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lachmittags. j 1 { Für die Ausnahme später eingercichtcr Anzeigen in die nächsterscheinende Ausgabe wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 517 .

Wiesbaden, Dienstag, S. November ISO?'.

55 . Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. SSCatf.

Die Affäre.

Als der Dreyfus-Skandal die Welt erfüllte, wußte jeder, was gemeint war, wenn man von derAffäre" sprach. Es ist heute bei uns nicht anders. Die Affäre, das kann natürlich nur der Prozeß Moltke-Harden sein. Der erste Akt ist vorbei, und wenn sich der Vorhang wieder heben wird, dann wird man den Schauplatz ver­ändert finden. Wie man weiß, hat sich die Staatsan­waltschaft nun doch entschlossen, die Strafverfolgung gegen Harden aufzunehmen. Die Frage, warum sie das nicht früher getan hat, wird nicht leichter zu beantworten fern als die, weshalb sie das jetzt tut. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche. Immerhin, die Staatsauwalt- .schaft hat ernen Entschluß gefaßt, und die Sache gewinnt damrt ern völlig verändertes Aussehen. Zwei Momente vor allem sind in Betracht zu ziehen. Der eine ist, daß vor der Strafkammer in Staatsanwaltsachen die Ver­nehmung jedes angebotenen Zeugen erzwungen werden kann, daß also der nunmehrige A n g e klagte Harden (bisher war er ja Beklagter) die unendliche Reihe ferner Zeugen aufmarschieren lassen kann, daß er vor allem den Fürsten Eulenburg, den Grafen Hohenau, den Grafen Lynac an Gerichtsstclle bringen lassen kann, so daß die Urteilsfüllung abhängig davon zu machen wäre, ob drese Zeugen vernommen worden sind Anderer- seits fällt dieselbe Wohltat der ungehinderten Aus­nutzung fernes Zeugcnapparats dem Grafen Moltke zu, der ja runder Verhandlung vor dem Schöffengericht über­haupt keinen feiner Zeugen zur Vernehmung hatte bringen können. Noch wichtiger vielleicht (und"dies ist das zweite beträchtlich ändernde Moment in der jetzigen Sachlage) wird es fein, daß Graf Moltke nunmehr/ da der Staatsanwalt das Verfahren eingeleitet hat selber Zeugnis ablegen und sein Zeugnis beeidigen kann

Da Herr Harden schon vor dem Schöffengericht er­klärt hat, er bezichtige den Grafen Moltke nicht der homosexuellen Betätigung, so wird das Interesse an dem neuen Prozeß von vornherein weniger auf das Ver­hältnis des ehemaligen Stadtkommandanten zum §175 gerichtet sein als vor allem darauf, welche Ergebnisse die Zeugenvernehmung in Bezug auf das Treiben im Liebenberger Kreise bringen niag. Kann der Ange­klagte dem Grafen Kuno Moltke nichts Strafrechtliches nachsagen, so wird er sich um so mehr bemühen, die Be­ziehungen des Grafen zu den dunklen Vorgängen in der Umgebung des Fürsten Eulenburg zum Beweise dafür auszunutzen, daß es sich da um ein in jeder Beziehung strafwürdiges Konventikelwesen gehandelt hat, daß also die Teilnahme an diesem Zirkel politisch für jeden, auch für den Grafen Moltke, schwerbelastend fein müßte. Mit anderen Worten: Das Interesse in dem neuen Prozeß

wird nicht sowohl an den bisherigen beiden Prozeß- Parteien haften, als vielmehr am Fürsten Philipp Eulen­burg, der sich dann allerdings borsehen mag, für den allerdings nichts Schlimmeres erdacht werden kann, als es die E unvermutete Initiative der Staatsanwaltschaft ist, mit der diese ganze Affäre, wie gesagt, eine ent­scheidende Wendung erhalten hat.

Wir möchten es als unsere persönlich« Ansicht aussprechen, daß es nicht gelingen wird, den Fürsten Philipp Eulenburg strafrechtlicher Verfehlungen zu überführen. Wahrscheinlich aber wird trotzdem genug übrig bleiben, um das Urteil über den Fürsten in einer Weise zu fixieren, die ihm und seinen Freunden fürchter­lich wird werden müssen.

