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Nr. 27 .
Wiesbaden, Freitag, 17 . Januar 1908.
56. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Wkati.
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Diö Wahrheit über Inzmu.
In der Phantasie der Europäer liegt das meteorgleich zur Weltmacht emporgestiegene Japan wie eine Trauminscl im fernen Ozean. Seine heroische Geschichte, seiir Erwachen zur Kultur des Westens, seine Kunst und seine schönen puppenhaften Frauen haben es mit einem lockenden Schimmer erotischer Romantik umgeben. Nach L a f e a d i o H e a r n gibt es kein herrlicheres Land und kein beseelteres Volk in der Welt als Japan und die Japaner. Jetzt, nachdem die Welt- Ausstellung in Tokio für das Jahr 1912 amtlich angekündigt ist, erwägen gewiß in allen Kulturländern Lausende die Möglichkeit, das Wunderland im fernen Osten kennen zu lernen. In ihrer Phantasie glänzt der schneegekrönte Fnsijama, aus tausend Abbildungen bekannt, reiten schwertumgürtete Samurai aus alten Ritterburgen, singen niedliche Geishas ihre Liedchen zum Klang der Samisen. — Pier re Lmtti und andere haben dafür gesorgt, das ganze Sonnenreich und seine Bewohner als eine Art Baukastcnschöpfung darzustellen. Auf jeden Fremden wartet gewissermaßen schon ein Fräulein Chrysanthemum oder ein Fräulein Pslaumenblüte, um ihn in das genußfrohe Jnselreich einzuführen.
Wie ganz anders ist das wahre Japan,. oas Japan von heute, mit seiner schweren Kriegssteuer und seiner furchtbaren Armut, seiner Kinderarbeit- und seinen Hungerlöhnen, die Tausende, und Abertausende ails absoluter Existenzunmöglichkeit Hinaustreiben nach Korea, Formosa, Amerika. Japan, das seine Weltausstellung ankündigt, um in den europäischen Staaten Vertrauen und Geld zu finden, kämpft daheim einen brutalen Kampf um Brot und Pfennige, und jeder Pfennig hat für den Gewerbetreibenden beinahe den Wert eines Fünfmarkstückes. Längst ist der Siegestanmel, der dein Kriege mit Rußland folgte, vorbei, und Japan ächzt nur noch unter der Last der finanziellen Erschöpfung — eine Last, die bis in dem entferntesten Torfwinkel gefühlt wird. In Liaka und anderen Fabrikstädten sieht man nicht mehr jene tausende bunt gekleideter, glücklicher Kinder in den Straßen, sie sitzen alle in den Fabriken und opfern ibr junges Leben für ein paar Pfennige Taglohn. Di? Transformation aus dem alten Feudalstaat in ein modernes Industrieland ist zu schnell vor sich gegangen. Altes und Neues platzt feindlich aufeinander und bringt eine allgemeine Unrast hervor. Die nerven- loien Japaner, die selbst dem Tode gegenüber Gleichgültigkeit bewahrten, sind in der neuen Umgebung plötzlich und heftig von der allgemeinen Kulturkrankheit. der Nervosität, ergriffen worden.
Der Tourist, der in einem europäischen Hotel wohnt und sich in dem menschlichen Blumengarten des
Joshiwara vergnügt, merkt nichts von der furchtbaren Armut, die das Land ergriffen bat. In Tokio gibt es heutzutage große Stadtviertel, in welchen ein so furchtbares Elend herrscht, wie es in keiner europäischen oder amerikanischen Großstadt zu finden ist. Das Shitoga- Ouartier Tokios mit seinem Hunger, seinem Schmerz und seiner tiefsten menschlichen, Degradation steht noch um manche Stufe tiefer als die Alleys von London, die Höhlen des übervölkerten östlichen New Bork oder die Moskauer Keller mit den „unbekannten Menschen" Gorkis. Ernährungsmöglichkeit ist beinahe ausgeschlossen. Wenn nian in London Leute sieht, die weggeworfcne Zigarrenstummel sorgfältig sammeln, so kann nian in Tokio bemerken, daß sogar die abgebrannten Streichhölzer ausgenommen werden. Unglaublich ist es und Übelbesinden erregt schon die Auszählung alles dessen, was von der Armee der Enterbten gegessen wird. Nichts geht verloren. Die Eingeweide von Haifischen sind zu einem Leckerbissen, geworden, Verdorbene Früchte, übelriechendep Gemüseab- fall, sauergewordener Reis, ranziger Talg — alles wandert in die billigen Restaurationen und wird verbraucht. Selbst um hier zu speisen, bedarf man des Geldes, und daS Land ist überschwemmt von vielen kaufenden aus dem Kriege heimgckehrter Tapferer, die keine Arbeit wieder gefunden haben.
