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Ns. L4O.
Wresb erden, Montag, 28. März 1TÄ8.
FG. Jahrgsng.
liegt, allen Venezianern ist. Auf dem Diner, das der
KbLNÄ-Kusgsbs.
1. Wl'crtt.
Ire Millslmesrrsise des Kaisers.
O Berlin, 22. März.
Morgen Dienstag tritt der Kaiser in Begleitung seiner Gemahlin und der beiden jüngsten Kaisersprossen die Frühlingsreise an, die das Katserpaar über München und Venedig nach denr sonnigen Korfu führen soll, dieser von der Natur so reich bedachten Insel, aus der sich das vom Kaiser, erworbene, einst der Königin Nisabeth gehörige Achillsion befindet.
Die Mittelmeerfahrt hat in erster Reihe die Bedeutung einer Erholungsreise. Obwohl der Gesundheitszustand des Kaisers, wie zuverlässige Berichte bekunden, nach jeder Richtung hin zufriedenstellend ist, kann es doch nur günstig wirken und mochte auch den ärztlichen Beratern als rötlich erscheinen, daß der Kaiser nach Len eingreifenden Wetter- Unbilden, die uns diesmal der Winter beschert hat, gründliche Erholung nicht nur an den sonnigen Gestaden des Südens, sondern vor allem auf einer längeren Seereise, wie sie im Programm vorgesehen ist, sucht.
Daß mit dieser Kaiserreise andere Zwecke als die einer gründlichen Erholung und zugleich der Besitzergreifung des neuerworbenen Achilleions verbunden sind, ist offiziös bestritten worden unter Hinweis darauf, daß der Kaiser nicht von deni Reichskanzler Fürsten Bülow, sondern lediglich von dem Gesandten Freiherrn v. Jenisch als Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitet wird. Derartige Dementis stehen indessen nicht allzir hoch im Kurse, und was insbesondere Fürstenreisen und -begegnungen betrifft, so ist es neuerdings zu einer Art Taktik ausgebildet worden, diese Reisen und Begegnungen als rein privat und unpolitisch zu bezeichnen, während der Verlauf der Dinge uns dann meist eines Besseren belehrt hat.
Was die Mittelmeerreise des Kaisers betrifft, so ist eines richtig, daß dainit keine ausgesprochenen politischen Zwecke verfolgt werden; daß ihr aber trotzdem eine politische Bedeutung zukonimt, liegt auf der Hand. Diese Bedeutung wird dadurch gekennzeichnet, daß .in den Anfang der Reise die Begegnung des Kaisers mit denk König Viktor E manu et fällt, die anr Mittwoch in Venedig stattfinden wird, während den Abschluß der Mittelmeerfahrt der Aufenthalt in Wien bilden wird, wo sich der Kaiser als Gratulant zum R e gt e r u n g s - Jubiläum Kaiser Franz Josefs einfinden wird. Die Mittelmeerreise steht somit im Zeichen des Dreibundes, und zwar nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Daß Kaiser Wilhelm in Venedig mit dem
König Viktor Emauuel nicht nur zwecks Austausches von Begrüßungen zusammentrisft, kann schon daraus geschlossen werden, daß auch der italienische Minister des A u s w ä r t i g en , Litton:, mit von der Partie ist.
Die Herrscher der beiden befreundeten und verbündeten Staaten sind seit den Maitagen des Jahres 1903, wo Kaiser Wilhelm in der ewigen Stadt, in Rom, sein Glas dem „Gentile popolo italiauo" weihte, nicht mehr züsammengetrosfen, und doch ist anzu- nehmen, daß sie weniger von dieser fünfjährigen Vergangenheit als von der Gegenwart miteinander plaudern werden. Mancherlei neue Wendungen . und Wandlungen der internationalen Politik bieten hierzu willkommene Gelegenheit. Mag cs auch nicht direkt uötig sein, daß Deutschland angesichts der durch den Plan der österreichischen Sandschakbahn auf der einen und den der Donau-Adria-Linie, welche auch italienische Interessen berührt, auf der anderen Seite aufgetauchten Balkanfrageu den ehrlichen Makler zwischen Österreich und Italien spielt, so wird doch eine eingehende Aussprache über diese Fragen nicht nur als willkommen, sondern auch als sehr nützlich begrüßt werden können, um so mehr, da die noch immer ungelöste und neuerdings wieder zugespitzte mazedonische Frage das Balkanproblem ohnehin weiter kompliziert.
