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1. Mbatt._

Versumpfung des Mucks?

Man schreibt uns von freisinniger Seite aus Berlin:

Der Block scheint zu versumpfen. Die freisinnrgen Fraktionen haben erklärt, daß sie sozusagen mit dem Reichskanzler fertig sind. Sie haben seine Wahlrechts­antwort ini preußischen Landtag für eine Art Belei­digung erklärt. Sie wollen sich nicht mehr für ihn aufopfern, ihm keinen Gefallen mehr tun, wie das sonst zwischen den regierenden Parteien und der Regierung üblich und unerläßlich ist. Aber sie wollen doch nodi weiter mit ihm arbeiten. Sie wollen das Vereinsge­setz die Börsenvorlage und andere Dinge mit durch­bringen helfen. Kurz, die Freisinnigen sind zwar ver­ärgert, aber sie wollen doch noch weiter mittun. Sie unterscheiden sich in der Beziehung nur gradweise von dem größten Teil der Nationalliberalen, die ebenfalls Biilows Starrköpfigkeit in der Wahlrechtsfrage ver­urteilen, aber den verantwortlichen Träger der Re­gierung weiter stützen.

Aus diese Weise versumpft der Block. Der Block ist nicht mehr arbeitsfähig, aber er ist noch nicht entzwei. Die Negierung wird noch versuchen, mit dem leckge­wordenen Schiffe weiter zu fahren und zu regieren. Das gibt eine ganz unklare Situation, die dre Folge der mangelhaften Entwicklung der Energie, des deutschen Parlaments, auch des halbwegs demokratisch empfindenden Teils ist. , .

In (jedem anderen Kulturlands hätte ein Minister­präsident nach einer Erklärung, wie sie von der Regie­rung am 10. Januar abgegeben wurde, abdanken müssen. Fürst Bülsw hatte nicht einmal die Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses am IO. Januar hinter sich, geschweige denn eine solche inl Reichstage. In andern Ländern hätte man dem Ministeriuni ein Mißtrauensvoturn erteilt oder eine Tagesordnung an- genommen gegen den Willen der Negierung. Eine andere Regierung hätte gebtlbet werden müssen. So parlamentarisch hätte sich wohl die Sache bei uns nicht abspielen können. Aber auch in Deutschland hätten die Freisinnigen daran erinnern können, daß Fürst Bülow eine konservativ-liberale Paarung selbst proklamiert bat, und daß diese von ihm am IO. Januar auf das schroffste verleugiiet worden ist. Demi es ist unmög­lich, in Preußen hochkonservativ zu regieren, während man im Reichstag den Freisinnigen entgegenkommen will. Auch in Deutschland konnten die Freisinnigen dem Fürsten Bülow ein Mißtrauensvotum erteilen und im Reichstag erklären, daß sie ihre Absicht vom 13. Dezember, die Blockpolitik der Regierung zu unter­stützen, zurückziehen und ins Lager der Opposition übergehen. Damit war eigentlich dem Fürsten der Stuhl unter den Füßen weggezogen. Seine von ihm selbst inaugurierte Politik war unmöglich. Er milßte

FemüetoZr.

Ms.kddrur? verdvten^

Zm Dienste öe§ §MgEleaÄe§.

Bon G. 23. Zimmer».

V TTT . Die Streckenarbeit.

Die größte Zahl der rm Dienst der Eisenbahn be­schäftigten Personen steht im Arbeiterverhältnis zur Verwaltung. Diese Arbeiter werden im allgemeinen nach den ortsüblichen Tagelöhnen bezahlt. In ihren Reihen ist viel Wechsel zu bemerken. Die einen kommen und flüchten vorübergehend zur Eisenbahn, um sie sofort wieder zn verlassen, wenn ihnen die Privatindustrie gün­stigere Arbetts- und Ver dieirstgelcgenheit bietet. Andere, welche die nötigen Fähigkeiten besitzen und cs verstehen, wie es nun einmal im menschlichen Leben der Fall ist, das Auge des Vorgesetzten ans sich zu ziehen, werden allmählich als Hilfsarbeiter mit Beamtenfunktion ver­wendet, als Bremser, Schaffner, Weichensteller, Rangie­rer, Bahnwärter usw., und steigen später in diese unte­ren Beamtenstellen auf. Das Gros dieser Arbeitskräfte jedoch bleibt im Arbeiterverhaltnis und wird auf den verschiedenartigsten Arbeitsfeldern verwendet. Da ist die Kategorie der Bahnhofsarbeiter, welche sich wieder in die Untergruppen der Nangierarbciter und Kohlenlader, der Putzer, Wasserpumper, Magazinarbeiter und der Scheuerfrauen gliedert. Dort sind die Güterboden­arbeiter, welche das Verladegeschäft besorgen, die Werk­stättenarbeiter, die Arbeiter am Bahn- und Telegraphen- untcrha!tungsdienst usw. usw.

