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Nr. 17«.
Wiesbaden, Sonntag, 12. April 1908.
56. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Mcrtt. __
Unler UerhMtms zu Ilalien.
Heute Sonntag bereits wird Fürst Bülow in Rom Unterredungen mit Herrn Giolitti und Herrn Tittoni haben. Von Berlin wie von Rom aus wird mit schönem Vertrauen, aus die Geduld des Papiers und des Zeitungslesers versichert, daß die Reise des Reichskanzlers keine politischen Zwecke habe. So ost man dergleichen hört, ist man verpflichtet, es nicht zu glauben; lm vorliegenden Falle ist man doppelt dazu verpflichtet, da bereits gelegentlich des Besuchs des Fürsten Bülow in Wien angekündigt wurde, daß sein .Besuch in Rom die Ergänzung der an der Donau geführten Verhandlungen bilden solle. An der Donau aber war Fürst Bülow nicht als Privatmann erschienen, sondern eben als verantwortlicher Leiter unserer auswärtigen Politik, der sich mit dem Freiherrn v. Aehrenthal über eine Reihe der wichtigsten internationalen Fragen ins Einvernehmen zu setzen hatte. Also werden mich die Gespräche in Rom nicht ganz unwichtig sein, wie es im übrigen auch die Unterhaltungen des Kaisers mit dem König von Italien in Venedig ganz gewiß nicht gewesen sind.
Was haben wir von dem bevorstehenden Meinungsaustausch nun zu erwarten? Es gibt Leute, die außerordentlich wenig davon erwarten, Beurteiler, die das deutsch-italienische Verhältnis nur etwa so betrachten, gls sei es lediglich eine Form, aus der die Seele längst entwichen sei. Nicht selten wird es so Largestellt (und gerade jetzt wieder, am Vorabend der Ministerbegeg- nungen, hören wir es aufs neue), als habe sich Italien ganz in die Arme Frankreichs und Englands geworfen, so daß es verlorene Liebesmühe sei, toenn in Wien und nun gar in Berlin immer noch versucht würde, den treulos gewordenen Dritten beiln Bündnis festzuhatten. Solche Auffassungen zu widerlegen, ist ja nicht leicht, denn es handelt sich um Gefühlsurteile, die bekanntlich immer weit fchwerer zu entkräften sind als Urteile, bei denen nachgewiesen werden kann, daß sie auf falschen Prämisseil beruhen. Um aber nachzuweisen, daß in bezug auf unser Verhältnis zu Italien unrichtige Voraussetzungen das Gefühl der aburteilenden Skeptiker verwirren, dazu würde nur jemand imstande sein, der das Material der diplomatischen Vorgänge gründlich kennt. Mit anderen Worten: das Für und Wider, besonders das Wider, stützt, sich auf Gründe, die man für zutreffend halten kailn, und hier herrscht durchweg Unsicherheit. Aber daß dies der Fall ist, spricht 'zum Teil doch auch wieder für die Meinung, daß in unserem Verhältnis zu Italien nicht alles so in Ordnung ist, wie wir es wünschen müßten. Somit dürfte es zu den Ans-, gaben des Fürsten Bülow gehören, jetzt in Rom für die Begleichung etwa entstandener Schwierigkeiten zu sorgen.
Man sieht sofort, um was es sich dabei handeln mag. Die italienische Politik hat längst ihr Augenmerk aus den B a l k a n als ein Gebiet möglicher
Feuilleton»
lNachdruck verboten.)
Der Wortwechsel.
Humoreske aus dem Flämischen von Hans Hart.
„Nein, Luise! Das sollst du nicht!"
„Ich will's aber!"
„Du verweigerst mir den Gehorsam?"
„Gewiß!"
„Nimm dich in acht, sage ich dir!"
„Denkst du. ich fürchte mich vor dir?"
„Unverträgliches Weib!"
„Lächerlicher Mann!"
