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Wiesbadener ®agblatt

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Nr. 184.

klbenö-Kusgabe.

1. Matt.

PoMischZ Wochenschau.

Das Lied von der Geldknappheit und der wirtschaft­lichen Überspannung ist so oft gesungen worden, daß sich schließlich jeder „Sechsdreierrentner" als Krösus fühlte. Und siehe da, die 650 Millionen Mark, die das Reich und Preußen gebraucheil, sind ohne Schwierig­keiten beschafft worden. Sogar den bezopften Chinesen konnten wir zu einer Anleihe verhelfen. Und wenn Herr Stolypin zur Ausführung seiner Amur-Eisenbahn uns um freundnachbarliche Unterstützung ailgeht, so wird er kaum vergeblich bei den deutschen Bankiers anklopfen. Handel und Industrie sind — ob das schon Festes­stimmung ist? — in rosiger Laune.

Warum sollte es Fürst B ii l o w, der sich in der Siebenhügelstadt stolz als civis Romanus bekennt, nicht ebenfalls sein? Der so oft totgesagte Dreibund gibt deutliche Lebenszeichen von sich. Und Italien scheint trotz der Extratour, die man ihm einst gütig gestattete, doch erheblichen Wert darauf zu legen, mit Deutschland und Österreich in bestem Einvernehmen zu, sein. Mag sein, daß man der österreichischen Balkan­bahn ein wenig mißtrauisch am Strand des Tiber entgegenschaut, doch dafür entschädigt man sich durch die Bildung eines . italienisch-russisch-französischen Syndi­kats für die Do n a u - A d r i a - B a h n. Schließlich sieht man immer wieder ein, daß die Erhaltung des vielberufenen Status quo in Mazedonien das einzige Richtige ist. So findet denn Englands Versuch, Maze­donien unter eine internationale europäische Kontrolle zu bringen und so selber die Fäden zu immer neuen Konflikten mit der Regierung in Konstantinopel in die Hand zu bekommen, keine sonderliche Gegenliebe.

Das neue englische Kabinett — der Rück­tritt Campbell-Bannermans kam ja nicht überraschend, wenn auch unvermutet — wird kaum Neigung haben, sich hier eine neue diplomatische Niederlage zu holen. Es hat auch jetzt andere Sorgen. Die liberale Partei Großbritanniens hat mit wachsenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Befriedigung Irlands ist nicht ge­lungen: sie kann wohl auch niemand gelingen, da die Iren die entschädigungslose „Rückgabe" aller Lände­reien an das Jrentum verlangen, wozu sich England niemals verstehen wird. Die Schul- und die Schank- vorlage sind auf Schwierigkeiten gestoßen. Eine Reihe von Nachwahlen sind ungünstig ausgefallen, das Gefühl der Macht und Sicherheit ist dadurch beeinträchtigt. Die ganzen Verhältnisse sind etwas erschüttert und es wird abzuwarten sein, ob sie sich unter Herrn Asqniths Leitung wieder mehr festigen werden. Aber selbst wenn die englische Wählerschaft wieder eme konservative Mehrheit nach Westminster schicken sollte, dem Weltfrieden drohte keine Gefahr. Schlreßüch überwiegt auch bei allen einsichtigen Engländern — gerade mit Rücksicht auf die zentrale Vermittlerstellung des Londoner Weltmarktes — das Interesse am guten Einvernehmen der europäischen Großmächte.

Immer mehr sieht man auch ein, daß es nicht erst der Ultima ratio, der Kanonen, bedarf, um unter zivilisierten Völkern Vereinbarungen und Ab­kommen zu erzielen. Sir Max Wächter ist uner­müdlich tätig, um eine europäische Zollunion zustande zu bringen, und scheint bei den verschiedenen Kabinetten, die er um Audienz gebeten hat, mehr als bloß platonisches Entgegenkommen zu finden. Die Frage des territorialen Status quo an den Rändern der Ost- und Nordsee, die einst die Wogen der politi­schen Erregung so hoch türmte, wird in wenigen Tagen friedlich erledigt sein. „ p . r Y . r .

