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Wiesbsilener TsgbM.

Werlaa Lanssaffe 2V» n (-»J a a Verlag (Expedition) 2953, Redaktion 52,

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Verlag (Expedition) 2953, Redaktion 52, Druckerei 2266.

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in einyeitlicher —.

Für bie Ausnahme später eingereichter Anzeige» in die nächsterschciuende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 181.

Wiesbaden, Donnerstag, 16. April 1868.

86. Jahrgang»

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

UoMfchr Uberstcht.

Arbeiterkandidaturen.

Vor den diesmaligen Landtagswahlen wird an den Türen der Parteien ziemlich kräftig angepocht und ge­rufen: Arbeiterkandidaturen! Besonders, was ia

auch natürlich ist. an den Sitzen der Großindustrie. Tas Zentrum hat in drei Ruhrkreisen Aroeiterkandr- daturen beschlossen: die Teilung der großen Wahlkreise kommt dieser Partei teilweise zustatten. Dagegen ist die Wiederausstellung des einzigen Arbeiters m der bisherigen Fraktion, August Brust, zweifelhaft, Nicht bloß aus Gründen, die in der Person des bisherigen Abgeordneten liegen, sondern auch, weil die Landwirte nicht damit einverstanden sind, daß der Kreis Borken- Recklinahausen sowohl im Land- wie im Reichstage durch Leute aus der Arbeiterklasse (Brust und Schiffer) vertreten sind. In Dortmund hat der nationalliberale Wahlvorstand' die Ausstellung eines Arbeiterkandi­daten für diesmal abgelehnt, weil keine geeignete Per­sönlichkeit vorhanden sei. Die evangelischen Arbeiter­verein" die etwa 45 000 Mitglieder zählen, sind über diese Antwort unwillig, und die Christlich-Sozialen baben der nationalliberalen Partei sofort den Krieg anqekündigt, weil ihnen der „entsprechende' Anteil an den Kandidaturen für den Ruhrbezirk verweigert wor­den sei „Entsprechend" ist hier sehr gut. Nach ihren Stimmenzahlen bei den Reichstagswahlen wurden nämlich die Christlich-Sozialen ini Ruhrgebiet etwa auf V,, Kandidaten Anspruch haben, wo aber solle ein solches Bruchstück eines Kandidaten hergenommen werden, und was will man init ihirr anfangen? Die Christlich-Sozialeii sind doch nicht die evangelischen Ar- beit"v Die Zentralleitung der Freisinnigen hat sich init der verlangten Aufstellung von Arbeiterkandiba- mren in „sicheren" Wahlkreisen grundsätzlich ernver standen erklärt, aber init den „sicheren" Wahlkreisen hapeü's. In Betracht gezogen ist Iserlohn-Altena. Dieser Kreis gehört zu denen, auf die sich auch die sozial- demokratie Hoffnungen macht Übrigens können Ar beiter nach dev Natur der parlamentarischen Ausgaben im Landtage nicht so viel nützen wie im Reichstage, -r.

Journalisten-Hochschulen.

Ein Mitarbeiter schreibt uns: Der Ausschuß der Berliner freien Studentenschaft wird im nächsten Halb­jahr Journalistenkurse einrichten, die als „Demon­stration zugunsten der Schaffung einer außerordent­lichen Professur für Journalistik an der Berliner Uni­versität" betrachtet werden sollen. Es sind Vortrags­zyklen beabsichtigt über Geschichte, Wesen und Bedeu­tung der Presse, über Nachrichtendienst und Redaktions­arbeiten sowie über Urheberrecht. So wird verschiede-

