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Nr. 3S.

Wiesbaden, Freitag, 24. Januar MM>8.

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Uom Darlehnsschivindel.

Dummheit und Vertrauensseligkeit lassen sich nicht an einem Tage kurieren. Oft sind sie überhaupt un­überwindlich. Es gibt viele Menschen, die nie durch Schaden klug werden, und solche, die trotz der schlechte­sten Erfahrungen den Glauben au die guten Absichten anderer nicht verlieren. Auf jene geistig Armen und diese Optimisten gründet sich in der Hauptsache aller menschliche Schwindel. Ohne sie würde wenigstens der Darlehnsschwindel, der Geheimmittelschwindel und manche andere Unlauterkeit unmöglich sein. Die Alten hatten das bekannte Sprichwort: „Die Welt will be­trogen sein." Und doch waren ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet klein gegen den weltweiten Schwindel des modernen Lebens.

Zu den unerfreulichsten Erscheinungen gehört in dieser Hinsicht der schon wiederholt von uns erörterte DarkehnSfchwindel. Je mehr die Ansprüche an das Leben steigen, der Erwerb schwieriger wird, gleichzeitig aber Charakterstärke und Verantwortlichkeitsgefühl ge­ringer, Skrupellosigkeit und Leichtfertigkeit aber nrötzer werden und die.ganze Lebenskunst vieler Men- schen darin besteht, planlos in den Tag hinein zu Wirt­schaften — um so günstigeren Boden finden selbst die plumpesten Gaunereien, zu denen der Darlehns- schwindcl gehört. Wie verschiedene Gerichtsverhajnd- lungen der letzten Zeit lehrten, gibt es Virtuosen dieses betrügerischen Handwerks, die es zu hoher Blüte ge­bracht haben. Daß ein „Bankier" Riedel, dem jetzt in Leipzig der Prozeß gemacht wurde, geraume Zeit vom ordinärsten Darlehnsschwindel wie ein verschwenderi­scher Parvenü leben konnte, hat nicht nur ein k r i m i- na lpsych alogisches, sondern auch ein sozia­les Interesse; es ist in seinen näheren Umständen sittengeschichtlich charakteristisch. Dieser „Bankier" war ein 24 Jahre alter Bursche mit dem Willen, möglichst gut zu leben und nicht zu arbeiten. Nach vorhandenen

Feuilleton.

Kaiser Friedrichs planet HochMslag.

Am 25. Januar ist ein halbes Jahrhundert seit jenem Tage verflossen, du in der Kapelle des St. James- Palastes der Erbe der Hohenzollern, Prinz Friedrich Wilhelm, mit „der höchsten Tochter Englands", Prinzeß Viktoria getraut wurde. Wohl nie mag eine fürstliche Hochzeit in einem glänzenden Kreise und unter allge- meincrer enthusiastischerer Beteiligung _ eines ganzen SSoIfeS gefeiert worden sein. Der edle, in aller männ­lichen Schönheit strahlende Prinz hatte sich die Liebe und Verehrung der Engländer während der langen Brautzeit in hohem Maße erworben, und die Geschichte ihres Liebesbundes hatte einen romantischen Schimmer um das junge Paar gewoben. ^ .. . . r m . Tr .

Am 14. September 1855 war Friedrich Wilhelm, nachdem ihm die Einwilligung zu dieser politisch so hoch bedeutsamen Verbindung von den Seinen gewährt worden war, auf Balmoral, dem herrlrchen schottischen Landsitz des englischen Fürstenpaares, cmgetroffen. Er­fand hier Prinzessin Viktoria, die er als Kind von zehn Jahren zum lebten Mal gesehen hatte, als eine reich entwickelte liebliche Jungfrau von fünfzehn Jahren wieder und lernte die iuuge Fürstin, die weit über ihre Jahre hinaus an Verstand. Wissen und Herzensbildung herangeblüht war, mit'der ganzen Glut seines Empfindens lieben. „Viktoria ist sehr erregt", schrieb der Prmz- gemahl damals an seinen Freund, den Baroii Stockmar, „doch geht alles ruhig und besonnen vonstattcn. Der Prinz ist wirklich verliebt, und die kleine Dame lut ihr Bestes, um ihm zu gefallen." Die Ungeduld des Prinzen seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen, war so groß, daß er schon am 2(1 September um ihre Hand auhielt. Die Königin Viktoria meldet das ihrem Onkel, dem König der Belgier, in eineni Briefe, der

