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Nr. 507.

Wiesbaden, Mittwoch, 80. Oktober 1007.

55. Jahrgang.

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Der Verlag.

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Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

«ln Ansrntzr dn ehrbaren MlMArWst WleMdens iw Inhre 1802 .

Von Th. Schüler.

Ein ergötzliches Bild vormaligen Zunstwesens und kleinstaatlicher Polizeimacht entrollen die Akten, betref­fend die Zunft der Schuhmacher in Wiesbaden. Zum Verständnis des komischen Vorgangs sei eine kurze Dar­stellung der Lage des Handwerks, wie sic sich im Laufe der voraufgegangenen zwei Jahrhunderte gestaltet hatte, voransgeschickt.

Schon im Jahre 1610 erließ der Oberamtmann der Herrschaft Wiesbaden Vorschriften für die Stadt- und Landschuhmacher, die insofern besondere Erwähnung verdienen, als sie die Preise für Hausmannsarbcit be­stimmten, die bei den teueren Zeiten nicht mehr zum alten Lohn gemacht werden könne. Für die Anfertigung gedoppelter Schuhe", klein oder groß, sollten 3 Albus (1 Albus etwas über 2 Kreuzer) gezahlt werden, wenn der Hausmann den Hanf stelle, besorge ihn aber der Schuhmacher, dann habe er 4 Albus zu fordern; ver­köstige er sich dabei selbst, so ständen ihm 6 Albus zu. Beigedoppelten Stiefeln" stiegen die Preise in gleicher Weise von 4,auf 6 Albus; bei einfachen Stieseln, Rahmen­schuhen und Pantoffeln blieben sie hinter jenen zurück. Weder auf Märkten, noch in Kramladen dursten Schuhe von Roßlcdcr oder solche mit Schöpsenbrandsohlcn, Schöpsenstemmriemen, noch auch Rinderschuhe mit Kälberristftncken verkauft werden. Alle gedoppelten

Probleme der MeltpoMik.

Von Professor Friedrich Paulsen.*)

Die politische Lage der Gegenwart ist durch zwei Stücke charakterisiert. Das erste iss daß aus dem Theater der europäischen Politik das deutsche und das britische Reich setzt die Rollen der Protagonisten spielen. Es ist nicht zu verkennen, daß damit zwischen ihnen eine gewisse Spannung gesetzt ist) Protagonisten sind durch die Natur der Dinge in gewissem Sinne zu- gleich Antagonisten. Das zweite ist: die Erweiterung des Schauplatzes der großen Politik. Vor allem sind zwei neue Weltmächte in den Kreis der alten sogenann­ten Großmächte eingetreten: die Vereinigten Staaten und Japan Beide stehen jetzt mit in der vordersten Reihe in der Weltpolitik: die Union, seitdem sie nach der mühelosen Niederwersung Spaniens als dessen Erbe sich auch in der östlichen Welt eine Machtstellung zu er­werben entschlossen hat, Japan, seitdem es die an den Stillen Ozean vordrinqen.de russische Macht m emer alle Welt überraschenden Weise die Kraft der durch Ausnahme europäischer Kultur verjüngten gelben Rasse hat fühlen lassen Fast könnte es den Anschein haben, als sei der Atlantische Ozean in seiner Rolle als neues Mittelmeer schon durch ben größeren Ozean zwischen Amerika und Ostasien bedroht: vier Weltmächte rivalisieren hier um den vorwiegenden Einfluß: England, Japan, die Union und Rußland.

Damit erheben sich vor unseren Augen me großen Probleme der Zukunft. Wird Europa die Stellung gegenüber den anderen Kontinenten, die es in den vier Jahrhunderten seit dem Ausgang des Mittelalters ge­wonnen bat, festzuhalten imstande sein? Oder ist der Tag im Anzug, der die alten Herrenvölker depossediert. der der Union oder der durch Japan organisierten und geführten gelben Rasse die herrschende Stellung in der Weltpolitik zumeist? Und das zweite, uns noch un­mittelbarer angehende Problem: Wird die Spannung zwischen England und Deutschland innerhalb der Gren­zen friedlichen Wettbewerbs bleiben? Oder wird Eng­land ähnlich wie Frankreich 1870, das Aussteigen der konkurrierenden Macht nicht ertragen zu können meinen und mit Waffengewalt sein Fortschreiten zum Stehen zu bringen unternehmen?

