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Nr. IST

Wiesbaden, Samstag, 81. März 1S«8.

LG. Jahrgang.

Morgen- KBSgsde.

^ " 1. Wc-rLt. __

Die JScmeptii me» Mt KmiUMhe.

In Stadt und Provinz Hannover hat in diesen Tagen eine Bewegung g e g e n d i e w e i t e r e Aus­dehnung der Sonntagsruhe eingesetzt, die be­reits einen größeren Umfang angenommen hat. Die Handelskammern zu Hannover und Osnabrück haben sich bereits in der energischsten Weise gegen jede weitere Ausdehnung der Sonntagsruhe ausgesprochen. Auch die Handwerkskammern unterstützen die Bewegung und der Verband der Kaufleute der Provinz Hannover hat in seiner letzten Sitzung energisch Front gemacht gegen die in gewissen Kreisen herrschende Absicht, die Sonn­tagsruhe auf den ganzen Tag auszudehnen. Auch die Rabatt-Sparvereine und die Haus- und Grundbesitzer- Vereine und die verschiedenen Vereinigungen der Ge­schäftsinhaber treten energisch auf gegen jede weitere Einschränkung des Handels an den Sonn- und__ Fest­tagen. Die Vereine der Tabak- und Zigarrenhändler arbeiten eine Petition an den Minister und den Reichs­tag aus. Auch der Verband der Kaufleute will bei der Regierung vorstellig werden, während die Handels­kammern erneute Rundfragen veranstalten. Da bisher alle dieseVereinignngen und besonders dieGeschäftsleute der von Jahr zu Jahr zunehmenden Einschränkung der Verkaufszeit an den Sonn- und Festtagen still Ange­sehen haben, so hat die Königliche Regierung zu Han­nover stets den Petitionen und Eingaben der Hand­lungsgehilfenvereins stattgegeben und bie V e r - kaufszeit an den Sonntagen in den meisten grö­ßeren Städten der Provinz auf zwei St u n d e n eingeschränkt. Die Geschäfte mit großer Land­kundschaft haben inzwischen eingesehen, daß durch die so stark begrenzte Geschäftszeit die L a n d l e u t e der Stadt fernblieben. und daß die Geschäfte durch die Sonntagsruhe diese K u n d s ch a ft fast vollständig verloren haben. Die Hauswirte haben wiederholt die Erfahrung gemacht, daß diese Geschäftsleute, die früher an den Sonntagen häufig die Miete heraus­holten, jetzt oft nicht in der Lage sind, ihren Verpflich­tungen gegen den Hauswirt nachzukommen."

Wir können aus der vorstehenden Mitteilung der Weserzeitung" vom 10. März nur den Jammerruf einiger Wirte, S a a l i n h a b e r, Handelsleute und Hausbesitzer der Großstadt Hannover und der Mittelstadt Osnabrück heraushören, welche aus Furcht vor einer Beeinträchtigung ihres Geschäfts sich wohl auf ihre Oppositions- und Petitions rechte besinnen, aber nicht an die bürgerlichen und christlichen Pflich­ten denken, welche sie der Gesetzgebung und Obrigkeit und ihren minderbemittelten Mitmeirschen gegenüber

zu erfüllen haben. Der deutsche Sonntag als Ruhetag und Feiertag nach schwerer Wochenarbeit ist eine der schönsten sozialen Errungenschaften des neuen Deutschen Reichs und man kann der Königlichen Regierung in Hannover nur dankbar sein, daß sie auf die Eingaben von hunderttausend Arbeitern und Handlungsgehilfen mehr Gewicht legt als auf die Petitionen von einigen h u n d e r t Wirten und Kauf­leuten. In England schließen am Samstagnach- mittag nach 1 Uhr schon alle Banken und alle großen Geschäfte, und von da an beginnt auch schon der große Auszug von mehr als einer Million Menschen atis der Weltstadt nach dem L a n d e oder nach der nahen S e e- k ü st e, um bis Montag früh auszuruhen von der Wochenarbeit und das Geschäft an den Nagel zu hängen. Von Saufereien und Schlägereien und rauschenden Festlichkeiten und von einem blauen Mon­tag nach dem Sonntag ist in England keine Rede; aber am Montag früh beginnt wieder die stramme Arbeit und das Weltgeschäft, von dessen gewaltiger Ausdeh­nung nach allen Erdteilen wir hier in Deutschland noch weit entfernt sind.

