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Seredts Zahlen.
Staatssekretär Sydow ist zurzeit auf der Reise durch die größeren Bundesstaaten begriffen, um sich den Bundesfürsten und ihren Ratgebern vorzustellen, andererseits aber auch mit den dortigen maßgebenden Stellen sich eingehend über die künftige Ausgestaltung der Reichssinanzreform zu besprechen, bevor er daran geht, selber ans Werk zu schreiten und die Vorschläge im einzelnen ausarbeiten zu lassen. Wie dringend das Reich einer gründlichen Reform seiner Finanzen bedarf, geht aus der soeben im Zentralblatt für das Deutsche Reich veröffentlichten provisorischen Zusammenstellung über die Seii^äein. nahmen im Etatsjahr 1907 hervor. Da ergibt sich denn das wenig erfreuliche Bild, daß zwar einige Einnahmegruppen Mehrerträge gegenüber dem Voranschlag gebracht haben, daß dagegen bei einer ganz bedeutenden Anzahl anderer Einnahmequellen sich ein recht beträchtliches Minderergebnis bemerkbar macht. Es ist wohl kein Zweifel, wenn diese Mindereinnahme gerade bei denjenigen Steuern in die Erscheinung tritt, welche zuletzt unter Herrn v. Stengel eingeführt worden sind und deren Fiasko auf das deutlichste zeigt, wie verfehlt jene Aktion war; traf sie doch gerade Einrichtungen, für welche eine Neubelastung eine Unterbindung bedeuten mußte, so daß über das Fehlschlagen dieser Neuerungen kanin ein Zweifel obwalten konnte. Insgesamt ist zwar noch immer ein Gesamtüberschuß von 3s^ Millionen Mark zu verzeichnen, eine Summe, die aber im Hinblick auf die Gesamtziffern wenig bedeuten will und gegen die Überschüsse aus früheren Jahren ganz bedeutend zurücksteht; überdies ist dieses Resultat nur dadurch erreicht worden, daß an diesem Plus die Zölle mit über 42 Millionen Mark beteiligt sind und diese 42 Millionen können nicht einmal in ihrer Gesamtheit für das Reich in Betracht kommen, weil der Haupireil derselben
Feuilleton.
Amerikanische Diplomaten sorgen.
Die jüngsten Debatten im Repräsentantenhause zu Washington über die amerikanischen Vertretungen im Ausland, die diesmal damit endeten, daß 14 Millionen bereit gestellt werden zum Ankauf eigener amerikanischer Botschafterhotels in den politischen Hauptstädten der Wett, sind keineswegs die ersten ihrer Art: seit 128 Jahren kehrt das Thema regelmäßig wieder und regelmäßig toben in der heimischen Volksvertretung erbitterte Reönerschlachten über die „Glacshan ü s ch u h- Diplo maten", die da draußen im fernen Auslande Sie republikanischen und demokratisch einfachen Prinzipien ihres Vaterlandes gefährden. Der Streit begann schon mit den ersten Republikanern, die seinerzeit Amerika von der Herrschaft König Georgs befreiten. Sie bestanden unerbittlich darauf, daß alle die Glieder des neuen Staatswesens die höchste Einfachheit zur Schau zu tragen hätten, und ihre Entrüstung kannte keine Grenzen, als der Gedanke auftauchte, den ersten amerikanischen Gesandten in Europa gleich deren Kollegen eine Hof- und Galauniform zu verleihen. Inzwischen ließ sich Benjamin Franklin, der als erster Gesandter Amerikas nach Paris ging und den Vertrag von Versailles unterschrieb, nach eigenem Geschmack eine Hofnniform anfertigen, mit der er, wie die Landsleute in Washington ärgerlich meinten, „in Versailles hcrnmkokettierte") er ließ sich in dieser Tracht sogar malen. Auch John Adams, der Gesandte beim britischen Hofe, entschloß sich zur Anschaffung einer Hoftracht, aber inzwischen triumphierte die demokratische Gesinnung des souveränen amerikanischen Volkes über die Ansprüche der Diplomaten, und wohl oder übel mußte der Gesandte seine schöne Galauniform in den Schrank hängen und einfach im schwarzen Frack repräsentieren.
