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Nr. 2v.

Kbenö-Ausgabe.

1. Ml'crtt.

Marokko und Kern Enke.

Es kommt immer anders! Als im Jahre 1492 der letzte der Maureilkönige, Abu Abdallah el Zakhir, der in der Geschichte unter dem Namen Boabdil bekannt ist, zur Flucht nach Afrika gezwungen wurde, glaubte man, daß das Ende des europäischen Maurenreiches zugleich das Ende der marokkanischen Frage bedeuten würde. Dieser Glaube erwies sich als ein Irrtum, Die marokkanische Frage ist in dieser langen Zeit nie zur Ruhe gekommen, sondern sie ist von dem Augen­blick an, wo Boabdil Ferdinand dem Katholischen, dem Könige von Aragonien, die Schlüssel der maurischen Königsburg, der Alhambra, übergab, bis zur Konse- reuz von Algeciras immer wieder in neuen Formen ausgcraucht, und setzt, wo man sie endgültig erledigt glauüre, stellt sic sich urplötzlich wieder vor, ist sie auf den Plan getreten, unmittelbar nachdem die Fran­zosen, müde des marokkanischen Abenteuers, bereits sich anschickten, zur Retraite vom Spaziergang nach Marokko zu blasen.

In Marokko hat sich, und zwar jetzt in der Haupt­stadt, ein ganz unerwarteter und verblüffender Vor­gang vollzogen, nämlich die Absetzung des Sultans A b d u l A s i s uird die Prokla­mation seines Bruders M u l e y H a s i d zu m Sultan. Ter Umsturz der Throusolgeordnung ist au sich in Marokko nichts Ungewöhnliches. Als Abd ul Asis am 6. Juni 1894 seinem Vater Muley Hassan auf dem Throne folgte, geschah das unter Übergehung seines älteren Bruders Muley Mohammed. Aber es ist in der Geschichte Marokkos auch durchaus kein seltener Fall, daß ein Loieg in der Fcldschtacht oder andere Momente irgend einem Prätendenten in den Augen des Volkes eine größere Legitimität verleihen «ls die verbriefte Throusolgeordnung. Und für die Absetzung des Abd ul Asis glauben die Marokkaner stichhaltige Gründe zu haben, denn sie beschuldigen ihn, das Land nicht, wie es seine Pflicht gewesen wäre, gegen die französische Eindringlinge verteidigt, sondern cs ihnen ausgeliesert zu haben aus Feigheit und um schnöden Geldgewinn. Als im Jahre 1492 König Boabdil bei seiner Flucht aus Europa unter einem Tränenausbruch den letzten Scheideblick ans die Alhambra warf, soll seine Mutter, die ihn auf der Flucht begleitete, ihm zugerufen haben: „Du kannst Wohl um dein Land weinen, um dasselbe zu kämpfen hast du nicht verstanden!" Vielleicht mag jetzt Abd ul Asis, wenn seine Geschichtskenntnisse ihm

Wiesbaden, Montag, LZ. Januar LTÄ8.

das gestatten, des Geschickes dieses letzten Mauren- tonigs in Europa und jener schweren Anklage ge­denken.

Auch Abd ul Asis hat — und das werfen , die Marokkaner, die nach berühmten Mustern die Losung Marokko den Marokkanern! erkoren haben, ihm vor •— es nicht verstanden, um sein Land zu kämpfen, und wenn er, wie einst Boabdil der Tränen­reiche, um dasselbe geweint hat, so müssen es Krokodils­tränen gewesen sein. Der unfähige, schwachmütige Abd ul Asis ist Schritt für Schritt vor den Franzosen zu rückgewichen, denen ec die Rechte und den Boden seines Landes um schnödes Gold verschacherte. Während die Franzosen nach der Ermordung deä Arztes Dt. Mauchamp, der ein Opfer seiner eigenen Unvorsichtigkeit wurde, „zeitweilig" Udscha besetzten, residierte Abd ul Asis tatenlos in Fez. Als die fran­zösischen Truppen Casablanca nahmen, _ versicherte Abd ul Asis die französische Regierung seiner unbe­dingten Loyalität. Als dann die Kanonade in Nord­marokko gegen die Beni Snassen folgte, unterhandelte der Sultan mit Frankreich wegen der Ausnahme einer Anleihe. Und. als jetzt endlich die Franzosen Kasbah Mediuna einnahmen, übersandte ihnen Abd ul Asis seine ergebensten Glückwünsche!

