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Nr. 41.

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Der erste Geburtstag des Mocks.

Heute, mu 25. Januar, ist cs gerade ein Jahr her, seit jene Reichstagswahl stattgefunden hat, toeldje unter einem vollständigen Frontwechsel der Regierung erfolgte und in ihren Folgeerscheinungen der Volks­vertretung einen wesentlich anderen Stempel auf­drückte. Gegen Zentrum und Sozialdemokratie lautete die Wahlparole, aber nur in bezug auf die Bekämpfung der letzteren war der Ansturm der Regierung und der mit ihr gehenden Parteien von Erfolg begleitet, das Zentrum behielt seine alte Stärke, es stand uuer- schüttert da, wenn es auch durch die Absage voln 13. De­zember 1906 das bisherige Einvernehmen mit der Re­gierung gestört hatte und nicht mehr die aus­schlaggebende Partei bildete. Eine schwere Niederlage hatte sich dagegen die Sozialdemokratie geholt, die mit großen Hoffnungen und noch größeren Worten in den Wahlkampf gezogen war, aber bitter enttäuscht wurde. Das Bürgertum war erwacht, in vielen Kreisen gingen Parteien, die sich sonst scharf bekänipst hatten, zusam­men vor' und siehe da, was kaum jemand erwartet Hütte, selbst sogenannte Hochburgen der Sozial­demokratie wurden teilweise sogar tm ersten Ansturm genommen. In numerischer Hinsicht hatten zwar die Sozialdemokraten einen Zuwachs erhalten, indem sie 2OO OOO Stimmen mehr aufbrachten als das letzte Mal, aber das Plus der bürgerlichen Stimmen gegen dis Vorwahl betrug fast 1 % Millionen und ein erfreuliches Charakteristikum war es, daß gerade Hunderttausende bürgerliche Wähler, die sich sonst der Stimmabgabe ent­halten hatten, an der Wahlurne erschienen waren.

Der durch die innerpolitischen Vorgänge geschaffene „Block" besteht nunmehr also ein Jahr und es hat viele Leute gegeben, welche ihm nicht einmal diese Lebens-

FemLZetsn.

Der Schauplatz mn Goethes .Hermann und Dorotheas

Eine Art Jubiläum von „Hermann und Dorothea" können wir in diesem Jahre feiern, denn im Jahre 1808 wurde das bürgerliche Epos in die Cottasche Aus­gabe der Werre Goethes ausgenommen. Freilich war es schon am 7. Juni 1797 vollendet worden und im Oktober des Jahres als Taschenbuch für 1798 in Berlin bei Friedrich Vieweg dein Ältere» erschienen und hatte einen großen Erfolg gehabt. Goethe hatte hier, wie er an Schiller schreibt, „was das Material anbe- trifst, den Deutschen einmal ihren Willen getan", d, h. ihre eigene bürgerliche Existenz dargestellt. Bei der ungeheuren Verbreitung, die das Gedicht sogleich fand, bei' der Deutlichkeit und Anschaulichkeit, mit der Goethe das Städtchen geschildert hat, in dem sich die Geschichte zuträgt, darf inan sich nicht wundern, daß man vielfach und eindringlich danach gefragt hat, wo denn eigentlich Hermann und seine Eltern, die Wirtsleute „Zum golde­nen Löwen", der Apotheker, der „edle verständige Pfarrherr, ein Jüngling näher dem Manne" zu Hause wären. Goethe selber sagte zu Eckermann: „Da wollen sie wissen, welche Stadt am Rhein bei meinem „Hermann und Dorothea" gemeint sei. Als ob es nicht besser tväre, sich jede beliebige, zu denken. Man will Wahrheit, man will Wirklichkeit und verdirbt dadurch die Poesie." Aber diese Worte haben Tie Forschung nicht zurückgehalten. Selbstverständlich müssen wir die Heimat Hermanns, , in der die über die französische Grenze getriebenen Emigranten freundlichen Enipsang finden, uns in der Rheingegend denken, und ebenso selbstverständlich wird man' dort vergeblich »ach dem Urbilde von Hernranns Städtchen suchen.

