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Nr. 5.
Wiesbaden, Samstag, 4. Januar 1908.
5S. Jahrgang.
Morgen - Knsgabe.
1. Wtertt.
We deiMe WalMM iw Istzre 1907.
« Das scheidende Jahr 1907 hat, soweit zunächst die ! Tätigkeit der Regierung in Betracht kommt, der deut- ! schen Sozialpolitik wenig positive Fortschritte ge- . bracht. Die Gründe dafür liegen wesentlich in der ! eigenartigen Gestaltung der innerpolitischen Verhältnisse, die einem ruhigen Vorwärtsschreiten hemmend i entgegenstanden. Trotzdem jedoch überragt das Jahr 1967 sein Vorjahr an Bedeutung insofern, als in ihn: die Regierung sich veranlaßt gesehen hat, viele der seit langem gehegten sozialpolitischen Wünsche der Ent- ' scheidung entgegenzubringen. Eine Reihe von sozialpolitischen Gesetzentwürfen, wie über den Zehnstunden- tag für Frauen, die Nachtruhe gewerblicher Arbeiterinnen, das Vereins- und Versammlungsrecht, die Gewerbeordnungsnovelle, Arbeitskammern, Heimarbeiterfrage, Arbeiterversicherung, Privatbeamtenversicherung u, a. m., liegen dein Reichstag, wie bekannt, vor dder werden ihm demnächst zugehen. Man kann also wohl sagen, daß trotz inangelnder positiver Leistungen das letzte Jahr doch frischen Wind in die Stagnation ans dem Gebiete der osfiziellerr Sozialpolitik gebracht hat, mutz jedoch gleichzeitig beklagen, daß einige Wünsche noch inrmer außer acht gelassen worden sind, i vor allem, soweit sie die Reform der Koalitionsgesitze und die Schaffung eines Reichsarbeitsamtes betreffen.
Innerhalb des Rahmens der deutschen Volkswirtschaft haben sich die Organisationen sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber zu immer wichtigeren Machtfaktoren entwickelt. Am Schlüsse des Jahres 1906 waren im Deutschen Reiche überhaupt organisiert rund 2 218 000 Arbeiter. Das Vermögen ihrer Organisation belief sich auf rund 31% Millionen Mark. Das Jahr 1907 dürfte die Zahl der Organisierten auf mehr als 2% Millionen gesteigert haben. Daß die Arbeiterbewegung an innerer Einheitlichkeit gewonnen hat, ist zweifellos, und besonders beachtenswert gegenüber den Versuchen von außenher, dem hemmend entgegenzntreten.
Die gesteigerte Intensität des wirtschaftlichen Lebens hat zu ziemlich zahlreichen Arbeits- k ä ni p f e n geführt. In den ersten drei Quartalen wurden 1697 begonnene Streiks und Aussperrungen gezählt. Die Zahl für das Gesamtjahr dürfte jedoch beträchtlich kleiner sein als 1903, ein Umstand, der auf der immer weiter gehenden Ausdehnung des Prinzips des friedlichen Verhandelns wesentlich mttberuht. Hier
scheint vor allem in der Haltung der Unternehmer ein bemerkenswerter Umschwung eingetreten zu sein. So hat die mächtigste der' Unternehmerorganisationen, die der Metallindustriellen, das Verhandlungsprinzip zwischen beiderseitigen Kommissionen grundsätzlich anerkannt. Ein Ausfluß dieser sich unaufhaltsam durchsetzenden Anschauung ist in der steten Steigerung der Zahl von Kollektivvereinbarungen und Tarifverträgen zu sehen, die im letzten Jahre erfolgt ist. Der Schiedsvertrag in der Metallindustrie gehört hierher, ferner der nächst bedeutsame Generalarbeitsvertrag für sämtliche deutschen Schiffswerften, die Tarisgemeinschast zur Regelung der Arbeitszeit und der Arbeitsnachweise fiir das gesamte Holzgewerbe. Der Umfassungsbereich der tarifvertraglichen, Regelung hat sich immer weiter ausgedehnt. So ist besonders und mit großem Erfolg versucht worden, die Gewährung von S o m m e r u r l au b ohne Lohnabzug tariflich festzulegen. Zumal _ im Brauerei- _ wie im Transportgewerbe hat sich die Zahl derartiger Verträge stark gesteigert.
