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Verlag Langgaffe 27.

Fernsprecher Nr. 2953 ..

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Nr. 53.

Morgen - Ausgabe.

1. Z3tcrtt.

Nachdruck verbotene

Der neue Fernsprechtürif.

Von Eduard Engel.

In der Kette der Verkehrserschwerungen und Ver­kehrsverteuerungen ein neues Glied: der uns ange- drohte neue Fernsprechtarif! Die Postverwaltung, wie wir kurzweg die Behörde nennen wollen, zu der ja auch unser Ferusprechwesen gehört, hat entdeckt, daß der Verkehr mittels Fernsprecher zu lebhaft ist und noch immer lebhafter wird, und sie trifft Anstalten, um das fernere Anwachsen dieses Verkehrs zu verhüten, wie man ein Unglück verhütet, ja, sie will sogar den bis­herigen Umfang des Fernsprechwesens einschränken. Das geeignete Mittel hierzu ist nach der Auffassung der Postverwaltung ein neuer Daris, den sie technisch den Grundgebühren- und Gesprächstarif nennt, den wir aber nach seiner unzweifelhaften Wirkung Er­drosselungstarif nennen dürfen.

Das Gerede von dem ins Maßlose steigenden Ver­kehr ist ja nichts Neues. Wir haben es bei der Ab­schaffung der billigen Ortspostkarte und des billigen Kreuzbandes im Ortsverkehr gehört; bei der Einfüh­rung der Fahrkartensteuer und bei der Verteuerung der Schnellzüge wurde uns davon erzählt, und jetzt hören wir es wieder bei der Bedrohung mit dem Erdrosse­lungstarif. Ein vor kurzem verstorbener Abgeordneter, dessen Namen gleichgültig ist, hat einmal entrüstet von der Eisenbahnvagabondage gesprochen und die Ver­teuerung des Eisenbahnverkehrs gefordert. Der Edle genoß für feine Person freie Eisenbahnfahrt und hatte es gar zu leicht, das Verkehrsbedürfnis seiner Mit­menschen mit einem Scheltwort zu belegen. Ganz all­gemein kann man von solchen Gegnern des Verkehrs sagen: sie sind immer nur Gegner des Verkehrs der

andern: ihren eigenen Verkehr halten sie für volks­

wirtschaftlich höchst wichtig, und wehe dem. der ihre eigenen Reisen, ihren eigenen Briefverkehr, ihre eigene Benutzung des Fernsprechers für überflüssig oder übertrieben erklären wollte. — In Wahrheit stehen die Dinge im Verkehrsleben so, daß, abgesehen von Ausnahmen, die gar keine Berücksichtigung ver­dienen, alle Verkehrsmittel nur zu Verkehrszwecken benutzt werden, die für den einzelnen und dadurch auch für die Gesamtheit wichtig sind. Zum bloßen Spatz fährt niemand auf der Eisenbahn, und eine Eisenbahn­reise zu Erholungszwecken ist volkswirtschaftlich ebenso wichtig wie irgendeine Geschäftsreise; — zum bloßen Spaß werden auch weder Briefe noch Postkarten ge­schrieben, und die Postverwaltung, die da glaubt, das Fernsprechen sei ein Vergnügen, macht sich lustig über uns, die wir doch Tag für Tag uns nnt den Gebrechen des Fernsprechers abärgern müssen.

Nachdem durch ein Vierteljahrhundert hindurch das Bedürfnis des Fernsprechers großgezogen, nachdem der Fernsprecher ein unentbehrliches Hilfsmittel unserer Kultur geworden ist, will also die Post das Fern­sprechen einschränken. Warum? Kann sie etwa be-

LeErton.

Mackdruck verboten.!

Berliner §LiMMimg§bilöer»

Von Paul Lirrdenbcrg.

Draußen und drinnen. — Festfrohe Tage. — Die Ealaoper. _ Boildieus „Johann von Paris". — Der Preffeball. — Seine Mannigfaltigkeit und sein Reiz. — „Der gedeckte Tisch". _ Eine reiche Auswahl. — Die Ausstellung eng- lrscher Meisterwerke. — Was sie uns bietet a« Schönheit und Eigenart. — Eröffnung des Hebbel-Theaters.

