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Nr. 48.
Wiesbaden, Dienstag, T8. Januar LÄN8.
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Geldknappheit und Scheckverkehr.
Mit dem jüngst vom Reichstag durchberatenen und gutgeheißenen Scheck gesetz erhält endlich auch bei uns der Scheck den gesetzlichen Schutz, der ihm seither fehlte und es gilt nunmehr den S ch eckvcrkeh r, der in Deutschland bisher ziemlich vernachlässigt worden ist, auszudehnen und weitere Kreise des Publikums mit ihm bekannt zu mache», denn vou oll deu Mittel», welche in den letzte» Monaten unter dem Drucke der hohen Diskontsätze zur Linderung der Geldkalamität vorgeschlagen wurden, scheint die Einbürgerung des Scheckverkehrs doch die meisten Vorteile zu versprechen, ohne daß dabei irgendwelche Eingriffe in unsere seitherige Währungspolitik erforderlich werden, wie dies bei den noch kürzlich während der Diskont- Aehgtte im Reichstag von agrarischer Seite gemachten Vorschlägen der Fall sein würde. Die Ursachen der Geldteuerung sind in den letzten Monaren oft genug erörtert worden. Wir wissen, daß sie einen internationalen Charakter trug, daß dies hastige Tempo, mit dem unsere Industrie voraneilte, die Geld- fpannu'ng bei uns erhöhte, daß die Auspumpung der europäischen Geldkanäle während der ant e r_i t a n \- schen Finanzkrisis die sowieso schwierige Situation wesentlich verschärfte, daß bei uns noch eine Reihe anderer Faktoren mitspricht, die eine Gleichstellung unserer Geldverhältnisse mit denen unserer westlichen Nachbarn unmöglich machen. Das alles hilft nicht über die Tatsache hinweg, daß bei uns v i c l z u viel Bargeld im Umlauf ist, daß wir für unseren Zahlungsverkehr viel zu viel Bargeld benötigen,, daher in Zeiten eines wirtschaftlichen Aufschwunges die Anforderungen an die Reichsbank, das berufene Organ zur Regulierung unseres Geldverkehrs, einen allzu stürmischen Charakter annehmen, dem bann die Bank durch Anziehen der Diskontschraube entgegeuzutreien
Feuilleton.
Die Stimmung in Inpan.
In dem Augenblick, da die Wett gespannt die Entwicklung der japanisch-amerikanischen Beziehungen verfolgt, da Amerika seine gesamte Seemacht vom Atlantischen Ozean nach der Westküste wirft, ist von besonderem Interesse eine Schilderung der Stimmung im Osten, die ein berufener Kenner Japans, der bekannte englische W-ltreisende F. A. McKenzi, gibt. „Der Zug von Söul nach Fusan hatte fünf Stunden Verspätung. Zweimal war er stecken geblieben. Die Lokomotive von Schmutz starrend und von unkundigar Hand geführt, vermochte kaum ihre Last zu ziehen; men hatte mehrere Wagen entladen müssen, um die Fahrt sortsctzen zu können. Einige von uns standen in dem ärmlichen koreanischen Stationsgebäude; es war kalt, feucht, unwirtlich und cs fielen drastische Worte über die japanischen Lokomotivführer, die ihre Maschinen mißhandelten und ruinierten. Ein schweigsamer Schotte mischte sich ins Gespräch. „Denken Sic nach über dies Wunder, daß dies Volk das leistet, was es leistet", meinte er. „Dieser Maschinist war wahrscheinlich vor zwei Jahren noch ein Landarbeiter; in irgend einem Dorfe lebend hatte er wohl nie eine Lokomotive gesehen. Er führt den Zug miserabel, gewiß; aber er führt ihn, und in einem Jahr wird er es besser wachem. Welcher Mann einer anderen Nation würde dasselbe, tun?" Der stille Schotte traf das Problem ins Herz. Der flüchtige Be- lincherJapans steht überall die Fehlen und die Mängel. Doch wenn er länger bleibt, wenn er tiefer blickt, so wundert er sich nicht mehr über die Fehler; er wundert sich über die Entwicklung, die soweit fortgeschritten, daß die Fehler zutage treten.
Kaum dreißig Jahre sind es, daß in Japan der Kampf zwischen Feudalherrschaft und Modernismus
sucht. Wir müssen daher bestrebt sein, die Verwen- b n u g von Bargeld e i n z u s ch r ä n k e u, damit sich dies mehr in dein Reservoirs der Reichsbank halten kann und deren Status gestärkt wird. Nun vollzieht sich ja eure derartige Einschränkung des Verbrauchs an Bargeld schließlich von selbst, sobald die wirtschaftliche Anspannung nachläßt und es mit der Konjunktur abwärts geht, wie denn auch jeder wirtschaftliche Rückgang in seine!» Verlause eine mehr oder minder starke Geldverbilligung bervorruft. Wenn wir uns nun die Wandlungen, das Auf und Ab im Wirtschaftsleben genauer besehen, so finden ivir, daß eben diese Konjunkturrückgänge fast immer die unausbleibliche Folge einer vorangegarrgeneu drückenden Geldverteuerungi sind. Natürlich mögen auch manchmal andere Faktoren mrt- gewirkt haben. Aber vor allzu teurem Geld muß schließlich die glänzendste Hochkonjunktur die Waffen strecken. Hat uns dock, noch das vergangene Jahr diesen Kamps der Hochkonjunktur gegen die immer drückender werdende Geldverteuerung reichlich illustriert. Es wird heute kauru noch einen nüchternen Beurteiler geben, der nicht zugeben müßte, daß cs schon seit einigen Monaten bergab geht. Was war es nun, was die glänzende Hochkonjunktur zu Fall brachte? Nicht, wie sonst mitunter, spekulative Ausschreitungen, nicht eine blindlings vorgenommene Überproduktion, nicht die Konkurrenz der Auslandsmärkte, sondern die 6V 2 Prozent und 71/» Prozent Bankdiskont, die schließlich jede Unternehmungslust im Keim ersticken ließen.
