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Nr. «8.

Wiesbaden, Montag, TV. Februar 1SV8.

36. Jahrgang.

Kbenö-Kusgabe.

1. Matt.

Der kommende Mann.

Das alte Studentenscherzlied „Wir haben keinen KneiHwart mehr!" kann heute mit der Variation ange­wendet werden: Wir haben keinen Staatssekretär des Re i ch s sch a tz am t s mehr! Es ist ein offenes Geheimnis, daß Frhr. b. Stenge l, der in den letzten Tagen sowohl in der Kommission wie im Plenum des Reichstags sein Ressort nicht mehr persönlich vertreten hat. sein Abschiedsgesuch cingereicht und daß dieses bereits seine Genehmigung gefunden hat. Aber mit der amtlichen Bekanntmachung des Wechsels im Staatssekretariat des Reichsschatzamtes soll gewartet werden, bis mit der Mitteilung vom Rücktritt des Frhrn. v. Stengel zugleich die Bekanntgabe seines Nachfolgers erfolgen kann, den zu finden bisher jedoch noch nicht gelungen ist.

In den mehr oder minder offiziösen Mitteilungen über den bevorstehenden Rücktritt des Frhrn. v. Stengel ist von der üblichen Motivierung mit irgend einer Krankheit Abstand genonnnen worden, und das mit gutem Grund, denn selbst wenn man dem scheidenden Staatssekretär die derzeit grassierende Influenza gut­schreiben wollte, so würde doch jedermann wissen, daß es sich hierbei um die bekannte, mit dem Namen morbus diplomaticus bezeichnete Krankheitserschei- nung handelt. Sollte man in der demnächst zu erwar­tenden Mitteilung des erfolgten Rücktritts nach einer äußeren Begründung desselben suchen, dann würde es schon näher liegen, das Alter des Frhrn. v. Stengel heranzuziehen, denn der scheidende Staatssekretär, der am 19. Juli 1837 geboren wurde, hat mithin schon im vergangenen Jahre die Schwelle des biblischen Alters, -die nach der allgemeinen Auffassung eine Art Rechts­anspruch auf Ruhe in sich schließt, überschritten.

Wird jedermann dem Frhrn. v. Stengel, obwohl er erfreulicherweise noch ein außerordentlich rüstiger Mann ist. die Ruhe nach einenc Leben voll Arbeit gönnen, so scheidet doch der Staatssekretär, wie , schon betont, nicht weil er amtsmüde ist, sondern weil der leitende Staatsmann, der Reichskanzler Fürst Biilow, cinaesehen hat, daß er auf den Wegen der Stengelschen Finanzreform nicht durchs Ziel zu gehen vermag. Ter Staatssekretär, der seit dem 22. August 1903 an der Spitze des Reichsschatzamtes stand, hat zwar die erste Reichsfinanzreform, zu deren Durchführung er nach Berlin berufen worden war. durchgesetzt, aber die Nach­wirkungen der Reform zeigten alle Schwächen und Fehler der Flickarbeit in so hohem Maße, daß inan schon im Jahre darauf die Notwendigkeit einer Reform der

Reform einsah. Hierbei wollte nun der Staatssekretär nach dem alten, wenig bewährten Rezept, Verfahren, neue Flicken auf alte Lappen zu setzen, und seiner Weis­heit letzter Schluß war neben dem Vorschlag einer weiteren indirekten Steuer, der, Zigarrenbanderolen­steuer, damit doch auch ein neuer Gedanke sich zeige, der freilich nichts weniger als neu ist, der des Rohspiritusmonopols.

Angesichts der Parteiverhältnissc im Reichstag konnte jedoch der Reichskanzler Fürst, Biilow nicht darüber im Zweifel sein, daß diese beiden Vorlagen, die das Finanzprogramin des Reichsschatzamts dar­stellten. eine glatte Ablehnung, vielleicht sogar ohne feierliches Kommissionsbegräbnis gefunden hätten, und daß hieran zugleich der konservativ- l i v e r a l e Block in die Brüche zu gehen drohte. Angesichts dieser Sachlage sah sich der leitende Staatsmann genötigt, dies Finanzprogramm einer gründlichen , Revision zu unterziehen. Aber „wenn der Purpur fällt, nkUß auch der Herzog nach". So inußte Freiherr v. Stengel gehen..

