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Nr. 5 SI. Wiesbaden, Donnerstag, ID. Dezember 1 DO 7 .

Morgen - Ausgabe.

1. Mlutt.

Dos Problem der Geldknappheit.

Die Schwierigkeiten, unter Lenen Las Wirtschafts­leben bet uns, in England und in Amerika leidet (in anderen Ländern und Staaten hat das Übel einen rveit geringeren Umfang), widerlegen allein schon durch ihre internationale Verbreitung und Bedeutung die An­nahme, daß es etwa Fehler der deutschen Rcichsbank- leitung sein könnten, aus denen diese Mitzstünde wenig­stens für und in Deutschland hervorgegangen sind. Gleichwohl kann man zugeben, daß die Frage der Geld­knappheit und ihre eventuell durch bestimmte Maßregeln herbeizuführende Beseitigung auch vom Standpunkt einer begrenzten staatlich-nationalen Betrachtung aus geprüft werden kann, und daß hierbei vielleicht die Mittel und Wege gefunden werden können, durch die wenigstens teilweise eine Abhilfe zu beschaffen ist. Mit anderen Worten: Es wird zu fragen sein, ob etwas Positives davon erwartet werden kann, wenn die Lage des Geldmarktes, die Ursachen seiner ungünstigen Ge­staltung, die Mittel zur Milderung der Krise, die Mittel zur Verhütung künftiger Heimsuchungen ähnlicher Art einer eingehenden fachmännischen Untersuchung unter­worfen werden. Die Enquete nun, die diesen Zwecken dienen soll, ist, wie man weiß, beabsichtigt. Der Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg hatte sie kürzlich im Reichstag angekündigt und die Wichtigkeit des Unter­nehmens geht schon daraus hervor, daß sich neuerdings wieder allerlei agrarische Weisheit hervorwagt, die den Anlaß benutzen möchte, um die Reichsbankleitung von ihrer konsequent festgehaltenen Bahn abzudrängen und wohl gar den Boden für bimetallistische Experimente vorzubereiten. Daß der Rücktritt des Herrn Koch mit den' Vorgängen, die zur Einsetzung einer Euqueie- kommission geführt haben, in unmittelbarem Zusammen­hänge stehe, wird zwar bestritten, jedoch kann man den Argwohn nicht ganz verabschieden, daß der bis­herige verdiente Leiter des Zentralinstituts zu seinem Entschluß durch den Unwillen über ebenso ungerechte wie kurzsichtige Angriffe aus dem agrarischen Lager mit veranlaßt worden ist. Genug, die Enquete selbst wird wichtig werden. Und dies wird unter allen Umständen gelten, sowohl wenn sie die Anregung zu einem Um­schwung gibt, als auch wenn sie damit endigt, baß alles bleiben soll, wie es war und ist.

Da es zunächst darauf ankommt, sich objektiv zu orientieren, so kann mau mit Interesse Akt nehmen von einer übersichtlichen Darlegung, mit der sich der frei- konservative Führer Frhr. v. Zedlitz über die kom­plizierten Probleme, um die es sich hier handelt, im jüngsten Heft der trefflichen HalbmonatsschriftNeue Revue" (Berlin, Heinrich Caspari) äußert. Tatsachen und Vorschläge läßt der Verfasser an uns vorüberziehen. Nach der Ansicht mancher Beurteiler soll die außer­gewöhnliche Höhe des Reichsbankdiskonts zum Teil auf die Rückständigkeit unserer Zahlnngsgewohnheiten und Einrichtungen zurückzuführen sein. Diese Auffassung wird durch die Tatsache unterstützt, daß nach den Er-

