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Nr. IS.
Wiesbaden, Donnerstag, N. Januar 1KV8.
56. Jahrgang«
Morgen ° ttusgobs.
1. Wkcrtt.
SssialpoMsthZ IlMschau.
-- Anfang Januar. —
Der rvichtigste sozialpolitische Vorgang des verflossenen Jahres war ohne Zweifel die En t l a s s u n g hes -Grafen von Pos-adowsky, der, wie man behauptet, aber nicht mit Sicherheit weiß, der Blockpolitik zum Opfer gefallen sein soll. Welche Gründe auch den Abgang dieses bedeutenden ManneS veranlatzten, fein Rücktritt wird immer -ein schwerer Verlust für die sozialpolitische Entwickelung in Deutschland bleiben. Sein Nachfolger Herr von Bethmann-Hollweg wird sich erst bewähren müssen und hat nur einen kleinen Anfang gemacht mit der Novelle zur Gewerbeordnung, die dem Reichstag kurz vor Weihnachten zugegangcn ist. Der wichtigste Teil dieses Gesetzentwurfes bezieht sich auf die Einführung des zehnstündigen Maximalarbeiistages für Fabrikarbeiterinnen. Es soll endlich eine Forderung erfüllt werden, um die seit laugen Jahren Unternehmer und Arbeiter heftige Kämpfe miteinander führten und über deren auch von den meisten Arbeitgebern heute anerkannte Berechtigung kein Wort mehr zu verlieren ist. Aber wie will der neue Staatssekretär für Sozialpolitik diese Forderung verwirklichen! Es soll erlaubt sein, die Arbeitszeit für Frauen in Fabriken derart fakultativ zu regeln, daß die Beschäftigung auf 1l Stunden täglich ausgedehnt werden kann, wenn nur die wöchentliche Arbeitszeit nicht über sechzig Stunden beträgt. So hatten sich allerdings reformfreunöliche Industrielle, Sozialpolitiker, Arzte und alle Menschenfreunde die Einführung des Zehnstundentages nicht gedacht. Was bedeutet denn diese Art „Reform"? Die Arbeitszeit kann an fünf Tagen in der Woche also auf 11 Stunden ausgedehnt werden, wenn nur an Samstagen oder an einem beliebigen Tage der Nachmittag freigegeben ist. Alle die sozialen Vorteile, die man mit Recht von dem Zehnstundentage für Frauen erwartet, würden bei dieser „Reform-" bis auf eine Kleinigkeit unter den Tisch fallen!
Eher kann man mit einer weiteren wichtigen Bestimmung des Entwurfs einverstanden sein, die endlich dem Streit wenigstens in der Arbeiterschutzpolitik über fabrik- vd.er handwerksmäßigen Betrieb dadurch ein Ende macht, daß sie die ArVeiter- kchutzvorschriften auf alle Betriebe ausdehnt, in denen zehn Arbeiter beschäftigt werden. Auch daß der Entwurf di- Konkurrenzklausel ans drei Jahre beschränkt, den Fortbildungsschulzwang für weibliche Arbeiter unter 18 Jahren einsührt und vorschretbt, daß Zeugnisse schon vom Tage der Kündigung ab ausgestellt werden müssen, soll als Fortschritt anerkannt werden. Zu einer bedauerlichen Halbheit gelangt der Entwurf jedoch wieder bei den Bestimmungen über die Hausindustrie. Er macht Vorschriften über genügendes Licht, aus-
Ver- der kann —
reichenden Luftraum und Luftwechsel nsw., unterläßt es aber, Bestimmungen zu treffen, nach denen die Durchführung dieser Vorschriften erzwungen werden kann. Ebenso wünscht er, daß hausindustrielle Arbeiter ganz allgemein nicht zu einer Beschäftigung verwendet werden, die Gesundheit und Sittlichkeit erheblich ge fährdet, aber er gelangt nicht zu einem wirklichen bot, sondern lediglich zu der Bestimmung, daß Bundesrat derartige Beschäftigung verbieten er kann es, mutz es aber nicht.