nen Zeitungen geschrieben, nein telegraphiert, der Wichtigkeit der Sache wegen. Alle praktischen Journa­listen schütteln über solche Meldungen den Kopf. Sie fragen sich: wer heckt diese Pläne denn aus? Niemand lernt das Berichterstatten dadurch, daß er Vorlesungen über Berichterstattung anhört oder auch akademische Übun­gen über Berichterstattung mitniacht, die doch naturge­mäß nur Übungen im Stil sein können. Und Jfetn Chefredakteur und Verleger wird eineii jungen Mann deshalb einstellen, weil er die journalistische Hochschule besucht hat; er wird diese Art von Vorbildung sogar unbedingt für einen Nachteil halten. Die Journalistik — und zwar von jeder Art — wird nur in der Praxis gelernt. Jedenfalls stellt sich erst im Beruf.selbst. hier aber meist schon bald, heraus, für welchen Zweig jemand die meiste Eignung besitzt. Die daneben nötige theoretische Aus- oder Weiterbildung wird . ebenfalls durch Selbstarbeit erworben. Hier ist aber ein persön­licher Berater von Wert; solche Hilfe und Förderung wird jedoch imnier ganz individueller Art sein müssen. Gelehrte Leute sind manchmal gute Mitarbeiter und der Zeitung willkonnnen für ein Spezialgebiet, das ste beherrschen. Mitarbeiter und Redakteur sind aber zwer bimmelweit verschiedene Dinge. Den unberufenen Leuten, die durchaus Journalistenhochschulen gründen möchten, darf man wirklich zurufen: Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Eine kritische Frage.

Eine merkwürdige Frage stellt und eine noch merk­würdigere Antwort auf sie gibt der unter dem Pseudonym „Pluto" schreibende Finanzsachmann in der Halbmonatsschrift „Neue Revue". Er wundert sich, daß die Regierungen gerade jetzt 850 Millionen haben mjüssen. Er möchte wissen, wofür so ungeheuere Summen auf einmal gebraucht werden. Was Preußen anlangt, so können die jetzt aufgenommenen fast 400 Millionen doch unmöglich sofort für die Kleinbahnen (für die sie angeblich bestimmt sind) verwendet wer den Und nun fragt Pluto, ob hier etwa die Mar,ne Politik mitspricht? „Immerhin", so schreibt er. „gibt es Leute, die von gewaltigen Schiffsbauten sprechen mit bereits fälligen oder bald zu bezahlenden Rech nnngen, so daß die bis zum Oktober ausgedehnten ©r. leichterungen für die Zeichner auf jene 400 Millionen doch immerhin die preußische Kasse zu großen Voraus­lagen schon nach einem halben Jahre instandsetzen. Später würden dann alle diese Gelder schon den Neben­bahnen wieder zufließen." So die „Neue Revue"! Man wird ja nicht erfahren, wie es mit diesen Dingen steht, und man soll auch iricht zn viel forschen. Aber interessant genug ist jedenfalls die von Pluto ansge worfene Frage.

Das preußische Disziplinargesetz entstand bekanntlich ungefähr zu derselben Zeit, als das vortreffliche Dreiklassenwahlrecht geschaffen wurde, und daraus allein schon läßt sich der sichere Schluß ziehen, daß es in die heutige Zeit nicht mehr paßt. Selbst das

Abgeordnetenhaus, das in seiner heutigen Zusammen- ehung am „Bewährten" gewiß nicht gern rütteln mag, hat wiederholt Veranlassung genommen, die Regierung aufzufordern. eine zeitgemäße Umgestaltung dieses Ge­setzes (vom 21. Juli 1852) vorzunehmen, das die All­macht der Behörde den Beamten gegenüber zum ober­sten Grundsätze erklärt hat. Während das gleichzeitig ergangene Disziplinargesetz für dei, Richterstand vollste Unabhängigkeit verbürgt, indem es besondere Dw- ziplinarsenate vorschreibt, unterliegt die Mehrzahl der nicht richterlichen Beamten der Aburteilung eines Ge- richtshoses, der aus Mitgliedern der v o r g e s e tz t e n Behörde besteht. Daneben enthält das Gesetz noch er- hebliche juristische Mängel, denn es kennt z. B. keiner­lei Verjährung, kein Wiederaufnahmeverfahren und natürlich auch keine Entschädigung unschuldig Ver- urteilter.