Was aber seinen Nachfolger betrifft, so kennt man bisher nur eine Menge Namen, die —- n i ch t in Be­tracht kommen. Eine Anzahl Finanzgrößen und Finanz- Politiker sind in der Presse als kommende Männer ge­nannt worden, aber jeder Meldung folgte das Dementi auf dem Fuße, so daß man bisher höchstens weiß, wer nicht Staatssekretär des Reichsschatzamts werden wird. Indessen nach wichtiger als der kommende Mann selbst, dessen Namen man ja int Laufe dieser Woche erfahren wird, ist sein Pr o g r a m nt. Dies Programm ist aber im gewissen Sinne bereits dadurch festgelegt daß es — durckigeführl werden muß, und zwar mit Hilfe der M e h r h e i t des Reichstags, Man weiß nun zwar ziemlich genau, waS diese. Mehrheit nicht will, während es weniger klar ist, was sie ivill. Das Finanzprogramm der Regierung muß Wohl oder übel mit Hilfe der konservativ-liberalen Mehrheit durchgeführt werden, aber es hatte bisher mehrfach beit Anschein, als ob in dieser Frage die Konservativen geneigt sind, hott zu rufen, wo die Liberalen hüb schreien. Soweit sich die Stimmung im Reichstag beurteilen läßt, wäre Wohl an Stelle des aussichtslosen Rohspiritusmanopots eine wesentliche Erhöhung der B r a n n t w e i n st c u c r durchzusetzen, währeitd für die Beschaffung der weiteren erforderlichen Mittel neben einem Ausbau der Reichs­erbschaftssteuer vor allem der schon mehrfach erörterte Plan der sogenannten V e r e d e l u n g der M a t r i k u l a r b e i t r ä g e in Betracht käme, die von den Einzelstaaten statt als Kopfsteuer auf Grund der Leistungsfähigkeit etwa auf dem Wege einer Vermögen s st e u e r aufgebracht werden sollen. Freilich ist es nicht recht einzusehen, wie diese Pläne noch in der laufenden Reichstagssession feste Ge­stalt gewinnen und ihre parlamentarische Verwirk­

lichung finden sollen, so daß man trotz aller Dementis doch wohl mit einer Vertagung der Finanzreform rech­nen müssen wird, was natürlich als unliebsame Folge eineit weiteret: Reichspump, eine abermalige Belastttug des Reichsschuldkontos mit mindestens 300 Millioneri Mark zur Folge haben würde.

llck. Dresden, 8. Februar. Wie die „Frankl. Ztgck aus gut unterrichteter Quelle erfährt, denkt der Finauz- minister I)r. v. Rüger tt i ch t daran, als RcichAschatzsekre- tür nach Berlin zu gehen. Seine gegenwärtige Anwesen­heit in Berlin hängt allerdings mit der Reichsfinanz- reform zusamuten, war aber schon vor Wochen in Aussicht gcuomtnen, außerdem hält ihn heute ein Tranerfall in seiner Familie in der Reichshauptstabt fest.

llck. München, 8. Februar. In maßgebenden süddeut­schen Kreisen glaubt man, daß wieder ein Süddeut­scher Reichsschatzsekretär mird. Doch soll keiner der süddeutschen Minister als Nachfolger cLtengels in Be­tracht kommen.

PolMsche Übersicht.

Schifsahrtsabgäbe«.

