Wiesbadener Tsgblatt.
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Nr. 171.
Wiesbaden. Freitag, SO. April 1908.
56. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt. __
Neues über die russtlchen Finanzen.
L. Berlin, 8. April.
Über die Lage der russischen Finanzen, die für uns aus inneren wse äußeren Gründen so wichtig ist, daß man sie wie eine einheimische Frage behandeln kann, wird man sich beliebig lange unterhalten und ^ streiten können, ohne zu einem sicheren Abschluß zu kommen. Denn dies gewiß sehr gekünstelte russische Finanzsystem bleibt für den russischen Beurteiler selber offenbar undurchdringlich, so daß für den praktischen Standpunkt nur eines sich empfehlen kann, vorsichtig zu sein, vielmehr mißtrauisch zu bleiben und die russischen Finanzen so anzusehcn, als seien sie verfahren und ein zu meidender Gegenstand. Zu solcher Auffassung wird man wieder einmal gedrängt, wenn man sich bemüht, zwischen zwei entgegengesetzten Darstellungen die Wahl zu treffen, von denen die eine im kaum zu verbergenden Aufträge der russischen Finanzverwaltung erfolgt ist, während die andere eine Kritik an sener Darstellung übt. Beide Schilderungen sind in den „Preußischeil Jahrbüchern" veröffentlicht worden, und' zwar die erste Auseinandersetzung im Januarheft, ihre jetzige Fortsetzung int Aprilhest. Verfasser sind dort und hier dieselben ; der Russe Adrian Polly und der gegenwärtige verantwortliche Redakteur der „Preußischen Jahrbücher", Dr. Paul Rohrbach, stehen sich gegenüber, kämpfen, obgleich natürlich in courtoisievollen Formen, heftig miteinander und stellen uns, wie gesagt, vor die Wahl, wem von beiden wir mehr vertrauen sollen. Wir wissen uns von Voreingenommenheit frei, wenn wir erklären, daß uns Herr Polly vergebens von der Trefflichkeit der russischen Finanzen zu überzeugen sucht, und ^aß wir es für sehr nützlich halteir würden, wenn die Skepsis Rohrbachs in möglichst weiten und breiten Kreisen bekannt würde. Bei der unübersehbaren Fülle der Tatsachen und Zahlen, die in dlesen äußerst umfangreichen Aufsätzen gegeneinander anprallen, ist es leider nicht möglich, einen Gesamtüberblick zu geben, und das Herausgreifen von Einzelheiten dünkt uns beinahe ein Unrecht gegen beide Verfasser. Immerhin inöge ein Detail erwähnt werden, das nicht sowohl die eigentliche Finanzlage als vielmehr eine allgemeine volkswirtschaftliche Frage berührt, dessen Hervorhebung also keine Parteinahme in bezug auf die Probleme der russischen Staatsfinanzen selber bedeuten kann. Paul Rohrbach spricht voir der Unterernährung des russischen Volkes. Die betreffenden Zahlen stammen aus Untersuchungen von Professor Ballod, und Adrian Polly muß ihre Richtigkeit anerkennen. Hiernach beträgt der jährliche Unterkonsum des russischen Bauern
gegenüber dem deutschen 70 Kilo Getreide und nahezu 600 Kilo Kartoffeln pro Kops. Allerdings ißt der russische Bauer viel Kohlsuppe und Buchweizengrütze, aber im Verbrauch von Kohl läßt es der deutsche Bauer auch nicht fehlen und was die. Buchweizengrütze betrifft, so stellt ihr Konsum in Rußland keine wirkliche Erhöhung des aus den Einzelnen entfallenden Getreidebetrages dar, da in den Verbrauch von 246 Kilogramm Getreide auf den Kopf selbstverständlich der Buchweizen schon mit eingerechnet ist. Welche Folgen die außerordentliche Unterernährung der Hauptmasse der russischen Bevölkerung für das physische Göderhen der