Aber auch die zurzeit wichtigste Mittelmeerfrage, die marokkanische Frage, wird bei dieser Mittelmeerreise des Kaisers nicht außerhalb des Kreises der in Venedig zu erwartenden Erörterungen bleiben. Die neuesten Nachrichten vom marokkanischen Kriegsschauplatz lauten nichts weniger Äs beruhigend, und wenn auch die der französischen Regierung zuge- fcho.benen Pläne, die auf die Besetzung neuer Häfen und in letzter Linie gar auf eine Kündigung der Algeeiras- akte hinausgehen sollten, dementiert worden sind, so denkt der vorsichtige Diplomat doch auch hier: Was nicht ist, kann rioch werden I Unter diesen Umständen aber inuß es nicht nur als nützlich, sondern als nötig erscheinen, wemi die Dreibundmächte hier eine Fühlung suchen, die bei der Konferenz in Algeciras bekanntlich sehr vermißt worden ist. Kann somit. nicht bestritten werden, daß die Mittelmeerreise des Kaisers auch einen politischen Untergrund oder wenigstens Hintergrund hat, so soll sie doch, wie schon betont, in erster Reihe der Erholung gelten. Daß der Kaiser diese in vollstem Maße finden möge, das ist der aufrichtige Wunsch, den das deutsche Volk den: Monarchen beim Antritt der Reise zuruft! ^
hd. Venedig, 28. März. Venedig rüstet sich, Kaiser Wilhelm würdig zir empfangen. Reicher bunter Schmuck der Paläste und Gondeln wird ihn: und König Viktor, der Sen Alliierten begrüßen wird, zeigen, wie synrpathisch der Gedanke, der der Entrönne zugrunde
deutsche Konsul den Vertretern der venezianischen Behörden gab, wurde geflissentlich jede politische Anspielung vermieden. Man ist jedoch hier wie überall &ua>mt überzeugt. Saß am 25. März schwerwiegende Fragen der äußeren Politik ihrer Lösung näher gebracht werden sollen.
hd. Athen, 22. März. Nach einer amtlichen.Mitteilung trifft Kaiser Wilhelm nunmehr definitiv am 6. April auf Korfu ein.
Reichstag und Presse.
u. Berlin, 21. März.
Die heutigen Verhandlungei: der Mitglieder der Journalistentribüne dauerten mit einer längeren Unterbrechung freilich von 11 bis nach 6 Uhr. Die Sachlage verschob sich gegen den Stand, 'den sie am Vormittag hatte, nicht unerheblich. Der Präsident Graf Stolberg, der vormittags der: beleidigten Journalisten durch einen Vertrauensmann entgegenkommende. Mitteilungen hatte machen lassen, stellte sich nachmittags in den Verhandlungen mit der^Pressekommission selber denn doch auf einen anderen Standpunkt. Ursprünglich hatte es sich Graf Stolberg so gedacht, daß er auf den Abg. Gröber dahin einwirken werde, dieser möge sich zu dem bekannten Schimpfwort bekennen und es mit dem Ausdruck des Bedairerns zurticknehmen. Sollte aber Herr Gröber das ablehnen, so würde der Präsident seinerseits mit Bedauern erklären, daß die Schuld für den Ztoischenfall auf den Abgeordneten und nicht auf die Presse falle. Zu der Besprechung, die zwischen 2 und 3 Uhr erfolgte, fanden sich auf Ersuchen des> Grafen Stolberg auch die Abgg. v. Kröcher, v. Nor- mann und v. Hertling ein. Die Unterhaltung, die selbstverständlich mit größter Courtoisic geführt "wurde, hatte kein für die Vertreter der Presse befriedigendes Ergebnis. Freiherr v. Hertling ließ allerdings durch- blicken, daß Herr Gröber zur Zurücknahme zwar bereit sei, aber als Bedingung dafür wurde verlangt, daß die Mitglieder der Journalistentribüne vorher ihr Bedauern über die auf der Tribüne vorgekommenen Störunge!: ausdrücken sollten. Man müsse, so meinte Freiherr v. Hertling, „chronologisch" Vorgehen. Vergeblich verwiesen die Mitglieder der Kommission darauf, daß die Mißbilligung etwaiger Störungen schon in der gestern beschlossenen, dem Präsidium wie den Fraktionsvorständen überreichten Resolution enthalten sei. Dies wurde von den verhandelnden Abgeordneten für ungenügend erklärt; es wurde ein bestimmteren Ausdruck des Bedauerns verlangt. Die Versammlung, der die Kommission diesen Stand der Dinge alsbald mitteilte, war bis auf einige Ausnahmen einig darin, daß der Vorschlag unannehmbar sei, denn die etwa stattgehabten Störungen seien keine Beschimpfungen,
FerMetE.
