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Nr« 3V.
Wiesbaden, Donnerstag, IO. Januar LKG8.
Kbenö-KusgaöL.
1. WtcrLt.
Die lrostlslen KmchsfinmrM.
Der Schatzsekretär hat von einer „trostlosen" Lage der Reichsfinanzen gesprochen, und so wird es denn wohl auch stimmen. Wer sollte besser als Herr v. Stengel davon unterrichtet sein, wie trostlos die Lage ist! Selbst die gewiegtesten Kenner aller Winkel und aller Geheimnisse der vielverschlungenen Finanzprobleme mögen, so übel ihnen die Situation erscheint, manche Schwierigkeiten noch für geringer halten, als sie dem Hüter der intimsten Mysterien, eben dem Reichsschatzsekretär, nach seiner noch intimeren Kenntnis der Verhältnisse erscheinen muß. Der arrne Herr _ v. Stengel! Halb rann er dafür und halb wieder nicht. Entschuldigt und entlastet ist er insofern, als ein Reichsschatzsekretär etwas anderes ist, als es ein Reichs- sinanzminister sein könnte und sein -näßte. Ein Reichsfinanzminister würde pflichtsgemäß aufbegehren gegen eine Politik im Reichs die ihrtz ohne daß er befragt würde, zur Hergabe von immer neuen Hunderten von Millionen nötigt. Der Reichsschatzsekretär ist ein abhängiger Beamter, er wird nicht gefragt, die Finanzlage findet er immer erst vor, wenn es viel gu spät ist, irgendwelche Einwirkung auf sie zu üben. Und in um so lächerlicherem Kontrast zu seiner Ohnmacht steht alsdann die ihm auferlegte Verpflichtung, Sünden zu büßen, die nicht er begangen hat, d. h. Gelder zu beschaffen. Nach dieser Richtung also ist, wie gesagt, der Freiherr v. Stengel entschuldigt, aber dafür haftet ihm eine andere Verfehlung an, nämlich der völlige Mangel an brauchbaren Ideen. Immer will er es im Kleinen, mit Kleinigkeiten, mit der Summierung von allerlei Kleinkram schaffen. Die mißglückte sogenannte Reichsfinanzreform kommt in erster Linie auf sein Schuldkonto, und jetzt ist er drauf und dran, die früheren Fehler zu übertrumpfen und sich mit der Vranntwein- steuervorlage und der Zigarrenbanderolesteuer eine Absage beim ganzen Reichstage, die Blockparteien mit- eingerechnet, zu holen. Das wird ihm von Leuten, die sich über die Stimmung in den Fraktionen hinreichend orientiert haben, bereits mit erfrischender Sicherheit vorhergesagt, und es handelt sich keineswegs bloß um eine Vermutung, sondern überall auf der konservativen wie auf der liberalen Seite, vom Zentrum gar nicht erst zu reden, herrscht ausgesprochene Abneigung gegen jede Zumutung, die Reichsfinanzfrage überhaupt in dieser Session zu erledigen und sie nun gar auf die vom Reichsschatzsekretär vorgeschlagene Weise zu lösen.