Draußen heult der Sturm durch die Straßen, Regen und'Schnee kämpfen im schlimmen Wettbewerb um die Herrschaft, breite, trübe Tümpel haben sich aus den Fahr­wegen und Bürgersteigen gebildet und veranlassen die Fußgänger zu ungewohnten akrobatischen Kunststücken, br, man macht, daß man schnell weiterkommt und das schützende Dach gewinnt. Drinnen, an vielen Stellen der Stadt, sind die behaglich durchwärmten Räume von hellem Lichtmeer überflutet, lange Schleppen rauschen über das spiegelnde Parkett, in angeregtem Gespräch finden sich kleinere und größere Gruppen zusammen, lockende Musikweisen aus dem „Walzertraum" laden ein, dem Beispiele des flotten Leutnants Nicki und seiner feschen Geigenfee zu folgen, bis das vielen noch er­wünschtere Zeichen ertönt, daß das Souper beginnt.

Berlin freut sich der festfrohen Tage, die nun wieder gekommen! In glänzender Weise ward der Geburts­tag des Kaisers gefeiert, zu dem viele Tausende von Fremden hierher geeilt, die leider die bittere .Erfahrung

Wiesbaden, Samstag, 1. Februar 1908.

haupten, daß ihre Rente aus dem Ferusprechwesen zu niedrig ist? Sicher nicht, denn mehr als die 6 Prozent, die das in den Fernsprecher gesteckte Kapital einbringt, darf eine Staatsverwaltung nicht verlangen. Die Postverwaltung gesteht offen ein, daß es ihr nicht so sehr auf die Erhöhung der Einnahme wie auf die Eindäm­mung des Fernsprechverkehrs ankommt, und beruft sich zur Verteidigung ihres Erdrosselungstarifs auf Das, was ihr wohl als Mißbrauch des Fernsprechers er­scheint : auf 20 000, 30 000, ja noch mehr Gespräche im Jahr von einem einzigen Anschluß. Mit solchen anek­dotischen Höchstzahlen' wird gar nichts bewiesen. Das ist dieselbe Beweisführung, die seinerzeit die Berliner Straßenbahn-Gesellschaft anwandte zur Bekämpfung des Zehnpfennigtarifs für jede Entfernung: es gebe Leute, die zum Satz für zehn Pfennig den ganzen Ring um Berlin abfahren. Es lohnt nicht, einer so dürf­tigen Beweisführung ernstlich auf den Leib zu rücken.

Der jetzige Tarif ist ja bekannt: entweder Pausch- gebühr von 80 Mk. bis 180 Mk., je nach der Zahl der Netzanschlüsse, oder Grundgebühr von 60 Mk. bis 100 Mk. und Gesprächsgebühr von je 8 Pf. Der uns be­drohende Erdrosselungstarif lautet: Pauschgebühr fällt ganz weg, statt ihrer durchweg Grundgebühr und Ge­sprächgebühr, nämlich Grundgebühr von 50 Mk. für Netze bis zu 1000 Anschlüssen, 65 Mk. bis zn 5000 An­schlüssen, 80 Mk. bis zu 20 000 Anschlüssen, 90 Mk. bis 70 000, 100 Mk. bis zu 120 000, 110 Mk. bis zu 170 000 Anschlüssen und für je 50 000 Anschlüsse mehr je 10 Mk. mehr Grundgebühr. — Dazu kommen Gesprächsgebühren: bis zu 20 000 Gesprächen im Jahr je 5 Pf., für die nächsten 4000 Gespräche je 4% Pf-, für jedes Gespräch über 6000 je 4 Pf. Eine Vergleichung der jetzigen Gebühren und des Erdrosselungstarifs er­gibt: in großen Bflttelstädten bis zu 6000 Anschlüssen Grundgebühr 65 Mk., für die ersten 2000 Gespräche jährlich 100 Mk., für die nächsten 4000 Gespräche 180 Mk., alles zusanunen also jährlich 445 Mk., — gegen­über der jetzigen Pauschgebühr von 16,0 2JJE. und gegen­über der jetzigen Grund- und Gesprächsgebühr von 386 Mk. - - Bei 10 000 Gesprächen im Jahr kostet ein Anschluß 605 Mk. gegenüber 160 Mk. jetziger Pausch­gebühr oder 576 Mk. Miger Grund- und Gesprächs­gebühr. Hierbei ist natürlich zu bemerken, daß Ge­schäfte mit 10 000 Gesprächen im Fahr immer nur An­schlüsse mit Pauschgebühr nehmen werden, so daß also für Teilnehmer dieser Art sich in den großen Mittel­städten Verteuerungen von über 400 Mk. jährlich ergeben.