Beispielen, aber in größerem Umfange, gründete Riedel ! eine „Bank" für Darlehnsvermittelung. Verlockende Anzeigen in den Tagesblättern wurden erlassen, über­all Agenten und Zutreiber angestellt. Das Geschäft blühte bald, denn Geld haben viele Menschen nötig. Riedel versprach alles und hielt nichts. Sobald er seine Spesen hatte, war für ihn der Fall erledigt. Wie ge­richtlich festgestellt ist, wurden bei diesem jungen Men­schen, der keinen Pfennig eigenes Vermögen besaß, allein im Jahre 1906 Darlehen beantragt in Höhe von 44/2 Millionen Mark! Diese Tatsache ist eine scharfe Illustration gewisser Zeitumstände: sie redet von

sozialen Kämpfen, Nöten und Leichtfertigkeiten. Für den Sozialethiker würde es von großem Wert sein, die Ursachen dieser Darlehnsgesuche und die Sucher selbst kennen zu lernen. Bekommen haben sie, wie alle anderen, nichts. Sie haben vielfach noch ihr Letztes zu­gesetzt. Nach der bekannten Geschäftsregel des Dar­lehnsschwindels versprach er Geld auf Verpfändung des Hausrats und anderer Werte zu billigem Zinssatz, be­rechnete zunächst aber erst Vorschußspesen und Aus- kunftsspefen. Diese waren oft recht beträchtlich. Hatte er sie, so war, wie gesagt, die Sache für ihn erledigt. In den letzten elf Monaten Vor seiner Verhaftung hatie er nach Abzug der Kosten für Anzeigen und derAgenten- provisionen einen Reingewinn von 37 000 M. Gericht­lich konnte festgestellt werden, daß,.er während seiner Tätigkeit allein an Vorspeseit 86 583 . M. erschwindelt hat; und das ist vielleicht nur ein geringer Teil ferner geschäftlichen Erfolge. Mit einem Netz von Agenten gingen diesem Schwindelbankier Opfer ans allen deut­schen Gegenden in das Garn. Schließlich liefen jedoch die Anzeigen zu Hunderten ein und der Schluß war die vor kurzeru nach einer fünf Wochen dauernden Gerichtsverhandlung erfolgte Verurteilung Riedels vom Leipziger Landgericht zu 2sit> Jahren Gefängnis, 3000 M. Geldstrafe und 3 Jahren Verlust der bürger­lichen Ehrenrechte.

Das ist für so viel Schwindel ein glimpfliches Ur­teil. Natürlich legt auch dieser Fall wieder die Frage nahe, wie der Darlehnsschwindel beseitigt oder doch wenigstens beschränkt werden kann. Wie die Er­fahrung lehrt, ist das lediglich auf strafrechtlichem Wege nicht möglich. Wegen derartiger Schwindeleien sind schon wiederholt strenge Verurteilungen erfolgt und trotzdem haben sie sich augenscheinlich eher ausgebreitet als vermindert. Ein ebenso wichtiges Mittel wie die allerdings unerläßliche strenge Bestrafung ist unseres Erachtens die Aufklärung. Man muß immer wieder auf den Betrug Hinweisen. Wirklich Kredit­würdige sollten aber bedenken, daß sie meistens auch in ihrem Bekanntenkreise Hilfe bekoinmen, wenn sie ohne falsche Scham rnn diese bitten. Wo die Kredit- würdigkert fehlt, wird selbstverständlich ein geschäfts­mäßiger Geldverleiher erst recht nichts geben. Vielfach sind schwere Geldnöte auch wohl durch Änderung der

