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Nr. 48».

Wiesbaden, Samstag, I». Oktober 1907.

55. Jahrgang.

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DasWiesbadener Tagblatk" ist die älteste, umfangreichste, reichhaltigste und beliebteste Zeitung Wiesbadens und Nassaus überhaupt, wie die von keinem anderen hiesigen Blatte erreichte Verbreitung in allen Schichten der Bevölke­rung Wiesbadens und der Umgebung beweist.

DasWiesbadener Ta^blatt" hat neun besondere unentgeltliche Verlagen und zwar: Die tägliche BeilageDerRoman", die zweimal wöchent. lich erscheinende BeilageAmtliche Anzeigen", die jeden Samstag Abend erscheinende volkstümliche Bei­lageDer Landbvlr", dieVrrlofnngslifle", die zwei ^tägigen Beilagen:Unterhaltende

Blätter",Illustrierte Kinderzeitnng" und die monatliche BeilageAlt-Nastau". Ferner sind unentgeltliche Sondcrbeilagen dieTagblatt-Fahr­pläne" (zweimal im Jahre) und der schmucke Tagblatk -K alendrr'.

DasWiesbadener Tsgblatl" bringt die ausführlichen Kurse der Frankfurter Börse in der Morgen-Ausgabe des folgenden, die wichtigsten Kurse der Berliner Börse noch in der Abend-Ausgabe desselben Tages.

Als Anjlrigenvlatt ist dasWiesbadener Tagülalt" von anerkannt erfolgreichster Wirkung und deshalb auch von jeher das bevorzugteste ver- öffcntlichungsmittel w iesbadens und seiner Umgebung.

£7^- Schon jetzt hinzukretendcn neuen Beziehern wird dasWiesbadener Tagblatt" bis Ende Oktober kostenfrei zugestellt. Verlag.

Die AWMrunM stauMell UeülüjeruMSsesetze.

Bekanntlich wird beabsichtigt, für die Privat- beamten eine staatliche Pensionsversicherung einzu- führen, und zu diesem Zweck hat eine Enquete darüber stattgesunden, ob die Einrichtung einer besonderen Kasse oder Angliederung an das Jnvaliditätsgesetz wünschens­wert wäre. Das Resultat war, daß eine enorme Mehr­heit für Schaffung einer b e s 0 n de r e n Kossenein­richtung sich erklärte, Angesichts des Rufes, dessen sich unsere staatliche Gesetzgebung im allgemeinen erfreut, muß dies etwas stutzig machen, und wer hinter die Kulissen sieht, inuß wahrnehmen, daß auch in diesem Fall nicht alles Gold ist, was glänzt. Gewiß müßten dre Einrichtungen segensreich wirken, aber es kommt dabei nicht auf das Gesetz allein an, sondern vor allem auf den Geist, in welchem die Bestimmungen ausgeführt werden. In dieser Hinsicht werden aber in Deutschland gar viele Klagen laut, aus denen hervorgeht, daß von wirklich sozialem Empfinden bei den Be­hörden, welchen die DLu r ch f ü h r u n g der Ver­sicherungsbestimmungen obliegt, kaum etwas zu merken ist, und daß der bei uns übliche Bureau- kr a t i smus nicht in letzter Linie daran schuld ist, wenn die Versicherungsgesetzgebung mangelhaft funk­tioniert. , . .

Schon das ganze System des Markenklcbens rst za ein überaus umständliches. Aber all das ginge noch hin, wenn im Ernstfälle die Fürsorge prompt eingreifen würde. Man darf nicht vergessen, daß die staatliche Hilfe keineswegs lediglich auf Kosten des Staates ge­schieht, sondern daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer dre gesamten Beiträge zur Aufbringung der Unkosten zu tragen haben. Aus diesem Grunds haben die Ver­sicherten ein um so größeres Anrecht daraus, daß ihnen auf das schnellste die von ihnen zu beanspruchende Hilfe gewährt wird, und es handelt sich dabei keineswegs um ein Benefizium des Staates, sondern um eine Gegen­leistung desselben für gezahlte Beiträge, genau wie bei einem privaten Versicherungsbeträge. Statt dessen sind die gewährte Hilfe meist sehr unzureichend, die Krankengelder überaus gering und in hoffnungslosen Fällen versagt die Staatshilfe meistens. Der Staat hat zwar verschiedene Anstalten für diese Zwecke eingerichtet, auch von privater Seite geschieht gar manches, aber alles bleibt doch weit hinter den Erfordernissen zurück. Wenn beispielsweise ein Kranker sofortige Aufnahme in einem Erholungsheim notwendig hat, so vergehen Monate, ehe aus dem Instanzenwege eine gnädige Ent­scheidung, oder, wie es in der Mehrzahl der Fall ist, ein ablehnender Bescheid erfolgt: inzwischen hat sich der Zustand des Kranken oft wesentlich verschlechtert, wenn nicht gar der Tod bereits erfolgt ist.