Wiesbaden» Mittwoch, LS. April 1908.
gesetzlich dem Reliktenfonds zufallen muß. Die Zölle haben 643 Millionen Mark gegenüber 600 Mill. Mark des Voranschlags erbracht, Tabak- und Zigarrcn- steuer, Salzsteuer und Brausteuer stiminen so ziemlich mit dem Voranschlag überein, nur die Verbrauchsab- gabe von Branntwein hat ein PlnS von 10 Mill. Mark gebracht. Demgegenüber ist es von einschneidender Bedeutung, daß die R e i ch s p o st v e r w a l - t u n g, die bisher stets mit ganz beträchtlichen Überschüssen arbeitete, 13 Millionen weniger, als v e r - an sch lagt, eingenommen hat, ein Resultat, das zweifellos im Zusammenhang mit der E r h ö h u n g des Ort sportos nsw. steht. Auch die Börsen- jteuei hat ein Mindererträgnis von nicht weniger wie 16 Millionen Mark gebracht nnd der mit Recht so viel angeseindete Fahrkarten st e m p e l, dessen Erträgnisse ursprünglich mit 45 Millionen veranschlag: und dann durch den Reichstag selbst auf 30 Millionen herabgesetzt worden waren, hat nicht einmal dieseSumme erreicht, sondern ist noch um 12 M t l l i o n e n Mark zurückgeblieben, indem er nur etwas über 18 Millionen eingebracht hat. Au t o m o o tT f t euer und T a ntiemenstempel haben beide kaum die Hälfte des angesetzten Betrages erbracht und ebenso ist auch die Erbschaftssteuer mit 25sij> Millionen Mark um 10 Millionen gegenüber dem Voranschläge zurückgeblieben. So trocken sich diese Ziffern lesen mögen, so sind sie doch eine beredte Sprache, sie bilden ein eindringliches Menetekel, daß es aus diesem Wege nicht mehr weiter gehen kann und daß bei der kommenden Reichssinanzreform Stenern beseitigt werden müssen, die lediglich geeignet sind, Handel und V erkehr zu unt..erb iit d c i: und die Steuer-
ertrüge statt zu erhöhen, gar noch zu vermindern. Schotzsekretär Sydow läßt sich hoffentlich durch dieses Ergebnis bei seinen neuen Sieüerprojekien warnen und sucht sich Einnahmequellen, die einmal die erwünschten Erträgnisse bringen, andererseits aber für die in Frage kommenden Kreise keine schädigende Belastung bedeuten.
UsMsche Übersicht.
Arbeitcrkandidaten des Zentrums.