mittelung-en des Münzdirektvrs der Vereinigten >L-taaten Ende 1906 bei einem -Goldstück Deutschlands von beinahe 4 Milliarden M. in seinen Banken sich nur 713 Mill. M. befanden, während Frankreich bei einem nur um 300 Mill. höheren Goldvorrat mehr als 2,3 Milliarden in seinen Banken besaß. Man ist denn auch schon eifrig am Werk, die bessernde Hand anzulegen. Wir erinnern an die Hypothekenausgleichsstelle, die in Verbindung mit der Reichsbank gebracht worden ist, und durch die viele große Zahlungen, die früher in bar zu leisten waren, im Wege der Verrechnung stattsinden werden. Hierher gehört auch der Entwurf eines Schcckgesctzes, sowie die geplante Einrichtung eines Postüberweisungs- vcrkehrs. Aber von entscheidender Bedeutung können diese Maßnahmen doch nicht sein. Unser Volk ist, wie der vom Freiherrn v. Zedlitz zitierte Geh. Oberfinanz­rat -Hartung jüngst schrieb, an Hartgeld als Zahlungs­mittel so gewöhnt, daß es selbst das minderwertige und unbequeme Silbergeld den papierncn Zahlungsmitteln vorzieht. Das hat der Mißerfolg des Versuchs klar er­wiesen, durch die Ausgabe kleiner Banknoten Gold aus dem Verkehr in die Reichsbank zu ziehen. Ungleich wirksamer wird sich daher voraussichtlich die geplante Vermehrung der Silbermünzen erweisen. Bei aus­reichender Höhe der Vermehrung, sowie bequemer Form und Stückelung dieser Münzen wird namentlich der jetzt im weiten Umfang stattfindendc Gebrauch der Goldmünzen, insbesondere der Zehnmarkstücke, zu Lohn­zahlungen sich erübrigen.

Anscheinend wenig übrig hat, wie »vir mit Genug­tuung feststcllen, der Verfasser des guten Aufsatzes in der Neuen Revue" für den namentlich von Herrn Arendt vertretenen agrarischen Vorschlag der Einführung von Goldprämien nach französischem Muster. Als Mittel zur Erreichung dieses Zieles wird die Heraufsetzung des Betrages, in dem Reichsscheiöemünzen in Zahlung ge- nominen »verdcn müssen, von 20 auf 1000 oder doch wenigstens auf 100 M. empfohlen. Die Reichsbank werde dann in der Lage sein, nach Bedarf statt in Gold in Sil­ber Zahlungen zu leisten und Roten cinzulösen. Bei Erhöhung der Annahmepflicht auf 100 M. allerdings nur Hundertmarknoten, aber auch das werde genügen, um ohne so starkes Anziehen der Diskontschraubc, wie bis­her, den Abfluß für uns schwer entbehrlichen Goldes ins Ausland zu verhüten. Der Hinweis auf die Wir­kungen der Goldpolitik der Bank von Frankreich hat ohne Zweifel etwas Bestechendes. Die Tatsache, daß bei unserem Diskontsatz von 7tzj> und dem der englischen Bank von 7 Prozent die Bank von Frankreich an dein Satze von 4 Prozent festzuhalten vermochte, spricht Bände. Auch ist nicht zu verkennen, daß die eingangs ernüchnten Bestrebungen, den Golövvrrat Deutschlands mehr als bisher in der Reichsbank anzusammeln, ihre beträchtliche Schattenseite haben, solange diese zur Ver­teidigung ihres Goldschatzes gegen das Ausland nur das eine Mittel des Anziehens der Diskontschraube besitzt. Aber das jüngste Ansteigen des Kurses des Schecks Lon­don zu so exorbitanter Höhe, daß er tatsächlich als Gold­agio wirkte, läßt deutlich die Kehrseite der Medaille er­kennen. Wäre durch die empfohlene Goldprümienpolitik das Gold in den Kellern der Rcichsbank znrückgchalten, so würde nach menschlichem Ermessen der erwähnte Bur-

52 . Jahrgang.

gang sich noch in weit stärkeren» Matze vollzogen und uns tatsächlich eine vorübergehende Balutastörnng gebracht haben. Aufgabe der Enquete wird es sein, Gründe und Gegengründe sorgfältig gegeneinander abzuwägen und so für die Richtung unserer tünftigei» Baukpolink sichere Grundlagen zu schaffen.

Politische Uberstcht.

Nationalliberale Nebrnrcgicrung.