Wir vermögen die Frage nicht zu beantworten, unser Blick drinat nicht durch das Dunkel, das über der Zukunft liegt. Doch dürfen wir Hoffnungen Ausdruck geben wie sie auch Dietrich Schäfer andeutet. Daß das deutsche Volk in Frieden leben und seinen großen Kulturaufgaben sich widmen will, ist außer Zweifel: es verlangt nichts, was andere Nationen geben mußten;

*) Friedrich Paulsen, der bekannte Professor der Philo­sophie an der Universität Berlin, veröffentlich!. ut der neuesten Nummer der von Professor Hrnne-berg herausgegebenen .Internationalen Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik", die in diesen Tagen erscheint, eme längere Arbeit, die ausgehend von Dietrich Schäfer s. Weltgeschichte der Ncuzeft in wcitschaucnden Betrachtungen über dm Rrobleme der Weltpolitik nipfclt. Wir können diese die gegenwärtige politische Lage scharf beleuchtenden Ausführungen unieren ' Lesern heute Vorlegern D. Red.

Mannsschuhe, die man bis dahin unter dem Vorgeben, daß sie Sonntags getragen würden, von Kalbleöer nach Matz aemacht habe, sollten hinfüro gänzlich verboten sein; dagegen sollten alle Manns- und Weibs-, Knaben- unü Mägdlein-Schuhe von wohlbereitetem gutem Rind­ledermit verwahrliÄem Trot und Bech" hergestellt werden. Außer an Jahr-, Fasten- und Wochenmärkten war das Einbringen von Schuhen nach Wiesbaden unter­sagt. Junge Meister, die zum erstenmal die Märkte be­suchten, hatten 1 Gulden dem Handwerk und 18 Albus der Herrschaft als Hänsclgebühr zu entrichten.

Auf Ansuchen der Schuhmacher, die meinten,sie könnten gebessert sein, wenn sie nach jetziger Zeiten Brauch eine Zunft aufrichteten", erweiterte Graf Lud­wig von Nassau-Saarbrücken im Jahre 1616 die obigen Vorschriften zu einer förmlichen Zunftordnung mit 34 Artikeln die 1684 Fürst Georg August Samuel von Naffau-Jdsteln-Wiesbaden, und 1742 Fürst Karl von Nassau-Usingen mit geringen Abänderungen erneuerte. 1684 wurden auch die Rotgerber und Leöerbereiter in die Zurrst ausgenommen urrter der Bedingung, daß sie­den Schuhmachern nicht ins Handwerk pfuschten.

Nach dieser Zunftordnung hatten sich^die Meister von Stadt und Land alljährlich am Tage St. Matthäus (21.' September) in Wiesbaden zu einem Zunfttag zu versammeln, um nach einem gemeinschaftlichen Kirch­gang ihre Znnftgeschäste zu erledigen, je 2 Albus in die Zun ft lasse und 2 Pfennige in die Almosenbüchse zu lc-en, auch die sogenannten Gesellenpfennige abzuliefern. Den Gesellen wurde nämlich alle 14 Tage ein Pfennig am Lohn gekürzt, der zu ihrer Unterstützurrg in Krank- heitsfällen diente. Hiernach schritt man zur Wahl eines Zunft- und eines Schaumcisters für den ausscheidenden älteren der beiden Zunft- und der beiden Schaumcistcr,

seine Friedensliebe kann ehrlicherweise nicht bezweifelt werden. Phantasien von einer Ausdehnungspolitik, dis auf Deutsch-Österreich, die deutsche Schweiz, etwa auch noch auf die Niederlande und Dänemark sich erstreckte, mögen hier und da in einem aufgeregten Kopf spuken; sie werden in Deutschland nirgends ernst genommen. Nur die zahlreichen journalistischen Feinde des deut­schen Volkes, meist östlicher Herkunft, geben sich den Anschein, sie ernst zu nehmen, und . versuchen durch fleißige Bearbeitung der französischen und englischen Presse Mißtrauen und Feindschaft gegen Deutschland zu erregen. In Wirklichkeit hat die deutsche Politik nicht den kleinsten Schritt in dieser Richtung getan, sie hütet sich geradezu ängstlich, auch nur den Schein auf- kommen zu lassen, daß sie jemals napoleonische Wege wandeln wolle. Mit einer Zurückhaltung, wie sie noch niemals von einer so starken Militärmacht beobachtet worden ist, hat das Deutsche Reich europäische Fragen aufzuwerfen vermieden: nichts von Rheinmündungen, nichts von Ostseeausgängen, nichts von einer deutschen Frage in Österreich-Ungarn; selbst Herausforderungen und Feindseligkeiten gegen den deutschen Namen wer­den mit einem Gleichmut übersehen, als ob es für das Deutsche Reich außerhalb der eigenen Grenzen kein;: Aufgaben geben könne.