Da wir einmal bei derAffäre" sind, so fei in Kürze von den Vorwürfen gesprochen, die der PariserTemps" gegen die verantwortlichen Stellen in Berlin dahin er­hoben hat, daß sie es nicht verstanden hätten, den Bot­schaftsrat Lecomtc gegen die im Prozeß widerfahrenen Mißhandlungen zn schützen. Der aufgeregte Tou, in dem das französische Blatt die Beschwerde vorbriugt, muß selbstverständlich auf das Privatkonto des ge­nannten Organs gesetzt werden und läßt die deutschen politischen Kreise wohl kalt. Was aber den sachlichen Inhalt des in solcher unangemessener Form bekundeten Tadels betrifft, so genügt es, zu seiner Zurückweisung daran zu erinnern, daß es für eine Regierung, die die Unabhängigkeit der Gerichte achtet, kein Mittel gibt, Einfluß auf den Verlauf zu gewinnen, den eine Verhand­lung in einer Privatbeleidigungssache nehmen kann. Es gab und gibt kein Mittel, eine der Parteien in der Affäre Moltke-Harden zu verhindern, daß Herr Leconite geladen wurde, oder daß auf ihn in irgendeiner, für den Prozeß wichtigen Weise Bezug genommen wurde. Noch weniger ist ersichtlich, wie der Erwähnung des Herrn Lecomte in den Artikeln derZukunft" jemals hätte entgcgengetreten werden können. Man muß in unseren politischen Verhältnissen sehr wenig bewandert sein, wenn man das für nützlich halten wollte.

UolMsche Übersicht.

Die politische Wafscnstreckung der römischen. Katholiken.

m. Rom, 3. November.

Die römischen Munizipalwahlen stehen vor der Tür, und sie werden sich von früheren Wahlen recht erheblich unterscheiden. Zum erstenmal seit Menschengedenken sollen sich die meisten römischen Katholiken, die in der Römischen Union" vereinigten Anhänger des Vatikans, nicht beteiligen, sondern dem antiklerikalenBlock", den Sozialisten, Republikanern und antiklerikalen Libe­ralen, das Feld ohne Schwertstreich überlassen. Diese Taktik hat ihren guten Grund: Die Römische Union sagt sich, daß sie auch bei Anspannung aller Kräfte nur eine geringe Anzahl ihrer Kandidaten auf das Kapitol zu

schicken vermag, da der Block über allzu viele Anhänger verfügt. Diese verschwindende Minderheit in der Munizipalverwaltung würde in keinem Falle ihren Willen durchsetzen können. Also könnte sie ihren Wählern nichts leisten. Und es fei weder wünschenswert noch irgendwie erträglich, daß die Minderheit, zur Ohnmacht verurteilt, in einer Stadtverwaltung sitze^ die eine Politik des übertriebensten Antiklerikalismus zu beob- achten entschlofseu ist. Die katholische Minderheit in: Munizipium könnte höchstens den Vatikan kompromit­tieren. Denn bei allen ihren Anträgen und Abstim- mungen würden die Gegner behaupten, sie feien vom Vatikan inspiriert, und man würde diese Behauptung benutzen, um weiter gegen den Vatikan zu hetzen. In das Munizipium einzutreten, um sich dauernd der Stimme zu enthalten, wie es von verschiedenen Seiten iul katholischen Lager vorgeschlagen worden ist, sei ganz absurd. Zweifellos sind das alles Gründe, die die Taktik der Union rechtfertigen. Allerdings darf man auch nicht in Abrede stellen, daß auch die Gegner der Wahlenthaltung unter den römischen Katholiken be­achtenswerte Gründe für die Wahlbeteiligung Vor­bringen. Sie sagen, eine Partei, die die Waffen auch nur zeitweilig strecke, tue alles, um sich die Zukunft zu rauben. Schon weil die Antiklerikalen der Öffentlichkeit einreden wollten, die Union fei solidarisch mit jenen un­würdigen Priestern, die in letzter Zeit die traurigen Helden einiger Skandalaffären, schon deshalb fei cs nötig, daß in-der Stadtverwaltung Männer säßen, die diesen Verleumdungen sofort cntgcgentreten können. Auch das läßt sich hören. Indes der Beschluß der Union, Wahlenthaltung zu üben, steht fest, und so wird das neue Munizipium ciu durchaus antiklerikales Ge­präge tragen. Übrigens ist cs grundfalsch, wenn von antiklerikaler Seite behauptet wird, diese Taktik der Union sei vom Vatikan inspiriert. Die Initiative zu dieser Taktik liegt bei der Union; Tatsache ist frei­lich, daß der Vatikan sic billigt, wie er denn überhaupt mehr als jemals für die Enthaltung der Katholiken von der politischen Betätiguna auch bei den Staats­angelegenheiten eingenommen ist.