„Gut denn. Lassen wir uns trennen!"
„Ganz recht. Weh mir, daß meine Eltern mich an einen Mann wie dich gegeben?"
„Weh mir, daß ich so dumm war, mir keine andere auszusuchen!" —•
Im Begriff, in das Zimmer ihrer Tochter einzutreten, hatte Frau Müller bereits ihre Hand auf die Klinke der Tür gelegt, als der heftige Wortwechsel sie zurückhielt.
Ist es möglich, dachte sie bei sich. Karl uild Luise zanken sich miteinander! Und sie sind doch erst seit sechs Monaten verheiratet. Welcher Verdruß!
Soll sie hineingehen und den beiden, sie überraschend, das Häßliche ihres Tuns vor Augen führen und sie zu versöhnen trachten? .
Nein, besser war es, die beiden sich zu überlassen. Selbst die Eltern sollten sich nicht in Streitigkeiten der
politischer wie Wirts chaftspolit^sch er Expansion gerichtet, und wenn derartige Tendenzen in Berlin an und für sich gewiß nicht unfreundlich betrachtet werden, so lnag sich die Lage dadurch kompli- sieren, daß aus diese Weise Gegensätze zwischen Italien und dem Donaureiche entstehen, die uns zu einer Wahl darum nicht verleiten dürfen, weil es das natürliche Interesse des weniger beteiligten Dritten seiir muß, die bisher noch friedlichen Rivalen auf eine mittlere Linie zu vereinigen. Vielleicht hat die bis zu einem gewissen Grade schwerlich wegzuleugnende Lockerung des Ver- haltnisses Italiens zu ilns ihren Grund nicht so sehr in der Sehnsucht nach neuen Freundschaften mit den Westmächten als vielmehr in der Erkenntnis, daß die deutsche Politik bis heute keinen Weg hat angeben können, auf dern Österreich-Ungarn und Italien in den Balkanfragen dauernd nebeneinander und zu gemeinsamen Zielen hin gehen könnten. Es ist leicht gesagt, daß die deutsche Politik Fehler begangen haben mag. daß sie es verschuldet habe, wenn zwischell Wien und dem Qllirinat so manche Differenz entstanden ist, und wenn Italien sich nicht bloß an Frankreich und England, sondern auch arr Rußland anzulehneir versucht hat. Hat es Fehler gegebeir, so können sie unvermeidlich gewesen sein; sie müssen es nicht, aber sie können es, und jedenfalls sollte man nicht übersehen, daß Lebensfragen der Machtstellung von Großmächten, wie sie in diesen Balkandingen gegeneinanderstehen, am letzten Ende einem Ausgleich widerstreben, daß sich nur bis zu einer gewissen Linie hin vermitteln läßt, daß dann aber ein Entweder—Oder eintreten kann, bei dem alle Kunst der Diplomatie versagt. Ob es hier so liegt, wollen wir, müssen wir vielmehr unentschieden lassen. Auf alle Fälle wird Fürst Bülow in Rom noch einiges andere zu tun haben, als daß er sich bloß um sein dort erworbenes Besitztum und dessen Neueinrichtung küm mert. _
Deutsche Kolümstenanftedlung in den baltischen Praninzen.