sich in der großen neuen Publikation. ihres Brief­wechsels und ihrer Tagebuchblätter findet: „Am Donuerstag, den 20., nach dem Frühstück, sagte Fritz Wilhelm, er wolle gern mit uns über einen Wunsch reden, dessen seine Eltern, wie er wisse, niemals gegen uns Erwähnung getan hätten, nämlich zu unserer Familie zu gehören. Es sei lange sein Wunsch gewesen, er habe die Zustimmung und Billigung nicht nur seiner Eltern, sondern auch des Königs erhalten •—und da er Vicky „so allerliebst" finde, könne er nicht länger war­ten, seinen Antrag zu stellen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, mit welcher Freude wir unsererseits seinen Antrag annahmen. Aber das Kind selber soll nichts davon vor ihrer Konfirmation wissen, die nächste Ostern stattfinden wird; dann wird _ er wahrscheinlich herüberkommen, da er ihr selber seinen Antrag zu stellen wünscht, den sie — ich habe wenig oder vielmehr keinen Zweifel — freudig annchmeu wird. Er ist ein lieber, vortrefflicher, reizender, junger Mann, dem wir unser liebes Kind mit vollem Vertrauen geben können. Was uns. so sehr an ihnr gefällt, ist, daß er wirklich von Vicky entzückt ist." Es wurde festgesetzt, daß die Verlobung erst im nächsten Frühjahr erfolgen und die Hochzeit dann nach dem siebzehnten Geburtstage der Prinzessin stattfinden solle.

Aber was die Eltern weise und einsichtig geordnet, das durchbrach das lebhafte Ungestüm des Prinzen,, der seine Empfindungen nicht zügeln und, unterdrücken konnte. Bei eineni Ausfluge, den die königliche Familie anr 29. September über die Heide machte, sah der Prinz an entlegener Stelle jenes seltene weiße Heidekraut blühn, das den Schotten als glückverheißendes Zeichen junger Liebe gilt. Er springt voni Pferde, pflückt den Strauß und reicht ihn denr jungen Mädchen mit Wor­ten dar, die deutlich von seinen Gefühlen und. seinen Hoffnungen sprachen. Freudig nimmt die Prinzessin die Erklärung auf, und beglückte Seligkeit Umgibt nun die beiden für die wenigen Tage, die der Prinz noch an

3G. Jahrgang.

Lebensführung, durch Charakterstärke und Energie, also aus eigener Kraft zu überwinden. Ge­schäftsleute sollen sich Kreditvereir-.ru und ähnlichen Organisationen anschlietzen. Solidität, Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit findet auch heute ber unvorherzufehen- den Ausgaben noch eine offene Hand. Aber sehr viele scheuen sich, ihre Lage zu offenbaren, und haben dazu Ursache. Sie wollen nach außen die Rolle des feinen Herrn, der vornehmen oder wenigstens gutsituierten Herrschaft spielen und jagen Darlehnsangeboten in den Blättern nach in der eitlen Hoffnung, daß ihnen irgend ein selbst besitzloser Fremder dazu verhelfen werde, diese unwahre, hohle Existenz weiter zu führen«

Für notorisch Leichtfertige, Untüchtige und Charak­terschwache, für Leute mit liederlichem Lebenswandel und unverbesserlicher Verschwendungssucht, schließt natürlich auch der größte Menschenfreund seine Hand, Und mit Recht. Es wäre schon ein Erfolg, wenn man den Darlehnsschwindel nur auf diese Kreise be­schränken,, wenn es gelingen würde, ihn von den ge­sunde n Teilen der Bevölkerung fernzuhalten, wenn mau alle tüchtigen und ehrenwerten Elemente, die vorübergehend in Not geraten, zur größten Vor­sicht gegen Darlehnsangebote in Zeitungen und durch Agenten bestimmen könnte.

