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Nr. 3.

Wiesbaden, Freitag, 3. Januar 1908.

56. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Wkakt.

Eine Ausgabe der Blockpolitik.

Zwar möchte Fürst Bülow eine Übertragung der mit der Einleitung der Blockpolitik übernommenen Verpflichtungen dom Reiche auf Preuße n möglichst ablehnen, und es kann ihm zugestanden werden, daß gewisse Modifikationen des neuen Verhältnisses zwischen der Regierung ans der einen, den Konservativen und den Liberalen auf der andern Seite in der Tat für Preußen gestattet werden müssen, wenn hier der Block­gedanke nicht auf eine allzu schwierige Probe gestellt werden soll. Wir denken dabei in erster Reihe an die Enteignungsvorlage, die im Abgeordnetenhause zwar auf eine Mehrheit von Konservativen und Liberalen zu rechnen hat, aus eine Mehrheit aber, zu der die beiden freisinnigen Gruppen der preußischen Volks­vertretung nicht gehören werden. Eine solche, in diesem Falle unbedingt gebotene Absentierung von der Mehrheit würde im Reichstage, falls sie auch hier bei irgendeiner wichtigen Frage erfolgte, zu gefähr­lichen Konsequenzen führen müssen; im preußischen Abgeordnetenhause wird sie aber keine weiteren Folgen haben. Die Regierung, die Konser­vativen, die Nationalliberalen als die drei Faktoren der Verständigung über die Polensrage werden, wie selbstverständlich, anzuerkennen haben, daß die Frei­sinnigen nicht anders konnten, und damit wird diese Angelegenheit erledigt sein. Also, um es zu wiederholen, etwas anders als im Reichstage liegen die Dinge im Abgeordnetenhause immerhin, aber damit entfällt für den Fürsten Bülow durchaus nicht die Pflicht, aus die größtmögliche Überein­stimmung unter den Blockparteien auch in Preußen seine Aufmerksamkeit zu richten und durch Entgegenkommen wie durch Behutsamkeit, Schonung und Weitblick jederzeit dafür zu sorgen, daß der Block­gedanke im ersten Bundesstaate ebenso lebendig und fruchtbringend werde wie im Reiche selber.

Eine Gelegenheit nun, staatsmännische Tugenden in der Erfüllung dieser Aufgabe zu zeigen, dünkt uns aus einem zwar begrenzten, jedoch wichtigen Gebiete gegeben, von dem, soweit wir beobachten können, in all der Zeit, wo wir die Blockpolitik theoretisch behandeln oder praktisch erproben, noch nicht die Rede gewesen ist. Wir meinen die Frage der Schifsahrtsabgaben auf den deutschen Flüssen. Wie wäre es, wenn Fürst Bülow versuchte, gerade mit Hilfe des Blockge­dankens über die Schwierigkeiten hinwegzukommen, die ihm hier erwachsen sind und von denen bisher noch niemand hat sagen können, wie sie überwunden werden könnten? Es war eine böse Last, die die Kon­servativen dem Kanalgesetz aufpackten, als

FemlLetmr.

Sin ukiWcher ßesO de! den WulMMM!!.

Pierre Loti gibt im „Figaro" eine stimmungs­volle Schilderung eines nächtlichen Besuches im Museum der ägyptischen Altertümer in Kairo, in den weiten stillen Hallen, in denen die Mumien der Herr­scher ruhen, die einst das mächtige Nilreich beherrsch­ten und über das Schicksal von Millionen geboten. Der Direktor der ägyptischen Altertümer hatte es selbst übernommen, dem französischenDichter bei dem nächtlichen Gang als Führer zu dienen; bei dem unsicher flackern­den Lichte einer kleinen Handlaterne schreiten die beiden durch die dunklen Räume, die Schritte hallen laut wider in der gespenstischen Stille, aus dem Dunkel tauchen seltsame Gestalten auf und kriechen wieder zurück in die schützenden Schatten, tote, große Augen starren fremd aus die nächtlichen Eindringlinge und 'aus goldenen Masken spiegeln zuckend die Reflexe der Laterne.