Das ist tatsächlich „hinkende Sozialpolitik", gegen die man sich um so nachdrücklicher wenden muß, da wir nachgerade genügend schlimme Erfahrungen mit anscheinend wohlgemeinten Schutzgesetzen gemacht haben, die wegen der von ihnen gestatteten vielen A u s - n a h nr e n fast nur auf dem Papiere stehe n. Wir erinnern hierbei au die Verordnungen zum Schutze der Bäckereiarbeiter, die jüngst die Zweite Sächsische Kammer einen ganzen Tag erörterte und dabei abermals bei jedem sozial Empfindenden lediglich die Überzeugung -befestigte, daß sozialpolitische Rückständigkeit dem Handwerk sicher eher Schaden als Vorteil bringt. Auch der Reichstag hatte kürzlich in Anwesenheit von 20—80 Abgeordneten wieder einmal seine hergebrachte Allittelstandsdebatte, bei der viele Forderungen ausgestellt werden und gar nichts herauskommt als ein dicker Sitzungsbericht. Verlangt wurden jüngst tu wortreichen Initiativanträgen wieder einmal die Abgrenzung von Fabrik- und Handwerk, die Beschränkung der Ausbildung von Lehrlingen, die ewig wiederkchrende Sicherung der Forderungen der Bau-Handwerker, die freiwillige Invalidenversicherung für selbständige Handwerker, Regelung des Submissionswesens und manches andere, das in das Bereich der sogenannten Mittelstands- foröerungen schlägt. Unsere Handwerker und „Mittel- ständler" sind durch Erfahrungen nicht klug geworden. Sie begehen noch immer, wie schon vor einem Vicrtcl- jahrhundcrt, den Fehler, sich mit Linderung ihrer Schmerzen nicht auf die eigene Eue r g i e, tatkräftigste genossenschaftliche Initiative und die Aneignung einer möglich st hohen moder n c n fachte ch n i s ch e n und a l l g e meinen Bildung, sondern auf die „K linke der Gesetzgebung" und auf Parteipolitiker zu verlassen, die aus wahl- taktischen Gründen dem biederen Handwerker und Kleinkaufmann alles versprechen und infolge unserer unabänderlichen wirtschaftlichen Entwickelungstenöenz nichts halten können. Was haben dem Handwerk die Zwaugsinnungen und manche andere Bestimmungen -genutzt?' — Es ist geradezu ein Vorgang von wirtschafis- politischer Tragik, daß unser Handwerk seit Jahrzehnten, wie mit Blindheit geschlagen, Wirtschaft- lich - reaktionären oder belanglosen Forderungen nachlänft und darüber zum guten Teil jene innere Erziehung vernachlässigt, die allein über die Not der Gegenwart Hinweghelsen kann!
Der Gesetzentwurf über die Schaffung von Arbeitskammern ist jetzt im Reichsamt des Innern ferti-ggestellt. Unternehmer und Arbeiter sollen in ihnen paritätisch vertreten sein. Es werden besondere Kam
mern für den Bergbau, für die Schwcreisenin'dustri-c, das Holzgcwerbe und überhaupt für alle bedeutenden Berutsgruppen errichtet. Die Kammern sollen zur Information der Behörden, als Einigungsämter dienen, Erhebungen veranstalten und Gutachten abgeben. Ans Staatsbetriebe erstrecken sich die Kammern nicht. Auch über die Reform der Krankenkassen vernimmt man jetzt Näheres. Nach einer offiziösen Auslastung schweben zwischen den höheren Verwaltungsbehörden und den Versicherungsanstalten Verhandlungen, die . Klarheit darüber schaffen sollen, ob cs möglich ist, bei einer Vereinheitlichung der Versicherungseinrichtungen. die Krankenkassen als Unterbau zu benutzen und sie mit der Erledigung der örtlichen Geschäfte der Unfall- und Invalidenversicherung zu betrauen. Den Krankenkassen soll in solchem Falle behördlicher Charakter beigelcgt werden und an ihre Spitze soll ein höherer Gemeinde- vdcr Staatsbeamter gestellt werden.
