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Nr. LV.
Morgen - Kusgabs.
1. Mtirtt.
Pslinsche Mochsnschün.
Die kurze parlamentarische Weihnachtspause hat in dieser Woche ihr Ende erreicht, und am Mittwoch ist sowohl der deutsche Reichstag wie das preußische Abgeordnetenhaus mit frischen Kräften an die Lösung der zahlreichen Aufgaben herangegangen, die beider Parlamente harren. . Der Kernpunkt der Schwierigkeiten, welche die politische Lage im neuen Jahre bietet, liegt in den leidigen Finanznöten, von denen ebenso die Einzelstaaten wie das Reich heimgesucht sind. Auch der Etat fü r 190 8 , den oer Finanzminister v. Rheinbaben am Mittwoch im preußischen Abgeordnetenhause eingebracht hat, spiegelte diese Not der Zeiten deutlich wider, denn trotz großer Sparsamkeit muß auch diesmal in Preußen nicht nur zu einer stärkeren Anziehung der Vermögenssteuerschraude, sondern für etliche Ausgaben auch zu einem kräftigen Staatspump die nicht mehr ungewöhnliche Zuflucht genommen werden.
Noch schwerer aber als die Einzelstaaten leidet das Reich unter der Finanzmisere, und die Beseitigung dieser Nöte wird nicht nur den Kernpunkt der bevorstehenden Verhandlungen im Reichstag, sondern zugleich auch den springenden Punkt der Blockpolitik bilden. Eben deshalb beanspruchen auch zurzeit die Verhandlungen hinter den Kulissen mehr Interesse als die vor den Kulissen, denn die ganze Fortführung dieser parlamentarischen Arbeit, ja der Bestand des konservativ-liberalen Blocks hängt am letzten Ende von der Einigung über die Steuersragen ab. An Vorschlägen für eine solche Einigung fehlt es nicht, aber bisher hat sich iwch keiner als zur Lösung des gordischen Steuerknotens geeignet erwiesen.
Ein recht sonderbarer Einigungsvorschlag scheint * es zu sein, den, wie dieser Tage bekannt geworden ist, der frühere französische Deputierte Fraiicis Laur dem deutschen Kaiser zwecks Herbeiführung einer deutsch-französischen Entente gemacht hat. Der sonderbare Schwärmer soll dem Kaiser während des Aufenthaltes in Highcliffe ein Memorandum _ überreicht haben, worin als Kernpunkt der Verständigung diö „Lösung der elsaß - lothringischen Frage" bezeichnet wird. Wenn dies kuriose Memorandum überhaupt einer Aptwort gewürdigt sein sollte, so hat diese sicherlich besagt, daß die elsaßlothringische Frage bereits vor 3 y 2 Jahrzehnten, nämlich im Jahre 1871, gelöst worden ist.
Die ernsthafte französische Presse hat denn auch die politische Mission des Herrn Laur nicht anders ausgenommen, als es in Deutschland geschehen ist, und man wendet in Frankreich zurzeit weit größere Beachtung
Feuilleton.
Mackidruck vrrboieno
Im Nichtraucherabteil.
Ein Reiseerlebnis von A. v. Heydeck-Crvne.
Irmgard v. Slanten war fest entschlossen, wenn sie einmal allein reisen durfte, nicht im Damenabteil zu fahren.
Mit kleinen Kindern und alten Frauen in einem engen Raum eingeschlossen zu sein, keine Fenster öffnen dürfen und Schreikonzerte anhören zu müssen, das war nichts für sie. In den anderen Abteilen hatte sie mehr Aussicht auf eine nette Gesellschaft.
Man las so viel in Büchern von interessanten Reisebekanntschaften — vielleicht wollte es das Glück, daß sie auch eine machte. Ihr Spiegel sagte ihr ja täglich, daß sie ganz niedlich sei — warum sollte sie also nicht auf ein Abenteuer oder eine kleine Eroberung hoffen? Natürlich alles in den vornehmsten, ^ mädchenhaften Grenzen, aber doch einmal aus dem Alltagsgenre heraustretend, nur der Macht ihrer Persönlichkeit geltend! Es mußte reizend sein, nur ganz seiner selbst willen jemand zu gefallen, ohne daß Namen, Stellung des Vaters und Vermögen irgendwelchen Einfluß ausübten.