Wir wählen aus diesen viele Dutzende von Gruppen umfassenden Kategorien zunächst die Streckenarbeiter

Wiesbaden» Samstags L8. Januar

seine Absicht vom 13. Dezember, zu demissionieren, wenn er nicht mehr das Vertrauen der Blockparteien hätte, verwirklichen. Wollte er das setzt nicht, so hätten die Freisinnigen ihm so viel Schwierigkeiten machen können, daß er schließlich doch gehen mußte. . „ ,

Die Freisinnigen haben dazu nicht die _ nötige Energie gehabt. Sie sind an solche Energie nicht ge­wöhnt. Selbst die Radikalen unter ihnen haben stich an die bloße Form gehalten und erklärt: _ Sie wären nicht offiziell in den Block getreten, infolgedessen könnten sie auch nicht in aller Form austreten. Aber am 13. Dezember hatten sie tatsächlich in irgend einer Art und Weise einen Blockbund geschlossen. . Hinzu kam, daß es ihnen fatal war, das etwas leichthin ohne bestimmte Zusicherung gegebene Versprechen, den Kanzler zu unterstützen, jetzt schon wieder kündigen zu müssen. Öffentlich cinzugestehen, daß nach kurzem Rausch die Ernüchterung eingetreten ist. ist niemand angenehm.

Die Provinzen mußten eingreiscn. In den Ver­einen der freisinnigen Vereinigung war man immer mißtrauisch gegen den Block gewesen. Hier hatte man sich nicht von Bülow umgarnen lassen. Das Mißtrauen kam jetzt zum scharfen Ausdruck. Von überallher liefen bei der Parteileitung Resolutionen ein, die sofortigen Austritt aus dem Block und schärfsten Kamps gegen die Regierung verlangten. Dies blieb nicht ohne Wirkung. Im Ausschuß der freisinnigen Vereinigung bekaui die radikale Richtung die Mehrheit. . Man hat den er­weiterten Vorstand einberufen. Dieser soll über die Einberufung eines Parteitages beschließen. . Von diesem Parteitag erwartet man, daß er die Partei zum schärfsten Angriff gegen Bülow ausfordert. In der süddeutschen Volkspartei ist man ebenfalls aufs höchste über Bülow erbittert. Trotzdem man hier direkt nichts mit der preußischen Politik . zu tun hat, weiß ncan doch, daß die preußische Reaktion auch auf Süddeutschland drückt.

Nur die stärkste Gruppe der Freisinnigen, die frei­sinnige Volkspartei, zaudert noch. Namentlich die alte Garde, die sozialistenfeindlich ist, kann sich noch nicht dazu entschließen, die Kampfesfront zu verändern. Sie glaubt noch immer lavieren und von Bülow manche Brocken erlangen zu können. Me jüngeren denken anders.

Einen gewissen Einfluß aus die Entschließung der Freisinnigen hat der frühere Pfarrer N aum an n. Er ist hypnotisiert von der Einigkeit der Freisinnigen. Er ist sicher ein guter Demokrat und E)ält für seine Person nichts mehr vom Block. Aber er nimmt Rück­sicht auf die Opportunisten unter den freisinnigen Ab­geordneten und widerrät deshalb eine entschiedene Aktion. Die Opportunisten aber kommen nun und hausieren mit Naumanns gut demokratischem Name» zugunsten ihrer schwächlichen Politik. Ein entschlossenes Vorgehen der freisinnigen Vereinigung würde zweifel­los alle freisinnigen Wähler im Lande und damit auch die 50 Manu im Reichstag mit fortreißen..