Angesichts dieser Sachlage müßte man die Trostlosigkeit des Reichsfinanzwirrwarrs für eine gänzlich unheilbare Krankheit, für einen durch kein Mittel wegzutilgenden Grund- und Krebsschaden halten, wenn es uns beschieden sein sollte, immer nur den Freiherrn v. Stengel und niemand, sonst an der Spitze des Reichsschatzamts zu erblicken. Andere Männer aber
werden hoffentlich auch andere Gedanken nntbrtngen, überhaupt Gedanken. Ja, die Notwendigkeit, sich von der Schablone eines mechanisch wirkenden Finanz- bureankratismus zu befreien, wird sogar von dem heutigen Reichsschatzsekretär mehr und mehr empfunden. Selbst ihm erblüht unter dem Zwange widriger Verhältnisse aufs neue die Fähigkeit zum Lernen und zum Umlernen. Es ist doch schließlich ganz brav und annehmbar, daß Frhr. v. Stengel, wie glaubhafterweise dieser Tage berichtet worden ist, in einer Unterredung mit mehreren Abgeordneten der Blockparteien die Möglichkeit einer Erbrechtsreform erwog, wonach das Reich in den Fällen Jntestaterbe werden soll, wo kein Testament vorliegt und nahe Verwandte des Erblassers nicht vorhanden sind. Mit anderen Worten: Der fruchtbare Reformvorschlag des Justizrats Bambergcr in AscherS- leben, ein Vorschlag, der nach seinem ersten Auftauchen ganz gewiß nicht wieder verschwinden wird, bevor er Wirklichkeit geworden sein wird, dieser Vorschlag hat es auch dem Reichsschatzsekretür angetan. Darüber tvollen wir uns aufrichtig freuen. Man kann sich ganz gut vorstcllen, wie der Prozeß der Umwandlung iu ihm verläuft. Freiherr v. Stengel wird zuerst wahrscheinlich von Dilettantismus, von dilettantischer Spielerei und dergleichen gesprochen haben. Dann wird er sich den seltenen Vogel, der ihm da aus Aschersleben auf den Schreibtisch geflogen war, etwas näher besehen und ihn auffallend hübsch gefunden haben. Ja, warum auch nicht? Die 600 Millionen, die dieser kecke Reform- gsdanke verheißt, können auch den charaktervollsten Finanzkalkulator ausregen, und wem das süße Gift erst im Blute rollt, der läßt nicht locker, bis er sich zur Tat aufgcrafft bat. In diesem Falle könnte man sich dazu nur beglückwünschen. Vielleicht wird's noch was, Herr Reichsschatzsekretär! Und wenn Sie Ihren Namen wirklich mit einer solchen Erbschaftssteuer verknüpfen könnten, sei Ihnen ein ansehnliches und höchst ehrenvolles Stückchen Unsterblichkeit allen Ernstes garantiert.
Mbits Felrmg der FlotteurmrirM.
A Berlin, 29. Januar.
Man kann die Entwickelung des Reichstags nicht besser studieren als an dem Verhalten bei Militär- und M a r i n e f r a g c n. Früher kam es bei jeder dieser Vorlagen zu einem scharfen Konflikt zwischen Regierung und Reichstag. Das ist in den letzten Jahren total anders geworden. Die 2. Beratung der Herabsetzung der Lebensdauer der Linienschiffe und Kreuzer verlief, wie vorauszusehen, durchaus glatt und ohne jede Aufregung. Die. Debatte war sogar im gewissen Sinne n ü ch t e r n und hatte eigentlich nichts von einem großen Tage an sich. Es ist dies sicher auch das Beste. Große Flottenreden erregen zu leicht im Auslande unliebsames Aufsehen. Auch die einzige Oppositionsrede des Abgeordneten Bebel war kurz und blieb ohne die scharfen Angriffe, die sonst von dieser Seite bei solchen Gelegenheiten gegen die Regierung gerichtet wurden. Natürlich konnte sich Herr Bebel die
KG. Jahrgang.
alte Argumentation nicht versagen, daß die Flottenstärkung bei England nur Konkurreuzgedanken auslöst, was auch Herr v. Tirpitz pflichtschuldigst widerlegte. Nur an eurem Punkte konnte Bebel wirksam eirrsetzen, daß nämlich -die Frage der Koste n d e ck u n fl durchaus u n siche r sei. Hier konnten auch die freisinnigen Redner Dr. Wiemer und Mommsen, ebenso wie l>r. Spahn mit einem gewissen Vorwurf allerdings weniger gegen Tirpitz als gegen Herrn v. Stengel nicht zurückhalten. Namentlich Herr Mommsen erklärte ziemlich deutlich, daß er die bisher bekannt gewordenen Steuerpläne des Reichsschatzamts a b l e h u e n müsse. Herr v. Stengel benahm sich ziemlich hilflos. An die Zugkraft seiner Pläne scheint er selbst nicht recht zu glauben. In der Debatte spielte auch der Flottenverein eine ziemliche Rolle. Während vr. Wiemer den ganzen Flottenverein sehr kritisch behandelte, versuchten die Redner der Rechten, Graf Oriola, I)r. Arendt und Liebermann von Sonnenberg eine gewisse Rechtfertigung und erkannten seine Bedeutung an. Die Polen beteiligten sich nicht an der Debatte, es blieb auch unklar, wie sie abstimmten. Die meisten schienen zu fehlen. Jedenfalls war es erfreulich, daß die Vorlage vom ganzen Hause mit Ausnahme des Häusleins So z i a l de m o k r a t e n angenommen wurde. Verhältnismäßig zeitig konnte das Haus sich vertage-:. Fürst Bülow aber kann sich sagen, -daß er seit Jahresfrist die erste größere Vorlage durchgebracht hat.
