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Nr. V Wiesbaden, Dienstag, 7 . Januar 1908. 56. Jahrgang.

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Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Die konservativen C)uertreikereien.

Wenn die „Kreuzzeitung" legitimiert dazu sein sollte, im Namen der konservativen Parteileitung zu sprechen, so würde man aus den jüngsten Artikeln des Blattes über Blockpolitik nnd preußische Wahl­rechtsreform zwei Wünsche herleiten müssen, die sich bei näherem Zusehen nur mangelhaft vereinbaren lassen, die vielmehr überhaupt nicht zu vereinbaren sind. Der eine Wunsch ist, daß die Be­ziehungen der konservativen Partei zum Zentru m wieder enger werden mögen; der aridere ist, daß eine Reform des preußischen Wahlrechts im Sinne der libe­ralen Forderungen grundsätzlich unterbleibe. Wir können nicht finden, daß diese Sehnsüchte der „Kreuz­zeitung" Zeugnisse von politischer Besonnenheit, Klar­heit und Überlegung sind. Denn wenn die konservativ- klerikale^ Gemeinschaft etwa wirklich wieder herzustellen und aktionssähig zu machen wäre, so müßten sich die Konservativen damit abfinden, daß das Zentrum in Sachen des preußischen Wahlrechts ungefähr dieselben Ansprüche wie jetzt der Liberalismus erheben würde. Man kann gegen das Zentrum vieles sagen, man muß es sogar. aber die Anerkennung verdient die Partei, daß sie die unerträgliche Misere des p r e u ß i- scheu Wahlunrechts genau so beklagt, wie es die liberalen Parteien von jeher getan haben, und daß sie, wenn ihr Einfluß wieder steigen sollte, schoii aus einem natürlichen Bedürfnis nach Selbstcrhaltung verlangen würde und verlangen müßte, daß endlich einmal ein vernunftgemäßes Wahlgesetz im ersten deutschen Bundesstaate eingeführt würde. Die Konservativen, die sich durch den Mund der „Kreuzzeitung" vernehmen lassen, haben es hiernach wenig geschickt angefangen, wofern sie beabsichtigten, den Fürsten Bülow einzu- schüchtern und ihn von dem Plane einer preußischen Wahlrechtsreform abzubringen. Dem g e g e. n - wärttgcik Reichskanzler können sie mit der Vor­spiegelung einer möglichen konservativ-liberalen Mehr­heit überhaupt nichts bieten, denn Fürst Bülow würde aus eine solche Kombination weder eingehen können, noch würde jene neue Mehrheit, in der doch das Zen­trum der ausschlaggebende Faktor wäre, mit ihm zu- samnien arbeiten können. Somit bedeutet bas Koket­tieren der „Kreuzzeitung" mit dem Zentrum tatsächlich einen Versuch, die Eventualitäten eines grundstürzen- den neuen Systems vorzubereiten, dessen Wirksamkeit erst nach Aussch a l t u u g des jetzigen Reichs- k a n z l e rs und Ministerpräsidenten beginnen könnte. Aber es ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln.