Nation haben muß, braucht man sich nicht erst auszumalen. Aber dies Moment soll, wie gesagt, nur zur Beleuchtung der russischen Zirstände im allgemeinen dienen, und Schliisse auf die Finanzlage wären daraus wohl nicht zu ziehen. Was die Finanzfrage selbst betrifft, so' sei wiederholt, daß es sich schließlich immer um den Gegensatz von Vertrauen und Mißtrauen handeln wird. Zn jeneni haben wir keine Veranlassung, zu diesem müßte auch dann dringend geraten werden, wenn vielleicht sogar ein Stück Ungerechtigkeit m der Empfehlung steckte, denn offenbar kann kein Mensch sich mit unbedingter Zuverlässigkeit in dem Wirrwarr der russischen Finanzen orientieren. Vieles, was verhältnismäßig glänzend anssieht, ist nur Schein, und der manchmal gehörte Einwand, daß alle dusteren Prophezeiungen bisher unerfüllt geblieben sind, sollte am allerwenigsten dazu verleiten, diese Vorhersagungen für haltlos zu erklären. Es wird nicht lange dauern, bis sich die russische Regierung wieder einmal genötigt sehen wird, eine neue große Anleihe auszunehmen. Zwar bestreitet Herr Polly solche Absicht, aber der russische Finanzminister selber hat erst kürzlich in der Finanzkommission der Dnnia erklärt, daß man ohne weitere Anleihen das Budget liicht balanzieren könne. Er meinte nur, von „großen" Anleihen müßte abgesehen werden. Was nun eine „große" Anleihe ist und Mas eine „kleine", darüber wird nian sehr verschiedene'' Meinung sein können. Bekanntlich betrug die letzte große ausländische Anleihe Rußlands 843 Millionen Rubel, liahezu zwei Milliarden Mark. An diesem Maßstab aeinesien, wären Anleihen von eurer viertel bis einer "halben Milliarde Mark vielleicht noch kem§ „großen" Anleihen. Die Idee, durch eine Steuer- erhöhnng in Rußland noch einen wesentlichen , Mehr- ertrag der Staatseinkünfte zu erreichen, die der ^inanPninister Kokowzew tu bet* Bubgetkommtlston voroetragen hat, wird sich, nach Rohrbachs Meinung, in der Wirklichkeit lehr viel schwieriger ausnehmen aU auf dem Papier oder ans der Tribüne der Duma. Die indirekten Steuern und die Zölle sind tatsächlich nickt weiter steigungsfähig, direkte Steuern aber gehören m Rußland zu den finanztechnisch am schwierigsteii zu verwirklichenden Dingen. _
Stiller Grenzkrieg an der Westgrerye.
Im südlichen bezw. südwestlichen Teile unseres Vaterlandes vollziehen sich jetzt eigenartige, befremdliche Vorgänge, deren Veranlassung die harmlose Jagd ist. Vor einiger Zeit berichteten wir voii dem anscheinenden Wiederaufleben des deutschen Michel: Der
hessische Landtag hatte ein Jagdscheingesetz angenommen, wonach alle außerhalb der rotwertzen Grenzpfahle wohnenden Deutschen für „Ausländer" erklärt und, wenn sie im hessischen Ländchen jagen wollten, zur Lösung eines sehr hoch besteuerten Jagdscheines für Ausländer gezwungen wirrden. Trotz energischer Proteste seitens der in den Grenzbezirken außerhalb des Hessenlandes wohnenden „ausländischen" Jäger, welche — wie z. B. die Frankfurter — bislang ern starkes Kontingent als Pächter der im Hessischen liegenden Gemeindejagden stellten, ist das Gesetz in Kraft getreten. Wird dieser Vorgang von den nicht direkt Betroffenen meist von der komischen Seite aufgefaßt, obwohl er zu mancherlei Betrachtung über das einige Deutschland angetan ist, so hat ein ähnliches Vorkomm- nis in Baden, welches Veranlassung zu ernem uns zu- gegangenen Hilferuf gab, einen ernsten politischen Hintergrund.