Es mag wie eine Art Vergeltung erscheinen, daß in . demselben Augenblick, wo Abd ul Asis die franzö­sische Regierung angratulierte, in Fez seine Absetzung und die Proklamierung Muley Hafrds zugleich mit der Verkündung des heiligen Krieges gegen Frankreich erfolgte. Muley Hafid hattewieder­holt, aber vergeblich gegen die französische Invasion protestiert, und er hatte sich auch zu Verhandlungen bereit erklärt, aber die Franzosen, welche mit dem Sultan Abd ul Asis ganz Marokko in der Tasche zu haben glaubten, meinten über beit Prä­tendenten zur Tagesordnung übergehen zu können. Das war ein Irrtum, der sich schwer gerächt hat. Die Franzosen haben jetzt, wie es wirklich scheint, nicht mehr ein getrenntes Süd- und Nordmarokko, sondern ein geeinigtes Land vor sich, dessen Hilfskräfte nicht zu unterschätzen sind, und sie sind damit vor eine ganz neue Lage gestellt. Die A Igecirasakte ist heute nicht mehr wert als das Papier, aus dem sie ge­schrieben ist, und die Franzosen sind jetzt vor die Wähl gestellt, ob sie sich aus Marokko zurück z i e. h e n oder aber einen förmlichen Feldzug gegen das Land er­öffnen wollen. 'Raus aus den Kartoffeln oder 'rein in die Kartoffeln, das ist jetzt die Frage. Die führen­den französischen Blätter scheinen für die erstere Taktik zu sein, denn sie ermahnen zum Abwarten und zum Stoppen. Wenn aber einzelne Pariser Zeitungen meinen, daß die Ausrufung des heiligen Krieges nicht bloß ein Frankreich, sondern alle Staaten interessieren-

3b. Jahrgang.

des Ereignis sei, so dürften die an der Algeciras- akte beteiligten Staaten wohl diese zuvorkommende Einladung zum Diner, zum Mitauslöffeln der Suppe, welche die Franzosen sich eingebrockt haben, höflich,, aber entschieden ablehnen!

El Mokhri erklärte in Paris in einem Interview, Marokko sei allgemein im Zustande einer großen Aufregung. Der größte Teil des Landes sei der Anarchie preisgegeben. Trotzdem hege er Hoffnung für die Zukunft. Alle guten Marokkaner seien derselben Ansicht. Abdul Asis habe den größten Teil der Arbeiterklasse auf seiner Seite. Die Autorität Abdul Asis wird mit Unterstützung Europas triumphieren. El Mokhri wird über seine Reise nach Paris keine Mit­teilung machen, solange er nicht mit Pichon eine Unter» redung gehabt hat.

Die Nachricht englischer Blätter über die Entsendung einer Kolonne von 5000 Mann nach Setrat ist unbe­gründet. Die Kolonne ist nicht nach betrat, sondern nach Fedallah abgegangen, welches gerade in entgegengesetzter Richtung von Settat liegt.

General D a m a d c hat einen Kuudschafterritt längs der Küste nördlich von Casablanca unternommen. Hier­bei ereignete sich keinerlei Zwischenfall.

wb. Tanger, 12. Januar. (Agcnee Havas.) Nach- richten ans Larasch zufolge wurde Mulen Hafid am 4. Januar auch in Mektnes von der Bevölkerung und den Notabeln zum Sultan ausgerufen.

hd. Paris, 12. Januar. Die Proklamation des Sul­tans Muley Hafid erfolgte in den beiden bedeutendsten Moscheen von Fez. Alle Scheriffs und Notabel» waren zugegen. Unter anderem wurden folgende Bestimmungen bekannt gegeben: Abschaffung aller zu Alge-

c i r a s getroffenen Maßnahmen, Änderung der a l g e - r i s ch eit G x enjc, Rückga ü e der g a n ; c n Sahara durch Frankreich an Marokko, Abschaf­fung der Steuern des Maghzen und schließlich das Ver­bot an alle Marokkaner, die Protektion der Ausländer anzurufen. In Tanger herrscht große Erregung über die Proklamation Muley Hafids.