Run soll keineswegs behauptet werden, daß imr, falls es gelingen sollte, den Scheckverkehr in zufriedenstellender Weise einzubürgern, künftig vor Diskonterhöhungen geschützt sind. Jede wirtschaftliche Aufwärtsbewegung, wenn sie längere Zeit anhält, steigert den Geldbedarf und damit die Geldleihsätze, das wird sich auch in Zukunft trotz Scheckverkehrs nicht vermeiden lassen. Wohl aber können und müssen wir alias daran setzen, daß künftige Anspannungen aru Geldmarkt keine io krassen Formen cmnchmeu wie dieses Mal. Wir müssen bestrebt sein, dir allzustarke Verwendung von Bargeld künstlich einzuschränken und, soweit es angeht, das Bargeld durch den Scheck zu ersetzen.
Welches sind min die Hauptbedinguugen für einen wirklich zweckdienlichen Scheckverkehr? Vor allem muß sich jeder, der Zahlungen zu empfangen und zu Listen hat, ein Bankkonto anschaffeii, auf dem seine Schecktransaktionen verrechnet werden. Dann, irnd gerade das ist d e r w i ch t i g st e Punkt, muß jeder, , der einen Scheck in Zahlung erhält, diesen bei seinem Bankier zur Gutschrift, zur Verrechnung, einreichen. Wird der Scheck bei dem bezogenen Bankhause in bar erhoben, so ist sein Zweck vereitelt denn das bare Geld wird ja dann doch cjebraucfyt. Gerade, auf diese wichtigste Bedingung kann nicht oft genug hinge- wiesen werden. Weiter müssen für die in Betracht
einsetzte. Der Mau», der heute als Direktor eine Banmwvsienweb e r e i leitet, ging als junger Mann noch mit zwei Schwerter» und i» phantastischer Rüstung umher. Was will dies neue Japan? Was glimmt unter dieser stillen Oberfläche? Sie reden wenig und handeln viel. Rüste» sic in ihrem unheimlichen
Schweigen sich zu neuen Taten? Die Welt atmet heute ans, weil die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Japan und Amerika schwindet. Daß die Gefahr bestand und eine Zeitlang akut war, wird keiner bestreiten, der die Verhältnisse kennt. Die Reise der amerikanischen Flotte war nicht das einzige. Seit einem Jahr spannte Amerika jeden Nerv, um die Philippinen, Haivai und die pazifische Küste vert-eidigungsfähig zn machen. In Diamond Head auf Honolulu wurden hastig die Felsen gesprengt und durchhöhlt, und riesige Stahlrohre wurden in Stellung gebracht. Schiffe mit ganzen Ladungen von Unterseeminen eilten nach den Philippinen, um die Wasser vor Manila für eine angrcifende Flotte zu sperren. Und auch Japan war nicht müßig, wenngleich ein Schleier undurchdringlichen Schweigens und Geheimnisses über seinem Tun lag. Die Armee ward um vier Divisionen vermehrt, jede einzelne Division verstärkt. Die großen Marinewerften in Kure waren so überhäuft mit Arbeiten, daß sie mit den Ansprüchen der Floktenvevmehrung nicht Schritt halten konnten; obwohl alle Schiffe in Japan selbst gebaut werde,! sollen, wurde kürzlich bekannt, daß ein neues Schlachtschiff in_ Clyde bestellt werden soll. Die unmittelbare Kriegsgefahr ist überwunden, aber das Problem, dem die Gefahr entsprang, ist nicht beseitigt. Der rvasfenstarrenöe Frieden gemahnt an die Lage der Dinge, als Rußland einst Japans Eroberungen ans der Liautunghalüinsel Halt gebot. Japan fügte sich, lächelte und wartete auf seine Stunde.
Wer in den jetzigen Abmachungen eine endgültige Lösung sieht, kennt den Osten wenig. Japan wird es nicht dauernd zulaffen, daß feine Untertanen anders be-
8K. Jahrgang.
kommenden Geldinstitute leicht funktionierende Ab- r e ch n u n g s st e l l e n geschaffen werden.
