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Nr. 13S.

Morgen - Ausgabe.

1 . WLcrtt.

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Polrüsche Wochenschau.

Der innerpolitische Horizont schien in den letzten Wochen recht bewölkt, ja man mutzte fast annehmen, daß ein schweres Gewitter sich entladen und die herab- zuckenden Blitze den Block zerschmettern würden. Aber siehe da, auch in dieser schweren Zeit hat das Glück, welches sich vom Fürsten Bülow anscheinend abgewandt hatte, den Kanzler doch nicht im Stiche gelassen, und die Sonne des Erfolges durchbricht den Wolkenschleier und scheint über Gerechte und Ungerechte. Die Situation war eine äußerst kritische, beide Hauptvorlagen, sowohl das Vereinsgesetz wie die Börsenvorlage, drohten zu scheitern, die erstere am Sprachenpara- graphen. die zweite infolge der verschärfenden Beschlüsse der Kommissionsmehrheit, die aus Konservativen und Zentrum bestand und einen neuen Riß im Regierungs­block anzukünden schien. Fürst Bülow ist ein Meister der Überredungskunst, und so gelang es ihm wider Er­warten in mehreren intimen Konferenzen mit den Führern der Linken, diese dazu zu bewegen, ihre prinzi­piellen Bedenken gegen denSprachenparagraphen fallen zu lassen und unter Bedingung der Einführung einer Übergangsfrist der gesetzlichen Festlegung des Deut­schen als Versammlungssprache zuzustimmen. Damit hat der Reichskanzler unzweifelhaft einen Erfolg er- rungeu, der seiner diplomatischen Kunst alle Ehre macht, denn leicht mag es den freisinnigen Führern nicht ge­fallen sein, ihren bisherigen Standpunkt zu verlassen, und dies ist zweifellos nur im Hinblick daraus ge­schehen, daß das neue Vereinsgesetz im übrigen so viele Verbesserungen gegenüber dem bisherigen Zustand in sich birgt, daß man an dem Sprachenparagräphen allein das Gesetz nicht zum Scheitern bringen lassen wollte, zumal die Frist von 20 Jahren doch Wohl ge­nügen dürfte, eine Vertrautheit sämtlicher Polen mit der deutschen Sprache herbeizuführen. Ohne daß ein innerer Zusammenhang zu bestehen braucht, sollen nach den letzten Meldungen die Konservativen ihren Wider­stand gegen die Hauptbestimmungen der Börsennovelle aufgegeben haben. Dies ist zweifellos mit Rücksicht auf die Überzeugung zurückzufllhren, daß durch das Fest­halten an den neuen Bescblüssen der Block dock^ leicht auseinander fallen könnte und daß es im Interesse der Regierungspolitik liege, den Block noch so lange wie möglich lebensfähig zu erhalten, zumal im Hinblick aus die' für den Herbst anstehende Reichsfinanzreform, die ohne Unterstützung des Freisinns kaum durchzubringen sein dürste; ob bei dieser Gelegenheit vielleicht schon

FenüleLon.

Nachdruck verboten.)

Dis Unrechte.

Aus dein Englischen von M. Pulverman«.

Ein zufälliger Beobachter hätte unbedingt glauben müssen, daß Karl August Hampel im Begriffe stehe, so­gleich in Krämpfe zu fallen. Sein Gesicht wurde rot und wurde wieder bleich; sein Mund ging auf und schnappte bald wieder zu; jetzt zog er sich die weiße Weste glatt, jetzt wieder fuhr er mit dem Zeigefinger zwischen den steifleinenen Kragen uni den Hals herum, und jede seiner Bewegungen ließ seine innere Unruhe und Aufregung deutlich erkennen.

Er pendelte fortwährend zwischen dem Tisch, auf welchem ein Glas mit Sodawasser stand, mit dem er sich öfter die Lippen benetzte, und der großen Tür, die nach dem Balkon führte, wo ein junges Mädchen in einem bequemen Lehnstuhl saß.