Anders steht es mit der Frage, ob man der Äuße­rung Goethes zufolge, er „habe das rein Menschliche .der Existenz einer kleinen deutschen Stadt in dem

Wiesbaden, Samstag, 2». Januar 1908.

Sauer vorausgesagt haben. Freilich läßt sich nicht ver­kennen, daß jetzt nicht ein stramnies und kräftiges Ge­schöpf seinen ersten Geburtstag begeht, sondern ein zienrlich schwächliches Kind, das nur unter sorg­fältigster Pflege am Leben erhalten werden kann, da mannigfache Gefahren drohen, die ihm leicht das Lebenslicht ausblasen können. Schuld daran ist vor allen Dingen der Umstand, daß Fürst B ü l o w, wie ihm ja sogar in einem neulich von uns zitierten nord­deutschen nationalliberalen Blatt vorgehalten ist, seine Versprechungen nicht gehalten hat oder nicht hat halten können. Man kann nicht als Reichskanzler und Minister­präsident in einer Person im Reich und sin größten Einzelstaat eine vollständig verschiedene Politik machen. Andererseits haben auch die Parteien, das liegt aber besonders an der schroffen Haltung der K o n s er­bat i v e n , es nicht verstanden, sich so zu nähern, wie es wünschenswert gewesen wäre, weil man allzu ängstlich fürchtete, von den Grundprinzipien der , Partei etwas preisgeben zu können, obwohl dies von niemand verlangt wurde. Aus diese Weise kam es zu einigen wenig erfreulichen Renkontres und cs, muß offen ausge­sprochen werden, daß auch einige Mitglieder der, Re­gierung — wir brauchen den preußischen Finanz- minister ja gar nicht erst zu nennen — den Fürsten Bülow nicht gar sehr eifrig in seiner Blockpolitik unter­stützten, sondern in ihrer Art und Weise mehr an das bekannte Vorgehen Miguels in der Kanalfrage er­innerten. Dieses scheint auch aus die jüngste Erklärung im Abgeordnetenhause zur Wahlrechtsfrage, einen be­stimmenden Einfluß ansgeübt zu haben, indem man das Gewicht der Wagschale gar zu sehr nach rechts heruntergehen ließ. Dadurch hat sich die Situation er­sichtlich mehr zugespitzt und die weitere Entwicklung der Dinge liegt im dunklen Schoß der Zukunft. Überschaut man dieses eine Jahr das Walten des Blocks, so wäre es allerdings ungerecht, wenn map behaupten wollte, daß er vollständig Fiasko gemacht habe, denn eine Reihe von Entwürfen sind zustande gekommen, die seit langem erhobenen Wünschen der Bevölkerung Nach­kommen und sicherlich nicht ein gebracht worden wären, wenn nicht die Regierung unter dem Zeichen der Block­politik gestanden hätte. Andererseits aber haben sich auch die Schwächen dieses Systems gezeigt, und man darf den: Block in der Hauptsache keine andere Bedeu­tung beimessen, als daß es sich um ein A ugenbI ick s- g e b i l d e handelt. Ob dies Augenblickskind übers Jahr auch noch seinen zweiten Geburtstag wird feiern können, — das liegt noch im Schoße der Götter. Falls es bis dahin aber etwa eines sanften oder gewaltsamen Todes verschieden sein, sollte, wird es auch außerhalb der Sozialdemokratie und des Zentrums genug Leute geben, die ihm keine Träne nachweinen.

