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Nr. ML.
Morgen - Ausgabe.
1. Wtati.
Grenzen der StKülsmüchl.
Bald im Reichstag und bald im Abgeordnetenhause, entweder im Plenum oder in einer Kommission, kehren alljährlich seit einiger Zeit die Debatten wieder, die sich um die Fragen drehen, welche Mittel und Wege dm Regierung wohl einzuschlagen vermöchte, um einen bestimmenden Einfluß auf das Kartellwesen zu erhalten, um namentlich die Preisbildung für Kohle mit zu beeinflussen. In diesen Debatten werden gewiß sebr gute und nützliche Dinge gesagt; die Absicht jedenfalls ist immer gut, hüben wie drüben, bei den Ministern wie bei den Rednern, aber es bleibt dort wie hier beim Reden. Um es gleich zu sagen: man weiß einstweilen nicht recht, wie es anders sein kann und wann und wo man über das Studium von Erwägungen und Forderungen zu praktischem Tun wird hinausgelangen können. Die Kartelle und Syndikate aber, diese mächtigen Staate!: im Staate, die lassen reden, wer reden will, sie ihrerseits handeln, und die Allgemeinheit muß sich ihnen fügen. Ein neuer Anlaß, sich mit diesem Problem zu beschäftigen, das. unvergleichlich tiefer reicht als so manche Frage, die sonst unser Interesse beansprucht, ein neuer Anlaß also ist gerade jetzt durch die P r o d u k t i o n s e i n s ch r a n - kung d-es Kohlsinsyndikats gegeben. Zwar nicht gegen diese Maßregel an sich kann sich eine vernünftige Kritik richten, denn die klugen Leiter , des Kohlensyndikats werden selbstverständlich genau wissen, daß die jüngst beschlossene lOprozentige Produktions- Einschränkung für Kohle und die LOprozentige für Koks der unvermeidliche Ausdruck einer erst recht unvermeidlichen Anpassuno an den Rückgang unseres Wirtschaftslebens sind. Was dagegen die Kritik herausfordern muß, ist der Umstand, daß das Kohlensyndikat nicht auch den Weg einer Ermäßigung der Kohlenpreise gewählt hat, oder daß das Syndikat mcht vielmehr beide Maßregeln in einen organischen Zusammenhang brachte. Jedenfalls steht es so, daß sich das Kohlensyndikat gegen die Folgen einer Verschlechterung der Konjunktur einigermaßen sichert, indem seine Mtglieder bei allerdings verringertem Absatz immer noch den bisherigen guten Verdienst behalten; die Verbraucher aber, also die Gesamtheit der deutschen Industrie, sie sollen trotz einer Verschlechterung ihrer Absatzbedingungen und ihrer Gewinnmöglichkeiten dieselben hohen Preise zahlen wie in "den Zeiten der wirtschaftlichen Hochflut, und dieser Zwang wird ihnen durch ein absolutistisches Belieben einer Gruppe von Privatleuten auferlegt. Hier
Wies Laden. Freitag. K. März LDV8.