Eine große Anzahl patriotisch gesinnter Männer hat sich vor etwa zwei Jahren zu einem „Bund deutscher Jäger in Baden" zusammengetan. Sein Zweck ist die Abwehr der Invasion ausländischer, in erster Linie französischer Jäger in Süddelltschland. Am meisten da- von betroffen wird das badische Land, welches mit feinen reichen Wildständen, namentlich an Rehen und Fasanen, die schießlustigeu Franzosen, die in der Heimat dank der freien Jagd in der freien Republik, alles Wild so zienilich ausgerottet haben, anlockt. Deutsches Land und deutsche Jagd vor ben Ausländern zu schützen, das war der Gedanke, welcher die Gründung des „Bundes deutscher Jäger in Baden" herbetfuhrte. Der Schutz des Landes ist wörtlich zil nehmen und /jeher gute Deutsche sollte die Bestrebungen der patriotischen badischen Jäger nach Kräften unterstützen. Schon vor Jahren ist von zuständiger Seite darauf verwiejcii, daß dm häufige Anwesenheit so vieler Franzosen, darunter 'auffällig "viele Offiziere, in ben Grenzdistrikten, wo sie unter dem Deckmantel des Jägers ausgiebigste Ge- legenheit zur Spionage haben, namentlich zur Erkun- dung strategisch wichtiger Punkte, ivie Briicken, Tunnels, Viadukte, um deren Besitz bezw. Zerstörung es sich bei überraschendem Ausbruch eines Krieges für die Franzosen handeln würde, eine ernste Gefahr bildet. Unserer übertriebenen Gastfreundschaft, . der Liebedienerei dem Auslande gegenüber, für die wir keine Gegenliebe finden, wird mit Recht die große Vorsicht, das Mißtrauen entgegengehalten, welches man jenieits der Vogesen etwaigen deutschen Gästen entgegenbringt.
KerrMrlon.
lNachdrück verboten.)
Ein Frühlingstag.
Bon P. Keersteiu.
Eli war ein armer Bursche, der mitten in der Stadt in einem dumpfen Kellerloch hauste. Dort wohnte er bei seiner Tante, der Frau Kasewalk, die mit Lumpen und Knochen handelte. Mit der mußte er durch die Straßen ziehen un>ü ihr einen kleinen Wagen schieben helfen. Die Tante betrank sich oft. Dann gab's Schläge, und nicht zu knapp. Und dabei war Eli schwach und klein.
Nun kam der Frühling. Und stehe, cs war ein wunderschöner Sonnentag. Selbst durch die enge, schwarze Gaste, wo die Frau Kasewalk ihren Keller hatte, zog etwas wie ein goldener Faden, aus Sonnenlicht gesponnen. Nun gar, als Eli neben dem Wägelchen der Tante aus dieser Gasse heraus in die breiten Straßen der Vorstadt kam, wo in der Mitte ein Rasenstreisen mit Blumenbeeten, an den Rändern non Bäumen eingefaßt, sich hinzog, wo vor den Häusern kleine Gärtchen mit allerhand Buschwerk und Blumenstücken war — ach, da webte die Sonne ein ganzes Netz von Licht und Fröhlichkeit. Dem Eli wurde so weich und weh und doch wieder froh ums Herz.
Nun sagte idie Tante an einer Straßenecke: „Hier bleibe und warte bei dem Wagen, bis ich wiederkomme! Un' daß du mir ja auspatzt! Sonst setzt es was — aber feste!"
Damit ging sie in eine Schänke, um Branntwein zu
trinken. . . „ t
Ni nutzte, daß das immer eine längere Zeit dauerte. Er setzte sich aus die Wagendeichsel und wartete. Und seine Angen kehrten sich nach dem Himmel, der so wunderblau und schön über Sen Häusern leuchtete.
Da geschah etwas Unerhörtes.
Eli stand auf, steckte die Hände in Sie Hosentaschen, spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte, und ging
seiner Wege. , . .
