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Nr. »3.

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Morgen - Kusgabe.

1. Mtcrtt.

Die JulerpelLatrmr am Miltmach.

Am Mittwoch gibt es im Reichstag wieder einen großen Tag. Da wird die sozialdemokratische Inter­pellation über das preußische Wahlrecht verhandelt. Fürst Bülow soll Antwort geben über die Gründe, aus denen er die Übertragung ^ des Reichswahlrechts auf Preußen als nicht dem Staatswohl entsprechend bezeichnet hat. Er soll ferner angeben, ob er es billigt, daß am vorletzten Sonntag in Berlin aus Anlaß der Wahlrechtsdemonstrationen Militär in den Kasernen konsigniert war.

Es ist auffällig, daß die Freisinnigen nicht selbst eine solche Interpellation eingebracht haben. Auch die Nationalliberalen hätten dies tun können. Denn es ist eine der schlimmsten Beleidigungen des deutschen Volkes, die Fürst Bülow ausgesprochen hat damit, daß das demokratische Wahlrecht für Preußen staatsge­fährlich sein soll. Die Nationalliberalen haben z. B. schon 1867 erklärt: Nachdem auf Grund des allge­

meinen, gleichen, geheimen Wahlrechts der Norddeutsche Bund gegründet ist, ist es nicht mehr angängig, daß in den einzelnen Bundesstaaten Wahlrechte existieren, welche wesentlich von deni des Norddeutschen Bundes abwcichen. Die süddeutschen Staaten haben bie§ be­herzigt und bei sich das Reichswahlrecht eingesührt. Oldenburg ist im Begriff, dasselbe zu tun. NachBülows Ansicht haben diese gegen das Staatswohl gehandelt. Fürst Bülow scheint sich nun zu der Ansicht des Herrn v. Manteuffel bekehrt, zu haben, der kürzlich erklärte, man müsse einen Minister wegen Landesverrats be­langen, der etwa die Einführung des Reichswahlrcchts in Preußen vorschlüge. Freilich hätte dann in erster Linie auch Fürst Bismarck auf die Anklagebank gehört, der völlig unvorbereitet wie aus heiterem Himmel im Norddeutschen Bunde und später im Reich ein absolut demokratisches Wahlrecht zugrunde legte.

Es wird dem Fürsten Bülow nicht ganz leicht sein, zu der Interpellation Stellung zu nehmen. Denn auch der einfachste Menschenverstand sagt sich: Was in: Reich möglich ist, muß in einem Bundesstaat erst recht durch­führbar sein. Denn wenn iit den preußischen Landtag eine Anzahl Sozialdemokraten hinein kommen, so ist das lange nicht so gefährlich wie im Reichstag, denn 1. hat der preußische Landtag über Fragen der natio­nalen Macht, wo die Sozialdemokraten unzuverlässig sind, gar nicht zu befinden: 2. hat Preußen neben dem Abgeordnetenhaus noch ein Oberhaus, das allzu radi-

Kemlletmr.

^Nachdruck verboten.»

3m Dienste des Flügelrades.

Von G. W. Zimmerli.

IX. Die Verkehrssicherheit.

Die immer wieöerkehrenüen Unfälle aus Ser Erscn- bahn lenken Sen Blick prüfend darauf, ob die Sicherheits­vorrichtungen, welche zum Schutz der Reisenden, der Angestellten und des fahrenden Materials selbst getroffen sind, für den sich steigernden Verkehr genügen. Ganz im allgemeinen kann man sagen, daß nach den ziemlich genauen Untersuchungen, Sic besonders in Frankreich darüber angestellt wurden, die Unglücksfälle, welche durch den Eisenbahnverkehr verursacht werden, erheblich geringer sind als diejenigen, welche der Postkutschen- verkehr in früheren Zeiten mit sich brachte. Die franzö­sische Untersuchung schätzt, daß von einer Million Reisenden auf Postkutschen vierzehnmal mehr getötet und zwanzigmal mehr verwundet wurden als im Eisen­bahnverkehr. Von den Unglücksfällen werden — nebenbei bemerkt — in erster Linie immer die Eiserrbahn- crngestellten selbst betroffen. So wurden ttn Jahre 1803 in Deutschland insgesamt 81 112 684 793 Reisende be­fördert. Davon wurden verletzt 3323 und getötet 1842 Personen. Unter diesen waren 2168 verletzte und 683 ge­tötete Eisenbahnbedienstete.