Daß nicht schon längst eine lebhafte Agitation für eine zeitgemäße Revision dieses Gesetzes entfaltet wor- den ist, liegt jedenfalls daran, daß es trotz seiner Ge- sährlichkeit in Beamtenkreisen nicht genügend bekannt ist, da die Behörden von der Allmacht, die es ihnen verleiht, nur sehr maßvoll Gebrauch machen. ES schwebt aber immer wie ein Damoklesschwert über dem Haupt eines jeden Beamten, daher verdient eine Schrift") allgemeine Beachtung, die der Vorsitzende der Rechtsschutzkommission des Deutschen Lehrervereins so­eben auf Grund seiner fast 20jährigen Erfahrung be­arbeitet hat, nicht etwa allein deshalb, weil sie das Ge- setz in allgemein verständlicher Forin erläutert — das tun die vorhandenen Kommentare bereits in umfang­reicherer Weise —, sondern weil hier zuin ersten Male eine Sanimluiig von Di s z i p l i n a r u r t e i I e n veröffentlicht wird, die die Hand h a b u n g des Ge­setzes veranschaulichen. Von den zur Aburteilung ge- langten Dienstvergehen seien beispielsweise angeführt: Unangemessene Beschwerde, Abwehr ungerechter Be- Handlung, Abwehr übler Behandlung durch die Presse, Verhängung unerlaubter Strafen, Veim.nng der Amtspflicht als Religionslehrer, Nichtbeachtung einer Verordnung und politische Tätigkeit der Lehrer. — Wenn das Büchlein auch in erster Linie für Preußens Lehrer und Lehrerinnen aller höheren und niederen Schulen bestinimt ist, so wird es doch auch allen denen, die sich mit der Materie zu befassen hüben, ohne im Schuldienst zn stehen, willkonnnene Fingerzeige bieten.

Aus dem Goldlande Transvaal.

Z. Johannisburg, 23. März.

Bei Ablauf seiner Amtsperiode als Präsident der Minenkammer hat Reyersbach eine Rede gehalten, die einen ganz interessanten Einblick in die Veränderungen gewährt, welche in der letzten Zeit sich in der Minen­industrie anbahnen oder schon dnrchgesetzt haben. Er

*) Das preußische Disziplinargesetz, bearbeitet für Lehrer und Lehrerinnen unter Benutzung wichtiger Ent­scheidungen der Rechtsschutzkommission dcS Deutschen Lehrer» Vereins von F. A. Müller. Verlag von A. Anton u. Ko.» Berlin W. und Leipzig.

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FerMeton.

Zum 100* Geburtslage Napoleons HI.

(Geboren den 20. April 1808.)

In seinen „weltgeschichtlichen Betrachtungen" spricht Fakob Vurckhardt davon, wie schwierig es oft den Mit­lebenden fei, „Größe zu unterscheiden von bloßer Macht". Dagegen sei die Nachwelt gar streng gegen solche Männer, „die einst bloß mächtig gewesen sind, und malt sich die­selben ins Schlimmere aus". Das außerordentliche An­sehen. das Napoleon III. in der Seit seiner höchsten Machtentfaltung genoß, und die jähe Nichtachtung, der er nach seinem Sturz fast allgemein anheimfiel und die noch heute von seinem Namen nicht völlig geschwunden ist, sind eine Bestätigung dieses tiefsinnigen Gedankens. Napoleon III. gehörte zn jenen Persönlichkeiten, die nur mächtig waren, und weil seine Gestalt der Ewigkeits- züge ermangelte, mit den großen geistigen Ideen seiner Zeit nicht notwendig und untrennbar verbunden war, ist er hingezogen über den Staatenhimmel Europas wie ein unruhig flackernder Komet, überall Aufregung und Wirrnis auf seiner Bahn verbreitend, um dann plötzlich zu verlöschen. Bismarck hat schon 1836, gerade als Napoleon III. im Zeuit seines Einflusses stand, diese allgemeine Überschätzung, an der auch Friedrich Wil­helm IV. teilnahm, richtig erkannt, wenn er denl König sagte: „Ich habe den Eindruck, daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann, aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Oftapcn zur Unrechten Zeit regnet, das ans einer übelwollenden Machination des Kaisers erklären will. Man bat mH besonders bei uns daran gewöhnt, ihn als eine Art gfoie du mal zu betrachten, das immer nur darüber

nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes _ in Ruhe genießen kann; sein Verstand ivird auf Kosten seines Herzens überschätzt." Immerhin lebten in dieser zwiespältigen grüblerischen phantastischen Natur nicht gewöhnliche Kräfte und Antriebe und gerade das Unruh- Räselvolle seines Charakters, die Verbindung „ von romantischer Abenteuerlust mit kalter skrupelloser Über­legtheit riefen vielfach einen faszinierenden Eindruck hervor, der durch die wunderlichen Schicksale seines Lebens, durch seine Abstammung und seine Ziele noch verstärkt wurde.