Als Friedensfurst wirkt auch sicherlich der deutsche Kaiser, während er auf seiner neuen Besitzung auf Korfu weilt. Er wird, ohne daß er als unmittel­barer Warner auftritt, Griechenland, das drauf und dran ist, eine neue Flotte zu bauen — natürlich auf dem nicht ungewohnten Wege der Anleihe — vielleicht vor unüberlegten Schritten gegen die Türkei zurückzu­halten wissen. So kann auch die Mittelmeerfahrt Kaiser Wilhelms IR eine wichtige, wenn auch unbeab­sichtigte Friedensmission erfüllen. Wenn Deutschlands Fürsten sich dann um den greisen Kaiser Franz Joseph scharen, werden die Friedens- und Freundesworte nicht bloße Phrasen sein. Mag auch auf das Regierungs­jubiläum des verehrten Monarchen die Ermordung des Statthalters in Galizien einen blutigen Schatten werfen, sie wird der Festesfreude doch nur wenig Ein­tracht tun können. Friede n s st i m m ung herrscht in allen Kulturstaaten Europas. Uiid wenn auch Japan in China durchaus nicht als Friedensstifter aus- tritt wenn es in Persien noch immer gart, wir brauchen trotzdem nicht Pessimisten sein und uns die Oster- Limmuna verderben lassen.

Wiesbaden, Samstag, 18. Apri! 1S«8.

Jer Kaiser ;m Süden.

lad. Korfu, 17. April. Das Karserpaar zog sich gestern vormittag nach der Abenümahlsandacht sofort zurück. Nachmittags unternahm die kaiserliche Familie nebst Gefolge einen Spaziergang nach Bonizze, wo sich die Zisterne befindet, deren Wasser nach dem Schlosse Achil- leion geleitet wird. Der König von Griechenland wird auf der „Jmplacable" am Ostersonntag dem Gottesdienst beiwohnen.

hd. Korfu, 18. April. Zur Mittagstafel war gestern vom Kaiserpaar u. a. auch die Kronprinzessin von Griechenland, die Schwester des Kaisers, eingeladen. Am Nachmittag unternahm die kaiserliche Familie einen längeren Spaziergang nach Nenizze und verbrachte den Abend bei herrlichem Wetter auf den Terrassen des Schlosses.

hd. Wien, 17. April. Das öfter r eicht s ch e M i tte lm eerge s ch wader wird, wie die „Zeit" berichtet, am 25. April in Korfu eintresfen und im Hafer! von Gasturi von Kaiser Wilhelm besichtigt werden. Am 20. April wird dann das Geschwader seine Fahrt nach Pola sortsetzen.

hd, Korfu, 17. April. Die t ü r k i s ch e M i s s i o n unter der Führung Tnrkhan Paschas wird am 28. April hier eintresfen. Tnrkhan Pascha wird sofort nach Be­grüßung des Königs von Griechenland sich nach dem Achilleion begeben, um dem Kaiser das Handschreiben des Sultans zu überreichen.

hd. Korfu, 18. April. Die Delegierten Tnrkhan Paschas reisten ab mit dem Bescheid, daß der Kaiser vor­läufig wegen der Karwoche noch keine Entscheidung über den Empfang der Abgesandten des Sultans treffen könne. Tnrkhan'Pascha wird jedenfalls in der nächsten Woche vom Kaiser empfangen werden und hierbei auch dem König von Griechenland, der vorläufig hierbleibt und den Kronprinzen aus Anlaß der wichtigen Kammer- vcrhandlungen nach Athen gesandt hat, seine Aufwartung machen.

Fürst Külmos Rmnreils.

hä. Rom, 17. April. Gestern vormittag machte der Reichskanzler mit seiner Gemahlin einen Spaziergang. Dann entsprach das 'Fürstenpaar einer Einladung der Königin-Mutter Marghcrita zum Frühstück. Am Nachmittag begleitete der Reichskanzler seine Gemahlin zur Königin Helene, die der Fürstin, der ein äußerst freundlicher Empfang bereitet wurde, ihre Kinder zeigte. Während die Fürstin bei der Königin weilte, unternahm der Reichskanzler mit Professor von Renvcrs einen aus­gedehnten Spaziergang.

wb. Rom, 17. April. Fürst Bülo w wohnte heute vormittag dem Gottesdienst in der Botschaftskapelle bei. Der Fürst und die Fürstin nähmen dann das Frühstück beim deutschen Botschafter Grafen v. M o n t s ein. Es waren, geladen der bayerische Gesandte am Quirrnal Freiherr von und zu der Tapn-Rathsamhausen, Pro­fessor Renvers, Gesandter v. Flotony Legationsrat Bergen, Geheimrat Stock und der Attachs Oberleutnant Bcyersdorf.

hd. Rom, 18. April. Fürst Bülow Hatte gestern abend nochmals eine lange Unterredung mit Tittorn.

