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Nr. 1.

Morgen - Ausgabe.

__ 1. Matt. ____

IM- Wegen des Neu. 7 ahrsta.gs erscheint die nächste Tagblatt"-Ausgabe am Donnerstagnachmittag.

SoziaLpMische Neujlchrs-Aund schau.

Unmittelbar vor dem Weihnachtsfeste ist dem Reichs­tage eine Novelle zur Gewerbeordnrmg zugegangen, die deutlich erkennen läßt, daß auch nach Gras Posa- dowskys Abgänge das ernste Bestreben im Reichsamt des Innern vorherrscht, die im gewerblichen Leben be­obachteten Schäden durch gesetzgeberische Verbesse- rungen nach Möglichkeit zu beseitigen. Nicht die Arbeitgeber und deren Befugnisse, über die durch die Ergänzung der Vorschriften über die Führung des Meistertitels demnächst gleichfalls Beschluß ge­faßt werden wird, sondern die verschiedenen Gruppen der Arbeitnehmer werden diesmal durch die Vorschläge des Bundesrats berührt ein erfreu­licher Beweis, daß die Reichsregierung nach beiden Seiten ihre Gaben auszuteilen sich bemüht. Die wichtigste Neuerung wird die Herabsetzung der elfstün- digen Maximal-Arbeitszeit der Arbeiterinnen auf zehn Stunden sein: es ist mit Sicherheit aus der gegenwärtigen Zusammensetzung des Reichstages der Schluß zu ziehen, das; dieser Maßregel die Mehrheit zustimmen wird, obgleich manche Berufszweige dadurch einschneidende Veränderungen erfahren. Für die Voltsgesundheit und für die häuslichen Verhältnisse vieler Arbeiterfamilien bedeutet die Verkürzung der Beschäftigungsdauer einen inunerhin bemerkenswerten Fortschritt, dem die Anordnung einer e l f st ü n d i g e n u nunterbr v ch e 77 eit Nacht r u h>e für Arbeite­rinnen und jugendliche Arbeiter sich anreihen wird. Willkommen würde es sein, wenn auch ein allgemeines Verbot der Beschäftigung von W ö ch n e rt n n e n in den ersten sechs Wochen nach der Niederkunst Annahme fände; die jetzigen Einschränkungen dieses Verbots passen nicht recht zu der Wöchnerinnen- und Säuglingsfürsorge, die im Laufe der letzten Jahre mit so überzeugender Begründung , von ärztlicher , Seite empfohlen und durch Schaffung bei ariderer Anstalten tatkräftig gefördert ist.

Billigung verdient es weiterhin, daß die behörd­lichen Befugnisse, die zur Bekämpfung der von einer übermäßigen Arbeitszeit herrührenden Gefahren bestimmt sind, eine Erweiterung erfahren solle::, und daß man- die Möglichkeit, den Besuch von Fort­bildungsschulen mit rechtsverbindlicher Kraft vorzuschreiben, einer Ausdehnung unterziehen will. Mit großem Widerstand ist bei dem Versuch der Regelung

Wiesbaden, Mittivoch, 1. Januar 1908.