Eine Versumpfung der Krise hat _ ihre großen Schäden. Bülow ist reis zum Sturz. Dies sagen sich

aus, um ein gewisses Bild von ihrer Tätigkeit zu ge­winnen.

Sie unterstehen der Bahnmeisterei, welche von dem Oberbahnmeister und dem Bahnmeister verwaltet wird. Der Bahnmeisterei sind sämtliche Geleis- und Bahnan­lagen zur Aufsicht und Instandhaltung übergeben, ebenso die Stellwerke und Gebäude in ihrem Bezirk; damit ist die Wichtigkeit der Aufgabe, welche dieser Dienststelle zufällt, gezeichnet. In wirtschaftlicher Hinsicht stehen dic Bahnmeister mit den Eisenbahn-Assistenten 2. Klasse aus einer Stufe. Sic beziehen 1500 bis 8000 M. Gehalt, dessen Höhe nach 21 Jahren erreicht werden kann und einen pensionsfähigen Wohnungsgcldzuschuß von 827 Mark, außerdem Nebenbeznge in der pcnsionsfähigen Höhe von 200 M.

Frühmorgens, wenn die Hähne friüj’it,_ mutz die Hauptarbeit auf der Strecke schon geschehen sein, soweit sie in Reparaturarbeiten besteht: Auswechseln und Neu­legung von Schwellen und Schienen, denn um Uhr morgens rasen schon die ersten Schnellzüge wieder über die nmgebauten Eiscnwege.

Die Streckenarbeiter in Berlin gehen, sooft cs das Bedürfnis erheischt, nachts 11 Uhr zur Arbeit, wenn die Lichter in den lichtdurchflnteten Straßen der Großstadt noch in voller Zahl flimmern, und wenn mancher echte Großstädter erst in, Ausgehen begriffen ist. Sie nehmen ihr Nationalgericht, Kaffee und Stullen, mit. Alkohol ist verboten. Um y 2 12 Uhr müssen sie am Bersammlungs- ort, meist unter einem Stadtbahnbogen, sein. Dort wer­den die Rotten gebildet, gewöhnlich 0 Kolonnen zu je 15 bis 20 Mann unter einen, Rottenführer.

Die Rottenführer stehen neuerdings in, Bcamten- vcrhältnis und in der Lohnklaffe der Weichensteller, also mit einen, Jahresgehalt von 200 bis 1400 M., während

KG. Jahrgang.

alle Aufgeklärten im Lande. Als am 13. Dezember 1906 der Reichstag ausgelöst wurde, schrieb Naumann sehr richtig: Bisher sind die Konflikte zwischen Reichs­tag und Regierung immer dadurch beseitigt worden» haß das Haus aufgelöst wurde. Der Reichstag muß auch einmal deutlich zeigen, daß der umgekehrte Weg möglich ist und der Reichstag den Reichskanzler stürzt. Dieser Weg könnte jetzt zur Tatsache werden. Nur müßte Bülow augenblicklich fallen. Wenn die Krise versumpft und Bülow über eine weniger wichtige Frage fällt, die Freisinnigen ihn etwa bei 8 7 des Ver­einsgesetzes im Stich lassen oder gar bloß &ct einer Steuersrage, der Zigarrensteuer oder dem Spiritus­monopol, gegen die Regierung stimmen, so wird der Kanzler dabei viel mehr die öffentliche Meinung für sich haben als bei der preußischen Wahlreform. Die preußische Wahlreform würde einen gewaltigen Schritt vorwärts tun und die Macht des Parlaments hätte einen großen Erfolg, wenn Bülow infolge seiner Haltung am 10. Januar auf der Strecke bliebe. IT.

. . . . . . . ——

Politische Übersicht.

Zur Polenfrage.