Die Gründe dieser Unfälle lassen sich auf wenige Harrptursachcrr zusammendrängen. Zunächst kommen in Betracht die elementaren Ursachen, wie Nebel, Schneestnrmc, Glatteis, Wassergüsse usw., gegen die man im allgemeinen ziemlich machtlos ist. Der Nebel ist überhaupt einer der größten Feinde des geordneten Eisenbahndienstes. Ihn zu bekänrpsen, wrrrde ein be­sonderer Neüelnachtwüchterdicnst eingerichtet, dessen Waffen rote Laternen, Signalhörner und Knallkapseln sind. Weitere Ursachen sind die Materialschäden: Mängel am Oberbau und plötzliches Versagen der Brems-

Wiesbaden, Dienstag, 21. Januar LKL>8.

kale Beschlüsse ohne weiteres hindern kann. Man muß geradezu sagen: Wer das demokratische Wahlrecht in Preußen für gefährlich hält, ist ein unsicherer Kantonist auch bezüglich des Reichswahlrechts. Auf dem jetzigen Wahlrecht aber baut sich die Reichsverfassung auf, deren erster Schützer der Reichskanzler sein muß. Fürst Bülow wird also am Mittwoch, wenn er anwesend ist, in eine arge Klemme geraten. Ob er tomnit, scheint noch sehr unsicher zu sein. Kommt er nicht, so wird man ihm das sicher als Feigheit auslegen.

Den Liberalen aller Schattierungen bietet der Mitt­woch eine günstige Gelegenheit sich noch herauszu- pauken, denn ihr schlappes Auftreten am 10. Januar im Abgeordnetenhaus hat im ganzen Lande einen schlechten Eindruck gemacht. Sowohl die National- liberalen wie die Freisinnigen haben im ganzen Lande gegen das Verhalten ihrer Fraktionen protestiert. Der Berliner sozialliberale Verein hat am Samstag in seiner Generalversanunlung an die freisinnige Fral- trorrsgerncinschaft geradezu das Ansinnen gestellt, den Mittwoch zu benutzen, um sich vom Block loszusagen und dem Fürsten Bülow ein offizielles Mißtrauens­votum zu erteilen. Man hat häufig dem liberalen Bürgertum einen Mangel an politischer Energie vor­geworfen. Leider nicht ganz mit Unrecht. Es ist auch ganz klar, daß die Konservativen, wenn Fürst Bülow sich ähnlich schroff gegen ihre Forderungen erklärt hätte wie am 10. Januar gegen die freisinnigen, rück­sichtslos gegen ihn alle Minen springen ließen. In ein paar Tagen hätten sie ihn gestürzt. Auch die Liberalen frctlict) können in der nächsten Zeit dem Fürsten so ein- heizen, daß er daran genug hat und die Konservativen allein ihn nicht halten können.

Doch die zweite wichtige Arbeit, die zu tun ist, ist. die konservative Herrschaft in Preußen zu vernichten. Nun haben die freisinnigen Fraktionen des preußischen Abgeordnetenhauses eine Ägitationszentrate für^ die preußische Wahlreform gegründet, aber diese hat selbst in liberalen Kreisen wenig Beifall gefunden. Erstens stehen da n i ch t die richtigen Männer an der Spitze, die das nötige Vertrauen im Volke haben, dann aber darf diese Agitation keine Fraktionssache bleiben, sie muß Volkssache werden und muß Mitglieder der ver­schiedensten Parteien umfassen: Nicht nur Freisinnige, sondern von den Nationalliberalen auch die, welche noch wirklich Liberale und keine konservativen Schleppen­träger sind, ferner die christlichen Arbeiter . aus dein Zentrum. Der sozialliberale Vereiu in Berlin hat am Samstag beschlossen, eine solche Agitationszentrale ins Leben 'zu rufen. Dr. Barth will sich au die Spitze stellen. Selbst Sozialdemokraten, die ja für ^ das ^Zu­standekommen einer Volksbewegung sehr wichtig sind, will man für eine gemeinsanie Agitation gewinnen.

