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Zer. 37.
Morgen - Ausgabe.
1. WllctLt.
Ohne Vertrauen?
Kultusminister Dt. Holle hat iu der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 13. d. M. Gelegenheit genommen, sich über seine Stellung zur geistlichen Schulaufsicht auszusprechen. „Die Königliche Staatsregierung", so führte der Herr Minister aus, „kann nicht anerkennen, Latz die Verbindung von Kirche und Schule zu lösen und ans diesem Grunde die Umwandlung nebenamtlicher Stellen in hauptamtliche zu erstreben ist. < Bravo i rechts.) Sie steht vielmehr auf dem StanD- punkt, daß Kirche und Schule nach wie vor tnt vertrauensvollen Zusammenwirken die Erziehung unseres Volkes leiten und demgemäß in der Beziehung sich weiterbilden müssen." (Bravo! rechts.) Aus besondere Anfrage des nationalliberalen Abgeordneten Friedberg erklärte der Herr Minister sodann, die Regierung erachte es ini Interesse einer gedeihlichen Wirksamkeit der Lehrer und der Volksschule für erforderlich, „daß wie bisher die Person des O r t s s ch n l i n s p e k t o r Z eine von dem Vertrauen der Bevölkerung getragene Persönlichkeit sein muß."
Damit sind alle Hoffnungen der preußischen^ Lehrer auf eine baldige Lösung des veralteten Hörigkeitsverhältnisses zwischen Kirche und Schule, das, trotzdem der Herr Minister das zu glauben scheint, „ein vertrauensvolles Zusammenwirken" nur ganz ausnahmsweise zuläßt, auf absehbare Zeit vernichtet. Der Herr Minister erachtet es für notwendig, daß die Person des Ortsschulinspektors eine von dem Vertrauen der Bevölkerung getragene Persönlichkeit sei. Wäre es nicht richtiger gedacht, daß der Lehrer in der Schule der eigentliche und erste Vertrauensmann der Bevölkerung fein müßte? Das zu sein und zu werden, ist ihm aber sehr erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, wenn er unter die besondere Aufsicht eirier anderen "Persönlichkeit gestellt wird, die mit der Schule an und für sich nichts zu tun hat. Die U n t e r st e l lu n g unter die Kirche i st e i n Mißtrauensvotum f ü r die L e hr e r. Wenn die geistliche Überwachung der Schule jemals zum Segen gewesen ist, heute ist sie es nicht mehr. Sie verbittert die tüchtigsten Kräfte in der Schule, die eine derartige Herabsetzung ihrer Arbeit ^und ihrer Stellung nicht verdient zu haben glauben, lind kann dem weniger Tüchtigen nichts nützen. In das Schulamt gehören nur Leute, die aus e i g e n e n Füßen stehen. Erziehen kann nur, wer selbst etwas ist. iver eigenes Vertrauen beanspruchen kann und eines Protektors im Nachbarhause nicht bedarf. Geborgtes Vertrauen nützt hier nichts. Wenn der Herr Unterrichtsminister glauben sollte, er habe solche Leute nicht in der Schule, die dem Publikum als gauze Männer erscheinen, so tut er der Lehrerschaft bitter unrecht. Alle schönen Worte über die hohen Ausgaben
FemUrton.
Mackdruck verbotene
Der LonLsnSr IchutzMKNN.
Eine Nachricht ist in letzter Zeit aufgetaucht, die iu der Londoner Bevölkerung große Beunruhigung hervorgerufen hat. Es heißt nämlich, daß man einem jüngsten Pariser Beispiele folgen und den Policemen einige Sprachkenntnisse Beibringen wolle. Sie sollen imstande sein, in den Hauptweltfprachsn dem Ausländer zu fügen, welche Querstraße er zu nehmen, welchen Omnibus er zu besteigen habe u. dergl. m.
