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Das „Wiesbadener TÄgblatt" ist die älteste, umfangreichste, reichhaltigste und belirbkestv Zeitung Wiesbadens und Nastaus überhaupt, wie die von keinem anderen hiesigen Blatte erreichte Verbreitung in altert Schichten der Bevölkerung Wiesbadens und der Umgebung beweist.
Das „Wiesbadener Tagblakt" hat neun besondere unentgeltliche Beilagen und zwar: Die tägliche Beilage „Der Roman", die zweimal wöchentlich erscheinende Beilage „Amtliche Anzeigen", die jeden Samstag Abend erscheinende volkstümliche Beilage „Der Landbvke", die „Vrrlofnngsliste", die zwei ^tägigen Beilagen: „Unterhaltende Blatter", „Illustrierte Rinderzritung" und die monatliche Beilage „Alt-Nastan". Ferner sind unentgeltliche Sonderbeilagen die „Tagblatt-Fahrpläne" (zweimal im Jahre) und der schmucke „Tagblatt-Ratender".
Das „Wiesbadener Tagblatt" bringt die ausführlichen Kurse der Frankfurter Börse in der Morgen-Ausgabe des folgenden, die wichtigsten Kurse der Berliner Börse noch in der Abend-Ausgabe desselben Tages.
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FemlLetE.
Merre ML Ln üer Gruft der ApisMre.
Pierre Loli gibt in der Folge seiner inr „Figaro" erscheinenden ägyptischen Reisebriefe eine dichterisch geschaute Schilderung von einem Besuche, den er dem berühmten Serapeum in der Nähe von Memphis ab- gestattet hat. Durch die weite, düster schwermütige Wüste, durch den endlos sich dehnenden Sand der Totenstadt kommt er bis zu dem Hause, in dem einst der große Archäologe Mariette wohnte, der im Jahre 1850 die Grabstätte der Heiligen Stiere auffand, und in dem sich noch jetzt die französische archäologische Station befindet.
Man zeigt'ihm den jüngsten, erst am Morgen gemachten Fund: auf einem Sockel eine in Holz geschnitzte Gruppe von Gestalten, unseren Marionetten ähnlich. Da es bei den Ägyptern Sitte war, die Toten in ihren Gräbern mit den ihnen angenehmsten Personen und Gegenständen zu umgeben, so mußte der, dessen letzter Ruhestätte diese Gruppe entstammte, augenscheinlich ein Freund der Tänzerinnen gewesen sein. In der Mitte des Bildwerks ist er selbst dargestcllt, in einem Sessel sitzend und auf den Knien seine Lieblingstänzerin haltend,' andere Frauen schreiten im Tanz an ihm vorbei und führen- seinen Lieblingsreigen auf, während niedergekauerte Musikantinnen Tamburins und seltsam geformte Harfen rühren.
„Die Wohnung der Apisstiere, der Herren der Totenstadt, ist kaum 200 Meter davon entfernt. Wir
Wiesbaden, Mittwoch, 2L. Oktober 1807.
55. Jahrgang.
Die ennlllche Gileubllhukrisis.
Unser Londoner n. - Korrespondent schreibt uns unterm 19. d. M.: Die englische Eisenbahnkrisis be
reitet sich noch immer vor. Seit Monaten hat wohl jeder hiesige Geschäftsmann seine Morgenzeitung mit der Befürchtung geöffnet, daß er darin die Schreckenskunde von denr Ausbruch des befürchteten Ausstandes der Bahnbediensteten finden würde. Die weltbekannte Versicherungsanstalt von Lloyds machte bereits . ein glänzendes Geschäft in Streikpolicen, und englische Exporteure rieten ihrer ausländischen Kundschaft schon feit längerer Zeit, sich ohne Verzug mit Vorräten zu versehen, da der gesamte Verkehr jeden Augenblick für unbestimmte Zeit unterbrochen werden könnte. Das Haupt des Verbandes der Bahnbediensteten hatte den Bahngesellschaften, nachdem sich die Mitglieder bei einer Abstimmung fast durchgängig für einen Ausstand