Für Berlin wird die Verteuerung noch höher werden, weil die Grundgebühr steigt, und man müßte den „modernen" Geist unserer Verkehrsverwaltungen nicht kennen, wenn sie nicht zur Steigerung der Grund­gebühr die Zahl der Berliner Anschlüsse, nach der von Großberlin berechnete, also gleich 100 Mk. und sehr bald 110 Mk. erhöbe.

Ich frage nun: können 5000 Gespräche im Jahr von einem Anschluß als besonders viel gelten? sind sie nicht vielmehr eine bescheidene Norm? Betrachten wir auch nur die Anschlüsse der Geschäfte aller Art und rechnen wir die Sonn- und Festtage ob, so bleiben 300 Gesprächstage, und rechnen wir auch nur 12 Gesprächs­

bestätigt fanden, daß bei Regen und Wind auch eine Weltstadt ihr ungemütliches Gesicht zeigt, trotz Fahnen, Girlandon und Illumination. Ern desto herrlicheres Bild bat am Abend des 27. Januar das Innere des Königlichen Opernhauses dar anläßlich der Gala-Oper, zu der nur geladene Gäste die Karten erhielten. Noch reizvoller und stimmungsreicher, als wir cs sonst gc- ivohnt sind, war Diesmal der gewaltige Theatersaal aus­geschmückt, und Herr v. Hülsen, unser umsichtiger Ge­neral-Intendant, durfte wahrlich mit dem Erfolge zu­frieden sein/denn selbst sehr verwöhnte Besucher, die schon vieles Schöne bei prunkenden Festen gesehen, hielten mit ihrer offenen Bewunderung beim ersten Anblick des herrlichen Raumes nicht zurück. Überall, vom obersten Rang an vis zu den unteren Balkons und Logen zogen sich dichte Gewinde von dunklen und lichten Rosen, sie umrankten die Kronenleuchter wie Sie Säulen und schwangen sich am Orchester und 5er Bnhnenrampe dahin, seidene, in allen Farben schimmernde Orient­teppiche hingen an den Brüstungen des ersten und zweiten Ranges wie den Proszeniumslogen und der großen Hofloge, dazu durchwehte ein feiner Fliederduft das gesamte Haus. Der wahrhaft blendende Rahmen umschloß denn auch eitrt blendendes Bild. Überall, bis auf das Parkett, das nur von hohen Offizieren und Be­amten, von einzelnen Vertretern der Wissenschaft, Kunst und Literatur besetzt war, erlesenste Toiletten, flimmern­der Schmuck, blitzende Ordcnsfterne. in den Parterre­logen die Ritter vom Schwarzen Adlerorüen und die Minister, in den Logen darüber die Damen und Herren manch' stolzen, gefürsteten Geschlechts, wie jene der fremden Botschaften, auf den Balkonplätzen die Gc-

5C. Jahrgang.

stunden, fo gibt das nur knapp V/z Gespräche in der Stunde. Die, Anschlüsse aber von Privatleuten werden an Sonn- und Feiertagen ebensoviel benutzt wie an den Alltagen, fo daß sich die durchschnittliche Be- Nutzungsziffer, zumal da der Tag für die privaten An­schlüsse länger ist als für die Geschäftsanschlüsse, auf etwa 1 Gespräch in der Stunde stellen wird. Darf eine solche Benutzung des Fernsprechers als übermäßig an­gesehen werden? Hatte ich nicht recht, 6000 Gespräche im Jahr von einem Anschluß als eine bescheidene Norm zu betrachten?

Indessen, gebe ich zu, daß gewisse Grundunterschieds in der Ausnutzung des Fernsprechers bestehen, und meine Anschauung von einem idealen Verkehrswesen innerhalb unserer jetzigen Gesellschaftsordnung schließt nicht aus, daß ein Unterschied gemacht werde in dem Entgelt für den Fernsprecher. Im allgemeinen läßt sich sagen: der Fernsprecher ist eine große Bequemlich­keit geworden für den Privatmann, er ist ein unent­behrliches Hilfsmittel für jeden Geschäftsbetrieb grö­ßeren Umfangs. Der Gebrauchswert des Fernsprechers ist also deutlich abgestuft, und es ist keine Ungerechtig­keit, diese Abstufung des Nutzwertes, auch in der Bezah­lung zum Ausdruck zu bringen. Unerläßliche Be­dingung ist hierbei aber, daß der Gebrauch des Fern­sprechers, daß fein Kulturwect nicht beeinträchtigt werde: daß nicht Jahresgebühren herauskommen, die es kleineren und selbst mittleren Geschäften unmöglich machen, den Fernsprecher beizubehalten, uno die Tau­sende von Privatleuten, die jährlich etwa 4000 Ge­spräche führen, also im Durchschnitt der Tagesstunden noch nicht ein ganzes Gespräch stündlich, vor die Frage stellen, ob sie in Mittelstädten 265 Mk., in großen Städten 280 Mk., in Berlin 300 Mk. jährlich für eine Bequemlichkeit ausgeben können.