Und heute durfte sie endlich allein reisen. Sic war glückselig. Ein heimliches Vorgefühl sagte ihr, daß es nun kommen würde und müsse, daß sie am Vorabend aroßer Ereignisse stände! Und so stieg sie in Frankfurt in ein Nichtraucher-Abteil des v-Zuges „nach Nürnberg, obwohl ihr der Schaffner mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt das vollständig leere Danienabteil geöffnet hatte und ihre Abwehr dagegen mit einem mißbilligenden Blick begleitet hatte. Tut nichts, aus Schasfnersmeinnngen kann man keine Rück-
WiesdKden, Sonntag, 12 . Januar 19©§.
einer anderen Verständigungsaktion zu, die mit dem Besuche des französischen Ministers des Auswärtigen P i ch o n in Madrid zusammenhängt. , Offiziös wird freilich erklärt, daß es sich dabei lediglich um einen freundschaftlichen Höflichkeitsbesuch handele, aber inan braucht feilt Prophet zu sein, um zu erkennen, daß Herr Pichon „fern im Süd das schöne Spanien" über Frankreichs Marokko-Politik beruhigen will. Die Spanier haben die Marokko-Politik, die ihnen nichts eingebrachk, aber das ausgebracht hat, was sie am nötigsten brauchen, nämlich Geld, gründlich satt, und die französische Abenteurer-Politik wird ihnen nachgerade unheimlich. Daher die Beruhigungsvisite Pichons.
Ernsthafter als diese Eifersüchteleien der beiden im Grunde marokkomüden Mächte ist die englisch - russische Rivalität in Persien, welche aus Anlaß der letzten Unruhen in schroffer Weise hervorge- treten ist. Die Gesandtschaften Großbritanniens und Rußlands haben der Medschläß, der persischen Volksvertretung. ihre Rechnung für die Beeinflussung des Schahs bei den letzten Wirren quittiert und damit zum Ausdruck gebracht, daß sie zurzeit mehr Wert auf die Volksgunst als auf die Mohammed Alis legen, Unter - dessen hat sich aber bereits herausgestcllt, daß der so feierlich besiegelte Friede zwischen Herrscher und Volk ein recht fauler Friede ist, der über kurz oder lang neuen Verfassungskämpfen Platz machen dürfte.
Ganz ähnlich wie dem Schah und seinen ungetreuen Untertanen geht es> den Japanern und den A m e - ttf aitcrtt, die sich so oft vertragen, daß dies nachgerade bedenklich wird, denn zum Schluß geht dem Vertragen imnier ein Schlagen voran. An den geraden Tagen verprügeln die Amerikaner die japanischen Arbeiter, und an den ungeraden Tagen versichern die beiderseitigen Regierungen, daß alle Mißverständnisse beseitigt seien, und daß die Verhandlungen wegen Einschränkung der japanischen Auswanderung nach den Vereinigten Staaten einen befriedigenden Verlauf nehmen'. Unter diesen Umständen hätte man längst mit einer Verschärfung des chronischen Konfliktes rechnen können, wenn nicht die Japaner gründlich kriegsmüde wären und die Amerikaner durch das Beispiel Rußlands geschreckt würden.
Im Zarenreiche lautet Paragraph 11 nach wie vor: es wird sortgewurstelt. Von irgendwelchen ernst - lichen Versuchen, der allgemeinen Zerrüttung in den: Lande, wo sstaub und Mord, Attentat und Hinrichtungen nachgerade zu den alltäglichen Dingen gehören, entgegenzutreten, von großzügigen Reformen hört man nichts, und die leidtragenden Volksmassen, welche von der neuen Duma nur deshalb nicht enttäuscht sind, weil sie von ihr nichts erwartet hatten, müssen sich wieder wie früher mit deni entsagungsvollen russischen Sprichwort trösten: Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit!
sichten nehmen, wenn man entschlossen ist, aus der Hürde der vorgezeichneten Gewohnheiten zu brechen und ein Abenteuer zu erleben.