der Heimarbeit zu rechnen. Der Reichstag wird dabei zu zeigen haben, ob seine Mehrheit einsichtsvoll genug ist, das bekannte Wort:Nun erst recht Sozial­reform!" auch seinerseits in die Tat umzusetzen. Ist erst bei einigen wichtigen Fndustriearten der Anfang gemacht, dann wird die Auffassung, als ob ein gesetz­geberisches Eingreifen in die Verhältnisse der Hei:::- arbeit unzweckmäßig oder undurchführbar sei, bald überwunden werden. Nicht in der Möglichkeit der Regelung, sondern in der Verstärk ltn g der Überwachung durch geeignete Personen, vor allen Dingen durch weibliche Hilfsbeamte der G ew e:Tb e i nspe ktio n, liegt der Schwerpunkt der ganzen Frage. Was die übrigen Bestimmungen der Novelle anlangt, so werden die Erfahrungen der Ge­werbegerichte bei der Ergänzung der Vorschriften über die Ausstellung von Zeugnissen, Lohnbüchern und Arbeitszetteln einen wiükommenenAnhaltspunkt bieten. Wenn sodann beabsichtigt wird, für wiederholteVergehen gegen gewisse A r b e it e r s ch u tz b est i mm u ng e n ein erhöhtes Strafmaß (nach unten wie nach oben) ein­zuführen, so wird es vielleicht nicht an Stimmen fehlen, die hierin eine gewisse Spitze, ja eine Art von Ubelwollen gegen die Arbeitgeber herauÄesen und da­gegen Verwahrung einzulegen sich für berufen halten. Das ist indessen unzutreffend. Nur die wiederholt säumigen Betriebsunternehmer sollen dadurch schärfer als bisher getroffen werden, es handelt sich also um diejenigen Falle, in denen es an: guten Wille t: fehlt, und in denen ein verhältnismäßig hoher Grad von Unachtsamkeit gegenüber dem gelteichen Recht an den Tag gelegt ist. Vergegenwärtigt man sich, mit welchen außerordentlich niedrigen Strafen die Zuwider- handlungen gegen die reichsgesetzlichen, im Interesse des Arbeiterschutzes erlassenen Bestimmungen oft ge­sühnt worden sind, und vergleicht inan damit die Be­strafung anderer Verstöße, so gelangt man zu dem Er­gebnisse, daß eine Erhöhung des Strafmaßes voll- koi::rnen angebracht ist. Die Arbeitgeber werdet: durch niedrige Strafbemessung. geradezu heraus- gefordert, lieber die kleine Buße von ein paar Mark zu zahlen, als in ihrem Betriebe, in der Arbeits- dauer usw. Veränderungen vorzunehmen, die ihnen vielleicht das Zehnfache auferlegen. Bei der wirt­schaftlichen Leistungsfähigkeit mancher 'Firmen spielt eine Geldstrafe bis zu 150 Mark im Einzelfalle kaum eine Rolle. Der Satz:Gleiches Recht für alle!" darf nicht so ausgelegt werden, daß das niedrigste Straf­maß gewöhnlicher Übertretungen und geringfügiger Vergehen hier unterschiedslos den Ausschlag zu geben habe.

Deo Wunsch, die Rechtsverhältnisse der Werkmeister, Te ch n i k e r usw. in ähnlicher Weise wie die der Handlungsgehilfen. zu ordnen und -der Vertragswillkür zum Teil zu entziehen, wird

50» Jahrgang.

voraussichtlich ebenfalls in Erfüllung gehen. Inwie­weit es dagegen möglich seit: wird, die von der Mehr­heit der P r i v a t a n g e st e l I t e n lebhaft geforderte eigene Kasse für ihre Pensionsversicherniig ins Leben zu rufen, muß angesichts der schlechten Finanzlage des Reichs abgewartet iverden. Es verdient sicherlich An­erkennung, daß die Reichsregierung sich auf eine Herausnahme der Privatangestellten, ans der bisheri­gen Zugehörigkeit zu der Invalidenversicherung nicht einlassen will und nur nebenher eine Art freiwilliger Zuschußversicherung erwägt. Hoffentlich wird durch jene Sonderströmung die Vorbereitung und baldige Fertigstellung der angekündigten Vorlage über den Ausbau ruid die Vereinfachung der g e- sa tuten A r b e i t e r v e r s i ch e r u n g nicht gestört oder aufgehalten. Und ebenso dringend mag bei unserer Neujahrsrundschau dem Wunsche Ausdruck ver­liehen werden, daß der Gesetzentwurf über die Ar b ei ts k a m m er n , aus die nach den kürzlich er­folgten Mitteilungen bald zu rechnen ist, das Kreuz- feuer der Gegenvorschläge und Änderungsanträge, dem er im Bnndesrat wie int Reichstage begegnen wird, glücklich und ungefährdet übersteht, und daß er in ab­sehbarer Zeit in den Hase,: einlausen kann. Der. sozialpolitische Fortschritt auf' der ver­nünftigen Mittellinie des Interessen­ausgleichs, die Anbahnung einer Verständigung zwischen Arbeitgeber und Angestellten, Gehilfen' und Arbeitern der mannigfachsten Art durch gemein- s a m e Beratung in paritätischen Körper­schaften^ dies ist das Ziel, auf das im Jabre 1908 und in der Zukunft die Reichsregierung und die Gesetzgebung unter Ergänzung und Erweiterung der bisherigen Schutz- und Fürsorge-Einrichtungen himn- steuern hat.