Die Konservativen sollten wissen, daß sie auf diesem Wege nicht bloß den Widerstand des Fürsten Bülow, sondern auch den des Kaisers zu überwinden hätten. Sie wissen das auch ganz gut; es ist ihnen wohl be­kannt, daß die Blockpolitik unter der ausgesprochenen Zustimmung des ersten Mannes im Reiche vonstatten geht, und gerade weil sie das wissen, sind sie bemüht, eine Situation zu schassen, die es der entscheidenden Persönlichkeit bedenklich erscheinen lassen soll, auf dem betretenen Wege weiterzugehen. Zu diesem Zwecke ist das dürre Gespenst einer möglichen Einflußnahme der Sozialdemokratie aus die spezifisch preußische Politik als Folge einer Wahlresorm beschworen worden, die mit dem Dreiklassenwahlsystem aufräumen, also durch gerechtere Verteilung von Licht und Schatten allerdings die Möglichkeit herbeiführen würde, daß auch die Sozialdemokratie ihren Einzug in das preußische Abge­ordnetenhaus hält. Man sieht den Feldzug in allen seinen Einzelheiten deutlich vor sich, aber mau kann, wie gesagt, nicht finden, daß er ein taktisches Meister­stück fei, daß er für Klugheit und Klarheit spreche. Soll gegen die Blockpolitik intrigiert werden, so bedarf die Kreuzzeitungs-Gruppe einer Bundesgenossenschast, die eben im Zentrum gesucht wird. Soll aber die ange- küudigte und sicher kommende preußische Wahlrechts­reform vereitelt werden, so kann dieser Zweck durch die Bundesgenossenschast mit dein Zentrum nicht er­reicht werden, einfach weil das Zentrum in diesem Falle versagen würde. Nach alledem bleibt als Ergebnis der merkwürdiges Quertreibereien der „Kreuzzeitungs"-Partei einstweilen nichts weiter übrig, als daß die Konservativen davon überzeugt sein müssen, daß die Wahlreform Dinge enthalten wird, die. denKou- servativen arg mißfallen werden, denn wenn diese Be­fürchtung (Befürchtung im konservativen Sinne) nicht gehegt würde, und wenn die Partei nicht Gründe, sie zu hegen, haben würde, daun hätte es des Aufwands an freilich verfehlter machiavellistischer Parteidiplo­matie überhaupt nicht bedurft. Wir schließen hiernach aus den Finessen der „Kreuzztg.", daß Fürst Bülow tu der Abgeordneteuhaussitzuug voni 10. Januar, in der die Wahlrechtsfrage behandelt werden soll, Erklärun­gen abgeben wird, mit denen, ivenn sie allerdings auch nicht alle liberalen Wünsche erfüllen werden, die Libe­ralen doch zufriedener als die Konservativen wer­den sein dürfen. Wir sind aber auch weiter überzeugt davon, daß die Konservativen sich sehr besinnen werden, ob sie eine wirkliche und wirksame Unterminierung des Blocks gerade jetzt unternehmen sollen. Bei nüchterner Erwägung aller Umstände werden auch sic notgedrun­gen zu der Ansicht koinmen müssen, daß sie bei solcher Uuterminierungspolitik ungleich mehr zu verlieren als zu gcwinueii haben werden.

Automobil und UMsWkrmdhmt.

Ohne Zweifel hat das Automobil auf dem Gebiete des Verkehrswesens eine bedeutende Zukunfr. Man kann sich dessen freuen und die Entwickelung nach dieser Richtung unterstützen und doch den Automobilis- mus in der Gestalt, wie er heute vielfach in die Er­scheinung tritt, bekämpfen. Denn wie man einem neuen Gedanken schadet durch seine Übertreibung, so einer neuen Technik durch ihre mißbräuchliche Anwen­dung. Gegen das Automobil als Verkehrsmittel wen­den sich wenige, viele aber gegen die Äusschrei- t u n g e n mancher Automobilfahrer. Die „wilden Autler" sind geradezu ein Schrecken der Lan L- st r a ß e geworden. Solche Vorwürfe richten sich fast immer nur gegen jene Besitzer, die zu ihrem Ver­gnügen fahren. Das ist erklärlich. Fast ausschließ­lich in ihren Kreisen sind die rücksichtslosen Fahrer, die „Kilometerschlucker" zu suchen und obgleich sie meistens außerhalb des stark belebten Straßenverkehrs sich be­wegen, so fallen ihnen doch weit mehr Unglück s- fälle zur Last als den L a st a u t o m o b i l c n. Die Reichsstatistik beweist das. Nach ihr gab es am 1. Januar 1907 in Deutschland 16 934 Krafträder und 11072 Kraftwagen, also zusammen 27 026 Kraftfahr­zeuge, von denen 26 815 der Personenbeförderung und 1211 der Lastenbeförderung dienten. Voni 1. April bis 30. September 1907 betrug die Zahl der durch alle diese Fahrzeuge verursachten Unglücksfälle 1303, soweit Per­sonen zu Schaden kamen, außerdem 1617 Fälle, bei denen nur Sachschaden angerichtet lvurde. Dieser be­trug 317000 Mark. Die Zahl der getöteten Per­sonen bezifferte sich in jeuein halben Jahre aus 51. Es ist dabei bezeichnend, daß unter diesen Toten sich nur 18 Führer und Insassen von Automobilen, aber 33 g 8 n z- l ich u n & e t c i I ig te P ?. r f o it c u befanden. Auf je 100 deni Sport und Vergnügen dienende Wagen eni- siclen 16,4 Unglücksfalle, auf die gleiche Zahl der zum Lastverkehr tu Handel und Gewerbe verwendeten nur 7,8, auf hundert Wagen des öffentlichen Fuhrverkehrs (Automobildroschken), die aber auch vielfach den: Ver­gnügen dienten, entfielen, wohl da sie nieistens in den belebten Straßen der Großstadt fahren. 48,5 Unglücks­fälle. Nach einer Berechnung von R. Kuezinski in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" verunglücken gegenwärtig in Deutschland relativ eben­soviel Personen durch das Automobil wie durch die E i s e u b a h n. Wenir man die Verunglückungen des Personals der Eisenbahnen und der Automobile, also die eigentlichen Betriebsunfälle, ausscheidet, so ist abermals, natürlich relativ, die Zahl der durch das Automobil verletzten Personell fast doppelt so groß wie jene der Eisenbahnreisenden.