Über eine angebliche Nebenregierung der National- liberalen plaudert die verärgerteCöln. Bolksztg." allerlei aus der Schule. Besonders auf den Abgeord­neten Paasche ist es dabei abgesehen.Man treibt doch nicht Politik, u m ewig Abgeordneter z u bleibe n", soll Herr Paasche gesagt haben. Es »verden dani» zn der Mitteilung derNat.-Lib. Korre­spondenz", daß im vorigen Frühjahr mit den Herren Paasche und Hagcmam» »vegei» ihres Ei»»tritts in das i»eu zu begründende Reichskolonialamt verhandelt wor­den sei, allerlei Glossen gemacht. Herr Paasche wird darin als ein Beutepolitiker gekennzeichnet, der bei allen möglichen Vakanzen seine Kandidatur angemeldet habe, aber überall abgeblitzt sei. DieCöln. Bolksztg." kommt zu folgendem Schluß:

Wenn man dieNobenregicrung" der Rationalliberalen sowohl vor wie nach den» 18. Dezember 1906 betrachtet, so muß man schon sagen, daß sie vbensotveniy wühlerisch wie skrupulös war. Sie waren bereit, alles zu nehmeu , was sie erhalten konnten, und alles zu beseitigen, was ihnen entgegenstand. Der preußische Kultusminister Studt mutzte ihnen zuliebe fallen gelassen werden und wurde durch Herrn Holle ersetzt. Von. fernen, vier Ministerialdirektoren setzte man nicht »vcniger als drei auf die Proskriptionslistc, nämlich die Herren Althoff, Sckwartz- kopff und v. Chappuis. Nur der Direktor der Modizinal- aibteilung, Herr Förster, wurde einstweilen 'wohl mit Rück­sicht aus die politische Harmlosigkeit seines Ressorts mit Schonung behandelt. Dann mußte Graf P o s a d o »v s ,», fallen, um ein Reichsavbeitsamt fiir den Abgeordneten Herrn vr. Paasche bilden zu können. Graf Posadowski, fiel auch richtig ohne joden triftigen Grund und ohne irgendwelche sach­liche Veranlassung. Dann ging der Kamps los gegen weitere Staatssekretäre: Herr Ni eberding vom Reichsmstizamt sollte weichen, um Platz zn machen für den Abgeordneten Passer m a n n. Herr v. S t e n g e l sollte ebeiisalls be­seitigt werden, »veil er den Nationalliberalcn nicht gefiel. Doch hatte man für ihn einen nationallilberalen Abgeordneten als Nachfolger nicht zur Hand. Vielleicht erschien dessen Autachbe so schwierig, daß man sie doch lieber einem anderen überließ. Dann kam schließlich Herr Paasche und versuchte auch- noch den Kriegsminister v. Einemabzustechen : aus welchem Grunde, ist bisher »iicht recht aufgeklärt. Also Herr Paasch- sollte Unterstaatssekretär, dann Staats»etretar im Reichskolonialamt, Staatssekretär ir» den» neu zn schaffenden ^icichsarbcitsamt, schließlich Präsident der Reichsbank werden. Herr Bassermann Staatssekretär des Reichsjustizamtes und Herr Hagcmann Vortragender Rat oder gar Direktor im Reichskolonialamt. Herr v. Stengel, .Herr Nicbcvding und Herr v. Einein sollten fallen, Herr Stadt und Graf v. Po,a- dowskt, sind gefallen. Fürivahr, wenn man diese Neben- r caierung der National-liberalen sich ansicht, so kann nian sich schon vorstellcn, daß der Reichskanzler heute du gelindes Grauen vor seinen Freunden empfindet und vielleicht weh­mütig früherer angenehmerer Zeiten gedenkt.

Wie Viel von diesen etwas boshaften Angaben der Cöln. Bolksztg." zutrifft, fönitei» »vir nicht feststelle»». Daß von einerNebenregierung der Nationalliberalen"

Feuilleton.

(Nachdruck verdolcno

Im Dezember.

Bon G. Heick.

Ein Wunder ist geschehen!

Als am Morgen, in aller Herrgottsfrühe, der Bäckerjunge über die Straße ging, seinen Werßbrotkorb ain Arme oder über die Schulter gehängt, da streckte er seine rotgefrorene Nasenspitze in die kalte Winter­morgenluft und sog diese tief, prüfend ein. Da ward »hm auf einmal so festlich froh uins junge Herz: denn cs war ein Wunder geschehen!

Als dann die Kinder in Scharen zur Schule gr»»geu, oa gab es ein Jauchzen, ein Ja»rchzen seliger Vorfreude. Ihre Augen leuchteten, und eins sagte zum anderen: Wißt ihr schon?!

Es war ein Wunder geschehen: über Nacht waren kleine Tannenwälder auf den Plätzen und an den Straßenecken erwachsen. Wirkliche, frischgrüne, duf­tende Tannenwälder. Und der Tannenduft zog hin­über durch die Straßen, zog in die Häuser, in die Herzen der Menschenkinder, der großen und der kleinen. Dann kam das zweite Wunder.