Die Baronesse v. Slanten stieg also ins Nichtraucherabteil. Auf den gelbgrünen Velourspolstern saßen schon ein junger und ein alter Mann — wohlverstanden, die Baronesse sagte „Mann", denn sie unterschied sehr sein zwischen Mann und Herr, und da sie ihre beiden Abteilsgenossen auf Handlungsreisende taxierte, fiel es ihr natürlich nicht schwer, sogleich die richtige Bezeichnung zu finden.
Der ältere half ihr freundlich beim Unterbringen von Reisetasche und Schirm, und sie dankte ihm ebenfalls freundlich dafür. Dann aber, um eine etwaige Gesprächsanknüpfung zu vermeiden, vertiefte sie sich eifrig in ein mitgenommenes Buch.
Allmählich jedoch ließ dieser Eifer nach, und nur noch scheinbar beschäftigte sie sich mit Lesen. Was sie da hörte, interessierte sie doch als Evastochter. Der jüngere der Männer hatte sich nämlich als Reisender in Band, Federn und Spitzen entpuppt und gab iin Gespräch mit seinem Gefährten einen wahren Modebericht heraus.
Plötzlich tippte er aus den Hut, den seine Nachbarin abgenommen und neben sich gelegt batte.
„Sehen Sie, das ist ein Modell von der Elise Schwalbe, Berlin, Leipzigerstraße!" erklärte er sicher.
Überrascht und belustigt ließ Irmgard ihr Buch sinken, und unwillkürlich antwortete sie: „DaS
stimmt."
Die vornehme Zurückhaltung, deren sie sich befleißigen wollte, war ganz vergessen.
„Ich taxiere ihn aus fünfzig Mark", fuhr der Rei- sende fort.
^Sie war noch mehr überrascht und belustigt. „Stimmt ebenfalls", gab sie lächelnd zu.
„Na, sehen Sie, Fräulein, ich weiß ja, die Schwalbe verkauft ihre Sachen zu billig. Für diese Qualität
5C. Jahrgang.
Die Prejse zur Wow-ErklmmlZ.
Nachfolgend eine Anzahl bemerkenswerter Preß- stimmen zn der mehr als rückständigen Erklärung des Fürsten Vülow in der vorgestrigen.Landtagssitzung:
Die national liberale „Nationah-Z e i tuit 3 " schreibt: „Nun endlich wissen wir's also! Nämlich, was die preußische Regierung in Sachen der Wahlrcform nicht iv i l l. Sie will erstens nicht das Reichstags- ivahlrecht — das ist nicht neu, und kein Mensch Hätte cs anders -erwartet — sie will aber zweitens nicht die geheime Wahl. Die Sozialdemokratie wird aufatmen! Eines ihrer wirksamsten Agitatrons- und Schreckmittel ist ihr von. der Regierung, frisch anfpoliert und neu ver- stählt, in die Hand gedrückt worden. Daß die letzten Reichstagswahlen mit ihrer Abkehr großer Massen des kleinen Mittelstandes von der 'Sozialdemokratie bei öffentlicher Stimmabgabe so nicht möglich gewesen wären — kein Unbefangener verschließt sic!> dieser Einsicht. Aber die preußische Regierung ist noch b e f a n g e n in den A n s ch a n u n g c n einer, überwundenen Epoche, die in der öffentlichen Stimmabgabe einen Schutz gegen das Anwachsen sozialdemokratischer Stimmen erblickte. Daß es heute viel wichtiger wäre, freie und selbständige Arbeiter, Handwerker und Kletu- kaufleute gegen fielt Terrorismus der organisierten und oogmengläuüigen Genossen zu schützen — davon hat man in den Schreibstuben und an den grünen Tischen der preußischen Regierung noch nichts gemerkt. Man wird an dein Spottvers „Nur immer langsam voran, daß die österreichische Landwehr