Vorrichtung, der Signal- und Weicheneinrichtungen. Mangelhafte Oberbauten kommen wenigstens in Deutsch­land selten vor, sind aber, wie der Einsturz eines Stadt- bahnbogcns in Berlin in jüngster Zeit zeigt, nicht aus­geschlossen. Die übrigen ai'.geführten Ursachen muß man, sofern sie nicht durch Vorsicht und gehörige Prüsnng hätten vermiede!: werden können, zu den unglücklichen Zufällen rechnen, denen man nie und nirgends ganz wird entgehen können. Eine verhältnismäßig kleine Prozentzahl der Ursachen entfällt auf Böswilligkeit und Verbrechen. Auch davon habeir wir in jüngster Zeit ein Beispiel gehabt.

Weitaus die größte Zahl der Unglücksfälle findet ihren Grund in der Schwäche der menschlichen Natur, der natürlich auch die Angestellten der Eisenbahn unterliegen. Sie kann verschuldet, aber auch unverschuldet sein. Sie kann beruhen auf Versehen, ans Vergeßlichkeit, ans Zer­streutheit, aber auch auf Mißverständnissen bei der Ab­gabe und Annahme von Befehlen und darauf, daß in zu angestrengtem Dienst die Natur eines Angestellten plötz­lich einmal versagt. Was bei jemand, der nur für sich oder für einen kleinen Kreis von Interessenten zu sorgen hat, ohne ernstere Folgen abgehen mag, das kann im Eisenbahnbetriebe jederzeit zn den verhängnisvollsten Folgen führen.

Nun hat die Verwaltung in dieser Richtung hin gewiß alles getan, um Sicherheit zu gewährleisten. Nur körperlich unbedingt gesunde und widerstandsfähige Menschen werden in den äußeren Eisenbahnbetrieb aus­genommen. Während der Dienstzeit, aber auch in ihrem Privatleben sind sie verpflichtet, sich äußerst mäßig zu halten, eine Forderung, die übrigens auch einem Gebot der Sclbsterhaltung entspricht, Senn das rollende Rad wirft jeden, der nicht taktfest ist, früher oder später ganz von selbst auf die Seite.

Durch einen Erlasst des Eisenbahnministers Budde vom 20. November 1905 wurde jeder Alkoholgenuß während der Dienstzeit aufs strengste verboten. Der Erlaß erregte seinerzeit da und dort etwas unliebsames Aufsehen, weil es anssah, alS ob damit Sem Eisenbahn- korps ein Mißtrauensvotum erteilt worden wäre. Heute

5®. Jahrgang.

Auswanderer und Wckwanderer.

Dem Reichstag ist eine Denkschrift zugegangen, in welcher eingehend berichtet wird, wie die Auskunft­erteilung an Auswanderungslustige im Deutschen Reiche organisiert ist und was insbesondere die nn April 1902 begründete Zentralauskunsts- stelle für Auswanderer bisher geleistet hat. Gleichzeitig wurde vom Reichskanzler beantragt, daß der Zuschuß von 30 000 Mark, den das Reich für der: Unterhalt jener Zentralstelle seit einigen Jahren der deutschen Kolonialgesellschaft als außerordentliche Zu­wendung bewilligt hat, voit nun ab auf die fort­dauernden Ausgaben übernommen wird. Es berührt die Wahrnehmung peinlich, daß die Auswanderungs- bewegung auch gegenwärtig noch aus deutschen Gauen etwa 30 000 Personen alljährlich allein über den Ozean entführt von denen, lute anzunehmen ist, ein großer Teil im alten Vaterlande gern zurückgeblieben wäre, wenn sich ihnen Gelegenheit zu einem angemessenen Broterwerbe geboten hätte. Und dieser Auszug dauert fort, ob wo h l die deutsche Volkswirtschaft keineswegs unter einen: solchen Überangebot an Arbeits­kräften leidet, daß ein großer, nicht verwendbarer Überschuß von Arbeitswilligen dauernd dem Auslande zugewiesen werden müßte. Gewiß läßt sich keine mechanische Rechnung anfmachen, lvoirach etwa der Leutenot in der ostelbischen Landwirtschaft durch cur entsprechendes Kontingent brotloser Industriearbeiter aus dem Westen der Monarchie abzuhelfeir wäre, dennoch sollte der Tatsache eindringliche Aufmerksam­keit zugewendet werden, daß das Reich viele T au - sende tüchtiger Arbeitskräfte Jahr für Jahr durch Auswanderung einbüßt, während es auf der anderen Seite genötigt ist, zum mindesten eben­soviel ausländische Arbeiter nach Deutschland hereinzulassen, weil nicht Nur die Landwirtschaft, son­dern auch die Industrie ihren Arbeiterbedarf im In- lande nicht ausreichend zu decken in der Lage ist. Dementsprechend einen Ausgleich herbeizuführen, wäre gewiß eine für unser gesamtes Wirtschaftsleben wich­tige Aufgabe. Ob es gelingt, einen beträchtlichen Teil der zur Auswanderung geneigten Personen auf der heimatlichen Scholle festzuhalten, ist freilich, zweifelhaft« aber auch einen Teilerfolg wäre für uns wertvoll.