Die Menschen wurden nun auf eininal so froh. Sie vergaßen, was sie drückte, denn das Herz wurde ihnen so leicht. Sie vergaßen, lver sie gekränkt hatte, denn es zog eine stille Liebe ins Herz. Der Tannenduft, die Tannen, die Weihnachtstannen hatten es jedem angetan, sie vollbrachten das Wunder, die Menschen zu verwandeln.

Da geht ein Mann sinnend über die Straße, das Herz voll schwerer Gedanken. Nun sieht er ein Tannen­zweiglein auf der Erde lregen, es niag bei den» Einzüge des Tannenwaldes in die Stadt verloren gegangen fern. Da bleibt er sinnend stehen das Wunder vollzieht sich es wird ihm froh ums Herz, und kmderjung ruft er aus:Ach Weihnacht! Bald ist's ja Weih­

nachten!" Und seine Gedanke»» forn»ei» sich zi» einem Verslein:

Klirrender Frost und kristallenes Eis,

Fluren und Tannen mit Schnee bedeckt -

Wie da ein harzduftcnd Fichtcnreis Weihnachtlich frohes Empfinden »veckt!

Es muß wohl so eine Art Dichter sein, dieser Mann.

Wie rasch doch solche Weihnachtstannen wachsen! Täglich vergrößern sich die Tannentvälder auf den Plätzen, und jetzt stehen sogar Tamrengruppen au den Straßenecken, wo sich nur Raum sin- sie finden läßt. A»»ch »nie ein leises Klingen und Singen geht's von ihnen aus. Klingt nicht deutlich eine Melodie durch die Luft, leise mahnend und doch »vic unterdrücktes Jubeln,?:

Wie soll ich dich empfangen!"

Jetzt wird schon fleißig geschafft an den Bäumen. Gerade »nie im Walde da draußen erklingt die Axt und das Beil. Es sind ja überflüssige Äste an den Tannen, den kleinen und großen Fichte»», Sic werden abqe- hauen. Aber nur ja nichts umkominen lassen, nur ja nicht. Beladet eirch doch mit den» Fichtenreisig, es muß ja helfen das Haus zum Feste zu schmücke»». Überall tollen sie angebracht werden, über den Türen, in dem

Flur, an den Bilder:», hinter den Spiegeln bringt nur herbei.

Aber da sind die kleinen Zweiglein, cs sind noch die Menge da. Her damit. Jedes Weihnachtspaketleiu soll so ein duftendes, grüßendes Fichteilreischen habe»».

Inzwischen ist schon das Klingen aus dem Weib uachtswalde lauter, vernehmlicher geworden. Hörtl klingt es nicht schon daraus jauchzend:

Vom Himmel hoch, da komm' ich her!"

Ja, es ist eine »vuirdersaine Zeit, die Weih»»achtszcit.

Da mm die Tannen so sehr unser Interesse erregen, da sie so tief und so hoch in die Weihnachtszeit und in die Weihnachtsgedanken hineinwachsen, so »vollen »vir sie doch auch einmal da draußen aufsuchen, dort, »vo sie dahei»»» sind.

Nu»» sind »vir auch schoi» »»litten drin in dem Tannenwalde. Auch hier umfängt uns das wunderbare Rauschen, aber kein eingebildetes, sondern ein wirk- lichcs. Achten »vir doch einmal genauer auf dieses Waldes-, dieses Tannenrauschen. Klingt es nicht »nie gedämpftes Orgelbrausen daraus, und nicht auch lvie zartes, dann wieder wie verworrenes, fernes Geigen­spiel? Dabei ist draußen, außerhalb des Waldes, nicht einmal ein so starkes Wehen des Windes. '

Wie kommt das?

schauen wir einmal hinauf in das grüne Z»veig> dickicht. Der Wind zieht durch dieses Zweiggewirr hin­durch, überall stößt er ai», überall geht er auch wieder hindurch. lli»d daun die feilten Nadeln all: auch durch diese tausend und abertausend Lücken und Spalten mutz er hindurch. Da kann, da muß es schon ein melodisches, vieltoniges Rauschen geben. Oder habt ihr noch nicht darauf geachtet, daß das Rauschen im Eichwalde ein