Die A n s i e d l u n g deutscher Kolontsten in den Ostseeprovinzen ist seinerzeit als eine Folge der estnischen und lettifcfjen Revolution begonnen worden. Natürlich eiferte die lettische, zuni Teil auch die rtlssische Presse mit Heftigkeit gegen diese Überführung Deutscher ans den innerrussischen deutschen Kolonien nach den Ostseeprovinzen, gegen die „Verdrängung des Esten- und Lettenvolkes". ^ Auch gab es Stimmen, die den ganzen Versuch für aussichtslos und darum für schädlich hielten.. Inzwischen hat die Übersiedlung von deutschen Kolonisten aüs dem Innern nach dem Baltikum stattgefunden, und es läßt sich auf Grund der gemachten Erfahrungen, die man in Kurland und Südlivland damit gemacht hat, auch schon die Zweckmäßigkeit der Maßregel einigermaßen beurteilen. Dort haben sich an den vorjährigen Sommer- arbeiten bereits mehrere hundert Bauern aus den Wolgakolonien und aus Wolhynien beteiligt tind sich durchaus bewährt. Die Deutschbalten, die ja die Anreger der ganzen Bewegung sind, werdet: danach
Eheleute mengen. Hatte sich irgend etwas Böses ereignet, so mußten die beiden selbst zur Erkenntnis kommen und einander verzeihen. Das mußte leichter sein, wenn die Streitenden nicht wußten, daß sie jemand belauscht hatte.
Heute abend sollten die Kinder bei ihren Eltern speisen, und da würde es sich erweisen, ob der Zank noch sortdauerte. In diesem Falle war dattn immer noch Zeit einzugreifen und die Sache ins reine zu bringen.
Auf den Zehen sich zurückschleichend, befahl Frau Müller der alten, treuen Dienstmagd an, nichts von ihrem Besuchs gegen die Herrschaft zu erwähnen.
Als die jungen Leute abends kamen, schienen sie vergnügt und fröhlich wie immer. Sie betrugen sich gegeneinander, als ob nie eine Wolke deil Ehehimmel getrübt.
Frau Müller war glücklich. Ende gut, alles gut! —
Am Tage daraus konnte die Mutter sich der Gedanken an das gestern Vorgefallene nicht cntschlagen. ES unterlag keinem Zweifel, daß die jungen Eheleute wieder in bestem Einverständnis sich befanden. Trotzdem wäre es ihr viel ivert gewesen, zu wissen, wie sich der Verkehr untereinander zu Hause gestaltete. ES ließ ihr keine Ruhe. Sie mußte es erfahren.
Um 1 Uhr, als sie die beiden zu Haus wußte, ging sie.hin. Zum Dienstmädchen, das ihr öffnete, sagte sie:
„Melde mich nicht. Ich will meine Kinder überraschen." ... >
Und sie lief leise zu der Zimmerture, wo sie gestern gelauscht. Laute Stimmen klangen durch, dre geschlossene Tür. Horchend blieb Frau Müller stehen.
„Nimm dich in acht, sage ich dir!"
bestrebt sein, sie in Gang zu halten. Abgesehen von dem wirtschaftlichen Nutzen bedeutet für sie diese Hinzuziehung deutscher Kolonisten aus dem inneren Rußland eine wünschenswerte Verstärkung des deutschen Elementes.
Die Einführung deutscher Knechte kann ein guieS Mittel sein im schweren Kampf gegen die maßlosen Forderungen der vielfach nntauglicheir und verlotterten lettischen und estnischen Landarbeiter. In einem Fall, wo die gewissenlosen Knechte eines Gutes beim Ausbruch eines Streiks wider Erwarten alle entlassen und durch deutsche Kolonisten ersetzt wurden, wirkte das so ernüchternd, daß in der ganzen Gegend eine Wandlung zum Besseren bei den Knechten sestzustellen war.