Die Zentralstelle für Volkswohlfahrt und der Deutsche Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimats- pfleae fordern, wie schon mitgeteilt, in einer Eingabe an sämtliche Bundesstaaten Erhebungen über U ntu;» ernähr n u g ans dem Lande. Das ist ein sehr zeitgemäßes Vorgehen, denn ganz besonders auch bei der nun schon so lange anhaltenden Teuerung kann man beobachten, daß die Ernährung gewisser ärmeren Be- völkerungsklassen nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem flachen Lande sich verschlechtert. Alle Statistiken über die steigende Lebenshaltung sind mit Vorsicht zu lesen, wenn sie nicht gewissenhaft syeziati- sicr-en und sich auf genaue H a u s h a l t u n g s b u ü - gets, statt, wie cs meistens geschieht, auf ganz allgemeine Beobachtungen und Berbrauchszifsern stützen. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß gegenwärtig in etwa 4000 Familien Berlins 14 000 schulpflichtige und jüngere Kinder o h n e iv a r m c s .E s s e n bleiben.
Politische Übersicht.
Freikonservativ -- grofnndustriclle Wahlrechtsvorschlägx.
In einer Broschüre, die in nächster Zeit an die Öffentlichkeit gelangen wird, hat der frühere national- liberale, jetzige freikonservative Landtagsabgeordnete I. A. Menck in Altona die Ansichten der Großindustriellen über eine Reform des preußischen Land- tagswahlrechts niedergelegt. Zunächst wird m der Broschüre ausgeführt, daß in Arbeitgeberkretseu das Interesse für derufsständische Wahlen im Zunehmen begriffen ist, weil man eingesehen, daß sowohl beim allgemeinen gleichen Wahlrecht wie beinr Pluralwahlrecht die Industrie Zu kurz komme. Städte wie Hamburg. Altona mit gewaltiger Industrie seien durch das Reichstagswahlrecht, so lange es bestehest werde, um ihre politische Vertretung gebracht, so daß die Industriellen kein Verlangen fühlen, das allgemeine Wahlrecht auch für den Landtag eingeführt Zu sehen und deshalb ihre Hoffnung auf das Berufswahl- recht richteten. Der schwache Punkt dieses Wahlrechts
Kemlleton.
Ku§ bewegter Zeit«
(1. Fortsetzung.)
Als Professor der Kunstgeschichte au der Universität nt Bonn hatte Kinkel durch seine von Begeisterung für- alle Künste beseelten schönen Vorträge die studentische Fuaend für die Kunst und die Werke der Kunst zu be» geistern gewußt. 1848 wurde er in die politische Strömung gerissen. Als es nach der französischen Februarrevolution überall gärte und die Nachricht von her Berliner Revolution am 18. März, von der Gewährung der ersehnten Volksrechte und Freiheiten aus dem Munde des schwankenden und wankenden Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Bonn gelangte — Telegraphen existierten noch nicht — brach ein Jubel ans. Tausende von Bürgern, Hunderte von Studenten scharten sich zusammen und zogen nach der Wohnung der Professoren, deren Namen einen guten Klang in allen von freiheitlichen Ideen erfüllten Kreisen hatten, die durch Wort und Schrift für einen freiheitlichen Ausbau unseres Staatswesens schon in einer Zeit eingetreten waren, als noch das Wort von Vorfassungsstaat, von deutscher Einheit in den Angen. der hohen Polizei verdächtig machte. Der erste freudige, frische, freiheitliche Gruß der Volksmenge galt dem fern von der Stadt in kleinem unscheinbaren Landhause wohnenden greisen, ehrwürdigen E r n st Moritz Arndt, dem in der Periode -der Demagogenriecherei seines Amtes für lange Jahre entsetzten Dichter des im Vormärz noch halb und halb verpönt gewesenen, an manchen Gymnasien sogar verbotenen, vorn Bismarck in feiner Kammerrede von 1849 verspotteten