Zur Illustration dieser Verhältnisse veröffentlicht .Walter I. Kingsbeg in „The World» Work" die Geschichte eines dieser Krieger. Takt, Zenzaburo war unter den Jinrikischa-Leuten von Tokio der erste, der seinen zweirädrigen Karren im Stich ließ und zu den Waffen eilte. Sein Verdienst bezifferte sich dainals auf eiii bis zwei Mark pro Tag, übergenug zum Leben. Nach 16 Monaten kehrte Takt, die Kriegsmedaille aus der Brust, in die Heimat zurück. Und hier beginnt sein Elend. In die Reihe seiner früheren Kollegen konnte er aus zwei Gründen nicht zurückkehren, ihm fehlten die 100 Mark zum Ankauf eines neuen Wagens, und hätte er sie auch besessen, wenig hätte es genützt, denn die. neue orkanartig über das Land hinfegende Zeit hatte auch hier aufgeräumt. Den 60 000 Karren, die in Tokio die Droschke vertreten, war durch Straßenbahnen und wirkliche Droschken eine mörderische Konkurrenz erwachsen. Taki gehörte zu der alten Schule, hatte weiter nichts gelernt, als vor dem Jinrikischa zu laufen, und in der ganzen Weltstadt, die 60 000 Häuser und 2 Millionen Seelen zählt, schien für ihn kein Platz mehr zu sein. Von alten Freunden sammelte er ein Vermögen von zusammen fünf Mark. Damit gründete er ein Restaurant und nannte es „Heim der ehrenvollen zehntausend Helden". Für zwei Pfennig konnte man hier eine Schüssel Sashinn oder Fischeingeweide, ein Näpfchen Bohnensuppe und ein Glas Saki erhalten. Die das Land überschwemmender „zehntausend ehrenvollen Helden" besuchten zwar den Kriegskameraden, hatten aber kein Geld und binnen kurzem wcmöerte das ganze Restaurant zum Pfandleiher.
In Tokio kann man ungefähr alles versetzen, was den Wert eines Pfennigs übersteigt. Takt trieb sich bald als ein schmutziger Kuli in den Straßen umher, wie die anderen Helden, und lernte jetzt erst das ganze Elend kennen, von dem sein Volk ergriffen worden ist. Auch die schmutzigen Restaurantabfülle sind dem einzelnen nicht mehr erreichbar. Gesellschaften haben sich gebildet, die den gesamten Abfall mit Wagen abholen, um ihn mit Verdienst wieder zu verkaufen. Tausende von Familen mieten an jedem Abend eine aus Lumpen zusammengenähte Schlafdecke um den vierten Teil eines Pfennigs, denn die eigene ist längst ins Pfandhaus qewandert. Taki und die anderen Helden konnten sich auch diesen Luxus nicht erlauben und schliefen in den Schuppen auf Reiganjima, einer Insel int Suinida- Flutz, wo die Heimlosen Unterschlupf suchen und sich gegenseitig mit ihren Körpern erwärmen. Eines Tages warf Taki sich unter das Gefährt eines Edel- Mannes. Man trug ihn in einen kleinen Laden, wo er starb. In der Hand hielt er einen kleinen Zettel mit folgenden Worten: „Ehrenvolle Landsleute, ich
habe mein Leben dem Daterlande geopfert, der Himmel segne unseren Kaiser."