Nun ist es nicht etwa der Nationalstolz der Engländer, der sich dagegen auflehnt, einem fremden Beispiel zu folgen, der ihn die Aussicht, einen sprachgewandten Policeman zu besitzen als nichts weniger denn wünschenswert zu betrachten läßt, er fürchtet,, daß der Charakter dieses nützlichen Beamten eine Umwandlung erfahren könnte. Der englische Policeman ist eine mit Recht auch im Auslande berühmte Persönlichkeit und man kann es dem Londoner nicht verdenken, daß er nichts an ihm geändert haben möchte. _ In anderen Staaten bat man ihn häufig als Vorbild genommen und es ist auch gelungen, äußerliches Vorgehen nachzu- ahmen, meist zum Vorteil der betreffenden Bevölkerung. Aber ein richtiger englischer Policeman ist weder der Pariser „Agent" noch der Berliner Schutzmann geworden, nur in Rom habe ich ähnliche höfliche Liebenswürdigkeit gefunden, die dem Ausländer die „Karabiniers" als vollendete Kavaliere erscheinen läßt.
Man meint nun hier, daß das Erlernen fremder -Sprachen der erste Schritt sein würde, um den Police- man zu „kosmopolisieren" und damit ihm seine besten
Wiesbaden, Donnerstag- 23 . Januar 1908,
der Schule bedeuten wenig, solange man die einzig richtige Konsequenz, der S ch u l e die entsprechende Stellung im öffentlichen Leben zu geben, nicht daraus zieht.
In der Geistlichkeit selbst wird bis iu die Reihen der Orthodoxie hinein die Unhaltbarkeit der geistlichen Schulaufsicht empfunden. Der vorpommersche Pastor Steurich rechnet in einem Artikel im „Reichsboten" die Ortsschulaufsicht direkt zu den e n t ch r i st I i ch e n d e n Einflüssen. Er nennt es eine innere Unwahrheit, daß die Geistlichen den Schein, als ob sie kirchlichen Einfluß auf die Schule hätten, aufrecht erhalten sollen, „während es in Wirklichkeit ganz anders ist." Vielleicht kommt die Zeit, daß die Generalsynode oder der Oberkirchenrat vom Kultusministerium die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht verlangen.
Die allmähliche Aufhebung der geistlichen Kr ei ss chu laufsi cht, die Herr Dt. Holle in Aussicht stellt, würde ein dankenswerter technischer Fortschritt sein. Aber für die amtlicheStellung derLehrer ist die Beseitigung der geistlichen Ortsschulaussicht fast noch wichtiger. In ihr kommt das Kränkende der geistlichen Schulaufsicht, die Herabsetzung der Stellung der Schule in der Öffentlichkeit recht eigentlich zum Ausdruck. Für die Schule muß der Lehrer, nicht irgend ein anderer der erste Mann im Dorfe sein, wenn die Schule selbst etwas bedeuten soll.' Ohne die Beseitigung der kirchlichen Aufsicht ist eine allgemeine Hebung unseres Volksschulwesens unmöglich. Die Unterrichtsverwaltung wird selbstbewußte Lehrer, die ihrer Aufgabe ganz gewachsen sind, nur daun dauernd auf dem Lande festhalten, wenn sie hier als Träger der Schularbeit neben und nicht unter anderen verwandten Berufsständen stehen. Das ist^die conclitio sine qua non für die Landschulsrage. Soll der Landlehrer der Schulhalter unter der Obhut des Geistlichen bleiben, so gibt es selbst in der Gestalt reichlicher Besoldung kein durchschlagendes Mitte) gegen die Landflucht der Lehrer.
Angesichts der^ erfreulichen Fortschritte, die die. Regelung der Schulaufsicht iu anderen deutschen Staaten, in Baden, Hessen, Altenbura, Meiningen u. a., neuerdings gemacht hat, ist es an der Zeit, daß man auch in Preußen, das auch in dieser Frage weiß Gott nicht „Preußen iu Deutschland voran" ist, an maßgebender Stelle diesen Disigen offen insGesicht sieht und nicht länger glaubt, man könne sie mit Gründen abtun. die nichts für sich haben als ein recht bedeutendes Alter.
UoMschr Übersicht.
Die starken Feinde.