Der große Freiheitsdjchter Kinkel, den Karl Schurz im Jahre 1850 aus lebenslänglicher Gefängnishaft er­rettete, schrieb alsFlüchtling inEngland fein berühmtes GedichtSonntagsstille" und bewahrte seine Hoch­achtung vor dem englischen Volke, vor seiner Arbeits­kraft, seinem Bürgersinn und seiner Gerechtigkeitsliebe bis in sein hohes Älter, nachdem er vorn Jahre 1866 an bis November 1882 in Zürich als Professor der Archäo­logie und Kunstgeschichte am eidgenössischen Polytech­nikum gewirkt und vom deutschen Kaiser begnadigt und ausgesöhnt mit seinem treugeliebten deutschen Vater­lande auch in seiner rheinischen Heimat und in anderen deutschen Städten viele Zuhörer durch seine kunst­historischen Vorträge begeistert hatte. Kinkel feiert in seinem GedichtSonntagsstillc" sogar die Feiertags­ruhe, die den: arbeitenden Tiere in England be- schieden sei:

,.Es fiel da§ Joch vom Hals des Stiers!

Du hörst den Schinerzlaut nicht des Tiers!"

Wenn der deutsche Dichter in England sogar das Mitgefühl mit der Ruhe des Tieres poetisch verherr­lichte, sollen wir i:n neuen Deutschen Reiche nicht auch unfern in der Woche hart arbeitenden Mitmenschen einen gerechten Anteil an allgemeiner Sonntagsruhe und Feiertagsstille gönnen?

pmtt IsurnaWsujirrik.

A Berlin, 19. März.

Der Journalistenstreik im Reichstag hat zweifellos seine Ursache darin, daß manche Abgeordnete den Journalistenberuf nicht genügend respektieren. Darin war das Urteil unter den Journalisten ziemlich einstim­mig. An einem Abend der vorigen Woche hatte irgend

FeuMetorr.

(ülatMuä verbotene

fjgimatiieitEtniite in Frankreich.

Florise Bonheur. In Paris: Was Schürzen-, IuponS- nnd Hencdennäberinnen verdienen. Bom Boa zum Past- sack. Das Budget der Pariser Arbeiterin. ArbcitSbörse, Nachtasyl mtb Maternite. In der Provinz.

Paris, 17. März.

F l o x i f c Bonheur ist ein sehr bekannte kleine Pariserin. Sie hat nie gelebt. Und sie lebt noch. Ver­stehen wir uns recht: Florise Bonheur ist das wohl­klingende Pseudonym, das ein Romancier Adolphe Brisson einem der Tausende von verhungerten, ärm­lichen und schicken Mädchen der Hauptstadt gegeben hat, die von früh auf im Proletarierhaushalt beim Brot- verdienen mithelfen müssen. Florise Bonheur arbeitet auf Dutzend in seidenen Unterröcken,' dieentrepreneuse", die Vermittlerin, die für die Warenhäuser Aufträge EngroS übernimmt, läßt ihr fünf Sous Reingewinn pro Unterrock, so daß die emsige Florise cs bei zwölf- stündigcm unermüdlichen Sticheln am Tage auf etwas über einen Frank bringen kann. Damit hilft sie den vom Trunk vernichteten Vater ernähren, hört zum Dank das ununterbrochene Gekeife einer Mutter, die nur Zärtlichkeit für die jüngere Tochter Pauline hat und sieht die Jngendjahre in einem trübseligen Gelaß, dos der Familie zur Wohnung dient, entfliehen. Dieentre- preneuse" ist die Aussaugerin; sie verdient an den Unterröcken das Fünffache von dem, was sie den kleinen Schneiderinnen bezahlt. Warum soll sie

mehr bezahlen, da es an kleinen Schneide­rinnen nicht mangelt, die froh sind, wenn sie