Die Rück Wanderung hat eben jetzt eine sehr aktuelle Bedeutung gewonnen. Hunderttauscnde haben infolge der in den Vereinigten Staaten von Nord­amerika ausgebrochenen Wirtschaftskrisis erneut zum Wanderstabe gegriffen, den viele von ihnen vielleicht noch kaum aus der Hand gelegt hatten. Hundert­tausende von Auswanderern sind bereits in deutschen Häfen zurückkehrend ausgeschifft, weitere Tausende

hat man sich daran gewöhnt und weiß seine große Be­deutung zn schützen. Nicht nur in seiner Bedeutung als Schutz gegen die Gefahren des Alkohols, sondern auch noch mehr in anderer Hinsicht. Kaum ein Erlaß hat nämlich das Ansehen des Eisenbahnerstandes so geför­dert wie dieser Erlaß. Denn nichts wird im allgemeinen so geschätzt wie der Verzicht ans die Annehmlichkeiten des Lebens zugunsten treuer Pflichterfüllung. Das Eisenbahnkorps, das auf jeden Alkoholgenutz verzichtet, zeigt damit, daß es gewillt ist, um jeden Preis ein Elite­korps zu werden.

Ein weiteres Mittel, nur körperlich rüstige Ange­stellte wenigstens im äußeren Betrieb zu beschäftigen, sind die Untersuchungen auf Farbenblinöheit. Der Name stimmt zwar nicht genau. Diese Untersuchungen zeigen sich als die schärfsten, peinlichsten Kontrollen des Färbenunterscherdungs-, Gehörs- und Sehvermögens. Sie wurden früher bewerkstelligt mit Hilfe von ver­wirrtem, vielfarbigem Knünelgarn, das rasch ausein- anSevgeleserr und sortiert werden mutzte. Heute werden die komplizierten Ragcrschen Tafeln airgewendet, ans denen die zartesten Nuancen von Hellgrün, Grün, Hell­grau, Grüngran, Granrot, Braun, Blau, Gelb usw. usw. in kleinen Punkten von 2 Millimeter Durchmesser und irr solch verwirrender Menge sich befinden, daß unwill­kürlich die Augen übergehen. Keine Prüfung wird von den Angestellten so sehr gefürchtet wie diese. Und all­jährlich wird fast irr jedem Direktionsbezirk keine kleine Anzahl von Beamten des äußeren Dienstes, solche des Lokomotiv- und Fahrdienstes, ja auch Schirrmeister. Schirrmänrrer und Stationsdiener als „farbenschwach" befunden und aus ihrer Karriere geworfen. Das sirrd bittere Stunden. Dann und wann mag die Untersuchung wohl auch gar zu streng ausgefallen sein, da der Eisen­bahner eigentlich nur die drei Farbe": Weiß, Rot und Grün zu unterscheiden hat. Aber die Verkehrssicherheit fordert auch diese Opfer!

Ferner wird den Beamten durch besondere Ver- fügnngen eingeschärft, wie sie sich bei Unglück fällen zn verhalten haben, und man kann ruhig die Frage auf- wcrjcn, ob cs nicht tunlich wäre, das gesamte Zngbe-