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Ns. 8N.

Morgen - Kusgsbe.

1. Wkatt.

Psn der iMerZn Seite?

Die Verhaftungen in der Frredberg-Affäre.

Das Vorgehen gegen die beiden Bankschwindler Friüdberg und Bohn, die sich leider noch immer ihrer Freiheit erfreuen, hat neben der materiellen Bedeutung dieses umfassenden Bankkrachs einige sensationelle Zwischenfälle gezeitigt, welche die ernste Beachtung der Öffentlichkeit verdienen, da sie znm Teil neue Beispiele für einige schon wiederholt beklagte M äuge I unserer IustizpfIege liefern. Der erste dieser Zwischen­fälle war die durch den Kriminalkommissar Müller erfolgte Entlassung des geriebenen Bahn, der den die Untersuchung führenden Beamten völlig zu übertölpeln verstanden hatte. Dann folgten als weitere Zivischensälle die Verhaftungen der Frau Scheybel nebst Tochter und vor allem des Rechtsanwalts Caro. An diese schloß sich das sensationellste Ereignis, die plötz­liche geistige Erkrankung des Kriminalkommissars Müller, dessen eigenartige Maßnahmen schon vorher das stärkste Erstaunen erregt hatten: und der letzte, oder wenigstens bisher letzte Zwischenfall, war die fünf Tage nach seiner Festnahme erfolgte Haftent­lassung des Rechtsanwalts Caro.

Wie diese Entlassung des festgenomnienen Rechts­anwalts aus der Haft zeigt, haben die Feststellungen des Untersuchungsrichters ergeben, daß ein Grund zu dieser Verhaftung nicht vorlag, ebenso wie nunmehr kaum ein Zweifel daran zu sein scheint, Laß die Frau Scheybel nebst Tochter an den Unterschlagungen Fried­bergs und Bohns in keiner Weise beteiligt sind. Was den Fall des Rechtsanwalts Caro betrifft, so ist ein Urteil darüber, ob und inwieweit er an der Friedberg- Ässäre beteiligt ist, angesichts der verwickelten Sachlage zurzeit unmöglich, aber wie auch die Dinge liegen, und wie sich später die Schnldfrage in diesem und in den anderen Fällen entscheiden wird, so steht doch schon jetzt fest, daß der amtierende K r i m i n a l k o in m is- s a r, offenbar infolge seines Zustandes nervöser Über­reizung, über das Maß des Notwendigen und über den Rahmen seiner Befugnisse weit hinausge­gangen ist. Soll er doch einem Journalisten, der ihn wegen des Standes der Sache telephonisch an­fragte, zurücktelephoniert haben: Sie sind verhaftet!

Fälle wie dieser, in welchen von denen, die zu Hütern des Gesetzes bestimmt sind, wider den Sinn und den Geist des Gesetzes verstoßen wird, werden selbstverständlich immer Vorkommen, denn auch die Beamten sind Menschen, denen Menschliches zustoßen kann.

Durch die Haftbarkeit des S t a at e s für die Versehen seiner Beamten, deren Regelung gerade

Femllstott»

(.Nachdruck verboten.)

Ehrenwort l

Eine rheinische Faschingsgeschichte von Urban May.

Zu Weihnachten war der Konflikt ausgebrochen. Er hing innig mit der Tatsache zusammen, daß das von der blonden Carola insgeheim ausgestellte Programm: „Ver­lobung unter der« lichterglänzenden Tannenbaum", bei dem Herrn Vater — Kommerzienrat Donker vom Hause Donker, Schaber und Kompagnie — keinen Anklang ge­funden hatte.

Als nämlich kurz vor dem Heiligabend der König­liche Oberleutnant im 98. Feld-Artillerie-Regiment von Boß I, Audienz bei dem Herrn Kommerzienrat nach- suchie und in geziemenden Worten ansragte, ob er die hohe Ehre haben dürfte, die Zahl der Donkerichen Schwiegersöhne um einen zu vermehren, erklärte Papa mit eindringlichen Worten, daß seine väterliche Liebe zu Carola eine solch unendliche sei, daß . . . Na, um es hier kurz zu sagen, der Oberleutnant konnte nach einer viertelstündigen Unterredung feststcllen, daß er mit seiner Bewerbung glatt abgcrasselt war.