ist nicht der Platz, die eigentlichen Fachfragen zu erörtern, um die es sich bei den neuen Beschlüssen des Kohlensyndikats handelt, sondern was uns heute m erster Linie interessiert, ist, daß sich an dem besprochenen Beispiel wieder einmal mit geradezu brennender Deutlichkeit zeigt, welche Macht die großen Wirtschasts- verbände haben, und sodann, welch ein Mißverhältnis zwischen diesen Zuständen und den Bürgschaften und Maßnahmen besteht, durch die auf allen übrigen Gebieten des öffentlichen Lebens die Willkür auszuschalten versucht wird, u,n an ihre Stellen feste Rechtsnormen zu setzen, nach denen sich das Verhältnis des einzelnen oder aanzer Erwerbskreise zur Gesamtheit zu regeln hat. Es ist ja nicht das erstemal, daß wir von diesen Zuständen sprechen, aber die Wiederholung kann nur nützen. Man sollte keine Gelegenheit, dre mit akuter Wirkung eintritt, vorübergehen lassen, ohne ans die in diesen Dingen steckenden offenen wie geheimen Mißstände- deutlich hinzuweisen. Wir wissen freilich, daß mit dem Hinweis praktisch noch nichts getan ist und den Kartellen und Syndikaten wird nichts gleichgültiger sein, als daß sich gegen ihre Beschlüsse der Unwille derer wendet, die die Kosten aufzubrmgen haben. Aber da in Zukunft doch wohl einmal ein Kartellgesetz kommen wird, das eine reinliche Abgrenzung der sachlichen wie der gesetzlich All duldenden Kompetenzen vornimmt, so wird es jedenfalls nur gut sein, wenn sich inzwischen die öffentliche Meinung mit dieseii Fragen so vertraut macht, wie sie es zumeist leider nicht ist. Unterdessen wird man ja aus der Antitrustbewegung, die Roosevelts Initiative in den Vereinigten Staaten eingeleitet hat, manches lernen können. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, wollen wir gern hinzufügen, daß uns die Kartelle und Syndikate als notwendige Ergebnisse einer unaufhaltsamen Entwickelung erscheinen, daß wir also nicht ihre Beseitigung (welche Torheit wäre der bloße Versuch schon!) erstreben, sondern vielmehr, daß die Aus- w ü ch s e beschnitten werden, und zwar dies mit im Interesse dieser Verbände selber. Denn es könnte ihnen doch»nur erwünscht sein, im Einklang mit dem öffentlichen Bewußtsein zu bleiben und als eine Funktion des nationalen Wirtschaftslebens anerkannt und gebilligt zu werden, statt, wie es jetzt vielfach geschieht, als ein feindseliges Element betrachtet zu werden. _
Der ftnijjf tun dris pmffilje pifiredji
Zur Reform des preußischen Wahlrechts hat Pro- feisor Sch ücking-Marburg einen Aussatz im „Juristischen Literaturblatt" veröffentlicht, in welchem er sich mit einer Arbeit von Professor Leo v. Savigny über das parlamentarische Wahlrecht befaßt und im Gegensatz zu der darin vertretenen konservativ-aristokratischen
56. Jahrgang.
Moderne Rothäute.
Uber die Anzahl und das Schicksal der modernen Nachkommen der Ureinwohner des alten Amerika macht B. Forbin in der „Nature" in einem längeren Aufsatz interessante Angaben, von denen wir einige wicdcrgeben 'wollen. Im Jahre 1908 bei der letzten Einschätzung wurde die Zahl der Indianer in den Bereinigten Staaten ans 263 233 angegeben, die Mischlinge mit eingeschlossen. Diese Ziffer mutz aber um gut ein Drittel zu niedrig lein, denn zahlreiche Indianer, die sich seit mehreren lGenerationen dem Nomadenleben ergeben haben und immer wieder in strenger Abgeschlossenheit untereinander heiraten, sind bei der Einschätzung unter die Kategorie der „geborenen Amerikaner" eingeordnet worben. Wahrscheinlich wird die nächste Einschätzung wiederum eine beträchtliche Bermindernng der indianischen Bevölkerung angeben, wodurch die wirklichen Verhältnisse ebenfalls verschleiert werden. Das Gesetz des Kongresses vom 16. Juni 1906 nämlich, das die Bewohner von Oklahoma und des indianischen Gebiets zur Bildung eines Staates ermächtigte, hat der Selbständigkeit der fünf großen Stämme, der Cootaws, Chickasaws, Cherokees, jöcr Kreeks und Seminoleu, die in ihrer Gesamtheit eine Zahl von 90 685 Seelen tragen, ein Ende gemacht. Die Abgesandten der „fünf großen Völker" haben feierlich ans ihre alten Privilegien verzichtet und sind in den großen Verband der Vereinigten Staaten eingetreten; so wurden fast 100 000 Rothäute einfache amerikanische Staatsbürger, und sie werden nun ebenfalls bei der Einschätzung als „geborene Amerikaner" gerechnet und von den eigentlichen Indianern unterschieden.