Deutsches Reich.

* Das Vranntwernmorropol. über die Einzelheiten der jetzt im Ncichsschatzamt liegenden Vorlage über das Neichs-Branntmeinmonopol erfährt dasBerl. Tagevl."- von unterrichteter Seite noch folgendes: 1. Die Gesamt­produktion an Rohspiritus, welcher iu den Brennereien hergestellt werden darf, wird festgesetzt auf 370 Millionen Liter reinen Alkohols. 2. Die Errichtung neuer Brennereien wird von der Bedürfnisfrage und von der Erteilung einer Konzession abhängig gemacht. 3. Die Maischbottichsteuer füllt fort, den Brennereien soll ein Minimalpreis gewährt werden, welcher sich auf ca. 85 M.

KemUetor?.

Machdruck verboten.1

Angelilm Kauffitmnn.

Zum hundertjährigen Gedenktage ihres Todes.

Von Engen Jsolani.

Als bedeutendstes malerisches Talent, das die ^Frauenwelt aller Völker hervorgebracht hat, darf Angelika Kanfsmann ans eine dauernde Erinnerung An­spruch erheben. Daß ein Strahl vom Ruhmesglanze Goethes auf sie fiel, der sie in Rom kennen lernte, hat merkwürdigerweise beinahe eine Zcitlang der Beurtei­lung ihrer Bedeutung eher geschadet, als genützt. Denn hätre dieses Zusammentreffen mit Goethe, der in seiner zweitenItalienischen Reise" ausführlich von ihr spricht, auch genügt, ihrem Namen Unsterblichkeit zu verleihen, so vergaß man über diesen Beziehungen der Künstlerin zu Goethe so groß ist nun einmal die Wucht seines Namens nach ihrem eigenen Künstlcrwertc zu fragen und zu forschen. Und wenn auch schon bald nach dem Tode der bedeutenden Frau eine italienische Biographie her Angelika Kaufsmann erschien, so ist man zu einer vollgültigen Würdigung und Schätzung ihres Wirkens hoch erst in neuester Zeit gelangt. Und diese Schätzung bars in dem Urteil gipfeln: Angelika Kauffmanns

Künstler-Persönlichkeit würde dauernde Beachtung und eine sichtbare Stellung in der Kunstgeschichte bean­spruchen, wenn sie auch nicht durch ihr weibliches Ge­schlecht schon diese Sonderstellung einnähmc. Sie war ein ebenso durch Eigenart wie durch Kraft hervorragen­des Talent, und ihr Wirken verdient nicht nur durch seine Reichhaltigkeit Beachtung, sondern auch durch sein Abweichen von der Alltäglichkeit eine höhere Wertung. Ihre Lebensschicksale aber sind interessant genug, um sic auch als merkwürdige Frau erscheinen zu lassen, wenn w«m von ihrer Künstlerschaft absieht.

Maria Anna Angelika Kanfsmann war die Tochter eines Malers, dessen Heimatsort Schwarzenberg im Bregenzer Walde gewesen war: kort lebte Johannes Joseph Kanfsmann auch für gewöhnlich, bis er einem Aufträge des Bischofs von Chur zufolge dorthin zog und sich verheiratete. Kaum ein Jahr währte dort sein Auf­enthalt: aber noch vor seinem Wcgznge wurde ihm dort sein einziges Kind, Angelika, am 30. Oktober 1741 ge­boren.