Carola erwies sich als ein durch und durch modernes Mädchen. Sie vergoß weder bittere Tränen noch kündete sie schreckliche Pläne an. Nur daß sie dem Konrmerzien- rar zeigte, wie Väter behandelt werden müssen, die einer neunzehnjährigen Lieblingstochter die Erfüllung des höchsten Wunsches versagen. Das wirkte. Bald nach dem Dreikönigswge faßte der Herr Kommerzienrat sein väterliches Herz in beide .Hände und trat mit ihm vor Carola hin, um es zu öffne«.

Ob Sich), die ältere Schwester, nicht auch Mit einem Offizier verheiratet sei?

Papa mußte besahen. Dann wußte er aber noch allerlei vorznbringeu: Erstens stehe der Oberleutnant

Wiesbade«, Samstags 22 . Februar LNÄ 8 «

jetzt in Preußen wie im Reiche angestrebt wird, will man wenigstens die materiellen Schädigungen, die hierdurch den Staatsbürgern zugesügt werden, nach Möglichkeit wieder gut zu machen suchen. Aber damit allein ist es nicht getan, sondern die in der Friedberg- Affäre vorgenommenen Verhaftungen. geben aufs neue Anlaß, die Frage zu prüfen, ob nicht die heutige Form der Verhaftung und der Anwendung der Unter­suchungshaft der erforderlichen Rechtsgarantie entbehrt. Wie die Berliner Zeitungen berichten, soll .der Untersuchungsrichter, als er den Rechts­anwalt Caro nach fünftägiger Hast entließ, diesem ge­raten haben, „die Sache mehr von der heite- reu Seite z u betrachte n". Sollte dem Be­treffenden wirklich ein solcher Rat erteilt worden sein, so ist dies natürlich seine Sache, ob er ihn befolgen will; die Öffentlichkeit aber hat alle Ursache, diese An­gelegenheit nicht von der heiteren, sondern vo n der ernsten Seite zu betrachten.

Zahlreiche analoge Fälle haben in den letzten Jahren gezeigt, daß die durch die Rcichsstrafprozeß- ordnung erfolgte Regelung der Voraussetzungen, unter welchen Verhaftung und die vorläufige Festnahme einer Person erfolgen kann, euren kautschuk artigen Charakter aufweist. Zu­nächst wird verlangt, daß dringende Verdachtsgründe vorliegen und der Angeschuldigte entweder der Flucht verdächtig ist oder aber Tatsachen dorliegen, aus denen zu schließen ist, daß er Spuren der Tat vernichten, oder daß er Zeugen oder Mitschuldige zu einer falschen Aussage oder Zeugen dazu verleiten werde, sich der Zeugnispflicht zu entziehen. Der Begriff der drin­genden Verdachtsgründe wird aber vielfach allzu weitherzig behandelt, und was insbesondere den Fluchtverdacht betrifft, so pflegt die Schluß­folgerung vielfach zu lauten: 1. der Angeschuldigte ist bemittelt, also hat er die Möglichkeit zur Flucht! 2. der Angeschuldigte ist unbemsttelt, also ist er durch nichts an den Ort gebunden! Ein anderer Übelstand bei der nicht durch den Richter erfolgenden Festnahme ist der, daß von der Bestimmung, wonach der Festgenommene „unverzüglich, sofern er nicht wieder in Freiheit gesetzt wird", dem Richter vorzuführcn ist, nur in sehr laxer Weise Gebrauch gemacht wird. Ein weiterer schwerer und oft beklagter Mißstand ist endlich der, daß über die Beschwerde gegen den Haftbefehl vor der Strafkammer, nicht wie es dem Geist unseres Straf­rechtes entsprechen würde, im mündlichen, sondern im schriftlichen Verfahren entschieden wird, wobei eine ge­naue Prüfung der Sachlage überhaupt nicht niöglich ist.