L. Berlin, 21. Januar.
Zwischen den freisinnigen Fraktionen und den Nationalliberalcn im Abgeorbnetenhause bestehen, wie ja offenkundig ist, verschiedene Ansichten inbezug ans das Maß der zu fordernden Reform des Wahlgesetzes,
Eigenschaften zu nehmen. Denn in der Tat. ist das, was ihn zu einer so angenehmen „Institution" der Londoner Straße macht, daß er so durchaus englisch ist. Nicht alles kann im britischen Charakter als liebenswert bezeichnet werden, viele meinen sogar nur weniges, aber im allgemeineu muß mau dem Engländer zugestehen, daß er Pflichtgefühl besitzt und daß er es versteht, seine Pflicht in unauffälligerweise zu erfüllen. Und diese Natioualtugeud ist iu hohem Matze dem Policeman eigen.
Wie erwähnt, sind verschiedene Einrichtungen, die die Londoner Polizei getroffen hat, in anderen großen Städten nachgeahmt worden. Als vor zirka 10 Jahren in Paris der erste Versuch gemacht wurde, den Straßenverkehr nach Londoner Muster zu regeln, befand ich mich in der französischen Hauptstadt. Mit einem weißen Stabe ausgerüstet stand der „Sergeant de rille", wie. der Polizist auch dort genannt wird, da, um sich plötzlich mitten ins Gewühl zu stürzen und das Zeichen seiner Macht hoch zu halten. Die Pferde glitten ans, die Wagen stießen aneinander, die Kutscher fluchten, was der Gewaltige persönlich nahm. Er rächte sich, indem er den Verkehr in unnötig langer Weise aufhielt. Und dies übertriebene Gefühl seiner Würde, die Empfindung, daß er dazu da sei, das Publikum zu belehren und zu erziehen, wohnt auch dem deutschen Schutzmann inne. während es dem englischen Policeman vollständig fehlt. Er faßt seine Pflicht durchaus unpersönlich ans, meint nie, daß er mit besonderer Macht umkleidet sei. sondern betrachtet sich nur als ein Jnstrnment^des Gesetzes. Er besitzt und braucht auch keinen Stab als Zeichen seiner Würde, aber wenn er die Hand hochhebt, gehorcht jeder Wagenführer selbstverständlich, was für die Londoner Bevölkerung, aber ebenso für ihren Policeman spricht. Dieser betrachtet sich eben nie als
80. Jahrgang«
und die freisinnige Forderung der Übertragung des Reichswahlrechts auf Preußen wird von der größeren liberalen Fraktion, eben den Nationalliberalcn, nicht unterstützt. Dafür aber besteht Übereinstimmung über den zweiten Teil des freisinnigen Wahlrechtsantrages, der eine Neueinteilung der Wahlkreise auf Grund der veränderten Bevölkerungsverhältnisse verlangt. Die Gemeinsamkeit der Anschauungen und Ansprüche in diesem rvichtigen Punkte kann man mit um so größerer Befriedigung konstatieren, ein je seltsameres Schicksal, wie erinnerlich, dieser zweite Teil des Wahlrechtsan- tragcs hatte. Während für die Einführung des Reichs- Wahlrechts in Preußen das Zentrum gestimmt hatte, versagte es seine Mitwirkung bei der Forderung einer Neueinteilung der Wahlkreise, so daß an dieser Stelle die Freisinnigen und die Nationalliberalen (die letzteren bis auf wenige Mitglieder) allein zusammen standen. Man kann aus dem stillen Verhältnis somit ersehen, welche außerordentlichen Schwierigkeiten cs jedenfalls haben würde und müßte, den liberalen Standpunkt hinsichtlich der Wahlkreisfrage wirksam zu vertreten. Ersichtlich fürchtet das Zentrum für seinen Besitzstand, wenn eine gerechtere Abgrenzung der Wahlkreise, eine den veränderten Bevölkerungsverhältnissen angepaßte Veränderung auch der Mandatsziffer Gesetz werden sollte. Wie soll man es sich nun aber erklären, daß Fürst Bülow irr seiner Antwort auf die Wahlkreisfrage überhaupt nicht eingegangen ist? Alle bisherigen