Sic war bildhübsch; doch von dem Zimmer aus^ wo Karl August sich unruhig hin und her bewegte, konnte er mir ' ihre kastanienbraunen Haarflechten und bte Kleiderfalten sehen, die zu beiden Seiten des Sessels uiederfielen. Ohne sich auch nur ein einziges Mal um­zusehen, saß sie ganz still da, die Hände ün Schoße ge­faltet, unausgesetzt nach dem Garten unter ihr blickend, der vom bewölkten Mond nur schwach erhellt war. In ihrem ganzen Wesen war absolut nichts vorhanden, das Karl Augusts Aufregung irgendwie hätte rechtfertigen können.

Allein, wenn man in Erwägung zieht, daß er schon seit sechs Wochen sich abgemüht und abgequält, um zu einer Liebeserklärung genügende Courage zu fassen, und daß er vorhin den rabiaten Ausspruch getan: Jetzt oder nie!", da werden alle gefühlvollen Menschen sicherlich seinen Zustand begreifen und die Hammer­schläge seines Herzens in ihrer eigenen Brust Mit­empfinden.

Wiesbaden, Sonntag, 23. März 1S08.

hinsichtlich der Direktiven bei der Reichsfinanzreform hinter den Kulissen irgendwelche Abmachungen statt­gefunden haben, entzieht sich für den Außenstehenden der Kenntnis. Jedenfalls kann aber Fürst Bülow ver­gnügt demnächst seinen Osterurlaub antreten, denn der Block ist wenigstens bis zum Beginn der Herbsttagung gerettet.

In den Parlamenten selbst wird mit Hochdruck ge­arbeitet, und um den Etat rechtzeitig fertigstellen zu können, hat mau zu dem im Reichstag schon seit Jahren nicht mehr dagewesenen Mittel der Abenb- sitzungen greifen müssen; freilich haben die .Herren selbst daran schuld; wenn sie sich nicht mit stunden­langen Debatten über die gleichgültigsten Dinge anf- gehalten hätten, wäre das nicht notwendig gewesen und man hätte nicht wichtige Dinge in kurzen Debatten während der Abendsitzung abzutun brauchen. Ein In­termezzo im Reichstag gab der Journalistenstreik. Die Herren Vertreter der Presse, von einem Zentrunrsmann auf das unflätigste beleidigt, verweigern mit Recht bis zur vollen Genugtuung den Dienst. Zweifellos wird ihnen diese gegeben, zumal sich alles auf ihre Seite stellt, ausgenommen natürlich, möchte man fast sagen, das Zentrum. Im Abgeordnete ri­tz aus e haben es dagegen die Redner verstanden, sich weise Beschränkung aufzuerlegen, und so ist denn bereits in dieser Woche die dritte Etats- lesung glücklich beendet worden; man ging sogar so weit, nach den bekannten Regierungserklärun­gen von einer nochmaligen Erörterung der Beamten­gehälter im Hinblick auf die Geschäftslage abzusehen, so sehr dies vielleicht im Interesse der Parteien angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes gelegen ^hätte. Von Bedeutung sind auch die Vorgänge in Sachse n, wo nach langem Hin und Her endlich eine Verständi­gung zwischen Konservativen und Nationalliberalen über das neue Wahlgesetz erzielt worden ist, so daß nun­mehr die zur Beschlußfassung erforderliche Zweidrittel­mehrheit vorhanden ist. Freilich ist es leicht möglich, daß der jetzige Minister des Innern, Graf Hohenthal, zurücktreten muß, da die Beschlüsse seinen Wünschen nur teilweise entgegenkommen. Wer an seine Stelle kommen dürste, ist noch unbekannt, immerhin aber wäre das Scheiden dieser bedeutenden Persönlichkeit aus dem sächsischen Staatsdienste sehr zu bedauern.