Bei der dringend notwendigen Reform unserer Strafprozeßordnung, die ja doch endlich einmal zur Tat werden mutz, wird es durchaus notwendig sein, hier bessernd einzugreifen nach der vorhin angedeuteten Richtung hin und in dem Sinne, daß unsere Rechts­pflege sich mit noch mehr Respekt vor den unveräußer­lichen Rechten des Staatsbürgers zu erfüllen hat.

56. Jahrgang.

V-Mischr Wrrftcht.

Journalistische Ministerstürzerei.

L. Berlin, 20. Februar.

Kein Tag vergeht, an dem nicht der oder jener- „in­formierte" Zeitungsmitarbeiter oder Reporter mitzu- teilen weiß, daß der eine oder aridere Minister wackle. Diesmal sind gleich zwei solche Krisengerüchte zu ver­zeichnen. Die „Weser-Zeitung" behcurptet, die Stellung des Reichskanzlers sei erschüttert. „Sollte er sie verlassen müssen, so ist selbstverständlich die nächste Wendung eine reaktionäre, also den Liberalen uner­wünschte. Doch ist diese nicht die Folge, sondern die Ursache eines Sturzes des Reichskanzlers. Die Frei­sinnigen wünschen seinenSturz gar nicht, oder sie sind zu schwach, die reaktionäre Wendung, die ihn zu ver­schlingen droht, zu verhindern." Wo ist aus der Rechten ein Mann, der irgendwie mit dem Fürsten Bülow un­zufrieden wäre? Man kann einen hohen Preis für die Beantwortung der Frage aussetzeu und braucht nicht besorgt zu sein, sein Geld zu verlieren. Das andere Gerücht kommt in der „Dortmunder Zeitung" zum Ausdruck. Dieses Blatt ist überhaupt groß im Minister­stürzen. Diesmal ist der Staatssekretär des Reichs­justizamts Br. Nieberding. sein Opfer. Es will ihm aber ein Augenleiden als Grund zum freiwilligem Rüiflritt zugestehen. Den Nachfolger hat es auch schon ausersehen, er ist ein ungenannter nationalliberaler Abgeordneter. Als vom Kaiser designierten Ersatz­mann für Stengel bezeichnet- dasselbe Blatt — Herrn v. Podbielski.

Die Folgen des Modernismus.

Vom Rhein schreibt uns ein gebildeter katholischer Abonnent: Wenn man unsere katholischen Organe,

wenigstens die größeren, auf ihre Haltung zum Falle Schnitzer und zu den ähnlichen Fällen ansieht, so ge­wahrt" man eine gewisse Verlegenheit, Wortkargheit, Gedrücktheit. Das läßt interessante Schlüsse zu. _ ^Man möchte wohl, aber man kann nicht. Man freut sich des modernistischen Einflusses auf das katholische Gedanken- leben, man wünscht ihn gestärkt, aber man darf ihn nicht selbst stärken helfen. Bei unserer Zentrumspresse kann zuweilen zwischen einer exoterischen und einer esoterischen Meinung unterschieden werden. Das ist gerade in dieser Sache besonders wertvoll. Daß Münster und Paderborn Ausnahmen bilden, _ versteht sich für den Ortskundigen von selbst. Hier ist alles Moderne verfemt und das Mißtrauen gegen „Ketzer" im eigenen Lager groß. Paderborn und Münster geben nun zwar der Orthodoxie oder besser: dem vom Vati­kanum datierenden Neokatholizismus starke Rückhalte, und die von dort ins Land geschickten jungen Theologen werden noch für geraume Zeiten den ihrem Einfluß unterstehenden Bevölkerungsteil_ vor jeglicher In­fizierung durch wissenschaftlich-kritische Gedanken über Dogma und Kirchengeschichte bewahren. Aster eben