erklärten, eine Art Ultimatum gestellt, dem aber zunächst nur die Forderung zu Grunde lag, den Verband, mit ihm an der Spitze, als Repräsentanten der Bahnbediensteten Englands anzuerkennen, und die Streikpunkte auf einer Konferenz zu erörtern. Die Bahnen lehnten das ab, aber vorläufig wurde ein Streik doch noch , nicht erklärt, da am 3, November nochmals abge- stimmt werden soll. In einer Erklärung in der Presse behaupteten die Gesellschaften, der Verband mit seinen etwa 160 000 Mitgliedern repräsentiere einen nur so kleinen Teil ihrer Angestellten, daß er gar nicht berechtigt wäre, in deren Namen irgendwelche Forderungen zu stellen, und daß er einen allgemeinen Ausstand überhaupt nicht herbeiführen könnte. Wie sie. sagten, beschäftigten sie zusammen etwa 600 000 Leute, aber die Leiter des Verbandes erklären, es wäre da jede Büfettmamsell und jeder Laufbursche mrtgozählt worden, und eigentlicher Bahnbediensteter, die mit dem Zugwesen direkt zu tun haben, gebe es nur ungefähr 250 000. Selbst in diesem Falle suchte also eigentlich eine Minderheit über eine Mehrheit zu tyrannisieren, ein Umstand, der bisher veranlaßte, daß die öffentliche Meinung zugunsten der Gesellschaften neigte. Trotz aller Gercchtig- keitsliebe des Engländers war es bisher überhaupt schwer, das Publikum für die Sache des Verbandes zu erwärmen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es doch selbst den größten Teil der Rechnung in der einen oder anderen Form würde zu bezahlen haben. Ganz neuerlich machte sich jedoch ein SNmmenum- schwung bemerklich. Das fürchterliche und scheinbar unerklärliche Eisenbahnunglück von Shrewsburg hat ibn herbeigeführt. Zwei derartige, und in ihren Einzelheiten merkwürdig übereinstimmende Unfälle innerhalb kurzer Zeit sind selbst für den modernen Gleichmut Katastrophen gegenüber etwas zu viel. Warum nähern sich Expreßzüge mit erfahrenen Lokomotivführern gefährlichen Kurven mit einer solchen Geschwindigkeit, daß unter gewissen klimatischen Verhältnissen selbst die bewährtesten Bremsen versagen, und Tod und Verderben die Folge bilden? Die Antwort erschien, jedoch aus naheliegenden Gründen anonym, dieser Tage in der hiesigen Presse. Die Lokomotivführer werden danach von ihren Vorgesetzten, die selbst von Lokomotiven meist nichts verstehen, gezwungen, etwaige Zeitverluste im Lause der
Fahrt einzuholen. Im Besitz des Verbandes der Bahnbediensteten befindet sich ein Schreiben eines höheren Betriebsbeamten an einen Lokomotivführer, in dem dieser gewarnt wird, daß wenn er nicht unvermeidliche Verzögerungen auf seiner Fahrt ausgleiche, er zurück- gestellt, wenn nicht gar entlassen werden würde. Dieser Brief wurde unter Weglassung von Namen usw. veröffentlicht, und erregte großes Aufsehen. Nun hört man neuerdings auch noch viel von Überanstrengung und schlechter Bezahlung der Weichensteller und ähnlicher Beamter, denen das Leben der Reisenden anvertraut ist. Einen ganz besonders ungünstigen Eindruck aber riefen die neuerlichen zahlreichen Entlassungen aus dem Bahn- dienst hervor, bei denen es sich stets um Beamte handelte, die irgendwelches Ehrenamt in dem Verbände innehatten. Der Handelsminister scheint sich indes nun ins Mittel legen zu wollen, denn er lud die Vorsitzenden der Bahngesellschaften soeben zu einer Konferenz ein, und so wird der Ausstand vielleicht doch noch abgewendet werden.
UoMschZ Wsrsrcht.
Nationale Arbeiter.