Als die Römer frech geworden . . ." Dieses hübsche Lied könnte man jetzt, und zwar nicht zum ersten Male, auf Haiti anwenden, wo einmal wieder alles drunter und drüber geht und es wohl nur dem Erscheinen mehrerer fremder Kriegsschiffe, darunter auch der deutsche KreuzerBremen", zu danken ist, wenn die Mißhandlung von Weißen, wenn nicht gar noch mehr, bisher unterblieben ist. Diese Neger­republik, die eigentlich eine Karikatur bildet, hat schon

Jetzt machte er noch eine verzweifelte Reise nach dem Sodawasser, und dann schlangelte er sich wie eine dicke Raupe aus einem grünen Ast nach dem verhäng­nisvollen Balkon, wo er bald mit heiserer Stimme zu flüstern und herzbrechend zu seufzen begann. Was er eigentlich gesprochen, hätte er nachher selbst nicht sagen können, und wenn er sich dadurch vom Galgen hätte los­kaufen sollen. Allein es muß doch wohl das Richtige und zweckentsprechend gewesen sein, denn das Mädchen richtete sich halb auf, und das schöne Köpfchen ruhte einen Augenblick an seiner männlichen Brust. Jetzt war der große Moment da, wo er seine Arme hätte ausbreiten müssen, um sie an sein Herz zu ziehen. Statt dessen aber machte Karl August einen Sprung nach rückwärts, und wie der Pfeil vom Bogen schoß er aus dem Zimmer hinaus. Der Mond hatte noch zur rechten Zeit den Wolkenschleier zerrissen, und Karl August hatte mit Schrecken wahrgenominen, daß eS die Unrechte war, der er feine mühselig zusammengedrech­selte Liebeserklärung vorgestottert. ---

Karl August Hampel war aber nicht der Mann, um seinen Schmerz in seiner Brust zu verschließen; auch erkannte er, daß er dieser verwickelten Situation allein nicht gewachsen war. Darum suchte er schleunigst seinen Freund Julius Spitzling auf^der gleich ihm als Gast int Hause des Gutsbesitzers Spinklauchen seine Ge­richtsferien verlebte. In den Busen des Freundes er­goß er seine verzweifelte Mär und bat ihn flehentlich, aus dieser desperaten Lage ihn wieder sauber heraus- zuschälen. DerBcricht gestaltete sich zwar etwas verworren und unzusammenhängend; doch in der Hauptsache hatte Julius ihn verstanden.

Wem denn", begann dieser das Verhör,wolltest du eigentlich dein Herz zu Füßen legen?"

Karl August blickte ihn vorwurfsvoll an.Natür­lich Berta Schmoller, die hier zu Besuch weilt!" sprach er laut; leise aber fügte er hinzu:Nur ein ausgemach­ter Idiot wie dieser kann überhaupt erst fragen, wo doch in der ganzen Welt außer Verte keine zweite in Fraae kommen kanir."

56. Jahrgang»

oft genug den Mächten zu schaffen gemacht, und es ist wohl noch in aller Erinnerung, wie ein _ deutsches Kanonenboot einKriegsschiff" von Haiti in Grund und Baden geschossen und ein Fort kampfunfähig ge­macht hat. Es wäre an der Zeit, wenn durch eine Übereinkunft der Mächte endlich dem Treiben ein Ende gemacht würde, da der recht beträchtliche Handel mit dieser Insel nicht durch die fortwährenden Unruhen gestört werden kann. Es ließe sich wohl sicherlich unter gegenseitigem Einvernehmen ein Ausweg schaffen, der es ermöglicht, ein straffes Regiment einzuführen und Ruhe und Ordnung auf die Dauer daselbst aufrecht zu halten; sehr schwierig könnte wohl die Verständigung nicht werden, zumal schon jetzt ein erfreuliches Zu­sammenstehen der interessierten Mächte zu verzeich­nen ist.