DsRtschss Wich.

* Die Nord- und OstseeaSksmMen. Einem Berliner Telegramm der „Cöln. Ztg." zufolge dürften die beiden Erklärungen über die Nordsee und Ostsee, die erste rn Berlin, die zweite in Petersburg, nach Ostern, und zwar möglicherweise noch vor dem 1. Mai gezeichnet werden, unter der Voraussetzung jedoch, daß die vor der Zeichnung zu erfüllenden Förmlichkeiten in den beteilig­ten einzelnen Staaten glatt erledigt werden. Tue Fassung der Erklärungen ist für die Ostsee von Rußland und für die Nordsee von Deutschland entworfen. Dre Entwürfe laufen gegenwärtig bei den Zeichnungsmächten um. Wesentliche Änderungen sind nach dem bisherigen Er­gebnis der Verhandlungen nicht mehr zu erwarten.

Bayern vor Preußen voran. Dem bayerischen Landtag ist das neue Beamtengesetz zugegangen, ferner eine Vorlage, betreffend die Aufbesserung der katholischen und protestantischen Geistlichen, wofür ein Mehr von 3 800 750 M. gefordert wird, und drittens eine Vor­lage, betreffend die Erhöhung des Einkommens der Volksschullehrer, für welchen Zweck der Mehr­bedarf 4 460 OOO M. beträgt.

* Aus dem Flottenverein. Auf Anfrage an General Keim wie er über die Entschließung des Flottenvcrerns- Vorstandes denke, erhält die „Deutsche Zeitung" eine Zuschrift, in der es n. a. heißt: „Ich vermisse in den Erörterungen über die i n h al t s l o s e und gerade des­halb charakteristische Resolution des Gesamtvorstandes des „Deutschen Flottenvereins" vom 12. April die Haupt-

58. Jahrgang.

sach-c, und das ist die praktische Schlußfolgerung über die zukünftige Leitung des Vereins. Diese kann aber meines Erachtens in präziser, logischer und konstitutio- ucller Weise nur dahin gezogen werden, daß die Leitung in die Hände des Freiherrn v. Würtzbnrg und des Admirals v. Hollmann gelegt werden muß. ^Diese Herren sind die wahren Sieger in dem langen Streite und nicht die seit dem .12. April verflossene Mehrheit von Cassel. Nur von solchen Männern ist Festigkeit und Stetigkeit zu erwarten, beides unerläßliche Vor­bedingungen für eine erfolgreiche Tätigkeit im öffent­lichen Leben. Daß ich die von jenen Herren verfolgte Richtung in Flottenvereins-Angelegenheiten für eine falsche, ja geradezu für eine verderbliche halte, was die vom Flottenverein zn vertretenden großen nationalen Interessen betrifft, und daß ich diese Richtung pflicht- müßig weiter bekämpfen werde, ist eine Sache für sich. Aber ich bin gerecht und verirrteilsfrei genug, um anzn- erkennen, daß jene Richtung sich immer mehr formal die Berechtigung erworben hat, die Zügel zu fuhren'. Sie mag denn zeigen, was sie leisten kann. Jede andere Lösung als ein Präsidium, in welchem die 4 B (Bayern, Berlin, Brandenburg, Baden) die unbedingte Leitung besitzen, bedeutet eine Halbheit und eine — natürlich ungewollte — Irreführung des Deutschen Flottenvereins und der öffentlichen Meinung. Alles dies natürlich unter der Voraussetzung, daß die Hauptversammlung tu Danzig, welche über die Geschicke des Vereins souverän zn entscheiden hat, die Resolution vom 12. April zu der ihrigen macht. Voraussichtlich geschieht das. Dann geht meine persönliche Ansicht dahin, daß ein Verein, der sich angesichts des neuen Bereinsgesetzes nicht dazu ent­schließen kann, sich frank und frei als ein national­politischer zu bekennen, obwohl jedes Wort des 8 3 seiner Satzungen Politik bedeutet, k e i n e n An­spruch mehr hat auf die Sympathien derjenigen natio­nalen Kreise, denen das Wesen höher steht als die Form, und welche die Unabhängigkeit des Vereins als die Grundlegung für sein Ansehen und erfolgreiches Wirken betrachten."

