichen Hinweisen auf die deutschen Bajonette nicht fehlen ließ. Diese Praxis haben seine Nachfolger leider nicht nachzuahmen gewußt; aber sie sind auch wert entfernt davon, sie durch kriegerische Aspirationen zu ersetzen.
In unseren Diplomatenkreisen ist man überzeugt, daß die beiden Kriegshetzartikel trotz der Beziehungen der Herausgeber zur Generalität nicht unmittelbar von dieser veranlaßt sind, vielmehr dürfte Herr v. Holstein den Einbläser gemacht haben. Herr v. Holstein ist der Freund und Verbündete Hardens, die fragliche Korrespondenz ist die Freundin und Verbündete Hardens, — und — „Mes arnis sont tes amis!" Von Herrn v. Holstein weiß aber alle Welt, daß er zur Kriegspartei gehört, daß er wegen seines Drängens zum Kriege kaltgestellt worden ist, und daß er seitdem dem Fürsten B ü l o w Knüppel zwischen die Beine zu werfen trachtet, wo irgend es angeht. Das genügt wohl zum Beweise, daß die Wilhelmstraße mit diesen Kriegssanfaren nicht nur nichts zu tun hat, son- dern, daß sie g e ge n den K a n z l e r zu wirken bestimmt sind.
Fürst Bülow kann gar keinen „Präventivkrieg" führen, selbst wenn er wollte, denn das Volk würde einen solchen Krieg nicht als eine N a t u r n o t - Wendigkeit, sondern als das Produkt der diplomatischen Unfähigkeit der Regierung betrachten. Man hätte nichts übrig für einen Krieg, der lediglich dazu bestimmt wäre, uns aus einer Situation zu be- freien, in die das Ungeschick unserer Diplomatie uns hineingeritten hat. Wenn uns ein Krieg heute vom Auslände aufgedrängt wird, nun, so werden wir fechten und unsere Schuldigkeit tun, dann ist für uns der Casus belli gegeben, der einzige
Zwielicht und Finsternis. Aber er war sehr verwundert, als er beobachtete, wie die Eskimos diese Zeit erwarteten. Es wäre zu dunkel zur Jagd, sagte sie zu ihm. und so würden sie vielleicht drei- oder vierhundert englische Meilen weit einen Ausflug machen, um jemand zu besuchen, oder sie würden auch zu Hause bleiben, um Besucher zu erwarten. Sie schienen sich vor der „Nacht" etwa ebensosehr zu fürchten wie — etn Stadtbewohner vor seiner Sommerreisc. Wohin er auch kam. überall fand er c-wselbe vergnügte Auffassung, und schließlich konnte er selbst sich auch keineswegs so elend fühlen, wie er nach den düsteren Schilderungen der Polarsahrer erwartet hatte, und er fand, daß er sich durchaus nicht langweilte und keineswegs den Wunsch hatte, an einem anderen Ort zu sein.
Im Dezember unternahm er mit seinem Wirt ernö Schlittenreise, da die Nahrungsvorräte knapp zu wer. den drohten. Schon am ersten Tage brauste ein wüten, der Blizzard über sie hin, aber deshalb pflegt ein Es- kimo nicht Halt zu machen; sie verloren jedoch den rich- tigen Weg und fanden sich in dem tiefen Schnee erst nach zwei Tagen wieder zurecht. Sie reisten im Zwielicht und in der Finsternis, Blizzards bliesen an fast allen Tagen, und die Temperatur hielt sich zwischen 25 und 40 Grad unter Null. ^So wurde Stesansson auch in die Geheimnisse einer Schneehütte eingeweiht, durch die die Eskimos sich besser gegen die Unbilden der Witte- rung zu schützen wissen als die arktischen Forscher mit all ihren Maßregeln. Eine feste Schnecfläche ist schnell gefunden; Schncemesser aus Knochen oder Eisen werden herausgeholt und die feste Schneemasse wird in Blocks von der Gestalt der Dominosteine, etwa 14 Zoll breit, 30 Zoll lang und vier Zoll dick, zerlegt; diese Schneebausteine werden dann im Kreise zu einer kuppelförmi- gen Hütte aufeinandergeseht. Zwei Leute können in einer Stunde ein Haus bauen, das acht Menschen genügend Raum zum Schlafen bietet. Eine kleine Tür wird in der Seite eingeschnitten, man breitet Felle über den Boden und reinigt sich selbst, so gut es geht« vom