L. Berlin, 16. Januar.

Da nun die Polenvorlage in fteilich beschränkter Gestalt gesichert ist, mag es von besonderem Interesse sein, von mancherlei Anzeichen der Einkehr bei den über den Tag und die Stunde hinausdenkenden Polen zu vernehmen. Die überwiegende Meinung ist immer, daß das Polentum als geschlossene Masse unabänderlich auf dem Standpunkt der unbedingten, der leidenschaft­lichen, der ewigen Bekämpfung der Regierung und der von ihr vertretenen Politik stehe. Im wesentlichen stimmt das ja auch leider, aber es stimmt nicht ganz. Mag sein, daß das schärfere Vorgehen der Staats­regierung, wie es in der Enteignungsvorlage vor allem seinen Ausdruck gesunden hat, aus die Polen eins entsprechende Wirkung übt; jedenfalls haben sich neuer» dings verschiedene Stimmen hören lassen, die einem größeren Entgegenkommen nach der Seite der Regie- rung hin das Wort reden. Es sei in dieser Beziehung in erster Linie an die viel bemerkte Broschüre des polnischen Großgrundbesitzers v. Turno, für die Pro­fessor Delbrück seinerzeit eine hier besprochene Vorrede geschrieben hatte, erinnert. Selbstverständlich war cs eine Kleinigkeit, aus den Äußerungen, mit denen dis polnischen Blätter die Schrift ihres Landsmanns be­gleitet hatten, eine beliebig große Zusammenstellung zu machen, aus der anscheinend unwiderleglich zu er­sehen war, daß die Mahnung zur Versöhnung nur an taube Ohren geklungen hatte. Daneben jedoch gab es. und gibt es weiter einen anscheinend wachsenden Kreis von Personen, die mit Herrn v.Turno zu der Meinung gelangt sind, der Kriegszustand in den Ostmarken dürfe nacht 'Selbstzweck sein, er müsse so beigelegt. werden, daß die Polen Entgegenkoinmen zu zeigen hätten, da- mit auf der anderen Seite die Geneigtheit zur Ein-

die Streckenarbeiter ungefähr den ortsüblichen Tage­lohn, im Winter 10 Pf. 'weniger und mit einer Halb­jährlichen Zulage von 10 Pf. erhalten.

Die Rottenführer stellen die Anwesenheit ihrer Leute fest, dann erfolgt die Meldung und der Befehl zum Ab­marsch. In geschlossenem 3u®. geht es in die Nacht hinaus, dem Gleis entlang. Je zwei Mann schleppen die Fackeln über die Schwellen. Es sind schwere Petroleumfackelu, deren Luftdruckeinrichtung die Stich­flamme vergrößert. So gelangt man zur Arbeitsstelle. Dort ist alles vorbereitet. Die neuen Schwellen und Schienen liegen neben der Strecke. Man prüft die Arbeitswerkzenge. Die Schippe muß jeder Mann selbst mitörtngen, sie ist sein Eigentum, ein Eigentum aller­dings, das sich solange es hält, von dem Vorgänger auf den Nachfolger vererbt. Die Picke dient zum Lösen des Steinschlags, ein Stopphammer zum Anstoppen (Unter- füllen und Feststopsen) der Schwellen: die Schienenzange zum Ausheben der Einzelschiencn und der lange Druck- baum zum Anheben des ganzen Schienenstrangs. Das letzte unentbehrliche Werkzeug ist der Schraubenschlüssel. Inzwischen werden die Warnungssignale ausgestellt: grüne Licht er, welche jedem heran kommenden Zug ihr „Langsamfahren" entgegenblitzen. Ein Wächter steht bei ihnen, der alles Unvorhergesehene der Arbeitskolonns hinter ihm zürnst.

Zunächst wird «usgekofsert. Der Steiuschlag, in welchen der Schienenstrang gebettet ist, wird gelöst und zu beiden Seiten der Gleise aufgehäuft. Die Schienen liegen dann hohl auf den Schwellen und können nur mit großer Vorsicht befahren werden. Kaum hat der letzte Zug die Strecke passiert, gegen 2 Uhr nachts, so hebt beleuchtet vom Fackelscheru, eine wahre Heinzel- männchenarveit an. Dic erste Kolonne löst in fliegen-