In den letzten heldenhaften Worten Takis spricht der Geist des ganzen japanischen Volkes. Trotz aller Leiden, welche die Krisis nach dern. Kriegs herauf- beschworen hat. ist das Volk loyal geblieben. Bis 1912 müssen noch vier Jahre verfließen. Wird Japan die Krisis bis dahin überwunden haben, oder wird Tokio, die jüngste Weltausstellungsstadt, dem Besucher ein Volkstum zeigen, das von seiner einstigen heroischen Höbe hinabgestiegen ist zum Niveau des chinesischen Kuli?! W. B. ^
Der kltthoMche Pfarrer Grandingrr gegen üas Zentrum.
Vor einer großen liberalen Volksversammlung» deren Teilnehmer nicht nur aus allen Teilen des Ger-nerAheimer Lau dtag swah l kr e i ses, sondern auch aus anderen Gegenden der bayerischen Pfalz Herbeigeströmt waren, nahm am Sonntag in Germersheim der bekannte katholische Pfarrer Grandinger, Abgeordneter in der zweiten bayrischen Kammer, eine gründliche Abrechnung mit dem Zentrum vor. „Wert der politischen Wahrheit" oder „Das geistliche Kleid rat politischen Kampfe" bezeichncte er als Thema seiner Rede. Z u - n n ch st wies der N e ö n e r die Phrase z n x it ck. die oft an geweihter Stätte erschalle und daher als ein „Evangelium" geglaubt werde, daß nämlich die Liberaler! Kirch cm feinde seien. Dann definierte er die Begriffe „Religion" und „Politik" und wies nach, daß sie im landläufigen Sinne n i ch t s miteinander jit tun ha Ben, daß man ein guter katholischer Christ und Seelsorger und zugleich liberal sein könne. Dabei berief er sich auf Christus, der kein „König der Juden" sein wollte, sondern befahl, alle Menschen zu lieben und zu achten. Demgemäß habe
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
jm Dienste des §Wgelrade§.
Von G. W. Zimmerli.
VII. Beim Rangieren.
,,Was für wunderliche Arin-bewegungen macht jener Mann dort vorne?" fragte ich meinen Begleiter, a!S wir über die Gleisfelder eines großen Rangierhahnhofs schritten. „Er fuhrt die Armsignale zum Rangieren i.us", sagte er mir. „Die Entfernung von ihm zum Lokomotivführer ist zu groß und der Lärm, den das Rangieren verursacht, zu stark, als daß die Signale des Horns und der Mnndpfcife ihn erreichen könnten. Leben Sie acht, jetzt bewogt der Mann — es ist der Schirrmeister, der das Rangiergefchäst leitet — den Arm senkrecht von oben nach unten. Damit deutet er dem Lokomotivführer an, daß dieser die Wagen vorzuzichen habe. Eine wagrechte Armbewegung bedeutet für ihn, daß er rückwärts zu fahren hat, oder, wie wir sagen, daß er die Wagen zurückdrücken soll. Zwei wagerechte Arm- bervögungen, der ein« rasche senkrechte folgt, heißt „Abstößen" der Wagen und eine langsame Kreisbewegung des Armes bedeutet „Halt!" Bei Nacht werden dieselben Signalbewegungen durch die Handlaterne bewirkt. Die Pfcisensignalc werden in derselben Reihenfolge folgendermaßen abgegeben: ein langer Ton, zwei lange Töne, zwei lange und ein kurzer Ton, drei kurze rasche Töne!"
Wir befanden uns mitten in dem Schienen- und Wcichengcwiirr eines großen Rangierbahnhofs. Etwa dreihundert Meter entfernt war der Ablaufberg, wie er jetzt aus allen größeren Bahnhöfen zu finden ist. Der Bahnkörper erhöht sich dort ungefähr auf zwei Meter.