Erst zurück auf die Hauptstraße, wo die Beete ut der Mitte, die Bäume und die Vorgärten waren. Und dann immer weiter, dorthin, wo er wußte, Saß der schöne Wald war, irr dem die Leute, denen es gut ging, sich allsonntäglich vergnügten. Er war auch einmal dagewesen, aber das war lange her, und die Tante war dabei gewesen und hatte wieder viel getrunken gehabt. —
Ach was, daran wollte er jetzt nicht denken. So ging er und lächelte vergnügt und dachte bloß daran, wie schön, wie schön die helle Sonne schien und wie fein das Griil! an den Büschen und Bäumen war, und wie lustig hier und dort schon die Blümlein ihren Kopf hervorstreckten, Schneeglöckchen, Krokus und Anemonen.
Nun war er richtig im Wald. Vom großen Weg bog er ab und ging schnurstracks, wohin seine Nase zeigte. Er sah einen lebendigen Schmetterling. Die Vögel schilpten und piepten. Ach, er war so glücklich.
Mit einem Male hörte er Lachen und Singen aus jungen Kehlen. Er sah durch die lichten Büsche bunte Kleider.' Sein Mut war groß, und er ging munter in seiner Richtung weiter.
So kam er auf eine Wiese, wo wohl ein Dutzend Jungen und Mädchen spielten. Sic hatten sich alle an der Hand gefaßt, sangen und gingen im Kreise und hatten viel Spaß. Eli bemerkten sie anfangs gar nicht. Als er eine Weile zugesehen hatte, ging er näher heran und sagte: „Darf ich auch mitspielen?"
Die Gefragten sahen sich an, einer den andern.
„Da müßten wir wohl erst Fräulein Heinzig fragen!"
sagte e^ Junges ^ Mädchen. „Warum ist sie fort-
gegangen! Spiel' man ruhig mit!"
Er ist ganz dreckig," sagte ein anderes Mädchen. Aber jenes " das schon eben für Eli eingetreten war, wurde ganz ärgerlich und ries. „Du bist manchmal uo i
dreckiger gewesen. Wenn du nicht willst, brauchst du ja nicht mitzu'spielen."
Damit faßte sie auch schon Elis Hand, zog ihn nn Kreise herum und begann zu singen. Die anderen sielen ein, und das Spiel ging wie bisher.
Eli sang mit aus Herzenslust. Er hatte nie ge- sungen, solange er denken konnte. In einem dunklen, nassen Keller, in solch einer Gasse wie die, in der seine Tante wohnte, kann man nicht singen.
In Ser Schule hatte er vom Paradies gehört. Daran mußte er jetzt denken. So ungefähr mutzte das Paradies gewesen sein. Die Kinder waren die Engel.
Der schönste Engel aber lvar das Mädchen, das ihn fortgezogen hatte. Es war ganz weiß ungezogen und hatte langes, braunes Haar. Als man sich ein wenig von dem Tanzen und Singen ausruhte, fragte sie Eli, wie er hieße, und wie er hierher käme. Eli sagte ihr, was sie wissen wollte, und als sie weiterfragte, erzählte er ihr auch, wie schlecht er es hätte, daß er fast jeden Tag Prügel kriegte und nie ans der Stadt herauskäme, und daß er so unglücklich wäre und so gern fort möchte, weit,
weit fort. „ . • , . .
Das schöne Mädchen sah ihn immerfort an mit seinen großen blauen Augen. Die wurden ganz traurig. „O Gott, wie schrecklich!" sagte er. „Armer, armer Junge. Aber warte nur, ich will dir helfen. Patz nur auf, mein Vater ist reich und mächtig. Wenn ich dem erzähle, wie schlecht du cs hast, dann wird er sicher dafür sorgen, daß du wegkommst. Dann muß er dich zu uns nehmen. Ach, das wird herrlich! Denk' mal, dann bist du immer mit'mir zusammen. Wir haben ein feines, großes Haus, und einen schönen Garten. Du, da ist es wundervoll! Du kriegst einen neuen schönen Anzug. Du sollst mal sehen, wie dir der stehen wird! Aber du mußt nicht denken, daß ich nur ans den Anzug sehe. Du gefällst mir auch so, wie du bist. Weißt du, ich Hab' dich richtig lieb..."
„Else, Else! Mit wem sprichst du denn da?" scholl in diesem Augerrkftck eine Stimme über die Wiese. Eli