Man wird hoffen und glauben dürfen, daß auch das englische Volk, dessen Politik durch Besonnenheit und Weitsichtigkeit seit langem sich ausgezeichnet, von dem Friedenswillen des deutschen Volkes, trotz der Hetzreden internationaler Journalisten sich überzeugt, und ferner, daß es mit wachsender Klarheit erkennt, daß Deutsch­lands Aufsteigen für seine Handels- und Absatzinteressen zwar da und dort unbequem sein mag. für seine Welt­stellung aber keine Bedrohung ist. Es ist für beide Völker Raum auf der Erde. Und, das ist meine innigste Überzeugung, die Niederwerfung des einen wäre kein Gewinn für das andere. Ein Krieg zwischen ihnen, ich habe es schon mehr als einmal ausgesprochen, wäre ein selbstmörderischer Wahnwitz. Wenn es Deutschland wider alle Wahrscheinlichkeit gelänge, die englische Macht niederznwerfen: es würde nicht Englands Erbe in seiner Weltstellung sein; es würde nicht in Indien und nicht in Afrika an seine Stelle treten. Die Folge wäre lediglich die Schwächung der Machtstellung Gesamteuropas gegenüber den außereuropäischen Mäch­ten, wohin mit einigem Recht auch Rußland gerechnet werden kann. Und derselbe Erfolg würde lebten Endes auch in dem umgekehrten Fall eintreten, daß es Eng­land etwa im Bunde mit Frankreich gelänge, die deut­sche Entwicklung durch entscheidende Schläge zu brechen. Da das deutsche Volk nicht überhaupt ums Leben ge­bracht werden kann, so müßte von diesem Augenblick an seine Politik ausschließlich darauf gerichtet sein: um jeden Preis, unter den größten Opfern, mit jedem Der- kündeten, der zu haben wäre, England niedcrzurMgen, das seine Seegewalt mißbrauchte, andern Völkern das Leben zu unterbinden. Auch so wäre Europa in seiner Aktion nach außen lahm gelegt. Das kann einer über den nächsten Erfolg hinausblickenden Politik nicht ver­borgen bleiben. Will Europa seine Weltstellung sich er-

und auch den Jungmeister oder Zunftknecht, dem die Ladungen und mancherlei Besorgungen oblagen, löste man durch den nächstjüngcren Meister ab. Endlich wurden die Butzen eingezogen und verjubelt.

Diese Geld- und Weinstrafen waren für die mannig­fachsten Versehen und Verschuldungen vorgeschrieben. Wenn ein Meister mit einem andern in Zwistigkeiten geriet und ihn vor den Zunftmeister laden ließ,was nicht etwa abends beweinetermaßen, sondern zu rechter Vormittagszeit geschehen soll", so hatten alsbald beide Parteien einen Orts- oder Viertelgulden zu erlegen. Blieb eine aus, so war sie mit einem Viertel Wein dem Zunftmeister verfallen. Wer Unrecht hatte, verwirkte das Erlegte:da aber weder der eine, noch der andere Recht haben würde, soll jeder seine erlegte Butze ver­loren haben". Fluchte ein Meister, so büßte er es mit einer Matz Wein, nannte er einen Mitmeister Lügner, so war er deren zwei zu geben schuldig. Bediente er sich ehrenrühriger Scheltworte, oder schrftt er zu Tät­lichkeiten, so trat eine entsprechende Erhöhung der Strafe in Geld ein, von der die Hälfte zur herrschaftlichen Kasse floß. Jedenfalls boten diese Butzen reichliche Gelegenheit zu Zechereien, da die Zunftordnung von 1684 wünscht, daß nicht alle Weinstrase« öurchgebracht, sondern wenigstens zur Hälfte zum Besten der Zunft verwendet und dabei die Matz Wein zu 4tz-> Albus und 1 Gulden zu 24 Albus berechnet würden.

Ein in die Zunft anfzunehmender Meister mntzte von ehelicher Geburt und redlichem Herkommen sein, drei Jahre gelernt, fünf Jahre als Geselle außerhalb gearbeitet und seine Befähigung mit einem Meisterstück erwiesen haben. Das Eintrittsgeld betrug 10 Gulden, wovon ein Drittel der Staat bezog; für Meisterssöhne oder solche, die Moisters-Töchrer oder -Witwen heirateten,