„Auf einem Tische, in einer Glashülle, glitzert ein wunderlich schrecksames Ding, ein gebrechliches Ding, das vor einigen Jahrtausenden einst leben sollte und nicht leben konnte. Es ist die Mumie eines menschlichen Embryo, mit einer prächtigen Golddecke haben sie das kleine Gesicht geschmückt, um den Zorn des Tor- geborenen zu besänftigen, denn nach dem ägyptischen Glauben wandeln diese kleinen Toten sich zu bösen Familiengespenstern, wenn es versäumt wurde, ihnen Ehren zu erweisen. Die riesenhaften Augen in dem große Kopfe bleiben _ unvergeßlich in ihrer schmerz­haften Schwäche, in ihrem Ausdruck von Enttäuschung und Grausamkeit." Durch eine Flucht von Sälen, in denen der trockene, wesenlose Mumiengeruch einem schwül entgegenweht, schreitet man weiter. „Wir sind

sie ihre Zustimmung zu den neuen Schiffahrtsstraßen davon abhängig machten, daß die preußische Staats­regierung die Abgabefreiheit auf den natürlichen Wasserläusen beseitige. Die Regierung übernimmt die Verpflichtung der Ausführung dieser Bestimmungen, aber man weiß, daß sie bis zur Stunde vergeblich be­müht gewesen ist, den Widerstand der zur Mitwirkung erforderlichen Bundesstaaten, wie namentlich den Widerspruch der mitbeteiligten fremden Staaten, Österreichs und der Niederlande, aus der Welt zu schaffen. Es ist viel und lange versucht worden, die Zustimmung der betreffenden Elbufer- und Rheinufer- Staaten, der deutschen wie der ausländischen, zu ge­winnen, aber, wie gesagt, bisher umsonst. Man kann ruhig annehmen, vielmehr man hat die Beweise dafür, daß es der Staatsregierung, die die Auflegung von Schifsahrtsabgaben ja selber nicht wollte, ganz er­wünscht wäre, wenn sie der Verpflichtung los und ledig würde, die Durchsetzung dieser leidigen Be­dingung anzustreben, und so möchten wir wiederholt betonen, daß Fürst Bülow vielleicht wohl daran täte, wenn er jetzt aus andere Weise versuchte, sich mit jener Bestimmung abzufinden, wenn er es in der Weise ver­suchte, daß er sich von den Konservativen gewissermaßen ausbittet, auf die Schifsahrtsabgaben zu verzichten. Der Vorschlag, eine, praktisch anscheinend nicht durchzu­setzende Klausel in gemeinsamem Einverständnis fallen zu lassen, ist ja schon mehrfach gemacht worden, die Lage aber war bis dahin, vor der Blockpolitik, lange nicht so günstig wie heute, und was vormals den Kon­servativen vielleicht von ihrem Standpunkt aus als unzulässiges Zugeständnis an die liberalen Parteien erschienen wäre, das braucht nun gegenwärtig nicht mehr so zu erscheinen, wenn diese ganze Frage von höheren Gesichtspunkten behandelt würde, wenn sie so formuliert würde, daß sie in die Gesamtheit der weit angelegten Kompromißpolitik ausgenommen würde, durch die der Blockgedanke erst fruchtbar ge­macht werden soll. Es mag nicht ratsam sein, mit peinlicher Genauigkeit zu untersuchen, wem bei der Blockpolitik die gi r ö ß e r e n Opfer tzugemutet werden, ob den Parteien der Rechten oder denen der Linken. Diese Frage wird wahrscheinlich immer nur nach subjektiven Momenten beantwortet werden, und deshalb eben kann es sich nicht empfehlen, sie ohne Not bis zu ihrem letzten Kern nachzuprüfen. Wenn aber die Konservativen von den Liberalen Entgegenkommen be­anspruchen, so müssen sie sich das Umgekehrte auch ge­fallen lassen und gerade in der Frage der Schissahrts- abgaben könnten sie nachgeben, weil die sachlichen Schwierigkeiten der Verwirklichung ihrer Forderungen so außerordentlich groß sind, daß die Regierung bisher tatsächlich außerstande war, sie trotz Aufbietung ihres besten Willens zu besiegen. Wie wäre es also — wir fragen noch einmal -— wenn Fürst Bülow versuchte, hier eine neue Basis zu schaffen, aus der sich ein nütz­liches Werk der Kompromißpolitik durchführen ließe? *