Liedes „Was ist das deutsche Vaterland?" Der „alte Arndt" wurde an -die Spitze des Zuges gestellt. . Die nächste Huldigung wurde dem Professor der Geschichte Friedrich Dahlmann dargebracht. Er war zwar niemals eine echt volkstümliche Person, aber man sah doch mit Hochachtung zu ihm auf, war er doch einer von den sieben charaktervollen Göttinger Professoren, die im Jahre 1837 gegen den Verfassungsbruch Des Königs von Hannover Protest eingelegt hatten und deshalb gemaßregelt worden waren. Imst, not least war natürlich Gottfried Kinkel, der _ mit _ der Ehrung der Begrüßung bedacht wurde und sich seinen Kollegen zugesellen mußte. Der Zug bewegte sich nach dem Marktplatz. Kopf an Kopf stand die Menge vor >dem Rathause. Begeisterungsvolle Reden schallten von der hohen Rathaustreppe über den weiten Platz. Die schwachen Stimmen Arndts und Dahlmanns waren j wenig hörbar. Nun trat Kinkel hervor. Ich sehe ihn noch vor meinem inneren Auge, wie er mit jugendlichem Feuer das damals noch geächtete schwarz-rot- goldene Banner ergriff. Er schwang es nach Ost und West, nach Nord und Süd, rief alle Stämme Deutschlands ans zur Bewahrung der Errungenschaften und zum friedlichen Kampf für, uns noch vorenthaltene Volksrechte. Seine feurige, in einem Hoch auf das freiheitlich geeinte deutsche Vaterland ausklingcnde Rede entfesselte brausenden Beifall. Kaum anderthalb Jahre später — schmachte er irrt Kerker, Wolle spinnend.
Bald nach den Frühlingstagen von 1848 — man begrüßte sie als das „Morgenrot der Freiheit", später bespöttelte man das Jahr als „tolles Jahr" — erhob die Reaktion wieder ihr Haupt. Auch in Bonn schieden sich die Parteien. Kinkel beherrschte den radikalen linken Flügel. Im folgenden Jahre beteiligte er sich an dem verunglückten Siegbnrgcc Zeughaussturm und.
nachdem die Frankfurter Nationalversammlung weggefegt und infolgedessen der badisch-pfälzische Aufstand ansgebrochen war, auch an diesem. Der Großherzog Leopold hatte fliehen niüssen. Zivil und Militär hatte in Karlsruhe, Rastatt und anderen Städten Badens sich verbrüdert. In Heidelberg zogen Soldaten und Landleute Arm in Arm mit Gewehren, Hacken und Sensen ein. Der größte Teil der Studenrcn flüchtete, obgleich sie seitens der Universitätsbehörde mit Verlust eines Semesters bedroht wordert waren. Nur ein kleiner Bruchteil der Studentenschaft blieb und ließ sich auch durch die umlaufende Drohung, daß sie zwangsweise in die Militärjacke gesteckt werden könnte, nicht abschrecken. Die erstere Drohung ioar freilich' gegenstandslos, denn die Vorlesungen wurden sistiert. Das Universitätsgebäude wurde in ein Zeughaus umge- Wandelt. Die Stadt ioar ein Waffenplatz geworden, aber immerhin ein verhältnismäßig ruhiger, l'iber das angeblich wüste und gefährliche Treiben liefen wundersame Gerüchte durch die Presse; es waren aber nur lügnerische. Keine Ausschreitung kam vor. Vordem Abmarsch der gesammelten Truppen, die ansgestellt die ganze lange Hauptstraße der Stadt füllten, nahm der revolutionäre General v. Mieroslawskt, obwohl bisher vorn Kriegsglück nicht begnadet, jedoch anscheinend beut stolzem Selbstbewusstsein erfüllt, die Parade ab. Doch die Herrlichkeit dauerte^nicht lange.
Eine baldige
Katastrophe
«Vti*
drohte. Von Norden und Westert rückten die Bundestruppen; vor. Schon flogen von der Höhe des Heiligenberges, jenseits des Neckars, Flintenkugeln in die Stadt, insbesondere auf die Neckarbrücke. Die preußischen Truppen, unter Führung des Prinzen voit Preußen, späteren Kaisers Wilhelm, waren über den Rhein gegangen; die Schlacht bei Wag- bcsicgeltc das Schicksal der ba d ischen Aukständi»