L. Berlin, 9. Februar.

Insoweit es sich um die deutschen Einzelstaaten handelt, wird die preußische Regierung die Frage der Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserlänfcn wohl im Sinne der vom Minister Breitcirbach jüngst abgegebenen Erklärungen lösen können, aber man er­kennt noch immer nicht den Weg, auf dem eine Verstän- digung mit Österreich und den Niederlanden zu erzielen wäre. Diese, beiden Staaten haben ein Einspruchs- und Mitwirknngsrecht aus Grund alter Verträge, und min­destens was die österreichische Regierung anlängt, weiß man, daß sie von ihren Rechten nichts anfzugebe» wünscht, daß sie die Einführung von Schiffcchrtsabgaben aus der Elbe als Beeinträchtigung österreichischer Inter­essen zu bekämpfen entschlossen ist. Erst vor kurzem hat das die Regierung in der österreichischen Delegation mit großer Bestimmtheit aussprechen lassen. Freilich können derartige Versicherungen auch so aufgefatzt werden, als mache man sich teuer, um einen entsprechend hohen Gegen­wert hcrauSzuschlagen. Wenn demnächst, wie es den Anschein hat, die Frage der Schisfahrtsabgaücn auch im Reichstag zur Verhandlung kommt, wird inan vielleicht einiges darüber erfahren, wie es mit den Versuchen steht, Österreich und die Niederlande zum Verzicht aus alte Rechte zu bewegen. Das einfachste wäre ja, diesen Angrcnzern die Abgabensreiheit auf Elbe und Rhein auch weiterhin zu gewähren, aber das würde selbstver­ständlich ein Recht gegenüber den deutschen Schisfahrt- treibendcn bcüeutetr, eine Begünstigung des Auslandes auf Kosten des Inlandes, und dann kann von solcher

Kemlletorr.

Larinen Sylim über ihre ,Blindenstadt.

J,N „Sortiere dclla Sera" gibt Carmen Sylva, die Königin von Rumänien, eine fesselnde Schilderung der Entstehung ihres großen Projektes der Gründung einer Blindenstadt, in der Tausende von unglücklichen Bündelt in nützlicher Arbeit ihren Lebensunterhalt finden werden. „Wir weihten ein Altmännerhaus em, in dem hundert arme Greise ein Obdach gefunden hatten. Wie ich durch die Korridore schrttt und dte kleinen Stuben besuchte, wo die Alten, zwei zu zwei, untergebracht waren, gewahrte ich einen jungen Men­schen mit großen, schwarzen Augen, dem man an seinem unsicheren Gange sofort den Blinden ansah. Ich fragte was dieser junge Mamt im Altmännerasyl mache „Er ist blind", kam die Antwort. „Gewiß, aber er ist jung", antwortete ich. Meine Begleiter ver­standen meinen Gedanken und sie erklärten mrr den Zusammenhang. Der Unglückliche Hatte tu einer Druckerei gearbeitet und war dann erblindet. Sein Chef ließ dem Unglücklichen das Gehalt. Dann starb der Philanthrop, die Rente hörte auf und der Blinde kam in bitterste Not. Man glaubte ihm schließlich zu Helsen, indem man ihn von seiner Frau ircnnte und int Altmännerhaus einen Platz erwirkte."

Dieser arine hilflose Mensch war es. der den groß­zügigen Plan einer Blindeitstadt erst möglich machen sollte. Die Königin ließ ihn sofort aus dem Asyl rufen, im Palaste erhielt er Arbeit: erst vor kurzem war eine Druckmaschine für Blinde cingetroffen, und. mit ihr begann Theodorescu die Herstellung eines Exemplars von Carmen Sylvas „Gedanken einer Königin" in Blindenschrift, das für eine blinde Freun­din der Königin bestimmt war. . Tue erhabenen bleiernen Typen der Blindenschrift bewahrten sich sehr wenia. sie verursachten bei andauernder Verwendung

eine Blutvergiftung, und Theodorescu wurde zur Heilung ans Meer geschickt. „Als wir alle nach Bukarest zurückkehrteu, kam Monskc, mein Sekretär, eines Tages zu mir „Ich glaube, Theodorescu hat eine Ent­deckung gemacht", und er erzählte mir, wie Theodorescu während des Sommers über den Plan einer neuen Druckmaschine gcgrübelt habe, die ungleich praktischer und einfacher sein sollte, als die amerikanische." Die Erfindung bewährte sich aus überraschende Weise; ge- meinsam mit dem Sekretär Monske verbollkomnineie man das System mrd als in Bukarest im vergangenen Jahre eine Jubiläums-Ausstellung stattsand, konnte man neben der amerikanischen Maschine bereits die neue rumänische Erfindung, die inzwischen überall patentiert worden war, ausstellcn. „Nie in meinem Lebeit fühlte ich mich stolzer als in dem Augenblick, da ich auf ein kleines Holzschild die Worte schrieb: „Druck­maschine für Blinde, altes amerikanisches System" und auf ein zweites: „neue rumänische Erfindung