Ähnlich wie Fürst Bülow ist auch sein französischer Kollege Herr Clemenceau vom Glück begünstigt. Mehr wie einnral schien die Marokkoaffäre ihni den Hals zu brechen, aber in Frankreich hat man eben das Ehrgefühl, die Regierung in einer Frage der französi­schen Autorität gegenüber dem Auslande nicht im Stiche zu lassen, und so erhielt das Kabinett immer wieder die Mehrheit, Dagegen hat es aber den An­schein, als ob die Differenzen im Innern leicht zu einem Sturze des Kabinetts führen könnten. Gewich­tige Einflüsse, insbesondere die Herren Combes und Berteaux waren emsig bemüht, Herrn Clemenceau ein Bein zu stellen, um vielleicht selber als lachende Erben austreten zu können, aber gerade diese Sehnsucht, die man rechtzeitig erkannte, mag dazu geführt haben, daß die bisherige Regierungsmehrheit sich ivieder be­sann und dem Kabinett in der Frage der Aufhebung der Beamtenmaßregelungen ein umfassendes Ver­trauensvotum erteilte. In Marokko selbst sind die Dinge ziemlich unverändert, angeblich soll eine Reihe von Stämmen sich zur Unterwerfung bereit erklärt haben, aber man hat Grund genug, allen französischen günstigen Meldungen über Marokko mit Mißtrauen zu begegnen. Erfreulicherweise hat sich dagegen eine sen­sationelle Meldung desGaulois" über die Marokko­frage nicht bestätigt, wonach nämlich Clemenceau beab­sichtige, die Algecirasakte zu kündigen und eine neue Marokkokonferenz einzuberufen oder die Marokkofrage dem Haager Schiedsgericht zu überweisen, um er­weiterte Konzessionen für Frankreich durchzusetzen. Der offizielleMatin" beeilte sich sofort, diese Tar- tarennachricht zu dementieren.

Auch auf dein Balkan ist der Stand der Dinge wenig verändert. Allerdings treten setzt die Bahn­projekte etwas mehr in den Hintergrund, nachdem die­selben infolge der inzwischen erzielten Übereinstim­mung der Anschauungen keine Gefahr mehr bieten; da­gegen richten die Mächte um so schärfer ihre Aufmerk-

Spitzling ließ zunächst einigeHm, Hm's!" hören, die jedem ordengefchmückten Landgerichtspräsidenten alle Ehre gemacht hätten; dann setzte er das Verhör fort.

Und wem hast du tu Wirklichkeit deine Liebe ge­standen?"

Erna Spinklauchen."

Julius Spitzling wurde aufmerksam, und seine Hm, Hm's!" klangen etwas weniger zuversichtlich.

Willst du etwa behaupten", sprach er ernst und feierlich, als sollte er ein Todesurteil verkünden,willst du etwa behaupten, daß ein Mensch Erna Spinklauchen mit cincni anderen Mädchen verwechseln könnte? Willst du behaupten, daß du mit ihr im selben Zimmer . . . ."

Balkon!" verbesserte Karl August mit düsterer Stimme,

Spitzling warf ihm einen vernichtenden Blick zu, ohne sich weiter unterbrechen zu lassen ....warst, und nicht mit allen Nerven und Pulsen empfunden hättest, daß sie es war? Wie kann man sie nur ver­wechseln?"

Karl August kniff seine Augen zusammen.Bist du etwa in Erna Spinklauchen verschossen?"

Julius nickte zustimmend.Ich weiß überhaupt nicht, daß ich sie einmal noch nicht geliebt hätte."

Karl August machte eiiien Freudensprung.Hurra!" schrie er.Freund, Bruder, nimm sie hin und meinen Segen dazu!"

Spitzling preßte ihn grimmig auf den Stuhl nieder.

.Sie hat also dich doch erhört?" forschte er weiter.

Mit Worten allerdings nicht."

Was hat sie denn getan?"

Karl August atmete schwer. Die Erinnerung an den schrecklichen Augenblick, als er Ernas Gesicht in der Mandbeleuchtung erkannt, schnürte ihm wieder die Kehle zusammen.

Es -es - schien, als-als-

wollte sie in --in meine Arme klettern", er­

widerte er widerstrebend.

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