* Änderungen Bei der „Natioiial-Zeitimg". Ein Königsberger Blatt hatte berichtet, die „National- Zeitnng" solle am 1. Juli aufhören, als selbständiges Organ zu erscheinen und mit der freikonservativen „Post" verschmolzen werden. Dies ist, wie die „Post" nntteilt, nicht richtig. Die „National-Zeitung" wird in ihrer vollen bisherigen politischen Selbständigkeit wciter- geführt werden. Es sind gewisse organisatorische Ände­rungen, die rein geschäftlicher Natur sein sollen, geplant, doch ist eine endgültige Entscheidung hierüber noch nicht getroffen. Auf alle Fälle bleibt die politische Richtung der „National-Zeitung" von den eventuellen Änderungen durchaus unberührt.

* Dem Jrrstizrat Mar Bernstein ist die Anklage- schrrft wegen Beleidigung des Fürsten Eulenburg zu­gestellt worden.

* Berlin und die „Große Berliner". Am Donners­tagabend hat das Schiedsgericht zur Entscheidung über die Schadensersatzansprüche der Großen Berliner Straßenbahn gegen die Stadtgemeinde Berlin folgenden Schiedsspruch gefüllt: „ES wird festgestellt, daß die Staöt- gemeinde Berlin verpflichtet ist, der Großen Berliner Straßenbahn denjenigen Schaden zu ersetzen, der ihr zugefügt werden wird durch den Betrieb der Nord- Süd -U n t e r p f l ast e r b a h n seitens der Stadtge- meindc Berlin, im übrigen wird die Klage avgewicsen. Die Kosten des Schiedsgerichts werden jeder Partei zur Hälfte auferlegt, die den Parteien erwachsenden Kosten werden gegeneinander aufgehoben. Der Wert des Streit­gegenstandes wird auf zwanzig Millionen Mark festgesetzt." — Ans Grund des Vertrages zwischen Stadt und Straßenbahn ist der Schiedsspruch endgültig.

* Ein sozialpolitischer Ausschuß für die Interessen der Gasthausangeftclllen ist gemeinsam vom Deutschen Kellner- bund, vom Genfer Verband der Sotelangestellten, dem Internaüonalen Verband der Köche, dem Verband deutscher Köche, dem Reichsverband der Kellner-Lokalvereine und dem

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Internationalen christlichen Kellnerbund ins Lek .. ... .... worden. Der Sitz des Ausschusses ist zunächst in Leipzig.

Als wesentlichste Ausgaben sind bezeichnet: Regelung des Lehrlingswesens, Abschaffung der Entlohnung durch Trink­geld, unentgeltliche Stellenvermittelung und Ausbau der Schutzvorschriften für das Gasthauspersonal.

Hsev rmd Flstts.

Der Kronprinz wird sich am 29. Mai auf dem Flotten- flaggschiff „Deutschland" einschiffen und vis zum 6. Juni an Bord desselben bei dem Prinzen Heinrich verweilen, um den Übungen der Hochseeflotte beizuwohuen.

Ein neues Torpedonetz. Das amerikanische Marincamt hat beschlossen, alle Panzerschiffe mit einem neu erfundenen Netz zum Schutz gegen Torplllen zn ver­sehen. Die angestellten Versuche mit diesem Netz sollen sehr gute Erfolge ergeben haben.

UeMschs KsfimNs«.

Ostafrika. Heute, tritt Hauptmann a. D. Fromm mit dem “ früheren Feldwebel der kaiserlichen Schntz- truppe Münsner auf dem Dampfer „Prinzessin" der