UolMsche Mrrsicht.
Zum Fall Hohenau-Lynar.
sh. Augsburg, 29. Januar.
Aus den. Kreisen des bayerischen Hochadels wird der „Augsburger Abendzeitung", der man Beziehungen zur bayerischen Regierung nachsagt, folgendes geschrieben: „Als sich der zweite Prozeß Moltke-Harden seinem Ende zuneigte und es gali, dem deutschen Volke klar zu machen, daß nur Edel-nenschen in der Umgebung Seiner Majestät weilen, erklärte Graf Kuno Moltkc, nie habe arn kaiserlichen Hose ein süßes, unmännliches Wesen geherrscht." Der Vorsitzende l)r. Lehmann legte Wert darauf, zu konstatieren, daß diese Erklärung unter Eid erfolgte. Wer glaubte, es handele sich in diesem Prozeß darum, Schuld oder Unschuld sestzustellen, mag gedacht haben, eine solche eidliche Erklärung habe wenig Wert, da deren Unterlagen sich jeder Kontrolle entziehen. Sie war auch etwas unvorsichtig, da damals schon ein Generaladjutant Seiner Majestät in Untersuchung wegen Dinge gezogen war, die mit Lern Prädikat: „Süß, unmännlich", aber nur weil zu m i I d e, allerdings unrichtig gekennzssthnet wären. Aber immerhin: Habeat sibi! -— Inzwischen hat
Graf Hohenau, der bis zum 2. Juni (Hardens Artikel) Generaladjutant Seiner Majestät war, als der widernatürlichen Unzucht hinreichend verdächtig vor den Richtern gestanden. Die Form seines Freispruchs be- stätigt nur die Nichtigkeit der über ihn int Umlauf be-
5KS
KemüeLorr.
Die Ausstellung englischer Kunst in der Berliner Akademie.
Das 18. Jahrhundert ist im eigentlichen Sinne Englands großes Jahrhundert gewesen, denn eS ließ eine Kultur emporwachsen, die auf einer viel breiteren Basis ruhte als die Kunst öer elisabethanischcn Epoche. In Politik, Weltanschauung und Einheit des Stils war das Fnsclvolk das bewunderte Muster des Kontinents, und noch heute staunen wir über die Kühnheit des englischen Staatsiüeals, das Montesquieu der Welt pries und Burke phantastisch ausbaute, -vie über die Konsequenz des freidenkerischen Prinzips, das nach Locke das ganze Jahrhundert durchgebildet hat. Die Kunst des Rokokos, im wesentlichen eine Stadtknnst äußersten Raffinements, ward in England zuerst geläutert durch den Einfluß Rousseaus und in einer gesunden, gar nicht sentimentalen Natnrliebe des Landwirts und Jägers -rmgeformt. Dieser natürlichen Grazie hielt ein ausgeprägter Sinn für das Individuelle die Wagschale, eine Kunst der psychologischen Charakteristik, die ebenso in den Romanen Kieldings und Richarösons wie in der schauspielerischen Meisterschaft Garricks zum Ausdruck kommt. Als letzte späteste herrliche Frucht erwuchs nun aus solchen Bedingungen ein Neues, das, der englischen Kultur bis dahin'noch nicht beschert gewesen war: eine große nationale Malerei. Eine Kunst entstand, in deren reinem Glanze das Beste britischen Wesens sich spiegelte und die dann die Spateren so eifersüchtig gehütet haben, daß nur wenig davon nach dem Kontinent gekommen ist. Die schöne Ausstellung der König!. Akademie der Künste gibt also
eine ganz einzigartige Gelegenheit, diese Schütze einmal außerhalb Englands bewundern zu dürfen.