da", sagte plötzlich der Führer mit der Laterne. „In der Tat", so erzählt Pierre Loti, „ich erkenne den Ort wieder, an dem ich am Hellen Licht des Tages so oft ge­weilt wie tausend andere. In den verschwommenen Halbschatten, die wenige Schritte entfernt schon herr­schen, am Rande unseres kleinen Lichtkreises, gewahre ich bereits die zweifache lange Reihe Königssärge, die da ohne Scham offen starren, unter gläsernen Kasten. Aufrecht hinter ihnen, wie Wachtposten, an der Mauer lehnend, stehen die dunklen Deckel. Wir sind endlich zu dieser ungewöhnlichen Stunde zugelassen in den Rat der Könige und Königinnen."

Das Licht der Laterne fällt zitternd auf die Frau mit dem Kinde, ans die Frau, die an der Geburt eines toten Prinzen dahinschied. Seit den alten Einbalfa- mierern hat niemand das Gesicht dieser Königin Makeri gesehen. Nichts gewahrt man im Sarge als einen langen weiblichen Körper, dessen Linien vage sich abzeichnen in den schwärzlich braunen Hüllen. Zu ihren Füßen das Kind, seltsam zusammengerollt, ge­heimnisvoll und verschleiert wie die Mutter. Eine Art Puppe, die man da hingelegt, um der Königin ewige Gesellschaft Zn leisten, hin durch Jahrhunderte und Jahrtausende. Und dahinter dehnen sich die schreck­lichen Reihen. von Mumien. Aus jedem Sarge starrt einem ein Gesicht entgegen, ein Gesicht, das einen un­beweglich anschaut; ein. anderes mit geschlossenen Augen, als miede es die Blicke später Störenfriede. Grausig magere Arme pressen sich an hagere Körper, schmale Hände beschreiben starre Winkel. Jede neue Mumie, ans die das Laternenlicht fällt, bring: neue Überraschung, neues Erschauern. Sie alle sind so ver­schieden, Einige lachen, ihre gelben Zähne leuchten auf; über den anderen liegt ein Ausdruck dumpfer Trauer und unendlicher Leiden. Manche sind fast schön und seltsam erhalten, in anderen gähnen einem dunkel die Nasenhöhlen entgegen und zeigen, wie auch

UMLische Avrrstcht.

Prozesse und Skandale.

