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Nr. 859.
Wiesbaden, Donnerstag, 4. Juni 1908.
50. Jahrgang.
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Der Merl der Truppenüdungsptirhe.
Don militärischer Seite schreibt man uns:
Ein vielgenannter General hat im Herrenhause — tm Gegensatz zu den Wünschen der Landwirtschafts, kreise, die auf eine weitere Vermehrung der Truppen- Übungsplätze behufs Entlastung des angebauten Geländes von Truppenübungen und Gefechtsschießen hinwirken, und im Gegensatz auch zum Kriegsministerium — die Erklärung abgegeben, es sei zweckmäßiger gewesen, überhaupt keine Truppenübungs- p l ä tz e zu e r w e r b e n. Die Zinsen der auf den An- kauf von solchen Plätzen verwendeten Summen wollte bet betreffende General zur Erhöhung der Entschädigung der Landwirte bei Flurschäden verbraucht sehen und meinte, man werde damit ausreichen. Das ist eine Verkennung der einschlägigen Verhältnisse, die bei einem so hohen Offizier auffallen muß. Die Zinsen der Aufwendungen für den Erwerb von Truppenübungsplätzen würden im Handumdrehen für Flur- und Ver- pslegungsentschädigung aufgebraucht sein, wenn man auch nur ein Drittel der Truppen, die heute auf den Plätzen geschult werden, die Hälfte der Zeit vor den Herbstübungen im Gelände in der Nähe der Garniso- neu ausbilden wollte — ganz abgesehen davon, daß vhne Truppenübungsplätze die Feldartillcrie ihre Schießübungen überhaupt nicht abzuhalten vermöchte.
Wozu sollen die Truppenübungsplätze denn dienen? Ganz abgesehen von den Schießübungen der Feldartillerie und den Übungen der Reserveformationen, für die die Plätze einfach unentbehrlich sind, sollen sie die — in der Nähe der Garnisonen mit dem zunehmen
den Anbau immer geringer werdende — Möglichkeit bilden, Truppen in größeren, möglichst gemischten Verbanden längere Zeit für den Krieg sachgemäß vorzubrlden. In Frankreich ist man uns in derartigen Übungen schon vorausgeeilt, da man dort ganze gemischte Divisionen 3 bis 4 Wochen im Jahre Gefechts- verbunden mit Scharfschießen, abhalten läßt. Alle Reglements heben hervor, daß den springenden Punkt iin heutigen Kampfe das „Zusammenwirken der einzelnen Waffen aus den Gefechtszweck hin" in fedem Kampf dauernd darstellt. Bei deii enormen Ich^chtsronten der heutigen Massenheere zeigt das Schlachtbild eine Reihe von Gruppen kämpfen deren Gesamtergebnis Sieg oder Niederlage bedeutet' Man kann nicht bestreiten, daß der Einfluß der obersten Führung auf die Leitung der Schlacht immer gerüiger wird. Es ist eine alte Erfahrung, daß im Kriege die Truppe nur das tut, was sie im Frieden gründlich gelernt hat. und es ist nicht zweifelhaft, daß die wenigen Tage der Herbstübungen nicht ausreichen, um zede _ Waffe mit den Eigentümlichkeiten der Kampfesweise der anderen derart vertraut zu machen, daß ein richtiges Zusammeuwirken in jedem Gefechtsmoment absolut sichergestellt ist. Gerade in dieser gemeinsamen Schulung wird aber der Hauptwert der Truppenübungsplätze zu suchen sein.
Es ist daher nicht nachdrücklich genug zu betonen, daß man in ihrer Ausnutzung bei uns noch lange trief? weit genug geht. Wir wollen durchaus nicht bestreiten, daß im Dollpfropfen der Lager auf Übungsplätzen bis zur letzten Schlafstelle mit Truppen ge- knischter Waffen für Offiziere und Mannschaften große Unbequemlichkeiten liegen. Dafür wird dann aber auch dm sonst für Anmärsche nötige Zeit zugunsten der Übungen gespart. Mit dem Heraustreten aus dem Lager ist man im Übungsgelände, und die berührten Unzuträglichkeiten treten in ihrer Bedeutung weit Zurück hinter dem hohen Wert längerer gemeinsamer Schulung gemischter Waffen für das Zusammenwirken im Gefecht. Auf die Manöverfelder müssen die Truppen nach dieser Richtung vorgebildet kommen. Sie sollen in den wenigen Maiiövertagcn, der kurzen Spanne in der sie leidlich unabhängig von Rücksichtcii auf Flurschäden „Krieg spielen" dürfen, beweisen daß sie für den Krieg gründlich geschult sind. Nur auf Truppen- Übungsplätzen hat man Zeit und Raun:, die einzelnen Gefechtsmomente belehrend und in einer der Wirklichkeit .näher kommenden Dauer durchzuarbeitcn, hier allein kann auch mit den Gefechtsübungen, gemischter Waffen ein Scharfschießen vcrbundeii werden. Hier allein lernt die Infanterie die Wirkung des scharfen Schusses der Feldartillerie geoen Ziele, die ihren Angriff hemmen, und die Uugefährlichkeit des im Kriege unvermeidlichen Überschossen- Werdens erkennen, lernt die Feldartillerie das Ver
fahren der Infanterie in den einzelnen Gefechtsmomenten, die Ziele herauszusinden, die zur Entlastung dr Infanterie in jeder Kampfesphase besonders nachdrücklich unter Feuer zu nehmen sind. Hier allein spielen sich die beiden das „Feuer tragenden Waffen" aus ihr sich ergänzendes Wirken ein und gewinnen zu einander das volle Vertrauen, das für denErsolg unentbehrlich ist.