In einigen charakteristischen Proben wird uns zunächst die Malerei vor dem Eintreten der großen Maler gezeigt. Da malen Zucchero und andere Hofkünstler noch beinahe im Holbein-Stile, während Lew als ein blasser, eintöniger Nachahmer van Dycks erscheint, der. nur noch eine gewisse soigniertc Haltung hot. Ein Exempel der Kunst Gottfried Knellers, das den Tiefstand britischer Malerei bezeichnet, wird uns glücklich erspart. Hier konnten die neuen Meister nichts lernen- sie verdanken ihre Technik zum Teil dem Anschluß au van Dyck, noch mehr den französischen Rokokokünstlern- aber sie haben im Koloristischen ivie im Geistige-- dem Zeitstil eine echt englische Note ausgeprägt, den Glanz einer freien, von Luft und Licht bewegten Heiterkeit, den Ernst kräftiger, voll ausgedrückter Persönlichkeit, die schlichte Vornehmheit einer alten, gepflegten Kultur. Besonders bei den beiden Größten unter diesen Malern, bei Gainsborough und bei Reynolds, treten die allgemeinen Zeitelementc, die Anklänge an Rokoko und Empire, nur als leise Resonanz auf, während die Eigenart und Größe ihres persönlichen Stils alles andere übertöni. Es ist eine müßige Frage, -ver von diesen beiden der größere sei) wie wir Deutschen bei Goethe und Schiller, können sich die Engländer freuen, „daß sie zwei solche Kerle haben".
Gainsborough ist eine mehr Goethesche Natur, ein unbeschreiblich magischer Künder sinnlich-geistiger Schönheit, ein Wundermann des farbigen Ausdrucks, dessen Harmonien eine so zarte, verklingende, leise Deli-, katcsse haben, daß das Auge den aufs feinste nuancierten, gedämpften Tönen wie in eine ««^schwebende Ferne folgt. Reynolds ist eine schwerere, ringende, pathetische Natur, groß und imponierend auch in den Werken,
die nicht feilt Innerstes offenbaren, wie den mächtigen Damenbtldnissen, hinreißend und unergründlich reich in seinen Männerportraits, die ein Höchstes lebendiger Charakteristik bieten. Gainsborough kann seinem Genie nichts abzwingen. Sein großes Reiterportrait des Generals Honywood hat in seinen schweren vollen ^Tönen nichts von dem vibrierenden Elan seiner besten Sachen, ist nur von einer vollendeten ruhigen Sachlichkeit. Reynolds Portrait des Marq-ietz von Granby, der an sein Pferd gelehnt steht, ist zusammengefatzter, repräsentativ-würdig, ja monumental. Gainsboronghs nicht zu schildernde, fast überirdisch leichte Kunst, die in ihrer selbstverständlichen Noblesse nur mit Velasquez verglichen werden darf» leuchtet am reinsten in seinen Damcn- bildern und in den Portraits ganz junger Herren in Phantasietracht, wie des „hin» boy". Dieses berühmte Bild zeigt schon die ganze Eleganz seines Farbengefühls. Ans einem dunkeln, mit braunrötlich ungewissen Lichtern belebten, in der Mitte stärker aufgehellteir Hintergrund entfaltet sich eine strahlende Sinfonie jenes Gains- boroughschen Blaus, dem durch Helle Töne jede Schärfe und Stärke genommen ist, und das mit einer lieblichen Finesse ins Lichtgrüne, Graublaue h-nüberspielt. In dem Bilde des Viscount Ligonier erhält die prächtige Fanfare des Hellrots im Rock etwas Verhallendes durch die sanfte Umgebung, bricht sich in den milchig weißen Lichtern am Pferd. Die gleiche wundervolle Harmonie der Töne umhüllt seine Frauenbilder mit einem Duft der vornehmsten Anmut. Wie sie in der Landschaft stehen, so frei und leicht, von einem ins Bild hincrnreichenöen Baumstamm leise umrahmt, wie herausleuchtend aus der Umarmung der herrlichen warmen Baummaffen des Fonds! Und noch großartiger find die Brustbilder in das Oval des Rokokomedaillons hineingesetzt,- wie seltene berückende Blumen wachsen Schultern, Hals und das
