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Nr. 588.
Wiesbaden, Montag, 11. November 19©y.
55. Jahrgang.
Abend-Ausgabe.
1. Matt.
MeUMWM der Kllismkist Nütz Wdliud.
ii. Berlin, 8. November.
Von wohlinformierter Seite wird uns zu der Vertagung des Kaiserbesuches in Holland mitgeteilt: Es kann nicht geleugnet werden, daß die Hinausschiebung des Besuches, den Kaiser Wilhelm dem holländischen Hofe abstatten will, auch den Berliner Hofkreisen überraschend kam. Auch hier war man einen Augenblick geneigt, politischen Gründen die Vertagung des Besuches zuzu- lschreiben, anderen Gründen freilich, als sie die französische Presse unter dem Vorgeben, sie wüßte etwas, der Welt mitzuteilen für gut befindet. Die Pariser Presse, allen Blättern voran der „Temps", der sich gern das Air eines in die tiefsten Geheimnisse der internationalen Diplomatie eingeweihten Organs gibt, wußte davon zu erzählen, daß der Zusammentritt der holländisch-belgischen Entente-Kommission in Brüssel bei Deutschland Anstoß erregt habe, daß Deutschland in Brüssel wie im Haag wegen dieser Konferenz Vorstellungen erhoben habe und daß Kaiser Wilhelm als Antwort ans die ihm nicht zusagende Aufnahme dieser Vorstellungen seinen Besuch verschoben habe, um ihn demnächst gänzlich abzu- sagcn. Diese und andere Enthüllungen — so z. B. die Version, daß die Kommentierung des Harden-Prozesses durch die niederländische Presse oder die durch das Verhalten der deutschen „gelben" Streikbrecher in Amsterdam hervorgerufene deutschfeindliche Stimmung der Amsterdamer Bevölkerung die Verschiebung des Kaiserbesuchs veranlaßt habe — diese Enthüllungen läßt sich der „Temps" angeblich aus Brüssel und Amsterdam telegraphieren. In Wirklichkeit stammen diese „Informationen" wohl aus den wenig seriösen Berliner Kreisen, die den „Temps" mit „diplomatischen" Weisheiten versorgen, denn weder in Brüssel noch im Haag hat irgend jemand die Ente von einem deutschen Einspruch gegen die Entente-Konferenz in die Welt gesetzt, und in der holländischen Presse ist kein Wort von einer antideutschen Gesinnung der Amsterdamer laut geworden. Das zu entdecken, blieb der französischen Presse Vorbehalten, die ja überall, wo sie Deutschland etwas Unerfreuliches anhängen kann, das Gras wachsen hört.
Geradezu lächerlich ist die Darstellung, als hätte Ärger über die Behandlung des Harden-Prozesses den Kaiser zur Verschiebung des Besuchs bestimmt. Erstens wird der Kaiser von den holländischen Preßstimmen über diese Affäre kaum Notiz genommen haben, und hat er es getan, so weiß er doch, daß die niederländische Regierung für die Haltung der niederländischen Presse ganz und gar nicht verantwortlich gemacht werden kann, weil 'ffie aus die Presse keinen Einfluß hat.