Unter den diesmaligen Landtagskandidaten der Zentrumspartei fällt ebenso wie bei den Reichstagskanöi- daten dieser Partei von 1807 die verhältnismäßig große Zahl der dem Arbeiterstande Angehörigen auf. Meist sind es frühere Arbeiter, die bereits zu Partei- oder Arbeitersekretären avanciert waren, die ans das Drängen der Zentrumsarbeiterschaft nun auch in die parlamentarische Arena eintreten sollen. Bisher war Brust der einzige Arbeiter in der Landtagsformätion. Er ist in Borken-Recklinghausen wieder aufgestellt worden, obgleich gerade von seinen früheren Verufsgenossen
In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte das Staatsdepartement in Washington die Kühnheit, eine regelrechte Diplomatenuniform 'vorzuschreiben) aber sehr glücklich scheint sie in Schnitt und Aussehen nicht gewählt worden zu sein, denn ein amerikanisches Blatt berichtete damals sehr ernsthaft, daß die neue Uniform die Mitte zwischen einem Feuerwehrmann und dem Wächter einer Postkutsche einnähme. Jedenfalls erfreute sie sich bei den Diplomaten im Anslande außerordentlich temperierter Sympathien, nnd die meisten der Gesandten, die in der Regel General- oöer Oberstenrang einnahmen, zogen es vor, in ihrer Offizierstracht bei Hofe zu erscheinen und vermieden die verdächtige neue Uniform aufs eifrigste. Sie wurde dann auch später wieder abgeschafft, und eine neue Verfügung des Staatsdepartements bestimmte den Frack zur Diplomatenuniform der Amerikaner. Die biederen Farmer des Westens, die im Kongreß über die Geschicke ihres Staates berieten und niemals im Leben Gelegenheit hatten, etwas anderes zu tragen als ihre Sonntagskleider, wollten durchaus nicht einsehen, weshalb ihre Abgesandten in England oder Frankreich sich mit Phantasiekostümen „behängen" sollten. Immer wieder wiesen sie auf die Grundsätze der reinen Demokratie hin.
Die Diplomaten, die im Parlament wegen ihrer Garderobe die unangenehmsten Wahrheiten zu hören bekamen, waren auf Selbsthilfe angewiesen. Das erste Dilemma entstand mit dem Erlasse der Königin Viktoria, die bestimmte, daß zu den großen Empfängen niemand anders als in Hvftracht oder Galauniform Zutritt haben sollte. Damals gab es lange und gedankenreiche Erörterungen zwischen den englischen Ministern und den Gesandten der Vereinigten Staaten, aber schließlich gewährte man den Demokraten ihre Bitte und der Gesandte wurde unterrichtet, daß man seinen Frack fortan als die Diplomatenuniform der Vereinigten Staaten gelten lassen wollte. Jahrelang erregte dann der amerikanische Vertreter bei allen offiziellen Gelegenheiten durch seine schwarze Tracht und die weiße Krawatte Auf-
86. Jahrgang.
scharfe Opposition gegen seine Kandidatur gemacht worden war. In Düsseldorf kandidiert der Arbeitersekretär Gronowski ans Dortmund, der deshalb die ihm in Mül- heim-Rnhr angetragene Kandidatur abgelehut hat, wahrscheinlich wird der Ersatzmann wieder ein Arbeiter sein. Die Mitteilung, daß in Dortmund der Parteisekretär Wegener aufgestellt worden ist, ist dementiert worden. Man sagt wohl richtiger, sie sei verfrüht gewesen. Anscheinend will das Zentrum' erst abwarten, wer der nationalliberale Kandidat sein wird. In Essen wird ebenfalls die Aufstellung eines Arbeiters verlangt. Diese Arbeiterkandidaturen sind ein Zeichen des erstarkenden Einflusses der Arbeiterschaft im Zentrum. Andererseits gibt die Partei diesen Wünschen setzt wohl leichter nach, weil sie zu dem gegenwärtigen oppositionellen „demokratischen" Zuge des Zentrums paffen.
Mas der sozialdemokratischen Parteileitung.
Die Zentralleitung der sozialdemokratischen Partei hat, über die veröffentlichte Wahlanweisnng hinaus, auch noch bestimmt, daß sie die von den Wahlkreisorgani- sationen aufgestellten Landtagskandidatcn noch nach den Wahlmännerwahlen nötigenfalls durch andere ersetzen werde, und baß die Wahlmänner einer dahingehenden Aufforderung unbedingt nachzukommen hätten. In Solingen ist diese Verfügung ausgeplündert worden. Dort stellte eine sozialdemokratische Volksversammlung die Herren Reichstagsabgeordneten Scheidcmann, Redakteur Hikdebranöt und Expedient Schaal als Kandidaten aus) der letztgenannte aber machte als Versammlungsvorsitzender alsdann bekannt, daß die gewühlten sozialdemokratischen Wahlmänner nicht ohne weiteres für diese drei Kandidaten zu stimmen hätten, sie müßten vielmehr den Anordnungen der Zentralleitung, die erst nach den Wahlmännerwahlen ausgegeben würden, unbedingt folgen. Es sei möglich, daß ihnen besohlen werde, einen oder zwei, oder drei andere Kandidaten zu wählen, je nach dem die Situation es erfordere. Nach den Wahlmännerwahlen können erst die Aussichten der Parteien zuverlässig beurteilt werden. Es hat danach den Anschein, daß die Parteileitung bestimmte Genossen vor den anderen Kandidaten ausersehen hat, den nächsten Landtag zu zieren, und daß diesen die Kreise erst nach den Wahlmännerwahlen zugewiesen werden sollen, übrigens ist das eine doppelt indirekte Wahl.