über Haupt Arbeit finden? Um aus dem Marty­rium der Heimarbeit heranszukommcn, gibt

eZ zwei Wege für die Mädchen. Sind sie hübsch,

dann macht ihnen Paris das Anfftaöcn des ersten

Weges nicht schwer; Pauline begibt sich singend und tanzend daraus und wird es erst später, viel später bereuen. Der zweite Weg, wenn sic weniger hübsch sind und ehrlich bleiben wollen, ist sehr viel schwieriger; es ist dieevolntlon" zur selbständigen Arbeiterin. Florise Bonheur wirdentrepreneuse". Wie hatte sie über die Ausbeuterin, die schreckliche Madame Poirot, geklagt, die ihr kaum etwas davon abließ, waS das Warenhaus für die Unterröcke bezahlte. Ein Be­schützer der kleinen Florise war zum Besitzer des Waren­hauses gegangen und hatte ihm das Ausbeutungssystem derentrepreneuse" denunziert; der gewaltige Kaufmann hörte die Klage an und antwortete, daß sich dagegen nichts machen ließe. Ein Engros-Geschäft könne sich nicht an jede einzelne Arbeiterin wenden, cs bedürfe der Vermittler, welche die Verantwortung für die Zins- träge übernähmen, und denen ein so angemessener Preis bezahlt werde, daß sie die Arbeiterinnen anständig ztt lohnen vermöchten, über die Höhe der Löhne, die eine entrepreneuse" den Mädchen bewillige, könne man ihnen nichts dreinreden. Philosophisch meinte er:Machen Sie aus Florise Bonheur morgen eineentrepreneuse" und sie wird ihre Arbeiterinnen genau so aussagcu, wie sie heute ausgesogen wird." Ein Machtwort des Waren­hausbesitzers genügt, Florise wirdentrepreneuse", ver­läßt ihre Familie, hat das erträumte Häuschen und einen Baum im Vorgarten, sie hat auch einenamant" und zwölf von ihr mit Schürzennähen beauftragte Arbeite­rinnen fangen an, sie als Aussaugerin zu verfluchen ein gutes Herzchen, dirrch Leiden verbittert, ist durch die Schicksalswendung zu Stein geworden. Ter Roman Brissons ist einer der populärsten der modernen franzö­sischen Literatur; er schildert dieselben traurigen Grotz- stadtverhältnisse, wie Gesfroy in seinem jüngst dramati­sierten RomanlÄpprentie", alles neue Auflagen der Mimt Pinsou, des armen Mädchens, das sich hungernd für elegante Damen abyuält und gern mithinein möchte in den lustigen Wirbeltanz des leichtsinnigen Paris.

jemand auf der Journalistentribüne eine überflüssige Bemerkung gemacht. Bei den. langen Tagungen am Ende der vorigen Woche, wo teilweise 10 Stunden und mehr verhandelt worden ist, war das wirklich kein Wunder. Wenn dann am Donnerstag während der Rede des Abg. Erzberger auf der Journalistentribüne angeblich jemand lacht selbst der Präsident aber hat nicht gehört, daß das gerade auf der Journalistentribüne ist so ist auch das nicht gerade schlimm. Jedenfalls ist der Zwischenruf des Abg. Groeber: Das sind wieder dieselben Saubengels wie neulich, auf das äußerste unpassend. Herr Groeber hatte das ja nur halblaut vor sich hingosprochen. Aber der Wortlaut wurde schließlich durch einen Zentrums- journalistcn, der sich erkundigt hatte, auf der Journa­listentribüne mitgeteilt. Natürlich gab es dort allgemeine Entrüstung. Sofort wurde eine Dreimänner-Depu- tativn gewählt, die eine schriftliche Erklärung dem Präsi­denten überreichte, worin die Parlamentsjournalisten Genugtuung verlangten. Graf Dtolberg hat sich daraus mit den Zentrumsführcrn JDr. Spahn und Graf Hertlrng besprochen urrö dann späterhin die Äußerung Grocbers bedauert. Aber diese Erklärung des Präsidenten genügte den Journalisten in keiner Weise. Der Präsident sprach von mehrfachen Zeichen deS Mißfallens, die auf der Journalistentribüne in den letzten Tagen gehört worden wären, und von einem Räumen der Tribüne tat Wieder­holungsfälle. Diese Drohung fand man durchaus unbe­rechtigt. Das; die Journalisten über eine Bemerkrrng lachen, ist oft ganz unwillkürlich und unvermeidlich.