L. Berlin, 31. Dezember.

Es mochte notwendig sein, daß im Hardenprozeß mehrere Tage lang die Öffentlichkeit ausgeschlossen blieb, aber bedauerlich bleibt Idiese Notwendigkeit in jedem Falle, Sie hat es verschuldet, daß sich in keiner Weise eine Nachprüfung der Vorgänge ermöglichen läßt, die jetzt in den Plädoyers berührt werden. So ist die natürlich im einseitigen Interesse bald dieser und bald jener Prozeßpartei herangezogen werden. So ist die Folge des Ausschlusses der Öffentlichkeit, daß mm doch wieder manchen Mutmaßungen Tür und Tor geöffnet wird, daß allerlei Verdächtigungen, allerlei üble Nach­rede, allerlei Klatsch, alles Dinge, die man für wegge- trlgt hielr, vielleicht wieder wuchern können. Und nie­mand kann sagen, ob es sich alsdann wirklich um Klatsch oder um eine leere Verdächtigung handelt, ob nicht viel­mehr Wahrheit dahinter steckt. Wie gesagt, eine volle Befriedigung über den Prozeßverlauf will ans 'diese Weise nicht aufkommen. Für den politischen Beurteiler ist der Prozeß tatsächlich ja zu Ende, denn was liegt daran, ob Herr Harden zu dieser oder jener Strafe ver­urteilt wird, ob zu einer Geld- oder zu einer Gefängnis­strafe? Nicht darauf kommt es an, sondern eben auf die Dinge, die der Prozeß an den Tag gebracht hat, und da hat man resümierend einige Feststellungen zu machen, denen schwerlich von irgendeiner Seite wird wider­sprochen werden können. Die erste Feststellung ist, daß Graf Moltke vollkommen gereinigt aus dem Gerichtssaal gehen kann; die zweite ist, daß eine Kamarilla unter der Leitung des Fürsten Eulen- burg in dem Sinne nnd mit den Wirkungen, wie es be­hauptet worden war, nicht ex i stiert; die dritte Fest­stellung sodann ist, daß die Klarheit, die man auch in bezug auf die „vita sexualis" des Liebenberger wünschen muß, aus dem zunächst äußerlichen Grunde, daß der be­treffende Teil der Verhandlungen hinter verschlossenen Türen stattfand, nicht geschaffen worden ist. Wir wollen nicht sagen, daß die von Herrn Harden verbreiteten An­schuldigungen gegen den -Fürsten Eulenburg in be­merkenswerten Punkten unwiderlegt geblieben sind; es fehlt uns wie jedermann das Material, aus dem sich eine solche Zweifelsfrage ergeben und erheben könnte, aber man Hat, um das zu wiederholen, es auf das ernstlichste zu bedauern, daß eine solche unsichere Lag-e überhaupt besteht. Wie schädlich sie ist, lehrt das Plädoyer des Justizrats Br. Bernstein. Dieser Verteidiger Hardens nimmt eigentlich gar nichts von dem zurück, was früher gegen den Fürsten Eulenbnrg vorgebracht worden ist, ja er unterstreicht wohl gar noch jene Behauptungen, und man hat das Gefühl, daß er vielleicht nur darum nicht mehr sagt, weil er sich das, was er zu sagen hat, für eine andere.Prozeßgelegenheit aufsparen will. Wenn jetzt Herrn Bernstein entgegnet würde, und zwar mit stärkstem Nachdruck und mit aller Wucht, daß er nur

die kunstfertigen Einbaksamierer nicht immer ihrer Sache gewiß waren. Nach Dynastien liegen sie hier nebeneinander, die stolzen Pharaonen, der Vater, der Sohn, der Enkel, der Urenkel. Nüchterne, einfache Papierschnitzel tragen hier die Namen, vor denen einst Hunderttausende im Staub sich beugten. Sethos I-, Ramses II., Sethos IT., Ramses III., Ramses IV., ohne Ende scheint die Schar. . . .

„In diesem Sarge, dem vorletzten der linken Reihe, erwartet uns der große S e s o st r i s. Wir erkennen schon sein Greisengesicht mit der Habichtsnase, die Lücken im Gebiß des Neunzigers, seinen fleischlosen Vogelhals und die Hand, die sich wie drohend empor­hebt. Zwanzig Jahre sind darüber hingegangen, seit der Beherrscher der Welt das Tageslicht wiedersah. Unzählige Male war er umwickeL von einem köstlichen Leichentuch, aus Aloefasern wunderbar gewebt, zarter wie das feinste Musselin Indiens. Jahrelang muß die Kunst der Weber am Werk gewesen sein, um dies vierhundert Meter lange Tuch fertig zu stellen. Der Khedive und die höchsten Würdenträger des neuen Ägyptens waren erscheinen, als man den großen Pharao seines Schatzes beraubte. Zwei Stunden lang rollte man Meter um Meter des kostbaren Gewebes ab; als dann die Gestalt des mächtigen Herrschers sichtbar wurde, ging ein Schauer der Erregung Durch die Ver­sammlung/^ Aber noch im Museum machte der große Sesostris seine Umgebung zittern. Eines Tages er­hob er mit schnellen Gestus wie drohend seine Hand; von Entsetzen gepackt, flohen die Aufseher aus Dem Saal. Man erklärte die Bewegung durch einen Sonnenstrahl, der den nackten Arm getroffen; aber die drohende Handbewegung ist geblieben. Dann ent­stand in seinen gelblich weißen Haaren ein Verwesungs- Prozeß, dem schließlich künstlich Einhalt geboten werden mußte. Auch er hat sein kleines Papierschild an der Seite seines Kastens und mit flüchtiger sÄhrift hin».