Die Truppenübungsplätze sind daher nicht nur unentbehrlich, sondern müssen auch in weit höherem Maße als bisher für die gemeinsame Schulung verbundener Waffen ausgenutzt werden. Das Ideal, an jedem Tage tn eurem anderen Gelände gemischte Waffen ohne Rück- sicht auf Fluren, Absperrungen, Räumen der Wohn- statten üben und scharf schießen zu lassen, ist in -einem Kulturlande iricht zu verwirklichen: die Truppen
übungsplätze sind darum die Aushilfe, deren man sich heute nicht entraten kann. Ihre Zahl wird auch noch wachsen, ihre Belegungsfähigkeit für die gemeinsame Schulung verbundener Waffen noch intensiver ausgenutzt werden müssen.
Iolitische Mrrsicht.
Dre preußische Kr-verbeaufßcht 1907.
Der diesjährige Bericht der preußischen Gewerbe- aufsichtsbcamten unterscheidet sich auf das angenehmste von seinen Vorgängern durch eine etwas * weniger trockene und dürftige Berichterstattung. die ihn früher in so auffallenden Gegensatz zu den Berichten namentlich der süddeutschen Bundesstaaten stellte. Er enthält diesmal eine Reihe von Einzelberichten, die ihm erst die lebendige Färbung geben. Die Zahl der der Gewerbernspektion unterstellten Betriebe hat sich gegen das Vorjahr um 6630, die der Arbeiter um 83 325 er- höht. Davon waren 563100 erwachsene Arbeiter, 225 696 sunge Leute, 3060 Kinder. Die Zahl der revidierten Betriebe kann noch immer nicht zufrieden- stellend genannt werden. Es wurden 49,2 Prozent aller revisionspflichtigen gewerblichen Anlagen mit 82,3 Pro- zent der Gesamtarbciterschaft inspiziert. Die Zahlen lassen erkennen, daß es sich bei den Revisionen vorzugsweise um große und mittlere Betriebe handelte. Gerade in den Großbetrieben ist jedoch eine Beaufsichtigung sehr viel weniger nötig als in den kleinen, die mit weinger Kapitol arbeiten, locniger modert: eingerichtet sind und sehr viel häufiger unerfreuliche Ver- hältmsse aufzuweiscn habeil. Die Zuwiderhandlungen gegeil die Schutzgesetze für Jugendliche haben sich gegen das Vorjahr etwas vermindert. Sie fanden sich ' ill 7062 Betrieben und führten zur Bestrafung voil 1296 Personen. . Eine, allerdings geringe, Zunahme zeigen dagegen die Verstöße gegen die Arbeiterinnenschutzvor-
FeirMeton.
Machdruck Ber6oten.l
Oie Bibliothekarin.
Eine Pfingstgeschichte von Artur Zapp.
Sonnabend vor Pfingsten. I>r. Kurt Sieger, der Stadt-Bibliothekar, betrat pünktlich, wie gewöhnlich, die Bibliothekräume. Schon während er den großen Bücker-Ausgaberaum durcheilte, schnupperte er befremdet mit der Nase, und als er in das Bureau ein- trat. blieb er überrascht stehen. Hier herrschte derselbe lvürzige, liebliche Duft, der ihm schon vorher in dem so sumpfigen Raum ausgefallen war. Fast vergaß er, seiner bereits am Schreibtisch tätigen Gehilfin den üb- licfieu Morgengruß zu entbieten. Jetzt endlich bemerkte er die frischen grünen Zweige, die an den Repositorien, an dem zwischen den Fenstern angebrachten Spiegel, an een Gardinenstangen, kurz überall befestigt waren, Wo irgend ein passendes Plätzchen dazu vorhanden gewesen. Der Bibliothekar runzelte unwillkürlich die Stirn. Das war sicherlich wieder eine der Neuerungen, die aus die beiden jungen Damen zurückzuführen war. In früheren Jahren war niemand dergleichen einge- fallen.
Freilich, als er sich jetzt an seinen Schreibtisch setzte und die in einer einfachen kleinen Vase ihm entgegen- dusrenden Blumen sah, schien er sich doch zu einem höflichen Lächeln verpflichtet zu halten. Ja, er verstieg sich sogar zu der freundlichen Bemerkung: „Verdanke ich diese Aufmerksamkeit Ihnen, Fräulein Limbach?"