Aas KiiastlLrfZst rm PmüinLnschlößchM.
Im Zeichen des lenkbaren Luftschiffes.
Die Wintersaison ist vorüber. Man hat reichlich Gelegenheit gehabt, sich an den künstlerischen Darbietungen satt zu genießen, sich auf Bällen und Festen aller Art Magen- und andere Verstimmungen zu holen, man konnte auch rheinischen Karneval wieder gründlich studieren und den Ros-enmontag im nahen Mainz feiern. Jetzt aber ist der Lenz da, jetzt goht'S hinaus, und just schon am Tage SeS Frühlingseinzugs unternahmen die Künstler unserer Hofbühne vom Paulinenschlößchcn auS im lenkbaren Ballon den lohnenden Aufstieg in die freien Regionen fernen, fremden Ländern zu.
Kleine liebesrvte und hoffnungsgrüne Ballons entführten die Scharen, die gern und launig der Einladung zur Mitfahrt gefolgt waren; Mignons Heimat, das Land der Orangen, der Orient mit der berauschenden Farbenpracht und den feurigen Frauen und dem duftenden Blumenflor, für den Herr Wahl gesorgt hatte, die Heimat der Geishas luden lockend zirm Verweilen ein und zum Genuß, die heißen Köpfe, das siedende Blut durfte mau sich abkühlen im eisigen Lappland- wp ganz manierlich und gesittet wahrHaftige Büren uns begrüßten und allerhand Kurzweil trieben, wo Herr Opitz mit Fellen und Decken alles so mollig 'hergerichtet hatte. Malerisch recht wirksame Eis- und Schneelanöschaften blendeten das Auge und hätten uns frösteln lassen, :venn nicht Herr Weinig mit sprudelnder Laune hier vorzüglichen Sekt für vorzügliches Geld verabreicht hätte. Die Luftreise endete aus dem Mars, der all die lieben Bekannten und manch schöne Unbekannte uns wieder zuführte. Da streiten sich die Leut vom Wissen herum, ob und wie der Planet wohl bevölkert wäre! Unsere Großen am Himmel der Kunst wissen sich schon besser zu helfen, sie fuhren auch wieder. wie's ihre Gewohnheit ist, ins Reich der Phau-
tasie und zauberten einen Mars hervor, ans dem sich recht gut sein ließ. Blaue und rote Tannen, leuchtende Korallen und weiß- und blauzackige Felsen schlossen einen so parkettglatten Marsboden ein, daß es eine Freude war, sich darauf im Tanze zu drehen. Und auch Kunst darf man auf dem Mars nicht vermissen, ein Schmicrcn- öirektor, wie ihn die Erde nicht besser aufweisen kann, Andriano ist sein Name, hat hier die Kunst in Erbpacht genommen und ist einflußreich genug gewesen, Herrn Intendanten v. 'Mutzenbecher, der hier auch lustwandelte, die besten Komiker und Säuger «xgzuengagieren. Auch mit Herrn Max Halbe und Kurt Kracch, die Arm in Arm auf dem Mars sich tummelten, steht er bereits in Unterhandlung, jener soll eine ewige „Jugend", auch den Marsbewohnern bringen, dieser aber soll gar klassische Trauerspiele schreiben. Die Neformbühne ist hier heimisch, der „Troubadour" ist statt der „Lustigen Witwe" Kassenstück und die Parodie der Strautzschcn „Salome", die wir Hörten, bewies, daß die Marsleute kein Trommelfell besitzen, sonst müßte es allen bereits davon geplatzt sein.