Die Unglückssälle sind fast immer auf einen Mangel an Vorsicht und V e r a n t w o r t l i ch k e i t s g e-

Femüetorr.

MaLkruS verboten^

Lonöoner £ehm.

Englische Kamine. — „Das überheizte Deutschland". — Eng­lischer und deutscher Taillen-Nmfang. — Sommer- und Wintersrischler. — Stratzenbahnen. — Wirtshäuser. — „Stehbierhallen". — Die olympische» Spiele von 1908. — Der Henley-Pokal nnd die belgischen Gewinner.

In England wie in verschiedenen anderen Ländern Hat man bis auf diesen Tag an der Heizung in alten, offenen Kaminen festgehalten. Sie geben aller­dings auch eine angenehme und gesündere Wärme und gewähren, vollends wenn ein paar Kätzchen und Kinder ja und auch wohl erwachsene Mädchen — vor dem Feuer auf dem Teppich sich lagern, einen höchst an­heimelnden Anblick. Aber mit der ausgestrahlten Wärme ist es eine eigene Sache. Sitzt man nahe genug davor, so kann man sich wohl rösten lassen, wenigstens aus der einen Seite. Und auf der andern? — Ja, da muß man sich zuweilen herumdrehen, um einenWürme- austausch zu erzielen! — Und in einiger Entfernung? — An wirklich kalten Tagen hockt eben alles um den Herd. —

Das mag nun alles noch angehen — oder auch nicht! — solange es nicht raucht. Manche.würden das viel lieber selbst besorgen. Aber so ein Kamin hat die unleidliche Gewohnheit, gerade zur Unzeit — wie schon ein Kamin in „Minna von Barnhelm" gerade im Winter und dann zumal wenn es ganz besonders kalt ist — zuweilen zu rauchen. Da reißt man denn Tür und Fenster auf und — läuft auch wohl davon! —•

Bei alledem geht den Engländern nichts über ihre kraute Heimstätte am Kamin. Und gibt es nicht auch Grund dafür? — Einen Vorteil kann man dem Kamin nicht absprechen, der gar vieles aufwiegt: Er ver­

weichlicht die Menschen eben nicht! — Wenn man an solche Zustände gewohnt ist und nach

Deutschland kommt mit seinen modernen Heizvorrich­tungen, in die Eisenbahnen, Theater, Restaurants und Bureaux, wo die Menschen nur in überheizten Räumen sich wohl fühlen und sich nichts daraus zu machen scheinen, immer wieder dieselbe Luft einzuatmen, die schon so viele andere vor ihnen in sich ausgenommen, da kann man sich wirklich zuweilen nach den englischen Kaminen zurücksehnen. Es ist eben alles Gewohnheits- sache, aber je mehr man sich an übergroße Wärme und alle möglichen Bequemlichkeiten gewöhnt, desto mehr wird man natürlich auch verwöhnt; und inso­fern sind die englischen Zustände jedenfalls vorzu­ziehen.