Das muß immer wieder versucht werden. Ein guter Weg dazu ist: zu kluger Vorsicht zu erziehen, das Verantwortlichkeitsgefühl zu stärken, die Energie auf­zurütteln, den rechtzeitigen Anschluß an Spar- und Vorschußvereine zu enrpfehlen und Aufklärung über den Darlehnsschwiudel zu verbreiten.

N-lMschr Ubrrficht.

Der Block nach der heutigen Debatte.

L. Berlin, 22 . Januar.

. Die wichtigste Frage, die nach dem Verlauf der heutigen Reichstagssitzung zu stellen ist, lautet: Was

kann aus dein Ergebnis dieser Jnterpellationsbe- sprechung für oder gegen den Block hergeleitet werden? Wir glauben, das; jede vorurteilslosePrüfung der vielen Reden dieses Tages zu demselben Resultat führen wird, nämlich zu der gut begründeten Meinung, daß, wenn der Block etwa zerfallen sollte, er dies jedenfalls nicht auf Grugd der heutigen Ereignisse in der deutschen Volksvertretung tun wird. Wir haben kein Wort ge­hört, auch nicht in den schärfsten Reden von links her, das eine Absage an die Blockpolitik enthielte. Wohl aber haben wir ein ausdrückliches Bekenntnis zum Block vernommen, und zwar bemerkenswerterweise von dem Abg. P a y e r im namen der Süddeutschen Volks- Partei. Gewiß, von überströmender Liebe und Herz­lichkeit für den Fürsten Bülow und sein System weiß sich Herr Payer frei, aber er denkt nicht daran, den

der Seite seiner Heimlichvcrlobten weilen darf. „Die jungen Leute", schreibt der Prinzgemahl, „lieben ein- ander glühend, und die Reinheit, Unschuld und Selbst­losigkeit des jungen Mannes sind ganz rührend." In freudig erregter Stimmung nimmt Friedrich Wilheliu am 1. Oktober Abschied, und in Berlin erzählte er später heiter: „Ich habe mich wahrhaftig zu Pferde

verlobt." Am 20. März 1856 fand in feierlicher Weise die Konfirmation der Prinzessin statt, und am 21. Mai erschien der Prinz wieder auf dem Schloß Osborne, wo damals der englische Hof weilte. Nun knüpften sich auch die ersten sympathischen Verbindungen zwischen ihm und dem britischen Volke, das zunächst die Nach­richt von der Verlobung mit Mißtrauen ausgenommen hatte. Seine sieghafte Erscheinung, sein ritterliches Auftreten gewann ihm alle Herzen, und die Universität Oxford huldigte ihm durch die Erteilung des Ehren- diploms als Doktor. Am 21. November, zum Ge- burtstag seiner teuren „Vicky", war er wieder in Eng­land; aber noch ein ganzes Jahr und mehr sollte ver­streichen, ehe der Prinz die innig geliebte Braut hcim- führen sollte, die ihren Eltern noch zu jmrg für den Ehestand erschien.

Am 16. Mai. 1857 fand endlich die offizielle Er- klärung des Verlöbnisses statt und im Juni erschien der Prinz als erklärter Bräutigam der „königlichen Prinzessin" in England und wurde mit Enthusiasmus empfangen. In Manchester, wohin er sich nnt der königlichen Familie zur Kunst-Ausstellung begab, web­ten preußische Flaggen von den Häusern, und auf Triumphbogen wie Transparenten waren die freund­lichen Begrüßungsworte zu lesen: „Fritz und Vicky".

Der Prinz wurde auch zum Ehrenbürger von London ernannt. Die bald darauf ausbrechende Krankheit König Friedrich Wilhelms, die zunächst provisorische Regierung des Prinzen von Preußen verzögerten di­so bald in Aussicht genommene Hochzeit noch um einige Monate. Am 21. Januar trat der Prinz endlich die