Achrrs-Micklüirk.

Auslandspolitik.

So wenig erfreulich es bei uns auf innerpolitischem Gebiete aussieht, so bedeutet doch das Jahr 1907 aus dem Gebiete unserer auswärtigen Politik einen be­trächtlichen Fortschritt. Noch Ende vorigen Jahres schien das weltpolitische Firmament verdüstert, aber im Laufe dieses Jahres hat sich das Gewölk vollständig verzogen, allerorts waltet eine friedliche Tendenz ob. Als Haupterfolg nach dieser Hinsicht kann die Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und England angesehen werden, welche nicht bloß eine Eintagsfliege zu sein scheint. Die gegenseitigen Besuche haben dazu beigetragen, einander objektiver zu beurteilen, und ihren offiziellen Ausdruck hat di? Annäherung i:t dem Besuche König Eduards in Cassel und die Gegenvisite des deutschen Kaiserpaares ans englischem Boden gc> smiden. Auch sonst können wir mit unseren BezlehNn-

Femlletou»

Mackdruck verboten.:

Um die zwölfte Stunde«

Skizze von Käthe Lrrbowski.

Als Doktor Wendlandt die junge Sängerin in sein ^veinumranktes Dorfhäuschen führte, hatte es einen argen Sturm gegeben. Die Verwandten sprachen viel von fehlendem Standesbewußtsein und der alte Pastor ließ eine sanfte Bemerkung fallen, daß Singvögelchen auch zugleich Strichvögel seien.

Er hatte sie alle reden lassen ... die Hand seiner Maria und ihre große Liebe genommen ::nd sie zu seinem Weibe gemacht. Nun gehörte sie ihm schon zwei Jahre. Im Hochsommer hatte sie ihm einen Sohn geschenkt. Doktor Wendlandt hatte sich nicht nur aus Eigennutz so unsäglich auf das Kind gefreut ... er hatte die Hoffnung damit verbunden, daß nun noch pinmal alles gut werden könnte. Ja, war denn ihr junges, reiches Glück etwa schon in Stücke gegangen? Für fremde Augen nicht. Doch die Liebe des Mannes fühlte ein Abbröckeln . . . Das hatte das Kind nicht zu hemmen vermögen. Frau Marias Liebe zur Be­tätigung der Kunst erwachte wieder, zog um die Mutterliebe einen Schleier und zwang sie zum Flügel hin. Sobald sie ihr Mann daran überraschte, fuhr sie empor und verschloß ihn hastig.

Singe weiter, Maria", bat er.du weißt, ich habe soviel Freude an deiner Stimme." Aber sie tat es nicht. Sie fühlte, daß sich langsam eine Sünde groß­wuchs, und konnte es doch nicht hindern. Es gab Augenblicke, in denen sie über einer erwachenden Melodie vergaß, ihr Kind zu versorgen. Die ganze Weü versank ihr. lind es grünte und blühte immer noch ' als längst die bunte Farbenpracht des Herbstes un - ,chnee und Eis begraben lag . . .

