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56. Jahrgang.
Morgen - KNSgsbe.
1. Wkcrtt.
Die WglgKdeutlchey.
Eben erschien im Verlag von Dietrich Reimer in Berlin ein Buch über „Rußland im 20. Jahrhundert von Dr M. L. Schlesinger, ein wertvolles, aus ern- gehendem Studium und reicher eigener Erfahrung aus. gebaute« Werk. Besonders dankenswert ist, daß wir hier im Rahmen einer ausführlichen Gesamtdarstellung der russischen Verhältnisse auch das Deutschtum m Rußland genügend berücksichtigt finden. Aus dem Kapitel über die Wolgadeutschen geben dre „Mitt d Mg. £>■ Sch." als Stichprobe folgenden Auszug: „An der Wolga lieaen zwischen Ssamara und Zurizin über hunderl deutsche Ansiedl ungo n. Es gibt hier zwemnd- dreißig evangelische Kirchspiele von denen allein zwei je 25 000 Seelen umfassen. Die, grotzten Ortschaiten sind Nvrka. das allein 14 000 Einwohner hat ferner Frank. Grimm. Katharinenstadt und Warenburg . . . Die Wolgadeutschen, „die wert über eine halbe Million Seelen zählen durften, beschas- tigen sich hauptsächlich mit Landwirtschaft ... In Katharinenstadt wird besonders Anrs angepstanzr, neben sehr reich entwickeltem Gartenbau betreiben seme Bewohner Getreide- und Holzhandel. Es gibt hier große' Getreidespeicher, die meist am Ufer der Wolga liegen, so daß im Frühjahr die Schiffe direkt an den Sveichern anlegen können. In den Kolonien fanden wir- auch Brauereien, Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen und große Spinnereien . . . Tue Kolonisten bildeten zunächst einen besonderen Staat nnt eigener Verwalftrng. Für jedes Dorf wurden em Schulze und zwei Schöffen und auf je zehn Hose ein Zehntmann von den Gliedern der Dorfgemeinde gewählt. Mehrere Kolonien wurden zu Bezirken zusammengelegt, an deren Spitze ein gewählter Oder- schütze und zwei Beisitzer standen. Über alle war ein Fürsorgekomitee gesetzt, das von der Regierung ernannt "wurde. Die Schulzen waren verpflichtet, aus Fleiß und gute Sitten zu halten. Träge Wirte wurden d»rch Gefängnis und Prügelstrafe zur Arbeit äuge- halten. Nach der 1871 erfolgten Aufhebung des Kolonistengesetzes und nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1874 traten die Kolonisten aus ihrer Sonderstellung heraus. Docg ist ihnen die ausgedehnte S e l b st v e r w a l t u n g der russischen Bauern geblieben ..."
Obgleich ursprünglich nicht die besten Elemente aus Deutschland eingewandert waren, wurde „schon dre zwcite Generation wegen ihres Fleißes und ihrer Be
triebsamkeit außerordentlich gerühmt. Die deutsche, Ansiedlungen in Rußland können uns wohl eru deu- liches Abbild eines sächsischen oder schwäbischen Dorfes aus der Mitte oder vom Ende des 18. Jahrhunderts geben. Wenn ein deutscher Reisender heute die Wolga hinunterfährt, so hört er mit Staunen, daß an oer Wolga Schaffhausen, Basel und Zürich zu finden sind. Er kann hier aber auch Mannheim und Rmenberg, Dönhoff und Alexanderthal, Brockhausen, und Ernestinendorf aufsuchen, und er kann sicher fern, /-uv er überall gut ausgenommen wird. In den Dörfern gibt es zwar keine Gasthäuser, aber hier findet jeder Fremde, sogar der Bettler, freundliche Bmnrtung. . . Die Bewohner der Kolonien sprechen alle Deutsch aoer nicht etwa Hochdeutsch, sondern irgend erne Mundart. ... An der Wolga herrschen die Sach, en und Schwaben vor. In Südrußland und rm Kaukasus hört man vor allem süddeutsche Dialekte, der den Mennoniten aber auch plattdeutsche. . - - Die Bauern in der Provinz Saratow haben unter dem, Einfluß sozialistischer Agitatoren viele Gutsbesitzer versagt und die Gutshöfe verbrannt. Die, deutschen Bauern — fürchten einen Sieg der Sozialisten. Der demsche