Der Vater zog weiter mit ihr nach dem Süden, zu­nächst nach dem Comersee, dann nach Mailand, und waren schon die frühen Jugendcindrücke der unvergleich­lich schönen Natur um Como für das Heranwachsende Mädchen bestimmend gewesen, ihre frühzeitig sich be­kundende malerische Begabung in der Schulung des Vaters sich.entwickeln zu lassen, so wurde ihre Sehn­sucht, mit dem Pinsel Kunstwerke entstehen zu lassen, brennend, als sie die reichen Künstschätzc Italiens kennen lernte und besonders Leonardo da Bincis Werke auf sic Einfluß gewannen.

Hier in Mailand, wo sie im sechzehnten Lebensjahre ihre Mutter verlor, kam sie auch zum erstenmale mit der großen Welt in Berührung. Sie durfte den Herzog von Modena und dessen Gemahlin malen. Doch verließ sie bald darauf Mailand und begab sich mit dem Vater nach dessen Heimat Schwarzenberg, wo sie ihm bei der Ausschmückung der dortigen Parochialkirche half. Die Fresken von ihrer Hand, Apostelgcstalten nach Kupfer­stichen von Piazetta, sind noch heute daselbst unversehrt erhalten. Auch das Schloß des Grafen von Mootfort wurde von Kanfsmann und seiner Tochter mit Gemälden geschmückt. Und Angelika gewann den Bregenzer Wald und seine einfachen Bewohner, unter denen sie auch Verwandte haste, schnell lieb, und die schöne, anmut- volle Künstlerin wurde von den einfachenWäldlern" geliebt und verehrt. Viele Jahre später kehrte sie als große Dame vorübergehend dort wieder ein und streute Wohltaten aus, für die man ihr lange dort ein dank­

bares Andenken widmete. Man war stolz in Schwarzen­berg auf die berühmte Frau, die ja halb und halb zum Orte gehörte, und in der Schwarzenbcrger Kirche stellte man ihr zu Ehren ein Denkmal auf.

Nachdem jene Aufträge erledigt waren, wandte sich Angelika wieder dem Porträtfach zu. Sie ging an den Vodensee, von da in die Schweiz, nach Tirol und Obcr- italicn: überall erhielt sie Bestellungen auf Bilder. Ihr Ruf wuchs mit Schnelligkeit, und die zahlreich ihr zuteil werdenden Aufträge gewährten ihr bald ein sehr be­trächtliches Einkommen.

Bald zog sie wieder weiter nach Süden, nach Florenz. Eine leidenschaftliche Liebe hatte sie zu Musik und Gesang erfaßt, und sic hatte eine Zeitlanq im Sinne, sich von der Malerei abzuwcnden. Doch kehrte sie bald wieder zur Malerei zurück und besonders, nachdem sie im Jahre 1763 nach Rom gekommen war, wo sie Winckelmann, den berühmten Kunstgelehrten kennen lernte, dessen Unterricht und Umgang aus sie einen ganz bedeutenden Einfluß ausübte. Sic besuchte den Forscher oft in seinem Arbeitszimmer und durfte ihn sogar in ihrem Atelier zeichnen: cs ist das beste Bild, das von diesem berühmten Gelehrten existiert.

Von Rom ging die Kanfsmann nach Neapel, nach Bologna, Venedig: überall versenkte sie sich in Studien der reichen Kunstschütze, überall zog die vornehme Wett sie in ihre Zirkel und machte bei ihr Bestellungen auf Bilder, Kopien sowohl, mic eigene Kompositionen.^ Bald aber sollte ein Wendepunkt in ihrem bisher nur glücklichen, ehrenvollen, an edlen Genüssen so reichen Leben eintretcn.

Eine ihr befreundete Familie veranlatzte sie im Jahre 1765, mit ihr nach England zn reisen und sich in London nicderzulassen, da siedort ans ihrer Kunst große Erfolge haben würde. Das bewahrheitete sich freilich in seltenem Maße. Beim Hofe in Gunst stehend, zum Mitgliede der Akademie ernannt und von der Aristokratie mit Anszeichnnttgen und Aufträgen überschüttet, durfte