Wendlandt hatte noch manches von dem Weihnachtsfest erhofft. Er war noch nachsichtiger und rücksichtsvoller gegen sie gewesen, hatte sie mit Geschenken überschüttet, und sie gönnte dem kleinen Himmelbett, das er im kalten Stall an der Hobelbank der Jugendzeit für den Erstgeborenen gezimmert, nicht mehr als einen flüch­tigen Blick. Ihre Blicke konnten sich nicht von den Singnoten trennen, die ihr Mann unter anderen Kleinigkeiten für sie verborgen hatte. Sie schlug das Heftchen auf und sang die Melodie der Carmen, in der sie einst Stürme der Begeisterung entfesselt. Die Lichter der Tanne wurden ihr zum blendenden Glanz der Bühne ... sie meinte den Rosenduft der ge­spendeten Sträuße einzuatmen. Sie war glücklich.

Und an diesem füllen heiligen Abend sagte sie es ihm.

Laß mich einmal als Gast singen. Ein kurzes Engagement finde ich alle Tage. Nein, nicht unter deinem Namen . . . unter irgend einem anderen, den niemand in diesem kleinen, verschlafenen Dorf kennt. Du kannst ja den Leuten sagen, daß ich derreist bin ..."

Er hatte lange geschwiegen. Endlich war er anf- gestanden und hatte ihr das schlummernde Kind in die Arme gelegt . . . wortlos.

Sie aber hatte nicht verstehen wollen.

Denkst du, ich liebte euch weniger, weil ich ein Mensch , mit flammenden Wünschen bin? Meine Liebe wird draußen vielmehr wachsen. Das fühle ich. Hier wird sie matt werden."

Da sprach Doktor Wendlandt das erste harte Work in dieser Ehe:Dann müssen wir es tragen. Du bleibst bei uns. Finde dich damit ab. Ich verbiete dir, je­mals wieder , ein Wort darüber zu sagen. Tue deine Pflicht, dann wird dein scheinbar unnützes Leben aus­gefüllt fein." Sie stand auf und ließ ihn allein.

Ais das letzte Licht knisternd erlosch, war der Bub in seines Vaters Armen eingeschlafen. Nur zuweilen.

wenn ein heißer Tropfen auf seine Bäckchen fiel zuckte er zusammen . . .

Das war Doktor Wendlandts heiliger Abend.

In dein lichten Zimmer, das Frau Maria stolz ihr Boudoir nannte, schrieb sie indessen an ihren alten Lehrer und Gönner und schämte sich nicht der Unwahr­heit, die aus ihrer Feder lief:

. ./ ; mein Mein hat mir gestattet, wieder ösfeut» lich zu singen. Könnten Sie mich nicht irgendwo als Gast nnterbringen? Sie werden schon das Richtige treffen . . .

Bereits am 29. Dezember kam seine Antwort. Ihr Gatte war zinn Glück wieder über Lank). Sie konnte den Brief ungehindert lesen und beantworten. Pro­fessor Wink hatte überraschend schnell ihren Wunsch er­füllen können. Schon am 3. Januar sollte sie eine er- krankte Opernsänger::: in Leipzig vertreten. Zur Be- dingung machte er, daß sie mindestens eitlen Tag vor- her mit ihm zusammen übte. . . Ir. ihr war ein Freudenrausch. Wieder singen zu dürfen . . . be­wundert zu werden . . . Lachen und Weinen zu ent­locken . . . Ach, wer das einmal gekostet hat, der ver­hungert langsam, soll er es dauernd entbehren.

Sie telegraphierte ihre Zustimmung. -- Tann be- mühte sie sich, keine Veränderung merken zu lassen, Doktor Wendlandt hatte zwei ernste Typhusfälle und war viel zu abgespannt, um etwas davon ztr merken. Zudem lastete der Nachklang der seltsamen Christseier schwer auf ihm. Sie quälten sich alle beide, zu ein­ander besonders nachsichtig und liebevoll zu sein, und ertappten sich alle Augenblicke dabei, wie sauer ihnen das wurde. Ihre Gedanken liefen auseinander.

. . . In emsigen Flocken wandelte der letzte Tag des Jahres auf di« Erde bered. Vorübergehend wollte Frau Maria die Scham übermannen.

Wie eine Diebin sich fortzuschleichen . . . das Haus verlassen... das Glück ?. . Glück???" Sie lachte ein wenig. Wer wußte hier etwas von der Kraft der