Bauer nimmt vor der roten Fahne nicht dre Mutze ab und er will es nicht geschehen lassen, wie der russische Bauer, daß man sie ihm vom Kopfe schlagt. Eher wftd er vor dem „roten Schreck" auswandern. . - - - Die deutschen Kolonien in Jeruslan sind die ärmsten, die ich in Rußland gesehen habe. Ganz anders stellt sich aber Sarepta dar. Ich habe diese frühere Herrenhuter-Kolonie im Frühjahr 1905 besucht. >wden Reisenden, der von Astrachan kommt, müssen on wüsten Ufer des Unterlaufs der Wolga ganz trubc stimmen. Auf einmal sieht man aber mitten in dei Salzstcppe ein im schönsten, sattesten Grün prangendes Örtchen mit sauberen Straßen.,, mit schönen Häusern mit einem großen Platz, in dessen Mitte ein Springbrunnen lustig plätschert. Die Bewohner dieses idyllischen Fleckchens sind fleißig und betriebsam. Sie bauen Tabak und pflanzen Senf an; zwei große Fabriken bereiten den berühmten Sarepta-Mostricb, Es werden hier auch in Rußland sehr gesuchte Seiden- und Wollgewebe fabriziert und ein gutes Bier gebraut, und dann gibt cs hier Pfefferkuchen, dre das Entzücken aller Kinder weit und breit bilden., Wer Herrenhut kennt, dem stellt sich Sarepta als ein Abbild dieses freundlichen deutschen Städtchens dar. wch Innersten entzückt durchwanderte ich den Ort. . . . Ein junges Weib, das inmitten eines Gehöftes am Butterfaß stand, gab mir den deutschen Gruß freundlich wieder', und wenn ich nicht dicht daneben Kamele hatte weiden sehen, so hätte ich mich, im Herzen Deutschlands geglaubt und nicht in der Wüste. . . .
DoUtische Übersicht.
Minister von Nheiubaben gegen die Städte.
Im preußischen Landtag hat sich der Minister des Innern von RHeinbaben einen Ausfall gegen die deutschen Stadtverwaltungen erlaubt, der evmlio ungehörig in der Form wie unberechtigt m der «ache ist, und den man auf eine Stufe mit dem unpahenden Wort von der viel zu „luxuriösen Lebensweife des deutschen Volkes stellen kann. Er wirft den Städten ihre an- wachsende S ch u l d e n w i r t s ch a f t vor. Gewiß gibt es eine Reihe von Städten, die seit Jahren von Anleihen leben und bisher noch nicht daran gedacht hÄ>em dre Grundwertsteuern zu reformieren und Zuwachssteuern und Bettermentabgaben einzuführen. Im Laufe der Jahre hätte sich da so mancher Mtllionenanlerheüetrng zu- sammensummiert. Aber abgesehen davon: Dre Stau e wissen wenigstens, wofür sie ihre angelrchcnen und_ a u einem erheblichen Teil ja auch wieder getilgten Anleihen benutzt haben. Einmal dazu, um, den elementarsten Pflichten gegen Leben und Gesundheit der Bürger zu genügen, wobei gerade die oft nüerstrengen Anforderungen d-r Aufsichtsbehörde, deren Chef Rheinbaven ist, manche» unnötige Hunderttausend aus dem Gewissen haben, »u® andern dazu, um die unendliche Kette jener gewaltigen Kultnraufgaben zn erfüllen, die in erster Linie dem dazu verpflichteten Staat obliegen, die er aber geschickt oder aewaltsam — wie wan's neunen will — auf die Städte abgewälzt hat, weil er sein Geld zn Kanonen und Pan- zern braucht. Zum dritten, und das soll nicht übersehen werden, weil der Staat bezw. das Reich eine Unmenge von reinen Verwaltnngspflichten ebenfalls den Städten aufgebürdet haben. Andererseits hat der Staat den Städten die denkbar schlechtesten Einnahmequellen gestattet und die besten für sich behalten. So erklärt sich alles, und es ist grundverkchrt, eigene Schuld auf andere *n schieben. Hoffentlich werden die Stadtverwaltungen noch im einzelnen an der Hand ihrer Etats dem Minister Nachweisen, daß er im Unrecht ist, und daß er eine schlechte Tröstung versucht, mit der eigenen Schnlöenwrrtschaft des Staates bezw. Reiches die der Städte in Parallele zn setzen.