Nachkommen kann" wirklich bald eine kleine Änderung vornehmen müssen. Was die Regierung in Sachen der Mahlreform also nicht will, weiß man,' was sie will, weiß sic selbst noch nicht. Lne weiß nicht, ob sie das Herumfltcken und -stückeln am Treiklassenshstem fortsetzen oder ob sie sich mit einem neuen, zeitgemäßen System befreunden soll. Über die Einteilung der Wahlkreise, die durch Verschiebung und Vermehrung der Bevölkerung längst zu einer Spottgeb u r t geworden ist, Hat sie sich Gedanken anscheinend überhaupt nicht gemacht. Sie verzichtet endgültig darauf, in dieser heiß umstrittenen Frage der Wahl- rcform die Führung zu übernehmen — sie stellt die Eni- scheiöung den Übertreibungen und Anfälligkeiten des nächsten Wahlkampfes anheim: eine gefährliche Politik, hauptsächlich deshalb, weil sie die ganze Unsicherheit und ünrnhe' der preußischen Wahlen in die Reichspolitik hineinträgt; denn dieselben Schlachthausen, die die Politik des Reiches gemeinsam führen sollen, werden nun tu Preußen -auf Monate gegen- und hintereinander gehetzt. Die Frage: „Wie denken Sic über die Wahlreform?" wird keinem Kandidaten erspart bleiben, dafür wird schon die Sozialdemokratie sorgen. Läge eine Erklärung der Regierung vor, die klare Wege und deutliche Ziele anszcigte, so hätten sich um diese Wahlparole alle gemäßigten und besonnenen Elemente sammeln können. Nachdem aber die Regierung in aller Form
Band und Sammet und für die Goldfasanfedern ist das ein wahrer Spottpreis."
„Nun, ich finde fünfzig Mark gerade genug. Nur weil es ein Modell sein sollte, habe ich so viel gezahlt."
Der Reisende lachte hell auf. „Ein Modell? Na ja. was hängt man dem Publikum nicht alles als Modell auf! Was denken Sie denn, Fräulein, ioas ein ordentliches Modell kostet? In Paris bekommt inan für tausend Frank nichts Rechtes; die werden mit drei- bis viertausend Frank bezahlt. Unter vier- bis fünf- hundert Mark gibt cs überhaupt keinen anständigen Damenhut. Sehen Sie, in Berlin sieht man ja ganz nette Sachen, aber kommen Sie mal nach Frankfurt, da lohnt es zu verkaufen. Die Kommerzienrärin I. trägt Hüte für viertausend Mark, die Iran Bankier S. für zwei- bis dreitausend, und so könnte ich Ihnen noch ein paar Dutzend feine Damen nennen."
Die junge Dame schüttelte im höchsten Erstaunen den hübschen Blondkopf, der sich bis dahin von solchen Anforderungen an die Bezeichnung „fein" noch nie etwas hatte träumen lassen.
„Aber wie kommen denn solche Hulpreise heraus? Da müssen doch wenigstens Agraffen von echten Steinen darauf sein?"
„Bewahre!" belehrte sic ihr Nachbar, „nur anständige Federn, echte Spitzen und wirklich seine Blumen.
Sehen Sie" . er wies ans ein kleines Kösferchen über
sich im Handnetz — „darin sind für dreitausend Mark Federn, gerade zehn Stück. Ich will sie Ihnen nial zeigen." .
Er holte den Koffer herunter, zeigte die Federn, und einmal ins Erzählen gekommen, sprach er lebhaft weiter. Er bereise jetzt Bayern, das sei aber sehr in der Mode zurück.
„Da bringen wir nur unsere übrig gebliebeiien Muster voin vergangenen Jahre zmn Verkauf. Feine Stücke gehen da überhaupt nichts meinte er geringschätzig.