Die anfänglich nur kleinen Abstecher vom Mars, die immer wieder in die Nachbarländer unternommen wurden, dehnten sich mehr und mehr, die Luft da oben zehrt mächtig und Hunger und Durst quälen genau so fürchterlich wie auf Erden. Deshalb ließ man sich gern Speis' und Trank von den hilfreichen Händchen der Weihen Rößl-Wirtin, Frau Doppelbauer, reichen und suchte die Teehäuser Japans und die glutäugigen Orientalinnen auf, um Vergessen zu finden für die schnöben Enttäuschungen, die die recht zahlreichen schönen, riesig redseligen Losverkäufcrinnen mit den bösen Nieten bereiteten. An Lektüre für die Luftreise fehlte es auch nicht. Die geistreichsten Köpfe aus Wiesbaden hatten reichlich Bonmots und Berslein zu einer geschmackvoll ausge- führt-en Damenspenöe beigesteuert, die Herr Leffler mit ritterlich freundlicher Miene und scherzenden Worten den Schönen überreichte.
Und in all diesem schillernden, sorgenlosen Früh
lingstreiben drehte sich alles um die eine belebende, begehrte Sonne — um die Frau! Es war eine farbenreiche Versammlung strahlend-schöner, eleganter Frauen. Als ich noch im ersten FrüHlingsklciöe zartester Unschuld durch die seligen Gefilde des noch von Liebe durchstrahlten Paradieses wandelte, da träumte ich auch von Frauenversammlungen, von einem hohen Gerichtshof holdester Weiblichkeit in der Art der Liebeshöfe im weiland schönen Reiche Arelat, dem Land der „gaie Science", unter dem Präsidium der schönsten Frau, als Beisitzerinnen die Grazien und etliche der Musen; als Gegenstand der Beratung erschien mir besonders wichtig die Belohnung der Treue, strenge Strafe für solche, die sich den Reizen der soviel besseren und unvergleichlich schöneren Hälfte der Bewohner unseres orange- förmigen Planeten gegenüber spröde verhielten. Dies liebliche Bild der Illusion, es war ans der Reise zum Mars und dort selbst, zur Wahrheit geworden.
Ans dem Mars sind Raum und Zeit nicht so arg gefürchtete Begriffe wie auf Erden, deshalb kümmerte sich niemand um das Eilen des Uhrzeigers. Es hielt die Reisenden mit magischer Gewalt, unsere Künstler, die das Fest veranstalteten, können auch mit diesem Erfolg zufrieden sein. —
Ein Stimmengewirr in allen Sprachen, ein lebhaftes Debattieren, ein Summen und Surren, das Knallen der Wein- und Sektslaschen, und über diesem strahlenden Bilde, das den Glanz der vornehmen Welt Wiesbadens in seiner ganzen Größe zeigte, ein Hauch von Sorglosigkeit, Luxus, höchste Potenz des Genusses.
Und dann nach köstlichen Stunden durch die stillen Straßen nach Hause im warmen Atem der ersten Frühlingsnacht. Die Marsreise war beendet, der reine Hauch der Tannusberge umwehte uns wieder, uns grüßte wieder der Sternenhimmel des Frühlings, des Lenzes, der auch den modernsten Menschen einen verschwiegenen Augenblick mit jener unbestimmten Sehnsucht füllt, die hinausdrängt, ohne ihr Ziel zu kennen, die so wohltut und ein wenig schmerzt zugleich! W. M.-W.