8 Die echten Russen unter sich.
g. Petersburg, 13. Januar.
Daß in einer Vereinigung, wie der Verband der echten Russen, innere Streitigkeiten über kurz oder lang eintreten mußten, war bei der ganzen Richtung dieses Verbandes von vornherein sicher, und, es ist ja bekannt, daß die beiden Hauptmatadore, Purischkewmch und Dubrowinne, jetzt erbitterte Feinde geworden sind uttd sich bekämpfen, wo es irgend angeht. Das an- ständige Publikum im Zarenreiche brldet bei dies ein Kampfe den tertius gaudeus, der mit untergeichmge-
FruiUeLorr.
iNachdruü rerblitrv.)
Dir GtzrlrchsprechMg der AaudMHsl.
Von Hermann Lörrs.
Seit zehn Jahren hat Regierungsrat Prof. Dt. G Rörig zuerst in der biologischen Versuchsanstalt des kaiserlichen Gesundheitsamtes und neuerdings m der biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft zu Dahlem bei Steglitz, umfangreiche Untersuchungen über den' Mageninhalt der einheimischen Raubvogel angestellt, die sich auf viele Tausende von zu allen Jahres- zesten erlegten und gefangenen Stücken erstreckten.
Diese Untersuchungen haben ergeben, batz, von Wanderfalke, Hühnerhabicht und Sperber abgesehen, der Schaden der Raubvögel bisher viel zu hoch, ihr Nutzen viel zu niedrig eingeschätzt wurde, und auf Grund dieser Untersuchungen hat schon im Sommer 1904 das preußische Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten sicb veranlaßt gesehen, den Forst, beamien die Schonung seltener Raubvogel und anderer großer Vögel, wie des Schwarzstorches und des Kranichs, anzuempfehlen. ^ . . , ,, ^ ,
Die Untersuchungen sind auch rn den letzten Zähren eifrig fortgesetzt und über die Ergebnisse der von 1903 bis 1905 gemachten hat Professor Dr. Rörig jetzt erne Statistik herausgegeben, die sich ans 1154 Raubvögel erstreckt, nämlich 23 Fischadler, 10 Schreradler, 11 Zwergfalken 40 Baumfalken, 23 Wanderfalken, 16 Korn- 12 Rohr-, 4 Wiesen- und 3 Steppenweihen, 4 rote und 9 schwarze Milane, 35 Wespen-, 3;>6 Mäuse- und 112 Rauhfußbussarde, 119 Turmfalken, 116 Sperber 56 Habichte, 59 Waldkäuze, 30 Steinkäuze, 98 Wald- und 18 Sumpsohreulen. Uhu, Stein- und Seeadler, die nur noch ganz vereinzelt in Deutschland horsten, lagen zur Untersuchung nicht vor.
Das Ergebnis der Untersuchungen war nun folgendes. Der Fischadler ist ein reiner Fischfresser,, also in
der Nähe von Teichwirtschaften nicht zu dulden. In großen Seegcbieten mit einem Überreichtum von Fischen ist es angebracht, ein Brutpaar leben zu lassen, zumal dieser Adler durch Flugbild . und Stimme der Landschaft sehr zum Schmucke gereicht. Der Schrei- adler, der nirgendswo häufig ist, verment völlige Schonung, da er lediglich von kleinen, schädlichen Nagetieren, Fröschen und Kerbtieren lebt. .