Theodorescu". Denn Monske hatte nicht gewollt, daß auch sein Name genannt würde: „Rumänien allein

sollte beit Ruhm der Erfindung haben und ein rumäni­scher Name sollte von Tausenden gepriesen werden. Unsere Erwartungen wurden nicht getäuscht.^ Die Er­findung brachte mir unzählige Anerbieten. In kurzer Zeit war unser Kapital über 800 000 Lire htnausgc- wachsen. Aber was will das bedeuten, wenn es gilt, 20 000 Blinden zu helfen. Denn nichts Geringeres war unser Plan. Wir wollten eine Blmdcnkolonte grüntzeit, eine Blindenstadt, wo die Unglücklichen im Kreise der Ihren leben und atbeiten können, denn die meisten Blinden sind verheiratet oder wollen ente Frau haben. Bei uns sollen sie mit Frau und Kindern ein reiches und lohnendes Arbeitsfeld finden. Schon heute erwerben sich viele Familienväter ihren Lebensunterhalt durch Stuhlflechten. Männer, die früher aus der Straße um ein Almosen flehten; heute singen sie bei der Arbeit... Eine Dame hat mir ein Gelände von 20 Hek­tar geschenkt und wir haben es in anmutige Gartenan-

lagen umgewandelt. Dort wird jetzt an der Errichtung von kleinen Wohnhäusern gearbeitet; die Familien der Kolonisten sollen eine gemeinsame Küche erhalten, tu der die Frauen sich beschäftigen, während die Männer ihren Arbeiten nachgehen. Alle Berufe, die sich nach den Erfahrungen des Auslandes für Blinde bewährt haben, werden in unserer Stadt vertreten sein: Netze werden gesponnen, Lettern für die Herstellung von Blindenschriften gefertigt. Bürsten, Körbe und Stroh. Ichuhe bergestcllt und bald werden wir auch mit der Musik beginnen, denn einer von unseren Leuten zeigt außerordentliches Talent und er soll sein Klavier er- halten. Aber unsere Hauptarbeit bleibt unsere Druck. Maschine, die bestimmt ist, das Werk fortzuführen, zu vergrößern und ständig auszubauen . . . Wenn man an die 20 000 Blinden denkt, die nach den Angaben der Ärzte in Rumänien sich befinden sollen, so wird man leicht abschätzcn können, welch stattliche Zahl von nütz- lichen Bürgern der Allgemeinheit , gewonnen werden können, Menschen, die für die andern bisher nur eine Last bedeuteten. Hier iverden sic in ihrem neuen. Leben arbeitsam und glücklich sein und sich in jeder Weise unabhängig und zufrieden fühlen." Einen Lieb- lingsgedanken der Königin bilden schon jetzt die Schulen, die in der Blindenstadt errichtet werden sollen. _ In ihnen werden Blinde und sehende Kinder gemeinsam unterrichtet werden. „Für die letzteren wird dieser Unterricht auch eine Schule des Mitleids und des Herzens sein; sie werden es lernen, nach Stundenschlutz den blinden Gefährten den Heimweg zu erleichtern, ihnen in Gefahr beizustehcn und sich gegenseitig die kleinen Hände zu reichen." Freilich, die Entwicklung der Blindenstadt wird fast ausschließlich von dem Er­trage abhängen, den die Erfindung der Druckmaschine einbringt; aber nicht nur indirekt, auch direkt wird sie zur Milderung des Loses der Blinden beitragen, denn das neue Verfahren ermöglicht eine bedeutende Ver­billigung der Druckwerke für Blinde und für die vom Sonnenlicht Abgeschiedenen wird cs künftig leichter