Die st tan gi er l v ko m o t i re führte soeben einen langen Zug hinauf, um kurz darauf Wagen hinter Wagen in die verschiedensten Gleise ablaufen zu lassen. Mit starkem Schwung gleiten die schweren Wagen den Berg herunter, am Signalhaus vorbei und ^eder Wagen erhält dort, wo er in das für ihn bestimmte Gleis emlüuft, den ersten Bremsschuh. Dieser wird etwa zehn Meter vor der Weiche aufgelegt, das Rad saßt ihn und drückt ihn weiter, bis er, da er nur eine einseitige Führung hat, an der Weiche selbst zur Seite fliegt. Der Schwung der Wagen wird dadurch gehemmt, ist aber immerhin noch so groß, daß die Wagen einige hundert Meter weit^rlaufen. Unten auf den Gleisen werden sie von den Rangierern aufgefangen. Ein Rangierer hat zwei bis drei Gleise zu bedienen. Er rennt dem Wagen entgegen und gibt ihm in richtiger Entfernung von dem zu seinem Halt bestimmten Ort den letzten Bremsschuh. Dann gleitet der Wagen langsam bis zu jener Stelle. Ost kurz vor dem he ran sah reu den Wagen sieht man die Rangierer sich über die Gleise beugen, um die Bremsschuhe anfzulegen oder zu verändern. Andere sangen die Wagen mit Brems- knüppeln aus, welche zwischen dem Rad und dem Untergestell eingeklemmt werden. Laufen mehr als sechs Achsen zu gleicher Zeit ab, so muß die vorderste Wagenbremse von einem Bremser bedient werden, weil die Wucht der Wagen für einen Hemmschuh zu groß würde. Wagen, in denen sich Personen befinden, Wagen, die durch Steifkuppelung oder durch die Ladung verbunden sind, Wagen, die mit Vieh, Fahrzeugen, leicht zerbrechlichen oder explosiven Gegenständen beladen sind und mit Säure gefüllte Kesselwagen müssen mit besonderer Vorsicht bewegt und dürfen dem Anprall abgestoßener oder ablaufcnder Wagen nicht ansgesetzt werden. Sie tragen meist die Aufschrift: „Vorsichtig rangieren!" Bahnpostwagen, Speise- und Schlafwagen sind durch grüne Flaggen an beiden Langseiien, die mit explosiven Gegen
ständen beladenen Wagen durch schwarze Flaggen mit weißem P gekennzeichnet. Beim Ablassen der Viehwagen zeigt sich ein gelbes Signal. Wo die Wagen ab» laufen und wo sie ankommen, turnen die Kuppler gewandt zwischen die Puffer, mit die erste Kuppelung zur rechten Zeit einzuhaken, bevor der Wagen durch den Anprall zurückspringt.
Ein fast sinnverwirrendes Leben und Treiben herrscht für den Neuling auf einem solchen Rangierbahnhof, tiberall sieht man bewegte Wagen oder Gruppen von Wagen, Signalgeben und -empfangen, Männer, die den Wagen entgegenrennen, mit ihnen laufen, ans- und abspringen oder zwischen ihnen hervorkriechen. Andere schieben mit Eingezogenen Achseln und gekrümmtem Rücken und im Schweiß ihres Angesichts die schweren Listigen ans den Gleisen weiter. Verantwortlich für das Rangiergeschäft ist der Rangierleiter, kenntlich an dem zinnoberroten L-acklederstreifen, den er während seines Dienstes um die Mütze legt. Ihm ist besonders auch aufgetragen» über die Sicherheit des Rangierpersonals zu wachen. Wie sehr das nötig ist, dafür genüge der Hinweis, daß über ein Drittel aller Unfälle, welche das Leben und die Gesundheit der Eisenbahnangestellten treffen, ans die beim Rangieren beschäftigten Angestellten (Weichensteller und Rangierer) entfällt. Man darf nur die Fachzeitschriften dieser Eisenbahtierkätegorien durchblättern, um fast in jeder Nummer auf der ersten Seite eine schrvarzgeränderte Trauernachricht zu finden: „Am . . . wurde der Rangierer Herr . . . beim Rangieren eines Zuges überfahren. Er starb infolge der erlittenen Verletzungen, Zerquetschung beider Oberschenkel und Zerreißung des Unterleibs, eine Viertelstunde nach dem Unfall." So und ähnlich lauten die ersten Mitteilungen, die der Eisenbahner in seinem Fachblatt findet, zugleich fortwährende Mahnungen an ihn, den Ernst seiner Arbeit zu bedenken. „Rasch -tritt der Tod den Mensche»