Der Zwergfalke ober Merlin fängt fnst ausschneß- sich kleine Vögel und nur selten Mäuse; er besucht uns aber aus seiner Heimat, dem nördlichen Europa und Asien, nur zur Herbltzeit, und auch dann immer einzeln, und um diese Zeit haben unsere Singvögel schon Deutschland verlaßen, so daß ihm meist nur gemeine Vögel zur Beute fallen. Der Baumfalke, ein klerner, nicht häufiger Brutvogel Deutschlands, lebt vorwiegend von kleinen Vögeln und Insekten. Da dort, wo e- vorkommt, stets ein großer Reichtum an Vögeln herrscht,, fällt sein Schaden nicht sehr ins Gewicht, so daß auch ihm Schonung zugebilligt werden darf. Der Turmfalke siebt unter dem Vogelschutzgesetze: ferne Nahrung besteht in der Hauptsache in Mäusen und Insekten, doch schlägt er hin und wieder auch Kleinvogel, allerdings meist ganz gemeine Arten, wie Sperlinge, Ammern und Lerchen. Der Wanderfalke ist recht selten bei uns geworden. In reinen Niederjagdrevieren ist er nicht zu dulden, da er viel Feldhühner schlägt. Der Meinung, als wäre er der Hauptseind der Brieftauben tritt Professor Rörig entgegen, stellt sich, auch aus den Standpunkt, daß die drahtlose Telegraphie dre Militärbrieftaube in Bälde völlig überflüssig machen würde. Deshalb dürfte es sich empfehlen, m Hochwildrevieren einzelne Brutpaare zu dulden. . .
Die Rohrweide schlägt sowohl größere wre kleinere, allerdings meist belanglose Vögel, nimmt aoer aucy viele Mäuse. Sie kommt überall nur„ tn einzelnen Horstpaaren und stets nur in solchen Sumpfgegenden vor. die ein sehr reiches Tierleben haben; ihr wirlliwer Schaden ist also sehr gering. Die drei anderen Weihen werden nur dem Brüten der Erdbrüter gefährlich; auch
sie leben aber nur in sehr tierreichen Gegenden, und da sie auch viele Mäuse und Insekten vertilgen und durch ihre ausfallenden Farben und ihr prächtiges Flugbild ein herrlicher Schmuck der Landschaft sind, so muß ihre Schonung empfohlen werden. Dasselbe güt für die beiden Milane, die durchschnittlich schon reast selten bei uns sind. Der rote Milan oder Gabelweih frißt in der Hauptsache Mäuse und andere Kleinsäugetiere, der schwarze Milan daneben sehr viele Fische, doch, wie anderweitig festgcstellt wurde, stets abgestandene oder kranke Stücke, denn er ist nicht imstande, wie der Fischadler lebende gesunde Fische zu scylagcn.
Gänzliche Schonung verdient der Wespenbussard; die 35 Stück, die der Forscher von 1303 bis 1906 erhielt, hatten bis auf drei Stück, die einen Vogel, eine Maus und einen Frosch enthielten, nur Insekten aufgenom- men, und es ist anzunehmen, daß der Vogel tot gefunden wurde, denn unsere Vögel kümmern sich um den Wespenbussard gar nicht, ein Zeichen dafür, daß, sie ihn nicht zu fürchten brauchen. Genau so verhalten sie sich dem Mäusebussard gegenüber. Auch er verdient völlige Schonung. In neun Jahren erhielt Professor Rörig 1122 Stücke dieser Art, von denen 744, also 66,3 Prozent, Mäuse gefressen hatten. Der Bussard ist eiu Allesfresser, der neben seiner Lieblingsnahrung, den Mäusen, auch sehr viel Insekten und anderes Klein- getier verzehrt. Reste von jagdbarem Wilde finden sich fast nur vom Herbste an in seinem Magen, woraus zu schließen ist, daß es sich meist um angeschossene und ein- gegangene Stücke handelt. Der Nutzen, den er durch Vertilgung von Mäusen, Hamstern, Wühlratten. Insekten und Insektenlarven bringt, ist so bedeutend, daß der Schaden, den er durch Aufnehmen von Junghasen und Vogelbrütern anrichtet, reichlich gut gemacht wird. Wo ganz besondere Verhältnisse vorliegen, z. B. in zahmen Fasanerien, kann man ihn nicht dulden; sonst aber ist er unbedingt zu schonen. Dasselbe gilt für den nordischen, den Winter bei uns verbringenden Rauhfußbussard; obwohl er in der Jagdliteratur oft noch als böser Feind der Niedcrjagd hingestellt wird.