Die Gründe für die Hinausschiebung des Besuchs sind andere, absolut unpolitische, aber recht beachtenswerte: Tatsächlich folgt Kaiser Wilhelm einem dringenden Rat seiner Ärzte, wenn er zwischen die Anstrengungen des Londoner Besuchs und die Visite in Amsterdam einen mehrwöchigen Aufenthalt in dem milden Klima der Insel Wight einschiebt. Der Kaiser leidet seit längerer Zeit an einem hartnäckigen Hustenreiz, der eine Schonung der Atmungsorgane notwendig macht. Mit Rücksicht auf die Hartnäckigkeit der Affektion halten es die Arzte sür geboten, gegen eine Verschlimmerung des Leidens Vorbeugungsmaßrcgeln zu treffen. Aus der Tatsache, daß sie dem Kaiser den Kuraufenthalt an der englischen Küste — wo auch Kaiser Friedrich vor seiner Übersiedelung nach San Remo seines Kchlkopfübels wegen längere Zeit weilte — empfohlen haben, braucht man selbstverständlich nicht zu schließen, daß die Arzte das Leiden des Kaisers etwa für ein erbliches ansähen. Das ist nicht der Fall. Trotzdem aber halten die Arzte es für geboten, den Kaiser zu nötigen, sich Schonung aufzucrlegen, und sie wissen, daß er diese Schonung leicht vernachlässigen würde, wenn er nicht eine Zeit lang fern von Geschäften, Empfängen und anderen offiziellen Pflichten der Ruhe pflegt. Die englische Küste wurde als Kuraufenthalt des Kaisers gewählt, weil der Aufenthalt dort dem Kaiser gestattet, sich unmittelbar nach den Strapazen des Londoner Besuchs der Heilwirkung des Klimas auszusetzen, ohne daß er erst noch eine längere Reise in ungeeignetem Klima zu überstehen hat. Auch die Erwägung, daß der Besuch in Holland von Wight ans sich sehr bequem erledigen läßt, hat bei der Wahl der Insel mitgesprochen.
Uolitische Übersicht.
Das französische Gelbbnch.
Der französischen Deputiertenkammer ist in diesen Tagen ein Gelbbuch über Marokko zngegangen, welches dazu dienen soll, den für die Marokko-Expedition geforderten großen Kredit ausführlich zu begründen und die Maßnahmen der Regierung zu rechtfertigen. Das Gclb- bnch umfaßt eine große Reihe t>oit Aktenstücken und erstreckt sich über mehr als anderthalb Jahre, nämlich die Zeit von Januar 1906 bis Oktober 190:. Im allgemeinen sind derartige Veröffentlichungen über diplomatische Affären ziemlich trocken, und es ist keine Seltenheit, daß auf Grund der diplomatischen Höflichkeit, sowie des Staatsinteresses gerade die interessantesten Stücke der Öffentlichkeit nicht preisgcgeben werden: oft auch wird die Zluswähl iir tendenziöser Absicht getroffen, und so eingerichtet, daß sie nach ganz bestimmten Seiten hin wirken mutz. In dem neuen französischen Gelbbuch ist von alledem kaum etwas wahrzunehmen, zumal die Dinge ja ziemlich klarlicgen und keinerlei Verwickelungen zu befürchten sind. Für uns in Deutschland hat das
Fe uillet on.
Hermann Zumpes Oper „Kamin".
(Uraufführung in Schwerin.)
Man schreibt uns aus Schwerin, 9. November: Das Schweriner Hoftheater hat gestern das Andenken Hermann Zumpes geehrt, des Künstlers, der voll diesem Kunstinstitut aus den Aufstieg zu höheren Zielen unternommen hatte und der so rasch aus der Reihe der Lebenden schied. Gewiß spricht es für den dankbaren -Sinn feiner Schweriner Freunde, wenn ste «c nachgelassene Oper „Sawitri, die Königstochter , tum Leben erstehen ließen. Aber das Ergebnis der Aufführung ließ doch erkennen, daß die aufgewandte Mühe insofern eine vergebliche war, als Zumpes Bedeutung als Tonsetzer durch das Werk keineswegs über den Durchschnitt erhoben werden konnte. Zwei Akte der Oper waren beim Tode Zumpes bis in die kleinsten Details fertig instrumentiert. Von dem dritten haben !die Komposittonsskizzen fertig borgelegen, einiges war auch schon mit Instrumentation versehen, manches bedurfte jedoch noch der Ergänzung undVervollkommnung. Dieser Arbeit unterzog sich der Kapellmeister Rößler in Frankfurt a. M. mit. anerkennenswertem Geschick.