Es wäre zu weit gegangen, wollte man gleich der- laugen, daß nunmehr auch bei uns das Publikum ferne Lieferanten mit Schecks bezahlt, wie dies in England mit seinem vorbildlichen Scheckverkehr jber Fall ist Es gibt viele andere Fälle, in denen der Scheck an Stelle der jetzt üblichen Barzahlung treten kann (Mieten, Hypothekenzinsen, Hypotheken ückzahlungen und -Ausleihungen, größere Bau- und Fabrikantenrechnungen, Gehälter, Pensionen lt. o. m.) und es wäre namentlich zu begrüßen, wenn die staatlichen und kommunalen Behörden und K a s s e n den Scheckverkehr eifrig fördern und das Publikum an dre Verwendung von Schecks gewöhnen würden.
Es soll nicht verkannt werden, daß der Scheckverkehr einige Umständlichkeiten mit sich bringt: man muß den Scheck ausschreiben, die empfangenen Schecks bei seinem Bankier zur Verrechnung einliefern, die jeweiligen Bankabrechnungen prüfen, und eine „Erleichterung" im Zahlungsverkehr stellt ja der Scheck eigentlich Nicht dar, weil eben die Barzahlung immer einfacher rst und bleibt Aber die geringe Mühewaltung, die man mit dem Scheck hat, und an die Man sich schließlich leicht gewöhnen wird wenn man eben will, muß unbedingt zurücktreten gegen die ivesentlichen Vorteile, welche ans der anderen Seite durch die Möglichkeit einer Geld- Verbilligung geboten werden und dieses a l l g e- m eine u Vorteils wegen kann der Wert eines ausgedehnten Scheckverkehrs für ein Land nicht hoch genug eingeschätzt iverdeu. Es sollte daher auch bei uns, nunmehr wo wir ein Scheckgesetz haben, mit der Einbürgerung des Scheckverkehrs ernstlich begonnen werden und es ist dringend zu wünschen, daß nament- sich alle k a u f m ä n n i s ch c n und H a n d w e r k erkor p o r a t i o n e n , wie Handelskammern, kaufmännische Vereine, Berufsvereiue, Innungen usw„ ihre Mitglieder anhaltend über das Wesen und die Vorteile des Scheckverkehrs aufklären. Das einzige, was dazu gehört, auch bei uns den Scheckverkehr einzubürgern, 'st der allfeittctc gute Wille. Mögen diese An- regnngen aus fruchtbaren Boden fallen.
Politische Übersicht.
Herr Dclcasse.
L. B e r lin, 26. Januar.
Zu Delcassss Rede wird man -erst Stellung zn nehmen habe», wenn die Antwort des Ministers Pichon erfolgt ist und wenn sich Herausgestellt haben wird, ob der Beifall, den der Exminister auch bei früheren Gegnern fand, mehr ist alS eine flüchtige Wallung patriotischer Stimmungen, ob also das plötzliche Wieder- anstreten Delcasses Folgen für die Zusammensetzung der französischen Negierung haben könnte. In bezug
handelt werden als Europäer. Dasselbe Problem mag bald auch im Süden anstauchcn. Es gibt genug Anzeichen in Japan, die das Wiedcrerwachen des gefürchteten Fremdenhasses ankünden. Durch scharfe Überwachung der Presse und des Volkes gibt die Regierung die Zügelung und alle Kundgebungen werden unterdrückt; aber das Gefühl ist vorhanden. Große Tageszeitungen haben sich in langen Aufsatzserien gegen die Fremden in Japan ausgesprochen. Die Witzblätter, wie z. B. der „Tokio Puck", überbieten sich in endlosen Reihen von Zeichnungen, die ohne Ausnahme den weißen Mann verächtlich machen. Vor einigen Wochen wurde ein friedlicher englischer Dausmann in Yokohama plötzlich von einer Menge angegriffen und schlimm zugerichtet. Niemand weiß, warum, denn er hatte nichts getan, um den Zorn zu wecken. In Korea muß ein Europäer sehr vorsichtig sein, will er sich nicht der Feindseligkeit der japanischen Soldaten und Kulis aussetzen. Und das gleiche antiweiße Fühlen spiegelt sich in dem Wirken der zwei oder drei großen Gesellschaften, die, von Tokio überwacht, eine energische Agitation in ganz Asien cut- fachen. Graf Okumas Rede über Indien wurde in England mit ung laubigem' Staunen ausgenommen, und man versuchte, ungenaue Berichte nachzuweisen. Die Berichte waren genau; jeder, der mit japanischen Blättern Fühlung unterhält, kann es bestätigen. Graf Okumas Rede ist keine Einzelerscheinung. Jeder gebildete Japaner, mit dem ich sprach, betrachtete es als unvermeidlich, daß das Erwachen Asiens den Engländern Indien und den anderen europäischen Staaten ihre östlichen Besitzungen kosten muß. Sie denken dies nicht aus Europäerseinöschast, sondern einfach aus einer vielleicht natürlichen Rassensympathie.
Die Entwicklung Japans spiegelt sich auch in der kriegerischen Stellung gegen den europüstchen Handel. Selbst japanische Schriftsteller geben es heute zu, daß im Jahre 1900 der mandschurische Markt den europäischen Händlern tatsächlich verschlossen gewesen. Die amen«