Besonders deutlich ist im letzten Jahre die Tatsache in die Erscheinung getreten, daß es keineswegs nur die eigentlichen gewerblichen Arbeiter sind, die aus sozialpolitische Fürsorge Ansprüche machen und versuchen, ihre Wünsche durch eigens Kraft durchzusetzen. Die Kopfarbeiter haben sich ihnen angeschlossen. Davon zeigt vor allem die sogenannte Privatbeamtenbewegung, die mächtig erstarkt ist und deren Forderungen, besonders soweit sie sich auf eine Versicherung beziehen, den jetzigen Reichstag beschäftigen werden. Aber auch in anderen Berufen macht sich ähnliches bemerkbar. Es sei erinnert an das Vorgehen der offiziellen Handelsmarine, an die Steigerbewegung im Ruhrgebiet.
Fortschritte sind zu verzeichnen auf dem Gebiet der Arbeitszeitverkürzung. So wurde der Neunstundentag in den städtischen Betrieben von Frankfurt, der Achtstundentag in einer Anzahl von Gasanstalten und gewissen chemischen Industrien ein- gcführt. So ist die wirtschaftliche Entwickelung auf dem Wege, den männlichen Industriearbeitern das zu bringen, was ihnen das Gesetz noch immer versagt.
Die gemeinnützigen Rechtsauskunfts- st e l l e n sind im letzten Jahr stark vermehrt worden und werden in Zukunft, namentlich durch den neuen Verband für Reichsauskunftsstellen in Berlin, hoffentlich die wünschenswerte Förderung erfahren.
So bietet das verflossene Jahr das Bild reger sozialpolitischer Betätigung auf allen Gebieten und von den verschiedensten Seiten dar. Der Erfolg wird nicht ausbleiben, zumal wenn auch die Regierungen und der Reichstag zu . seiner Förderung beitragen. 8.
UoMische Kbrrstcht.
Ein Engländer über die preußische Polenfrage.
Der polnische Dichter Sienkiewicz veröffentlichte kürzlich, wie wir meldeten, im „Echo de Parts" einen Artikel, in dem er die ersten Vertreter der Wissenschaft, der Kunst und des Schrifttums aller Völker zu einem flammenden Protest gegen die „preußische Geivaltherr- schast" in Polen ausforderte, die eine Beschimpfung der Zivilisation, des Gesetzes, des Rechtes und aller Humanitären Begriffe sei. In England hat dieser Ausruf einen ganz andern Widerhall gesunden, als Sienkiewicz es sich gedacht hat. So schreibt Edward Sicey unter dem Titel „Deutschland und Posen" in der „Empire Review", der beste Rat, den ein englischer Freund den Polen geben könne, sei der, daß die Polen die Teilung Polens als eine vollendete Tatsache anerkennen und damit zu einer Verständigung mit ^Deutschland kommen. Wörtlich sagt er sodann:. „Die Polen geben sich einem vollständigen Irrtum hin, wenn sie sich einbilden, England oder irgend ein anderes europäisches Land werde etwas tun, die Schulknaben in Posen gegen die Verpflichtung in der Schule Deutsch zu lernen, inSchutz zu nehmen." So lange eine dem Untergang verfallene Sprache das Gesamtwohl nicht schädige, könne man sie ruhig sterben lassen, wenn aber eine Sprache die Befestigung und Gesamtentwicklung eines einheitlichen nationalen Staats erschwere, so habe der Staat das Recht, die Ausbreitung der Sprache zu fördern, die als Verkehrsmittel zwischen den beiden Rasten eines Landesteiles die geeignete sei. Kein Engländer habe etwas gegen den Gebrauch der gälischen Sprache in Schottland einzuwenden, da England und Schottland fest mit einander vereint seien, kein Engländer aber werde einwilligen, daß das Gälische in Irland Landessprache werde, weil alsdann das stärkste Bindeglied zwischen England und Irland, die englische Sprache, zerschnitte:: werde. In der Sprachenfrage müsse das Deutsche Reich also völlig freie Hand haben.