bä. Paris, 12. Januar. Der „Tcmps" sagt, cs sei die äußerste Zurückhaltung nötig, um Abdul Asis gegen seinen Bruder zu verteidigen, da es einer überaus großen militärischen Anstrengung bedürfe. Frankreich könne um Abdul Asis den Gang nach Fez nicht unter­nehmen. Frankreich werde voraussichtlich genötigt sein, vorläufig zu „st o p p e n". Auch das „Journal des De- bats" erklärt, Frankreich könne unter den gegenwärtigen Umständen nichts anderes tun, als ab zu warten, wie sich die weitere Entwickelung der Ereignisse in Ma- rokko gestalte.

wb. Paris, 12. Januar. Infolge der marokkanischen Ereignisse fand heute beim Ministerpräsidenten Clämen-

F5MܧtE.

Vou aNZWärtigen Buhnen.

Eröffnung des Weiurarischen Hostheaters. — „Kaiser Karls Geisel" von Gerhart Hauptmann.

Man schreibt uns aus Weimar, 12. Januar:

Im Glanze einer erlauchten Gesellschaft ward gestern abend das neue Hostheater in verjüngter und verschönter Gestalt eröffnet. In der Hofloge saß zur Rechten des Großherzogs der Kaiser, der gegen 6 Uhr in Weimar eingetrofscn war. Von auswärtigen Fürstlichkeiten ge­wahrten wir Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, den Regenten von Vraunschweig mit seiner Gemahlin und deren Schwester, Fürstin Rcuß, beides Töchter des verstorbenen Grvßherzogs Karl Alexander. Fast von allen großen Theatern waren die Intendanten und Direktoren gekommen: Herr von Hülsen aus Berlin, von Speidel-München, von Seebach-Dresden, Graf von Bylandt-Cassel u. a. gewahrten wir da: von den früheren Mitgliedern des Weimarer Theaters sollen Agnes Sorma, Frau Gutheil-Srhvöer, Paul Wiecke, Schcide- mantel, Eugen d'Albcrt dagewesen sein.

Das Innere des Zuschauerraums wie das ganze Bauwerk machte einen ausgezeichneten Eindruck: daß tn diesem Hause gute Kunst aufs beste gepflegt werden könne, ist die allgemeine Meinung, und daß sie auf lange Zeit hinaus bahnbrechend gepflegt werden möge, ist der Wunsch. Die Architektur des neuen Hoftheaters beweist neben der Wahrung einer ruhigen Größe und Schönheit des Äußern vor allem eine hervorragende Beherrschung des B üh n e n t e ch n i s ch c n und eine Berücksichtigung der künstlerischen Erfordernisse der Bühne, wie sie nur einem meisterhaften Thcaterbau- nicistcr gelingen können. Professor L i t t m a n n , der Schöpfer dieses Hauses, konnte hier seine Erfahrungen, die er beim Van des Prinzregenten-Theatcrs in München gesammelt hat. verwerten und so um so mehr sein Werk zustande bringest, das unter den Thcaterbautcn der Neu­

zeit eine hervorragende Stelle einnehmen wird. Nicht um die Verwirklichung ganz neuer Ideale, etwa der Ver­einfachung der Bühnenmittel im Sinne einer Shake­speare-Bühne oder im Sinne des Bayreuther Festspiel­hauses konnte cs sich hier handeln: der Baumeister hatte vielmehr in allererster Linie mit den Erfordernissen eines Hof- und Rangthcatcrs zu rechnen, das den verschiedenen Bühnenwerken, großer Oper, Spieloper und Schauspiel jeder Gattung eine Stätte bieten muß. Soweit cs aber dieser verallgemeinerte Zweck zulictz, hat Littmann hier Neuerungen im Sinne einer Reform verwirklicht, so z. B. die dem amphitheatralischen Prinzip sich nähernde Anlage des Parketts mit einem Steigungsverhältnis von 1 :5,4, um jedem Platz ein erweitertes Gesichtsfeld zu geben, so auch namentlich die bedeutungsvolle Er­findung eines variablen Proszeniums, das nicht allein gestattet, ein verdecktes Orchester hcrzustcllcn, sondern auch etwas der Shakespearebühne Ähnliches zu schaffen. Über diese wichtigste Einrichtung der neuen Bühne seien noch einige nähere erklärende Worte an- gefttgt. Professor Littmann selbst schildert die Anlage in einer soeben fertig gewordenen Denkschrift über das Weimarer Hoftheater folgendermaßen:

„Das variable Proszenium ist eingebaut in einen doppelten Proszcniumsrahmcn und besteht in der Haupt­sache aus einem seitlich und oben schließenden Schall­trichter, ans einem versenkbaren Orchestertisch mit aus­ziehbaren Stufen, aus einer Brüstungswand für das offene Orchester und aus einer deckenden Brüstungswanü mit verschiebbaren Schallüeckcln für öc-8 versenkte Or­chester. ES bildet in seiner Grundstellung den offenen Orchesterraum, dessen Einfassung sich nur durch den Fort­fall der Proszeniumslogen von der allgemein üblichen Ausgestaltung unterscheidet. An deren Stelle befinden sich geschlossene Wände, die nur gegen den Orchesterraum zu durch die den Zugang vermittelnden Türen durch­brochen sind. Soll nun die Umgestaltung des Raumes für das gesprochene Drama erfolgen, so wird die vordere Brüstungswanü hevabgelassen, der Orchestertisch gehoben und aus diesem eine Stufenlagc herausgeschoben. Mit dem Orchestertisch heben sich die seitlichen Wände: die

vorher den Zugang znm Orchester vermittelnden Türen bieten von der Buhne aus Zutritt zu dem nun ge­schaffenen Proszenium, das durch die Stufenanlage in eine ideelle Verbindung mit dem Zuschauerraum ge­bracht ist. Das so erzielte große Proszenium hat nun den Vorteil, daß es zu Vorspielen benutzt werden kann, her denen der Vorhang die für den nächsten Akt aus­gestellte Szene noch deckt. Dieses Proszenium erfüllt alle Anforderungen der sogenannten Shakespeare-Bühne. Und braucht man das versenkte und verdeckte Orchester für das Tönldrama, so wird der obere Teil des Schall­trichters nach oben, seine seitlichen Teile werden seit­wärts geschoben, so daß zur Dämpfung und Mischung der Klänge ein wesentlich größerer Proszcniumsraum verfügbar wird." Interessant ist auch die Lösung ver­schiedener Beleuchtungsprobleme. Wenn dieses variable Proszenium verwendet wird, so geschieht die Beleuchtung durch eine in der Höhe des Zuschaucrraums gelegene neuartige Beleuchtnngsvorrichtung, -die nach der Art der Märineschcinwcrfer ohne den sichtbaren Lichtstreif ange­legt ist. Die gesamte Beleuchtung des Bühnenhauses gründet sich auf die erkleckliche Anzahl von 1406 Glüh­lampen in festen Beleuchtungskörpern und 388 Glüh­lampen in beweglichen Vcrsatzstücken, sowie 6 Schein­werfern. Tic Unterbühne ist mit zahlreichen Ver- senknngsapparaten und einer Vorrichtung zur Platean- hcbnng und -senkung versehen, die gestattet, einen großen Teil des Bühnenniveaus um 2 Meter höher und 2 Meter tiefer zu legen. Schnür- und Rollenbodcn erfreuen sich der neuesten technischen Errungenschaften, die Neben- bühnenräumc, die bei einem so alten Theaterinstitut naturger-kätz für sehr umfangreiches Material Unterkunft geben müssen, sind relativ groß. Wie bei allen neuen Theateranlagen ist der gesamte maschinelle Apparat von einer Zentralstelle ans zu verständigen, und den Vor­kehrungen gegen Feuersgcfatzr ist besondere Sorgfalt gewidmet worden.

Der Zuschauerraum ist ohne Pomp in der Farben- tönung Blaugrün-Wcitz-Gold gehalten, zu der die kirschbanmrotcn Stühle mit grauer Manchestcrbespan- nuna in wohltuendem Gegensatz stehen. Keine Prosze-