von Botz I. mindestens sechs Jahre zum Hauptmann heran, auch werde er zweitens selbst im glücklichen Falle der Beförderung nach wie vor das ganze Gehalt für Handschuhe und Zigarren benötigen, also drittens eine runde Zahl brauner Lappen brauchen, um mit der ge­borenen Donker sich standesgemäß durchs Leben schlagen zu können. Woraus Carola mit unbefangenem Augen­ausdruck fragte, ob die gegenwärtige geschäftliche Lage der Firma Donker, Schaber und Kompagnie eine so betrübliche sei und für die Zukunft keine Besserung zu erwarten stehe. Darüber kam nun Papa in einige Auf­regung, die ihn sein breit geöffnetes Herz fest zuschlietzcn und zu einem Marmelstein umwandeln ließ. Er legte mit geschäftsmäßiger Kühle dar, daß er an einem des Königs Rock tragenden Schwiegersohn reichlich genug habe, daß er gar nicht daran denke, sein sauer erworbenes Rermögen zu opfern, daß er selbst sich der allergrößten Einfachheit im Leben befleißige und immer an Franklins teure Pfeife denke, seit er diese schöne Geschichte aus dem Lesebuch her' kenne.

Carola Hatte kein Wort darauf erwidert. Einzig ein verschmitzter, fragender Blick traf Papa, und dann sing der plötzlich stark zu husten an. Er mußte sich wohl ver­schluckt haben. Als er wieder sprechen konnte, wechselte er das Thema und erzählte in behaglicher Breite von seinem jungen Freunde Artur Hafermann — I. A. Hafermann und Sohn, Lederwaren en »ros — und von dessen allseitig anerkannter Geschäftstnchtigkeit.

Vielleicht würde der Herr Kommerzienrat noch mehr davon mitgeteilt haben, wäre nicht Carola, mit tiefstem Bedauern natürlich, zu einem dringenden und unauf­schiebbaren Besuche bei der Patronessc des Basars zur Unterstützung armer Firrnelnngskinder in Neu-Guinea verpflichtet gewesen. Also stieg Papa, mir dem Marmel- stcin in der Brust und mit Artur HafermannZ kauf­männischen Tugenden im Kopfe, in sein Privatkontor hinunter, und Carola begab sich geradeswegs zum Kriegerdenkmal auf dem Alten Wall, wo Oberleutnant

von Boß I. zu dieser Stunde ganz zufällig den schon vom großen Moltkc warm empfohlenen täglichen Spazier­gang machte.

Fasching war herangekommen. Daß Artur Hafer- mann inzwischen zweimal an der Donkerschen Familien- tasel teilgcrwmmen hatte, trug nicht das mindeste zur Besserung der innerpolitischen Lage bei. Fm Gegenteil. Carola, die den Beherrscher des Ledermarktes mit lieb­loser Höflichkeit behandelte, zeigte deutlich, daß sie die unausgesprochenen Pläne Papas genau durchschaue. Und als Artur Hafermann schüchtern vom Roseumontagsball der Narrengesellschaft „Schnorres" zu sprechen begann, den er zum erstenmal mitmachen wollte, erklärte Carola kühl wie Morgenluft, daß die Karnevalsvergnügnngcn für sie jegliches Interesse verloren hätten. Sie blieb auch richtig zu Hause, als Papa mit Artur Hafermann abzog, um diesen in die Mysterien des „Schnorres" einzu- weihen.

Der Herr Kommerzienrat, der behauptet hatte, er opfere seine Nachtruhe einzig dem Leüerwarenmann en gros • zuliebe, setzte im Schnorreskrcise bald eine andere Miene auf. Hafermann wurde zwei jungen Narrenbrüdern anvertraut, und der Chef des Hauses Donker durfte sich bald der angenehmen Ausgabe widmen, ans eigene Faust den Abend zu genießen. Er nahm es denn auch nicht im geringsten übel, daß ihn ein ent­zückender Pierrot in weißem Atlas mit blauen Schleifen aufs Korn nahm und ihm allerlei schäkernde Worte zu- raunte.

Nachdem man einen flotten Walzer riskiert hatte, stellte sich heraus, daß der schlanke Pierrvt mit den schelmisch durch die Larve blitzenden Augen von Durst gequält sei.

Natürlich Sekt, Pierrot war einverstanden. AVer nicht mit Dem „Gift", das Donker sonst seinen Gasten vorzusetzen pflege.

„Heidsieck, wenn ich gut Freund bleiben soll."

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