Rigoroses Vorgehen gegen einen preußischen Beamtenvereiu.
Der „Verein preußischer Forstbeamten" hat sich kürzlich aufgelöst. Die Loyalität des Vereins ging schon aus seinem Wahlspruch hervor: „Es lebe der
König und seine Jäger." Aber er hatte sich dennoch die Ungunst des Landwirtschaftsministers von Arnim-Kriewen zugezogen, da er für die wirtschaftliche Hebung des Försterstandes eintrat. Einmal brachte die „Wochenschrift für deutsche Förster" über die geringen Gehaltszulagen einen Artikel, in dem sich der Satz befand: Es ist recht bedauerlich, daß die
Feuilleton.
cNachdruS verbot«!».:
Berliner ZtiMMNngZDWSe,
Von Paul Lindenberg.
Rach den Festtagen. — Das neue Jahr. — Allerhand Hoffnungen. — Berlin und Deutschland. — Verschiedene Wünsche für die Reichshauptstadt. — Der Ruf Berlins. — Seine Gefährdung. — Vom weiteren Ausbau der Stadt. — Der gehemmte Verkehr. — Weltstadt und Kleinstadt. — „Die Erziehung zum Weltstädter". — Komödie und Tragödie. — Vom Drama in Moabit. -— Erschütternde Szenen. — Leben und Bühne. — Der Niedergang unserer dramatischen Literatur.
Vorüber wieder einmal die N « u ja h r sh «st und Neujahrsrast, vorüber die festliche Zeit mit ihrem Sang und Klang, vorüber das Pokulieren und Jubilieren, das Gleichmaß der Tage zwingt uns von neuem j tu seinen Bann, frische Anforderungen und Pflichten - legt uns das frische Jahr ans, das uns mit großen,
; Hellen Augen anschaut, in denen so viel des Fragenden
und Forschenden liegt, ohne daß wir eine Antwort geben können! Ans Lev überreichen Fülle der persönlichen Wünsche, der eigenen Hoffnungen und Erwartungen lösen sich andere Wünsche und Forderungen ab, die der Allgemeinheit, an der wir ja alle mehr oder urindcr beteiligt sind, gelten. Wohin wir in der gärenden, rastlos tätigen Gegenwart blicken, tauchen vor uns die ernstesten Probleme auf und erscheinen hohe und weite Ziele, deren Erreichung einen erheblichen Schritt vorwärts bedeutet.
Auch für Berlin, für die tatkräftige Weltstadt an der Spree, fehlt's daran nicht, und wett über den Bannkreis unserer jungen Kaiserstadt hinaus bis hin zu den fernen östlichen und westlichen Landesgrenzen sind ja die Interessen, direkt wie indirekt, mit dem steten Fort- schreiten, mit der Entwicklung der inneren wie äußeren Gestaltung unserer Reichs Hauptstadt eng verknüpft. Tenn die Erkenntnis hat sich doch mehr und mehr Bahn gebrochen, in Nord mrd Süd, in Ost und West, daß Merlins Licht- und Schattenseiten einen starken Reflex
auf das übrige Deutschland werfe::. Der kurz vor dem Weihnachtsfest anläßlich der Jahressitzung des Deutschen Museums hier stattgefundene Besuch der Münchener Herren bewies dies sehr deutlich, :ind man hielt bei uns nicht nnt der Herzlichen Genugtuung zurück, daß bei unseren süddeutschen Landsleuten die jüngst an der Spree gewonnenen Eindrücke erfreulicher und tiefer Art gewesen und noch lange an der Isar nachwirken dürsten.