1 Die Dichtung zu „Sawitri" stammt aus der Feder des Grafen Ferdinand S p o r ck. Der Autor ist durch Textbücher bekannt geworden, die er Max Schillings geschrieben hatte, und in jedem einzelnen Falle mutzte man leider seststellen, daß seine dichterische Kraft nicht ausreichte um seine Gedanken plastisch und zur Vertonung geeignet darzustellen. Auch die „Sawitri" ist ein mißlungenes Buch. Der alte bekannte Vorwurf, das Hohelied der aufopferungsvollen Gatteuliebe, ist hier in das Unnatiirliche, in das Schwülstige und Ver
stiegene verzerrt, in eine dichterische Sprache gekleidet, die dem Komponisten von vornherein starre, druckende Fesseln anlegen mußte. . . . Sawitri, dre Tochter des Königs Aswesa, hat sich Sawitar, den Sohn des blinden Königs Rivjasena, zum Gatten erwählt. Sre kündet dem Vater ihre Wahl: da erscheint der Gotterbote Parwata und spricht die düstere schreckliche Prophezeiung: Nur ein Jahr noch ist deni Sawitar Leben be- schieden, dann muß er einziehen in das Reich der Schatten Sawitri aber schwört, dem Gatteii die Treue zu wahren und das grausame Geschick auf sich zu nehmen. Mit ihrem Vater zieht sie in den Büßerwald, da der alte blinde König, Sawitars Vater, deni Feinde seiii Land geraubt haben, lebt. Die Vermählung wird vollzogen, und nach kurzen Monden des reinsten Glücks naht die Stunde, da Sawitar sür immer scheiden soll. Jama, der Todesgott, erscheint pünktlich und wirft das Seil um den Leib Sawitars, mit dem er ihn und seine Seele zu den Abgeschiedenen zieht. Sawitri aber wagt den Kampf gegen den Tod, den Allbezwinger. Sie folgt ihm auf seinen Pfaden und fleht um das Leben des Gatten. Barsch weist sie der Gott ab, aber sie rührt ihn durch ihre Beharrlichkeit, durch die Innigkeit ihrer Bitten so, daß er endlich ihr den geliebten Gatten zurückgibt und die Fesseln der Vernichtung von seinem Leibe abstreift. . . .
Gewiß — eilt poetischer, in seiner Schlichtheit erschütternder Vorwurf. Für drei Akte aber ist er nicht ausreichend, und aus diesem Mißverhältnis zwischen der dramatischen Tragfähigkeit und seiner Durchführung ergeben sich naturgemäß Längen, die auf die Handlung und selbstverständlich auch auf bie_ Partitur schädigend einwirken mußten. Nun tritt zu diesem fast entscheidenden Fehler des Buches noch der Umstand hinzu, daß Zumpe ein recht schwacher Erfinder ist. Und da, wie erwähnt, die Sprache des Buches sich in Geschraubtheit
Gelbbuch natürlich ein ganz spezielles Interesse, denn cs enthält überwiegend den Notenwechsel Zwischen Berlin und Paris und gibt gleichzeitig auch wertvolle Aufschlüsse über die Haltung unserer Regierung. Das Gelbbnch bestätigt in allen seinen Teilen und veröffentlicht Doknurente, daß Deutschland eine streng loyale Haltung gegenüber Frankreich bewahrt hat, daß aber auch Frankreich seinerseits offen und ehrlich Deutschland gegenübertrat und stets in Berlin Mitteilung von seinen Absichten machte. Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen die gegenseitige Verständigung stets unter den liebenswürdigsten Formen erfolgte, und es darf als ein erfreuliches Moment verzeichnet werden, daß man in dem Gelbbuch es nicht verschweigt, welch herzlichen Tones sich die französische Botschaft in Berlin gegenüber den Vertretern der deutschen Reichsregicrung befleißigte. Es wird u. a. mitgetcilt, daß der französische Botschafter Eambon dem Staatssekretär v. Tschirschky, als dieser zum Vortrag beim Kaiser nach Wilhelmshvhe fuhr, gebeten hat, dem Kaiser zu sagen, wie sehr man in Frankreich dankbar sei sür die Gesinnungen Deutschlands. Aber ebenso können die Franzosen aus dem Gelbbnch ersehen, daß man deutscherseits in jeder Weise der schwierigen Lage Frankreichs in Marokko Rechnung zu tragen suchte. Der Gesamteindruck des Gelbbuchs wird zweifellos ein sehr günstiger sein und dazu beitragen, die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich weiter zu bessern. Man wird endlich auch an der Seine beginnen, Deutschlands Verhalten objektiver zu beurteilen, und es ist bezeichnend, daß man in der Versetzung des deutschen Gesandten Rosen von Tanger nach Teheran und dessen Ablösung durch den Frankreich sehrgenehmcn bisherigen Generalkonsul v. Romberg in Sofia ein neues Zeichen für die Bereitwilligkeit Deutschlands erblickt, alle Vorschläge Frankreichs hinsichtlich Marokkos wohlwollend zu prüfen. Bei einer derartigen Sachlage wäre es sehr wohl Lenkbar, daß eine Begegnung des französischen Oberhauptes mit unserem Kaiser, die unter Lon'bet nicht zustande kam, jetzt doch in Monaco erfolgen kann.