Schon daß der Abg. Dr. Müller-Meiningen in seiner Rede eine kleine Rüge erteilt hatte, hatte verschnupft. Wie ein Mann verließen die Journalisten nach den Wor­ten des Präsidenten die Tribüne mit einer einzigen Ausnahme. Das Solidaritätsgesühl der Journalisten siegte. Sofort fand eine neue Besprechung statt. Man erklärte, daß die Worte des Präsidenten die Situation eher verschlimmert hätten. In einer ausgedehnten Be­sprechung im journalistischen Lesezimmer wurde eine neue Erklärung abgesaßt, die ausreichende Genugtuung verlangt. Eine Deputation soll diese dem Präsidenten morgen vormittag überreichen. Morgen V 2 l Uhr ist eine neue Besprechung der Journalisten, wo die Antwort, die der Präsident erteilt, enigegengenomm.cn werden soll. Genügt diese nicht, so soll der Streik fortgesetzt werden. Die Journalisten erklärten sich samt und sonders bereit, ihren Verlegern gegenüber den Streik zu vertreten. Die Ehre der Journalisten müsse gewahrt werden. Zweifel­los ist diele Solidarität der Journalisten, wie sie bisher in Deutschland noch nicht üagewesen ist, sehr erfreulich.

Es schadet gar nichts, daß so den Abgeordneten, die ja wohl noch nicht unter die Halbgötter versetzt sind, ein­mal zum Bewußtsein gebracht wird, daß ihre Reden ohne die Mitwirkung der Presse nichts sind, als Schall und Rauch, daß sie auf bie Journalisten ange­wiesen sind, daß sie unbedingt den Journalisten dieselbe Achtung zu bezeigen haben, wie sie sie ihrerseits verlangen.

Doch wir sind noch im Rouian, wennschon beinahe in der Wirklichkeit. Begeben wir uns ganz in die Wirklichkeit. Man hat sich in Deutschland und in England für die Märtyrer der Heimarbeit interessiert, man fängt in der Republik an, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Das Office du travail Hat sehr würdige Beamten in Gehröcken auSgesanüt, um eine Üntcr- suchung über die Lebensbedingnngen der Heimarbeite­rinnen dnrchzuführen. Dabei wurden die traurigsten Dinge zutage gefördert. Wenn es sich bet einer ähnlichen Untersuchung hcrausgestellt hat, daß Konfektions-- näherinnen in Berlin Stundenlöhne von 8 Pf. be­kommen, in Königsberg 8%, Pf. für Sonnenschirme und in Breslau knapp 7 Pf. für Kinderkleidchen, mutz mau zugeben, daß ihre Schwestern in Paris mit ihrem Frank täglich noch schlimmer daran sind, weil das Leben in dieser Kapitale, wo man mehr lebt als sonstwo, sehr viel kostspieliger ist. Die Statistik weist über 2000 Fälle von Frauen und Mädchen nach, die es bei zehn- bis zwölfstündigcr Tätigkeit nicht auf über 1 bis.H /2 Frank zu bringen vermögen. Dabei hat man herausgcrechnet, daß es schon ein Wunder ist, wenn man in Paris mit drei Frank täglich seine Existenz bestreitet! Das Office du travail erfuhr, daß voll 217enqnetierten", zu Hause sür Engros-Geschäftc arbeitenden Wcitzzcugnä,herinnen lvg, also die Hälfte, unter 15 Centimes (12 Pf.) ver­dienen; keine von den übrigen brachte es auf 28CcntimeS; mehr als 60 Proz. dieser Arbeiterinnen haben ein Jahreseinkommen von unter 400 Frank. Eine Hcmden- nähcrin, mit 24 Jahren die Brille auf dem Naschen, wie die meisten ihrer Leidensgefährtinnen, sagte:Was für 60 Centimes von uns geliefert werden mutz? Die Nähte auf den Seiten, die Ärmel, die Knopflöcher und die Kragen. Zwei Hemden am Tage, 1,20 Fr. und zehn Stunden Arbeit, d. h. 12 Centimes die Stunde. Und wir müssen Faden und Nadeln selbst liefern." Man sollte glauben, daß solche ,Huudelöhne" nur sür Massen- artikel gezahlt würden. Aber selbst für Lurusbemöcu,