Man sprach früher viel von englischen Kom­fort — und manche reden noch heute wohl davon — aber die deutschen Bequ e m lichk ei ten haben ihnen den Rang abgelaufen: nicht nur in der eigenen Häuslichkeit, sondern vor allem auch im Hotel- und Restaurantwesen ltitö derartigen mehr " oder weniger öffentlichen Einrichtungen, zumal in bezug aus Zentralheizung, luftdicht verschlossene Fenster — wohl garDoppelfenster — und Vorhänge aller Art. Und was sind die Folgen? —- Die Deutschen fühlen überall Zug, während in England, tuo selten ein Fenster ordentlich schließt, die Eisenbahnwagen, wenn sie überhaupt ge­heizt werden, ihre Wärme gewöhnlich durch ein paar hineingestellte große, aber primitive Wärmflaschen er- halten, von Zug und Kälte viel weniger Aufhebens ge­macht wird. Es ist hier wohl nicht ganz so kalt wie in Deutschland, aber es herrscht eine feuchte Kälte, bie viel unangenehmer und oft auch streng genug ist und jedenfalls viel mehr —, Zug. Wie weit 'matt sich in solchen Dingen in Deutschland verweichlicht hat, merkt man dort nur zu leicht, weil die Zustände so all­gemein geworden. Sollte hier nicht ein Einlenren da­gegen geboten erscheinen? —

Das einfachste, natürlichste, gesundeste Mittel zur Erwärmung ist Bewegung. Aber man vergleiche nur den nationalen T a i I l e n - U m f a n g —

der Männlein wie der Weiblein — in Deutschland und England. Dieser mag ja aus mancherlei. Gründe zurück- zuführeu sein, aber jedenfalls spricht da doch auch die körperliche Bewegung mit. Und was für Bewegung macht sich der Deutsche? — Sport? — Ach. so etwas schickt sich nach seinen Begriffen ja mir für die Jugend; und auch sie geht ihm nicht so eifrig nach. — Gehen? ^ Man beobachte den Deutschen nur einmal in der «chweiz. Gewiß, es gibt auch tüchtige Deutsche Berg­steiger^ und wackere Touristen. Aber wie groß bleibt doch die Zahl der „Sommerfrischler", die sich besonders weise bedünken, wenn sie sich „die Berge von unten ansehen" und ja nicht zu viel herumlausen.und nur sa keine Mahlzeit versäumen. Andere nehmen sich Wagen oder die Post und fahren den ganzen Tag.. Wie. kann jemand, nachdem er einen halben Tag im Wagen fest­gesessen, noch für irgendeinen Genuß empfänglich sein — es seien denn die reichlich mitgeführten Butter­stullen. Die Engländer dagegen ziehen auch im Winter in großer Masse in die Schweiz, nicht nur der Gesund­heit halber, sondern zum Vergnügen und für die „Winter-Sports", in viel größerer Anzahl als alle anderen Nationen.

Wie viel weniger werden jene Sommerfrischler- Elemente aber in der.Stadt gehen! Da gibt es doch Straßenbahnen! — Ja und Deutschland hat wieder die großartigsten und bequemsten der Welt aufzuweisen. Wie nehmen sich im Vergleich zu ihnen die englischen Straßenbahnen aus oder die noch heute mit Pferden bespannten zahlreichen Omnibusse! Aber einen Vorzug habchi sie alle: ein Deck mit Sitz- Plätzen. _ Das gibt es selbst in Paris allgemein. Und was für _eine angenehmere Fahrt kann man sich bei einigermaßen günstigem Wetter denken als oben aus lustigem Deck, hoch über das Alltagsleben erhaben, durch das Oiewoge der Straßen dahinzugleiten! — Aber warum, sind die Obenauf in Deutschland so viel seltener? Doch gewiß nur, weil nicht genügend Nach­frage danach ist. Die Deutsche-- lieber dicht an