Delegiertentag.
Aus Cöln wird uns geschrieben: Die gemeinsame Parteiorganisation der Freisinnigen Vereinigung und der Deutschen Volkspartei für Rheinland und Westfalen wird am 3. Mai hier oder in Düsseldorf eine Generalversammlung abhatten, um zu den Frankfurter Beschlüssen nnd Vorgängen Stellung zu nehmen. Die Mehrheit der Freisinnigen Vereinigung in den beiden Westorovinzen steht, nach früheren Beschlüssen zn urteilen, sachlich ans dem Standpunkte Dr. Barths, wird aber wahrscheinlich ans taktischen Gründen und besonders, um Naumann nicht im Stiche zu lassen, in
sehen zwischen den prunkvoll gekleideten anderen Würdenträgern, und noch beim Jubiläum der Königin Viktoria wurde es viel bemerkt, daß der amerikanische Spezialgesandte nur im Frack erschienen war. Aber seitdem hat der amerikanische Botschafter in London sich selbst Rat geschafft und eine Windsor-Uniform angenommen. Seine Attachss aber tragen regelrechte Hoftracht, zur lebhaften Entrüstung der Generäle und Obersten daheim, die sich dann durch schwungvolle Reden gegen die „Höflinge" schadlos halten. Ein Amerikaner erzählte kürzlich seinen Landsleuten, daß Charlemagne Tower, wenn er in Berlin zu Hof gehe, „wie ein ganzes Trompeterkorps" aussähe und sein Kollege in Petersburg behänge sich mit „allen Spitzen und Bändern und Krausen, die er nur erwischen könne". Woraus man ersehen mag, daß die Vorschrift über die „Sonntags- kleiüung" nicht allzustreng genommen wird.
Aber nicht allein die Diplomaten werden von Onkel Sam ein wenig stiefmütterlich behandelt. Als die Bereinigten Staaten zum erstenmal als selbständiger Staat auftraten, bedeutete ein Dollar so viel wie heute fünf, und man glaubte sich außerordentlich nobel zu zeigen, wenn man dem Präsidenten 80 000 Dollar und den Diplomaten 8000 bis 18 000 Dollar im Jahre aussetzte, mit denen sie dann sich zurechtfinden sollten. Aber die Zeit hat sich verändert und der heutige Präsident plagt sich hart mit dem gleichen Gehalte, den schon George Washington bezog. Während Franklin noch von seiner Gesandtengage Ersparnisse machen konnte, verbraucht der heutige Botschafter in London sein ganzes Gehalt allein für Tischöekorationen. Die schlimmste Plage aber ist, daß die reisenden Amerikaner die Wohnungen ihrer Gesandten im Ausland kurzerhand als ihre eigenen betrachten und aufs tiefste gekränkt und beleidigt sind, wenn sie in den Räumen der Botschaft nicht so ungestört um- herlanfen können wie in der Carnegie-Bibliothek zu Swampscott oder irgend einem anderen öffentlichen Lokal. Der verstorbene Mr. Bayard, ehemals Botschafter in London, beklagte sich bitter über den Banda-