Als Arbeiterpartei will stets die Sozialdemokratie angesehen werden., indem man behauptet, daß keine einzige andere Partei so für die Arbcite,rsck)ast sorge und daß eine Besserung der Lage derselben nur aus der Grundlage der sozialistischen Staatsanschauungen möglich sei. Nun wird man nicht bestreiten können. daß tatsächlich die Sozialdemokratie, in Heutschlcuid Verdienste um die Hebung der Lage der unteren Schichten besitzt und daß manches sozialpolitische Gesetz nur dadurch zustande gekommen ist, daß die Sozialdemokratie dazu drängte, oder daß man ihr durchEinbringung einer Vorlage im Parlament den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Andererseits ist es verfehlt zu behaupten, daß lediglich die Sozialdemokratie in der Lage und wirklich bestrebt sei, für die Arbeiterschaft zn sorgen: das gleiche Streben waltet auch bei den übrigen Parteien vor, nur daß cs nicht stets und ständig in den Vordergrund gerückt und agitatorisch ausgebeutet wird, weil man den Standpunkt vertritt, daß eine einzige Be- russklafse nicht einseitig bevorzugt werden dürfe. Ist es doch Tatsache, daß die Sozialpolitik der früheren Jahre in erster Linie die Arbeiterschaft im Auge hatte, während das nicht minder bedrängte Handwerk ziemlich leer ausging und erst in neuerer Zeit etwas mehr Berücksichtigung findet. Ebensowenig trifft es zu, daß sich eine Besserung der Lage der Arbeiterschaft nicht auf dem Boden der heutigen bürgerlichen Staatsform verwirklichen lasse, und gerade in Deutschland hat man sehen können, wie viel durch den Staat für die unteren Schichten getan worden ist. Auf dem Boden gegenseitigen Verstehens und gegenseitiger Verständigung läßt sich sehr wohl viel erreichen, nur dürfen sich die Forderungen nicht in utopistischen Bahnen verlieren. Es ist bedauerlich, daß man gerade auf dem Gebiet der Arbeitersürsorge sehr oft eine Überschreitung der realen Grenzen fordert, wodurch die (Situation sehr erschwert I wird; allerdings ist es leichter, durch schöne Zukunsts-
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steigen nieder zu diesen Katakomben, die die ungeheuren Särge bergen, durch einen engen Gang, der abschüssig steil herniederführt über Böschungen von Geröll und Sand. Plötzlich sind wir im Innern, abgeschlossen gegen den scharfen Wind, der über die Wüste pfeift und von der Schattenpforte her, die sich vor uns dunkel gähnend öffnet, schwebt ein schwüler Hauch wie der Atem eines Ofens. Ausgedörrt und heiß ist die Luft in diesen unterirdischen Gräbern Ägyptens, diesen wundersamen, ewigen Trockenkammern der Mumien. Eine Laterne leuchtet mühselig voran in der Dunkelheit und so wandern wir hin über große Steinplatten, an schattenhaft anftauchenden Bildwerken, vorspringenden Stein- blücken und gigantischen Überresten vorbei in einer beständig wachsenden Hitze.
Endlich erscheint die Hauptader der Totengruft, ein -Gang von 500 Meter Länge, in dem Felsen ausgehauen, wo die Beduinen für uns eine unruhige Fackelbclench- tung vorbereitet haben. Und es ist ein Ort des Schreckens, des unheimlichen Grauens, dessen Anblick sich beim Eintritt offenbart, ein niederdrückendes Gefühl des Trostlos-Dumpfen, des Zermalmend-Übermenfchlichen, das dich befällt. Die kleinen machtlosen Flammen von etwa 50 armseligen Kerzen erhellen zur Rechten und Linken des ungeheuren Ganges quadratische Begräbnishöhlen, von denen jede einen schwarzen Sarg enthält, aber einen Sarg wie für ein vorsintflutliches Untier. Gleichförmig sind sie alle, diese düsteren, massigen Särge, die wie einfache, riesige Kisten aussehcn, überaus einem einzigen Block eines seltenen Granits verfertigt sind, der eben so aufleuchtct wie Marmor. Kein
Schmuck,' man muß sie ganzen der Nähe betrachten, um auf diesen glatten Wänden die hieroglyphischen Inschriften zu entdecken, die so reichen Ausschluß über die Geschichte Ägyptens gewährt haben, die merkwürdigen Zeichen und Figuren, die eine langverlorene Geschichte der ältesten Menschheit erzählen) hier das Zeichen des Königs Amasis, dort das des Königs Kambyses. Welche Titanen haben von Jahrhundert zu Jahrhundert diese Särge zu behauen vermocht, die wenigstens 10 Fuß lang und zwölf Fuß hoch sind? Welche Riesen haben diese kolossalen Lasten, die 60- bis 70 000 Kilogramm wiegen, unter die Erde geschleppt und in Reih und Glied in diesen urwälülichen Räumen ausgestellt?
Jeder von diesen Särgen hat dereinst seine Mumie eines Apisstieres enthalten, gepanzert mit Goldplatten: aber trotz ihre Schwere, trotz ihrer Festigkeit, die jeder Zerstörung zu spotten schien, sind sie in späteren Zeiten beraubt worden, zweifellos von Soldaten des Perserkönigs. Nur eine einzige Mumie war in ihrem Sarge unversehrt geblieben, den einzigen Apis uns aufbewahrend, der bis auf unsere Zeiten erhalten ist. Wie groß war die Erregung Mariettes, als er beim Eindringen ans dem Sande den Abdruck von den nackten Füßen des letzten Ägypters sah, der hier vor 37 Jahrhunderten hinausgegangen war. Die übrigen sind geöffnet, und schon das stellt eine erstaunliche Arbeit an Geduld und Kraft dar. Bei einigen Sarkophagen ist es den Räubern geglückt, die ungeheure Masse durch Heben um einige Zentimeter fortzubewegen,' bei anderen, die allen Schlägen der Hacke widerstanden, haben sie durch den dicken Granit ein Loch gebohrt, durch das ein Mann sich hinönrchwinden komrte «sic ein Wurm,