So blank an sich auch der Schild Berlins ist, es gibt auf seiner glänzenden Fläche noch genug der dunklen Flecke, die möglichst schnell hinwcggctilgt werden müssen — falls dies überhaupt tut Bereich menschlicher Macht liegt! Mancherlei Prozesse, die im Laufe des letzten Jahres genug Staub und Schmutz ausgewirbelt, haben ja schwere moralische und soziale Schäden aufgedeckt, die wohl überall Vorkommen, aber im Weltstadtgetriebe doch einen besonders günstigen Nährboden finden, in jener „Ü b e r k u l t u x“, von der jetzt gar so häufig bald mit ehrlicher Entrüstung bald mit verdächtiger Bewunderung gesprochen wird. Die Behauptung wäre ganz falsch, daß es in Berlin im allgemeinen an sittlichem Ernst fehlt, daß gewisse Bcvölke- rirngskreise ihr Dasein nur im Luxus und Wohlleben, in Tändeleien und Flatterhaftigkeiten, in Befriedigung schlimmer Neigungen und in Hinwegsetzung über fest- gezogene Schranken verbringen, daß sie ihr Tun um Lassen mit besonderem Maß beurteilt wissen wollen, daß sie als moderne Übermenschen spöttisch alles betrachten, was anderen gut und heilig erscheint. Wo in allen Schichten unserer Einwohnerschaft so emsig, so kraftvoll, so pflichtbewußt gearbeitet wird, kann es sich stets nur um einzelne Erscheinungen und bestimmte Persönlichkeiten, aber nicht um Kategorien handeln. Freilich» mit aufrichtiger Besorgnis verfolgt man das „In den Tag hinein leben" mancher wohlhabenden und auch mittleren Klaffen, das Geld wird verhältnismäßig leicht verdient und noch leichter ausgegcben, und in diesen Strudel von Vergnügungen und Unterhaltungen wird leider auch die großstädtische Jugend viel zu früh hineingezogen.
Überhaupt läßt das Kapitel öer Erziehung bei uns viel, sehr viel zu wünschen übrig. Die Väter sind durch ihre Berufsausübung erheblich mehr tu
Anspruch genommen wie früher, und dre Mütter habet: häufig die Lust verloren, sich nw die Kinder zu bekümmern, mag sein, daß das Gro-Hstadtleben auch an sie allerhand Anforderungen stellt, daß sie von den neuen Interessen der modernen Zeit erfüllt sind, mag auch seirh Laß sie diese Interessen nur vorschtitzen, um sich außerhalb der vier Wände zu zerstreuen, daß sie beliebte Schlagworte vorschützen, deren Sinn sie gar nicht verstanden und deren Geflunker vielen die Kopfe verdreht. Am meisten wohl unseren jungen Mädchen, die von nichts weniger wie poetischen und romantischen Ideen erfüllt sind und die sich gern als begeisterte Anhänge- rinnerr der fteiesteu Anschauungen ausspieten, gelegentlich dies auch mit vollstem Bewußtsein ihrer Handlungen in die Wirklichkeit übertragen. Die Berliner „Geheimratsjöhre" stand schon ehedem nicht in allzu gutem Ruf, das Berliner „Madel" des 26. Jahrhunderts hat schon nichts mehr von seinem Ruf zu vertieren.
Auch der Ruf der Stadt Berlin als solche — also nicht in sozialer und moralischer Hinsicht — ist in jüngster Zeit arg gefährdet worden, besonders in baulicher Hinsicht. Was privatim geleistet wird, ist erstaunlich und ward ja wiederholt an dieser Stelle gewürdigt. So schnell, umsichtig, praktisch dort geschafft, so rasch das Alte fortgewischt und dafür prächtiges Neues Hinge- setzt wird, so Glänzendes fast über Nacht ersteht, Mer Orten und Enden, so schnecken-haft langsam arbeitet man oft an den offiziellen Stellen. Der Zukuufts- traum eines „Groß-Berlin" ist uns ja schon nvehrsach in lockenden Farben geschildert worden, ehe er sich erfüllt, mag noch viel Wasser unseren heimischen Fluß hiuabslietzen, aber mit der genannten Möglichkeit mutz doch allmählich gerechnet und es müssen wichtige Beschlüsse über den heutigen Tag hinaus gefaßt werde«. Denn mehr wie zuvor, solange wir eine Geschichtsschreibung haben, denkt man an die kommenden Geschlechter, um ihnen im Rahmen der Weltstadt das Heim behaglich zu gestalten. Und da treten unsere erste« Architekten energisch mit weitgehenden Vorschlägen auf, indem sie betonen, daß man fernerhin nicht bloß die rohe Nützlichkeit und als ihre Folge die berüchtigte Baufluchtlinie im Auge haben dürfte, sondern daß man den AuK