Napoleon ist als der dritte Sohn Louis Bonapartes, eines Bruders des großen Napoleon, der von 1806 vis 1810 König von Holland war, und der leichtsinnigen Hortense Beauharnais geboren worden. Der Vater, der vielleicht gerechtfertigte Zweifel an der Legitimität seiner Geburt hatte, kümmerte sich wenig um den jüngsten Sprössling. der nichtsdestoweniger als eventueller Thron­erbe offiziell anerkannt wurde: so ivar der junge Napoleon ganz der Mutter überlassen, die ihn zärtlich liebte und mit ihm nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrlichkeit in unruhigen Jahren der Verbannung von Ort zu Ort zog. In Augsburg be­suchte er das Gymnasium und erhielt dort seine erste wissenschaftliche Ausbildung. Dann lebte er mit der Mutter ans dem Schweizer Schloß Arenenbcrg, wo seine jugendliche Phantasie mit dem berauschenden Stofs der napoleonischen Legende genährt wurde und sich früh in ihm die leitenden Ideen seiner Weltanschauung ent­wickelten. Es waren jene wunderlich heterogenen Ideen von Freiheit und Despotismus, eines Zäsarentums, das sich mit dem Prinzip des allgemeinen Wahlrechts und sozialistischen Tendenzen verband, einer kosmopolitische» Politik, die doch immer wieder ans den Gedanken der Nationalitäten zurückkam, Auschaunnaen. die ihm schließ­

lich den Erfolg sichern sollten. Ein Träumer voll phan­tastischer Einfälle, ehrgeizig irnd schweigsam, in seinem ganzen Wesen schwankend und unentschlossen, dabei doch von zähester Hartnäckigkeit im Verfolgen von Plänen, die sich in ihm einmal festgesetzt hatten. „Ein lieber Dickkvpf" hat ihn die Mutter öfters genannt, die den Glauben an seine hohe Bcstimmnilg und die Anlagen einer frivol skeptischen Lebensauffassung in ihm be­festigte.

Begierig, möglichst bald eine politische Rolle zu spielen, war er schon mit 20 Jahren in jene italienischen Verschwörungen verknüpft, durch die sein Bruder Napoleon LouiS die Halbinsel von österreichischer Herr­schaft befreien wollte. Während der Bruder beim Auf­stande der Romagna den Tod fand, wurde er auf die Bitten seiner Mutter vor Gefangennahme und Ab­urteilung bewahrt, aber die romantische Geste des Kar- bonaro hat er bewahrt; die Erinnerung an diesen Beginn seiner politischen Laufbahn ist immer wieder aufgetaucht in dem Haß, mit dem die italienischen Freiheitskämpfer den Abtrünnigen verfolgten, in seiner eigenen Anteil­nahme an Italiens Einigung. Gleich darauf sehen wir Louis Napoleon in Verbindung mit den Führern des polnischen Aufstandes die Krone Polens erhoffend. aber die Einnahme Warschaus läßt diesen trügerischen Traum zerrinnen. Doch nichts vermag ihn zu entmutigen. Als er den Tod des Herzogs von Reichstadt, seines Vetters, erfährt, fühlt er sich nun als alleiniger Repräsentant der napoleonischen Dynastie gegenüber Frankreich, und er ist fest entschlossen, diese Ansprüche geltend zn machen. Unterdessen macht er seinem Tätigkeitsdrang in ctner Reihe kleiner Schriften Luft, wie ihm überhaupt immer eine starke Leidenschaft des Schreibens eigen ivar, wird Artilleriehauptmann in der Schweizer Armee und läßt ein von ihm selbst verfaßtes artilleristisches Handbuch in i der französischen Armee im geheimen verbreiten. Eine