Da aber die lettischen Bauern und Landbesitzer unter den zerrütteten Arbeiterverhältnissen auf den« Lande ebenso leiden wie die dcutscheir Gutsbesitzer, begrüßen sie den Zuzug deutscher Landarbeiter eher freudig als besorgt. Hier überwiegt eben das wirtschaftliche Interesse und der künstlich aufgeblasene Nationalismus tritt gänzlich zurück. So, wird man es verstehen, wenn die lettische „Rigas Äwise" über die Wirtschaftliche Seite dieser Frage folgendes ruhige Urteil abgibt: „Was die Interessen der Letten in dieser Sache anlanat, so haben unserer Meinung nach die Letten keinen Grund, sich aufzuregcn. Wenn im Lande ein Mangel an Arbeitskräften besteht, so steht ein solches Ernführcn mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen in Einklang. Die Lage des lettischen Landwirts der- mag durch das Einwandern deutscher Kolonisten tticht erschüttert werden. Was den Landarbeiterdienst anlangt, so würden unsere Kleingrundbesitzer mit der Einwanderung deutscher Landarbeiter wohl ganz zufrieden sein, würde doch dadurch das übermäßige Anwachsen des Arbeitslohnes zweifellos aufgehalten werden, das gegenwärtig die Existenz unserer Landwirte so sehr erschwert. ... . , .,
Das Flüchten der Letten vor der Landarbeiter- tätigkett wird auch fernerhin nicht geringer werden, sondern nur noch zunehmen. Es wird daher eine Eni- wanderung fremder Landarbeiter, ob es Niin deutsche Kolonisten oder aiidere sind, bei irns, künftig immer eine natürliche wirtschaftliche Notwendigkeit sein.
Mehr Besorgnis könnte bei der: lettischen Land- wirten eine Einwanderung w o h I h a b e n d e r deutscher Kolonisten Hervorrufen, die als Konkurrenten bei der Pacht oder dem Kauf von Gutsparzellen auftreten fönntcn, doch braucht auch diese Besorgnis liicht groß zu sein. Erstens werden alle diese fremden Käufer mit der Krons-Agrarbank nicht zu konkurrieren vermögen, wenn diese größere Landstrecken ankaufen wird, uiid die genannte Bank wird beim Weiterverkauf der Land- parzellen den eingeborenen Bauern vor den deutschen Kolonisten den Vorzug geben. Zweitens ist das Land- aiigebot bei uns so groß, daß man immer zu kaufen bekommen kann, wenii nur die nötigen Mittel vor- haridcn sind. Uns will es scheinen, daß es einem deutschen Kolonisten schwer fallen wird, als Landwirt mit dem Letten zu konkurrieren."
So teilen in wirtschaftlicher Beziehung die besitzen, den Klassen der Letten die Hoffnungen, die die Deut-
„Denkst du, ich fürchte mich vor dir?"
„Unverträgliches Weib!"
„Lächerlicher Mann!"
„Gilt denn! Lassen wir uns trennen!"
Entsetzt hörte es die arme Mutter. Tranen stürzten ihr in die Augen. War es möglich? Karl und Linse, die gestern abend so vergnügt schienen, zankten sich heute aus die gleiche Weise wie gestern. Unbegreiflich!
Sie fühlte sich versucht, die Streitenden durch ihr Hereinkommen zu unterbrechen und ihnen das heuchlerische Benehmen im elterlichen Hause vorznhalten. Doch sie bezwang sich und ging zurück.
Es war also doch so. Nach kaum sechsmonatiger Ehe war es so weit gekommen. Und doch war es eine Heirat aus Liebe gewesen. Wie hell und freudig und glücklich hatte Luisens „Ja" am Altar geklungen. Mit welcher Freude hatte Karl sein Weibchen umhalst.
Ebenso wie am Tage vorher legte sie der Dienstmagd Slbweigeil auf, doch ehe sie an der Haustür war. konnte sie der Versuchung, ihrem übervollen Herzen Luft zu machen, nicht widerstehen. Sie mußte sprechen:
„Die jungen Leute führen gerade ein sehr heftiges Gespräch. Ich will nicht stören."
„Ach, Frau Müller!" lautete die Antwort, „sie löffelt sich in ihrem Zanken durch niemand mehr stören. Sie können sich einander nicht mehr aüsstehen. Es ist ein Unglück!"
„Hast du das auch schon bemerkt, Marie?"
„Ob ich es gemerkt habe? Ich hätte ja taub sein müssen, .um es nicht zu merken. Abends rmd morgens acht alles in Ruhe, dann sind sie beide fröhlich und verliebt, wie zwei Turteltäubchen; aber nach Tisch
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