Die Gesamtheit der indianischen Stämme in den Vcr- einiaten Staaten läßt sich heute in drei Klassen teilen: die völlig zivilisierten Indianer, die in geringer Anzahl sind und ganz in der amerikanischen Kultur ausgehen, dann die halbzivilffierten Indianer, die sich von ihren
Stämmen getrennt haben, und endlich die zahlreichste und interessanteste Gruppe, die in den mchr oder weniger wüsten, ihnen von den weißen Eroberern eingerüumten Gebieten lebenden Indianer, die unter dem Schutz und unter der Aufsicht der Regierung noch nach der Art ihrer Vorfahren leben. Die zivilisierten Indianer haben sich ihren Platz an der Sonne erkämpft und sich mit der Anpassungsfähigkeit ihrer Rasse in den verschiedensten Zweigen des modernen Lebens eingelebt: einige sind höhere Offiziere, darunter ein General, andere betätigen sich in Literatur und Kunst. Einer von ihnen, Eastman, ist ein vorzüglicher Journalist und ein bekannter Schriftsteller. Manche dieser Rothäute vermieten sich auch als Modelle. In dem indianischen Montank-Theatcr, das seinen Namen nach dem Stamme führt, aus dem sich seine Mitglieder rekrutieren, wird ein ganz reines Englisch gesprochen, und seine Leistungen sichen ans hoher 'künstlerischer Stufe. Der größte Teil dieser zivilisierten Indianer aber hat sich der Landwirtschaft gewidmet, und über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten hin findet man ihre Farmen zerstreut. Im Jahre 1000 wurden 19 910 solcher Gutshöfe gezählt, die sich im Besitz indianischer Familien befanden. Diese Indianer widmen sich auch dem Berufe des Fremdenführers und begleiten die reichen New Porter Nimrods auf ihren Ausflügen, wenn diese de» Grizzli-Bären oder den Silberlöwen'in jenen Jagdgründen aufspüren, in denen einst die „Söhne des großen Geistes" als freie Männer herrschten.
Unter den halbzivilisierten Indianern findet man einige Millionäre, die die inüianifihe Rasse im Lande der Dollars hat erstehen lassen. Der mächtigste und reichste unter ihnen ist der große Führer der Comanchen, der berühmte Quanah Parker, dessen Gast Präsident Roosevelt im vorigen Jahre gewesen ist, als er in Kansas Wölfe jagte. Wie viele blutige Skalps der ^ weißen Männer den Kriegsgürtel des alten Häuptlings in seiner Jugend geschmückt Haben, das wird der getreue Freund der Bleichgesichter heut niemand mehr verraten. Der Sohn und Enkel großer kriegerischer Männertöter hat
Auffassung einen entschieden f o r t s ch r i t t l i ch e n Standpunkt vertritt. Schücking weist daraus hin daß sich vor unseren Augen die Welt unglaublich schnell demokratisiert, und daß der Herrschaftsstaat des Feudalismus, den der Beamtenstaat des Absolutismus fortgesetzt hat, sich wieder in den altdeutschen G e nossen sch astsstaat gleichberechtigter Personen umwandelt. Wenn nun um uns herum das allgemeine, gleiche Wahlrecht sich immer mchr durchsetze, so erscheine der Gedanke geradezu absurd, dieses Wahlrecht bei uns durch ein P l u r a l Wahlrecht ersetzen zu wollen. Schücking legt dann im einzelnen die Notwendigkeit des allgemeinen, gleichen u nd gehet m e n Wahlrechts dar. Er empfiehlt einen etwas 'früheren Beginn der Wahlsähigkcit, etwa gleich nach den Milttärjahren. Grundsätzlich ist er auch für das Frauenstimmrecht, namentlich im Hinblick aus vxt sehr große Zahl erwerbstätiger Frauen, meint aber, zunächst müsse man versuchen, den Frauen dasselbe Maß politischer Bildung beizubringen. Gegen dav P l n r a l w ah l r ech t macht er folgendes geltend:
Was das Alter angeht, so vollzieht sich hier doch teilweise ein natürlicher Ausgleich auch bei gleichem Wahlrecht dadurch, daß ivenn die jugendlichen Wähler häufig zu radikal, die alten Wähler in unserer schnelllebigen Zeit zu konservativ sein werden. Je größer die Umwälzungen sind, die heute die Zeit mit sich bringt, um so iverstäntdnrsiloser pflegt bas Alter ihnen gegenüber zu stehen. Macht man aber geltend, dieser Ausgleich sei unvollkommen, weil das höhere allzu konservative Alter nur von wenigen erreicht werde, so ist zu beachten, daß das durchschnittliche Lebensalter in der Regel von den sozialen Verhältnissen abhängig sein wird. Mau sagt, Idie Züsatzstimme für das Alter sei höchst sozial, weil sie jeder erreichen könne. Ich glaube, sie würde von der großen Masse derer, die hart um ihr Brot ringen muß, als eine soziale Ungerechtigkeit empfunden werden. Denn sie kommt den Begüterten viel länger zugute wie etwa den Hunderttausenden von Bergarbeitern, die sich früh in ihrem Berufe aufreiben. Davon abgeschen, erscheint es mir höchst zweifelhaft, ob wirklich bei der großen Masse des Völkes etwa mit 40 Jahren mehr Enr- sicht und Staatsgesinnung vorhanden ist wie mit dreißig Jahren. Man erwäge, wie frühzeitig, wie schon oben gesagt, die Bildung dieser Kreise abgeschlossen und wie gering leider ihre Gelegenheit zur Fortbildung ist. — Betreffs des Besitzes sei cs sehr fraglich, ob dieser wirklich -das Hauptmotiv des in der Gesellschaft wirksamen Interesses am Staate und seinen Lebeus- üntzerungen sei. Und bedeute wirklich ein Besitz eine erhöhte Einsicht in die Politik? DieB il d ung vollends gebe alsFaktor für eine Züsatzstimme zu den schwierigsten Einzelfragen Anlaß. So z. B. der als Maßstab vorgeschlagene Einjührig-Freiwilligenschein ^entscheide im späteren Leben nicht über die soziale Stellung. Der zweite vorgeschlagene Anhaltspunkt, die abgeschlossene
dereinst sein Land -gegen die weißen Eindringlinge tapfer verteidigt und ist dann mit einer Hand voll Braver in die Berge geflohen, wo er durch seine geschickten und kühnen Streifzüge sich bei der amerikanischen Regierung in Respekt gu setzen wußte. Endlich hat er mit den weißen Männern in Washington Frieden geschlossen und sich durch einen besonderen Vertrag den Besitz weiter 'fruchtbarer Gebiete bestätigen lassen, die er mit Hilfe der neugewonnenen weißen Freunde zu ertragreichem- Ackerland umwandeltc. In einen: schönen, modern eingerichteten Hause wohnt heut der alte Häuptling der Comanchen. Nichts fehlt ihm von den Errungenschaft eu der neuesten Zeit, selbst nicht das elektrische Licht. In seiner Einrichtung nach dem letzten Stil aber geht Quanah herum in der gewohnten Tracht der Vorfahren, den Mokassins und der großen Decke um die Schultern. Wird ihm aber der Besuch eines Weißen angekündigt, so legt er ihm zu Ehren modernste Herrenkleiöung an, die cs an Eleganz mit der eines Pariser Dandys ausnehmen kann. Ein anderer indianischer Millionär i|t Michel Pablo, der über ungeheure Herden verfügt und erst jüngst 600 Bisons, die letzte größere Herde dieser Tiere in Amerika, an die kanadische Regierung für eine Million Mark verkaufte. Auch die halbzivilisicrten Indianer wissen sich den Schutz der Regierung zunutze zu machen und schneiden in der Konkurrenz mit den Weißen nicht schlecht ab.
Schlimm aber ist die Lage der weitaus größten Klasse, der noch irr Stämmen lebenden, in bestimmten Gebieten sitzenden Indianer, die unter den kümmerlichsten Bedingungen ihr Leben fristen und sehr oft dem Hungertode nahe sind. Die Regierung der Bereinigten Staaten sorgt für sie, indem sic in bestimmten Zeit- abständen, jeden Monat oder jedes Vierteljahr, oder jedes Jahr sonndsoviele Rinder, sounüsoviele Wolldecken und Säcke Mais unter sic verteilen läßt. Bisweilen jedoch kommt es auch unter diesen durch größte Not zur Verzweiflung getriebenen Stämmen zum Aufstand und sic betreten den Kriegspfad, um sich neue ■ fruchtbare Jagd gründe, von den Bleichgesichtern zu er-