epischen Tiegel Von seinen Schlacken abzuscheiden ge­sucht", nicht doch einen Ort in deutschen Landen finden kann, der dem Dichter sozusagen Modell gestanden hat. Bei der Suche nach einem solchen wird man sich natür­lich in Goethes Tagebüchern in der Zeit, da er an dem Epos arbeitete und kurz Vorher, umsehen müssen. In einer solchen Umschau hat F. Sintenis im Goethe- Jahrbuch von 1904 auf die Eintragung hingewiesen: „Den 2. Juli 1795 Von Jena. Mittag in Pößneck. Das Städtchen scheint einen guten Stadtrat zu haben, es ist eine Chaussee angelegt, — die denken auch das offene Wasser in der Stadt zu überwölben, überhaupt ist es ein nahrhaftes Städtchen, in welchem sich viel Tuchfabriken befinden, auch sind Gerber daselbst. Ein Fabrikant baut außerhalb der Stadt ein großes Ge­bäude." Und er stellt damit dir „wasserreichen, ver­deckten, wohlverteilten Kanäle" und den sestbeschlossenen „neuen Chausseebau" aus dem 3. Gesänge des Epos zusammen. Er hebt hervor, daß es in Pößneck minde­stens seit 1729 einen Gasthof „Zum goldenen Löwen" gab, daß der Ort ehedem seine Weinberge hatte, und ist der Ansicht, daß die Bemerkung in der Cottaschen Jubiläums-Aüsgabe, es sei noch nicht gelungen, das Urbild des Städtchens, in dem Hermann ausgewachsen ist, zu entdecken, nicht mehr ihre volle Berechtigung habe. Sintenis' Aufsatz hat dein Professor an der ame­rikanischen Universität in Syracuse, Charles Julius Kullmer, den Gedanken eingegeben, zur Hermann, und Dorothea-Forschung das rn e i n ingi s ch e Städt­chen Pößneck selbst aufzusuchen: er hat 14 Tage,

vom 3.—16. August 1906 dort geweilt, ist, wie sich denken läßt, von den Pößneckern bei seinen Unter­suchungen reichlich unterstützt worden nnb. legt uns jetzt seine Ergebnisse in einem hübsch illustrierten Heft vor (Heidelberg, Karl Winter). Da sehen wir das Gasthaus „Zum goldenen Löwen" und nebenan — «den Nachbar Aswtheker" sagt die „würdige Hausfrau" im ■ 1. Gesänge von „Hermann und Dorothea" — die Apotheke zum Engel, das ursprüngliche Löwenschild, hören von den Wirten „Zürn goldenen Löwen", wir er-

5«. Jahrgang.

Politische Übersicht.

Gesundes Mißtrauen.

L. Berlin, 23. Januar.

Ob die in den beteiligten Fachkreisen wie in manchen politischen Kreisen herrschende Beunruhigung iiber die Stellungnahme verschiedener Regiernngsvertreter zur Bank- und Währungsfrage berechtigt ist oder vielleicht eine mißverständliche Auffassung bedeutet, mag zunächst dahingestellt bleiben: Tatsache jedenfalls ist, daß solche Beunruhigung besteht. In der Öffentlichkeit wird von ihr nicht eimnal so viel gesprochen wie in engeren Zirkeln, wo mit einer gewissen Sorge gefragt und er­wogen wird, was die ausfallend lauten Beteuerungen des Herrn v. Bcthmann-Hollweg, des Herrn Häven-. stein, des Herrn v. Rheinbaben zu bedeuten haben, Be­teuerungen des unverbrüchlichen Festhaltens an der Goldwährung, gegen die doch eigentlich von keiner Seite ein Angriff gemacht worden_ ist. _ Oder gibt es etwas zu verbergen? Mindestens ist die Empfindung begreiflich, mit der nach weiterer Aufklärung eines verschiedentlich dunklen Sachverhalts begehrt wird. Der laute Eifer, ruit dem die genannten drei beanrteten Herren ihre besten Absichten bekundeten, urußte gerade wegen seiner Selbstverständlichkeit ausfallen; er mußte es um so mehr, je stärker dieBeteuerung wohlmeinender Gesinnungen mit allerlei unschuldigen V.erbesserungs- Planchen gespickt war. Was Herr v. Bethinann-Hollweg und Herr Havenstein im Reichstage mitzuteilen hatten und was sodann Herr v. Rheinbaben in der Etats, debatte des Abgeordnetenhauses ergänzend hinzusügte, das würde, wenn es zur Ausführung gediehe, das BM des heutigen Zustandes, vielmehr der heutigen Grund-, lagen, aus denen sich die Politik der Reichsbank aufbaut, vielfach ändern. Eine Erhöhung des Silberguantums pro Kopf der Bevölkerung von 15 ans 20, vielleicht gar aus 25 Mark wird da als eine Maßregel behandelt, die man wie eine Kleinigkeit, über die nicht weiter zu reden ist. betrachten soll, wie eine geringfügige technische Ver­besserung, auf die sich ihre Befürworter bescheidcner- weife nichts weiter einbilden. Von der bevorstehenden Enquete iiber die Geldverteuerung wird in einer Weise gesprochen, als sei eigentlich schon alles klar, was durch diese Enquete doch erst geklärt werden soll, und Herr v. Bethmann-Hollweg verspricht gewissermaßen, „die Maßnahmen, über deren Zweckmäßigkeit und Ausge­staltung schon gegenwärtig Klarheit besteht, nicht ins Unbestimmte hinauszuschieben". Was sind das fite Maßregeln? Herr v. Bethmann-Hollwcg, der es zu wissen scheint, sollte es doch lieber gleich sagen, aber, das tut er nicht, er verheißt vielmehr nur, „die Reichs- Verwaltung werde es sich angelegen sein lassen, dre­