Die Kmserreije nach England.
bä. Blissingen, 9. November. Die kaiserliche Nacht „Hohenzollern", die das Kaiserpaar an Bvrd nehmen wird, ist, begleitet von den Kreuzern „Scharnhorst" und „Königsberg" sowie von dem Torpedobootszerstörer „Sleipner", diese Nacht vor der Scheldemündüng eiu- gctroffen und dann vor Blisst'ngen vor Aiiker gegangen.
bä. Rotterdam, 10. November. Das Kaiserpaar traf gestern nachmittag gegen 4 Uhr pünktlich in Blissingen ein. Es begab sich sofort an Bord der „Hohenzollern". Der deutsche Gesandte von Schlözer erhielt nach Verlaus einer Stunde die Einladung zur Audienz beim Kaiser. Es verlautet, Latz das Kaiserpaar in Blissingen Depeschen von der Königin Wilhelmina, dem Prinzgemahl Heinrich und dem englischen Königspaar erhielt, in denen zur
und Gespreiztheit verliert, so war er zu unnatürlicher Tonsprache gezwungen, die alles das ausschließt, was gesunde und natürliche Musik heißt.
Zumpe hat in seinem Lebeir sich so viel mit der Musik anderer befaßt, vornehmlich in der Welt Wagners geweilt, daß er, da er nun selbst schaffen wollte, Bahnen beschritt, die die anderen schon vor ihm gewandelt sind. So ist denn seine Partitur der Reflex von Musik, deren Wirkung wir früher schon in anderer Fassung an uns erlebt haben, so erkennen wir in seiner Tonsprache den Geist der Musikerschule, die von Wagners Geist imd Art erfüllt ist. So undramatisch wie das Buch ist auch Zumpes Musik. Sie ist redselig, breitspurig und allzu ausführlich, schafft lyrische Ruhepunkte dort, wo der Hörende Kraft und Fortschreiten erwartet. Aus alledem ergibt sich eine lähmende Wirkung, das Vorherrschen einer Atmosphäre von Reflexionen, ohne den frischen Lufthauch einer zwingenden, lebendigen Musik. Und das Schlimmste sind die unverkennbaren Anklänge au Wagner, die so weit gehen, daß ganze Tonfolgen an be- stimmteStellen ans des Meisters Werken gemahnen. Ganze lange Szenen der Oper ziehen sich trostlos und ermüdend hin, und nur selten flackert ein Funken zu augenblick. licher Wirkung auf.
Einen Fortschritt in der Entwickelung des modernen Musikdramas bedeutet „Sawitri" nicht. Ein Rück- wärtsschreiten, ein Verweilen bei den Marksteinen der Moderne vielleicht — aber auch gewiß nicht mehr. Für die Musikwelt war Zumpe der Dirigent großen Stils, der Neugestalter von Tondichtungen bedeutsamen Inhalts Als Schöpfer auf dem Gebiete, das er als reproduzierender Künstler völlig beherrschte, wird er m dem Gedenken der Nachwelt kaum eine hervorragende Stelle behaupten können.
Die Wiedergabe des Werkes am Schweriner Hof-, theater war ein künstlerisches Ereignis durch die ganz