Versuche, dies Rätsel zu deuten, sind vergeblich geblieben, und so hat man sich mit der Feststellung der Tatsache zu begnügen, daß das unbegreifliche Schweigen des verantwortlichen Siaats- mannes im nationalliberalcn Lager ebenso wie im freisinnigen verstimmt hat, während die Konservativen die Genugtuung behalten, sowohl durch das, was Fürst Bülow gesagt hat, wie durch das, was er ver- schiegen hat, ihre eigenen Forderungen und Weigerungen bestätigt zu scheu. Vielleicht mag die entfernte Möglichkeit vorhanden sein, daß Fürst Bülow in der nächsten Session des preußischen Abgeordnetenhauses eine Wahlreformvorlagc macht, die, mindestens auf schüchterne Weise versucht, das heutige Wahlrecht zu beseitigen. Diese Möglichkeit ist freilich nur gering, aber eine Möglichkeit ist cs immerhin. Dagegen muß man es nach den Vorgängen vom 10. Januar als völlig ausgeschlossen betrachten, daß wir in absehbarer Zeit zu einer anderweitigen A b g r e n z u n g der Wahlkreise gelangen, und die Bitternis dieser Konstatierung wird dadurch noch verschärft, daß man nicht daran Vorbeigehen kann, daß die Versagung dieser zweiten Rcsormforde- «tttß mit Zustimmung auch des Zentrums geschieht, also derjenigen Partei, mit der sich sonst wohl über eine Wahlreformfragc allenfalls reden ließe. Diese Dinge mögen, je nach dem politischen Temperament, pessimistisch oder mit ungebrochenem Vertrauen auf einen endlichen Durchbruch praktischer Vernunft betrachtet werden, so zeigen sie eines jedenfalls mit grellster Deutlichkeit, nämlich, daß die Macht des Konservatismus (zumal sie sich auf dem behandelten Gebiete auch der Zentrumshilfe versichern kann), groß genug ist, um der heutigen liberalen Gegnerschaft zu widerstehen. Diese schmerzliche Erkennt-
über der Menge stehend, sondern als zu dieser gehörig, und ebenso sieht sie ihn als einen der ihren an. Am besten kann man dies beurteilen, wenn irgendeine offizielle Festlichkeit das Publikum in Massen aus die Straße führt, dem Ausländer, der in dieser Beziehung nicht verwöhnt ist, nötigt er dabei die größte Bewunde. rung ab. Die Anforderungen, die dann an seine Gelduld gestellt werden, sind nicht gering, aber ex erfüllt sic wie jemand, der da weiß, daß dies seine Verpflichtung ist. Wenn er auch seine Autorität anerkannt sehen will, so erkennt er doch andererseits die Rechte des Publikums au, und wenn es sich nicht um einen Auflauf, sondern um eine gesetzmäßige. Versammlung handelt, zeigt es sich stets, daß der Policeman mindestens so sehr dazu da ist, um der Menge zu dienen, als sie in Ordnung zu halten.
Deshalb weiß er aber gerade so gut mit ihr fertig zu werden. Staut, sie sich an irgendeiner Stelle, dann ertönt sein ruhiges, unpersönliches „Pass along pleasc" und es kommt fast nie vor, daß ihm. nicht gehorcht wird. Denn er ist nicht ärgerlich, er gebietet nicht, er wendet sich an den gesunden Menschenverstand der Leute, und diese verstehen. Sie haben nicht dos Gefühl zu gehorchen, sie tun, was ein vernünftiger Mensch tun muß.
Auch in Deutschland ist es in den letzteu Jahren mehr und mehr den Mächten der Ordnung zur Pflicht gemacht worden, dem Publikum höflich zu begegnen, aber es ist bodj immer die Höflichkeit solcher, die spezielle Rechte zu haben, etwas Besonderes zu tun meinen. Vielleicht versucht man es auch da einmal, sie Schutzleute nicht zu Wächtern, sondern zu Dienern der Ordnung und des Publikums zu machen, bei letzterem würde sich dafür wohl sehr,bald das richtige. Verständnis finden. H. L a n d.
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