Das junge Mädchen errötete leicht.
„Fräulein Wegner und ich", erwiderte sie, „haben uns gestattet, ein bißchen von dem frischen knospenden Frühling in unsere kahlen, düsteren Bibliothekräume zu verpflanzen. Morgen ist ja doch Pfingsten. Herr Doktor."
„Ach so! , Psingstmaien!" In den sonst immer nur ernst strengblickenden Mienen erschien ein weicher Zug. „Ich erinnere mich: in meinem Vaterhause hielt meine Mutter auch immer darauf, daß zu Pfingsten in allen Zimmert: grüne Zweige angesteckt wurden. Seitdem freilich habe ich diesen hübschen liebliche,: Pfingstgruß entbehren müssen."
„Aber", warf die Bibliotheks - Assistentin ein. „schmückt denn Ihre Wirtin ihre Wohnräume nicht mit Maien aus?"
Der Bibliothekar schüttelte mit dem Kopf und lächelte etwas bitter.
„Wo denken Sie hin, Fräulein Limbach? Das kostet ja Geld! Solch eine Wirtin betrachtet doch ihren Chambregarnisten in der Regel nur als Ausbeutungsobjekt, ans dem möglichst viel Geld herausgeschlagen werden mutz. Wenn ich's extra bestellt und selbstverständlich entsprechend bezahlt hätte, würde meine liebe Frau Schulze mir wohl auch ein paar Maien besorgt haben."
Ein fast mitleidiger Blick zuckte aus den Augen der Assistentin zu dem Bibliothekar hin.
. »Aber das muß denn gar kein angenehmes, behag- lrches Wohnen sein", bemerkte sie.
„Freilich nicht. Man hat eben sein Unterkommen, das :st alles."
Das junge Mädchen nickte überzeugt, und in ihrer Brust regte sich pin instinktives Gefühl schadenfroher Genugtuung. Es war ja seine eigene Schuld, wct:n er bei fremden Leuten versauerte und in seiner amtsfreien Zeit zu keiner recht behaglichen, zufriedenen, wohligen Stimmung kommen konnte. Sie wußte, daß Dr. Sieger 38 Jahre alt war -— sein ernstes, oft mürrisches Wesen ließ ihn fast älter erscheinen. Er war seit sieben Jahren Bibliothekar und besaß ein gutes Einkommen. Warum hatte er noch nicht geheiratet?
Etil Zucken, in dem ein wenig unbewußte Bitterkeit lag, flog um die Mundwinkel des jungen Mädchens. Sie wußte es ja. daß er ein eingefleischter Weiberfeind
war. Damals, als sie vor ungefähr acht Monaten mit Fräulein Wegner in die bisher nur von Männern ver- ivaltete städtische Bibliothek eingezogen war, hatte sie schmerzlich fühlbare Beweise davon erhalten. Seine scheelen, geringschätzigeil Blicke, die kurze, nickstS weniger als ermunternde Art, 'wie er ihnen seine Anweisungen zu geben pflegte, hatten sie und ihre Kollegin oft genug gekränkt. Das alte Faktotum, der Diener Schmidt, der nebenan in der Bücher-Ausgabe half, hatte ihnen sogar mit schadenfrohem Schmunzeln hmterbracht, daß der Herr Doktor von „verwünschter moderner Weiberwirtschaft" gesprochen und prophezeit habe, daß nun gewiß bald Anordnung, Unpünktlichkeit und Nachlässigkeit einreißen würden. Das schienen nach der Anschauung des Herrn Bibliothekars die von jeder Frau untrennbaren allgemein weiblichen Eigem schäften zu sein.
„Wie geht es denn Ihrer Frau Mutter, Fräulein Limbach?"
Die junge Dame erhob erstaunt ihr Gesicht von den Band-Zettel-Katalogen, die vor ihr auf dem Tisch lagen und in die sie eben neue Eintragungen machte. Es kam sehr selten vor, daß Dt. Sieger einmal eine private Frage an seine Untergebenen richtete. Bor acht Tagen war sie eine halbe Stunde zu spät zum Dienst gekommen, weil ihre Mutter einen Nerven- Anfall gehabt hatte.
»Ich ich danke schön", beeilte sie sich zu erwidern, ganz rot vor Freude über die seltene Liebenswürdigkeit des B:bl:othekars. „Meine Mutter hat sich sehr erholt. Wir machen sogar morgen eine große Landpartie nach den Teufelsbergen."
„Teufelsberge? Wo sind denn die?"
, icum-u vie oenn nrcyl, Herr Doktor? Die Teufetsberge liegen kaum anderthalb Stunden von der Stadt, netten im Walde. Es ist eine prachtvolle Partie M brel Laubwald und Berge natürlich nicht sehr hoch. Waren Sie denn da noch me?" J