halten einen Plan der Stadt und den Versuch, die Schilderung im Epos als durch die Lage der Straßen, Gärten, Weinberge angeregt zu erweisen. Dann führt uns .Kullmer den Psarrherrn Johann Christoph Bulle und darauf den „ersten Kaufmann des Ortes" „mit seinen Töchtern" vor. Es ist der Handelskommissäv Joh. Nikolaus Trautmann, Bürger und Lederhändler. Und wenn Goethe im zweiten Gesänge sagt: „Nur drei Töchter sind da, sie teilen allein das Vermögen", so weiß uns Kullrner auch ihre Namen und Geburtslage anzugeben. Freilich stimmt die Sache nicht ganz über­ein, da es auch einen Sohn gab. Aber das „schon ist die älteste beftimrnt, ich weiß es" ist in Ordnung: denn Goethe war am 2. Juli und wahrscheinlich im August 1795 in Pößneck; am 19. November aber heiratete Sophia Wilhelmina Trautmanu den kolmrg-saalseld- schen Legationssekretär Gotthelf Leberecht Händler. Wir bekommen auch eine Photographie von ihr. Auch Trautmanns Hans ist abgebildet. Darnach folgt die Apotheke zum Engel, die 1624 begründet wurde, und es wird erzählt, daß „der gräuliche Drachen", der sich zu Füßen des Engels Michael windet (3. Gesang, V. 109), noch zu sehen ist, während der Engel selbst durch eine weibliche Gestalt ersetzt ist. Aus der Siegelschen Chronik der Stadt Pößneck, die 1798 abgeschlossen wurde, wird daun auch vom Chausseebau berichtet und dem weißen Turm (III., V. 28). Auch der „schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte, Zwanzig Jahre sind's nun", findet sich in Siegels Chronik, freilich fand er nicht am Hochzeitstage, sondern im ersten Jahre der Ehe des Löwenwirtspaares statt. Zum Schluß ßi&t Kullmer den Bericht über die Aufnahme von 1200 Salz­burger Emigranten, deren Vertreibung Goethe, bekannt­lich zu der Dichtung angeregt hatte, am 26. August 1732, der sich in Könitz' geschriebener Chronik findet. Sein Endergebnis ist. die realistischen Züge, die Goethe seiner Quelle, der Erzählung in der Flugschrift „Das liebtätige. Gera gegen die salzburgischen Emigranten" zugeführt hat, decken sich zum großen Teil mit Pöß- necker Tatsachen, einen längeren Aufenthalt in Pößneck