Die Postvcrwaltung kann auf die bisherigen Beur­teilungen ihres Erdrosselungstarifs erwidern: Tadeln ist leicht, Besfermächen ist schwerer. Die Forderung der Post, daß Teilnehmer mit sehr hoher Gesprächszahl im Jahr mehr bezahlen sollon als die bescheideneren Teil­nehmer, ist nicht ungerechtfertigt. Es handelt sich also darum, einen Weg zu finden, auf dem die Post für ihre wesentlich höheren Leistungen an eine Gruppe von Teilnehmern auch eine entsprechende Mehreinncchme erhält, ohne daß die andere Gruppe der Teilnehmer mit normaler Benutzung des Fernsprechers vom Gebrauche des so wichtigen Kulturmittels ausgeschlossen wird. Als einen solchen Weg möchte ich, ohne meine Zahlen für unerschütterlich zu halten., folgendes Vorschlägen:

Man gehe von 6000 Gesprächen im Jahr als einer Norm aus, die keine Verteuerung erheischt, und belasse es für diese Gruppe bei der jetzigen Pauschgebühr, die zwischen 80 und 180 Mark schwankt. Für die Berech­nung der Gespräche über 5000 im Fahr muß zunächst der Grundsatz gelten, daß die Staffelung der Gebühren nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben zu geschehen hat. In dem Maße, wie der Teil­nehmer der Normzahl der Jahresgespräche nahebleibt, soll er eine geringe Gesprächsgebühr über die Pausch­gebühr hinaus bezahlen; je weiter er sich von der Norm entfernt, desto größer ist aller Wahrscheinlichkeit nach sein Geschäftsgewinn aus dem Fernsprecher, desto höher

sandten und Mitglieder des Bundesrats und zwar aus der einen Seite die Herren, auf der anderen die Damen, der ganze zweite Rang gefüllt von den jungen Damen der Hofgesellschaft, aber auch im dritten Rang einzelne liebliche und schöne weibliche Erscheinungen von holdester Anmut, zu denen gern die Blicke zurückkehrtcn.

Kurz nach acht Uhr trat Herr v. Hülsen in die große Hofloge, ein Zeichen, die hoch oben postierten Musiker in den malerischen Reiteruniformen aus der Zeit des alten Fritz stimmten im Verein mit dem Orchester den« rauschenden Königsmarsch von Richard Strauß an, alles erhob sich und wandte sich der Hofloge zu, in der jetzt in einer wie von Brillanten übersäeten Spitzenrobe die vom Grotzherzog von Hessen geführte Kaiserin erschien, welcher der Kaiser, die Großherzogin von Hessen am Arm, folgte, die Söhne des Kaiserpaares und die übrigen Fürstlichkeiten, wohl fünfzig an der Zahl, sich an­schließend. Der Kaiser und seine Gemahlin begrüßten durch leichte Verbeugungen die Anwesenden, dann be­gann alsbald Sie Ouvertüre zu Boildieus „Johann von Paris", mit welcher Oper uns die Intendanz eine frohe Überraschung bereitete. Das im 15. Jahrhundert an der spanisch-französischen Grenze spielende Werk war hier seit vier Dezennien nicht gegeben worden, es ist von graziöser Munterkeit erfüllt und von ansprechendster Harmoniefülle, bei ausgezeichneter Darstellung und musterhafter Inszenierung war der Eindruck ein äußerst gewinnender und dürfte sich bei vielen Wiederholungen noch oft bewähren.

Bedeutet des Kaisers Geburtstag Sei den höfischen Winterfesten den Höhepunkt, so bei den privaten der Preffeball, der gleichfalls hinter uns liegt. Wenn man