Bei eingetretener vorzeitiger Invalidität dauert es zuweilen mehrere Jahre, ehe der Zuspruch einer höchst minimalen Rente erfolgt, weil Dutzende von hoch­notpeinlichen Untersuchungen vorgenommen werden, ob die betreffende Person wirklich unterstützungsbedürftig ist In der Zwischenzeit kann der Ärmste ruhig am Hungertuche nagen und sterben, wenn nicht die private Wohltätigkeit eingegriffen hat. Die Gewährung einer Rente nach einem Unfall, welcher die Erwerbsfähigkeit

des davon Betroffenen eingeschränkt oder gänzlich auf­gehoben hat, stößt stets auf Schwierigkeiten, fast um jeden Pfennig wird gefeilscht, weil, die staatliche Ver­sicherung möglichst wenig zahlen will, und es ist nicht selten, daß eine Rente auf gerichtlichem Wege durch­gesetzt werden muß. Ist es doch sogar vorgekommen. daß man Verunglückte dazu zwingen wollte, sich, einer von ärztlicher Seite keineswegs als notwendig be­fundenen Operation auf Leben und Tod zu unterziehen, nur weil die Verwaltung hoffte, nach eventueller Ge­nesung eine geringere Rente zahlen zu können. Nach alledem ist es kein Wunder, wenn man in Deutschland speziell in den Kreisen, die der Versicherungspslicht unterliegen, vielfach von deren Wirken keineswegs sehr erbaut ist, weil hier die gerade auf diesem Gebiete am allerwenigsten angebrachte bureaukratische Schablone vorwaltet. Ebenso wenig kann man cs jetzt den deutschen Privatbeamten verdenken, wenn sie angesichts des Planes, auch für ihren Stand eine staatliche Pensionsversicherung zu schaffen, darauf be­stehen, eine Sondereinrichtung zu treffen, und sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, den jetzt bestehen­den, so schwerfällig funktionierenden Instituten mit allen ihren Schattenseiten angegliedert zu werden.

Politische Übersicht.

Den Klagen über Irreligiosität unter den Bolksschul- lchrern

hält Seminardirektor a. D, Schulrat Broßmann in der Päd. Ztg." folgendes entgegen: Religiöse Zerfahren­heit und voreilig absprechendes Urteil über die schwie­rigsten Fragen des seelischen Lebens sind vielfach Folge eines ungenügenden und unpassenden Religionsunler- richts. Wer an Schwäche der Verdauung leidet, den kann man nicht durch Pferdekuren gesund machen, wie etwa durch schwere Spirituosen und gewürzreiche Speisen, sondern nur durch einfache, leichte und natur­gemäße Kost. Der orthodoxe Katechismusunterricht aber und biblische Geschichte ohne Anwendung der­jenigen Kritik, die in den andern Partien der Geschichte schon längst angewendet und den Schülern nicht vorent­halten wird, das ist keine naturgemäße Kost für junge Geister. Und solche Kost wird den Seminaristen meisten, teils verabreicht, den Gvmnasiasten und Realschülern weniger häufig. Die Zweifel, die. sich gegen die orthodoxe Lehre erheben lassen, die berechtigten und die unberechtigten, müssen mit den jungen Leuten vom Religionslehrer besprochen werden. Macht man's anders, dann betrachtet der junge Mann Häckels Welt­rätsel als Evangelium, um so mehr, da er erfahren hat, daß Häckel sich um die Naturwissenschaften große Ver­dienste erworben hat. Die schlimmsten Gottesleugner und Religionsfeinde sind aus den Schulen der Jesuiten hervorgegangen. Von der rechten Weise des Unterrichts läßt sich viel Gutes erwarten, doch nicht alles. Ich kenne viel junge Leute, die, obwohl aus religiös ge- richteten Familien hervorgegangen, dennoch das schon angefangene Studium der Theologie aufgabeu. Einige waren Söhne gläubiger Pastoren, Sie traten zu einem anderen Studium über, rein aus inneren Gründen.

Feuilleton.

Die Anfänge germanischer Seefahrt.

Von den großen Erfolgen, die unser Schiffsbau und unsere Marine errungen haben, wendet sich der Blick gern zurück in jene früheren Zeiten, in denen germani­sche Seefahrer die ersten kühnen Züge unternahmen, um die Meere ihrer Herrschaft zu unterwerfen. In einem Heft der soeben bei Mittler u. Sohn in Berlin unter dem TitelMeereskunde" erscheinenden Samm­lung von Vorträgen,, die zum Verständnis der natio­nalen Bedeutung von Meer- und Seewesen beitragen sollen, behandelt vr. W. Vo g e l die nordischen See­fahrten im frühen Mittelalter und gibt^aufschlutz- reiche Mitteilungen über Schiffsbau und Seefahrten bei den Germanen.

Es waren hauptsächlich die Skandinavier in der Ostsee und die Friesen in der Nordsee, die seit dem 5. Jahrhundert n. Ehr, regelmäßigere Fahrten unternahmen und einen geschlossenen Verkehrskreis zu Wasser schufen. Aus ihren verschiedeneren Versuchen erwuchsen dann die Wikingerzüge, die man als eine Völkerwanderung der skandinavischen Stämme bezeich­nen kann und die den großen Wendepunkt in der Ge­schichte Nord-Europas im frühen Mittelalter bilden. Dies gewaltige Ereignis gab dem Seeverkehr seit dem 9. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung und stellte die Skandinavier an die Spitze der . seefahrenden Nationen. Die Entwicklung spiegelt sich in dem raschen Fortjchreiten des Sch^k^sus.

Die älteste S ch i f f s s 0 r m der Germanen war der E i n b a u m gewesen, ein Fahrzeug, das freilich nie seetüchtig werden konnte, aber doch früh eine beträcht­liche Größe annahm. Es sind vielfach Einbäume von 15 Meter Länge gefunden worden, in denen wohl mehr als 30 Personen Platz hatten. Mit dem Einbaum riva­lisierte besonders in England früh dasCoracle", das sich als ein großer Korb aus Weidenruten mit einem hölzernen Kiel und Spantengerüst darstellte. Aber diese primitiven Bootformen waren nur zum Rudern eingerichtet, und auch andere Fahrzeuge aus dem 4. Jahrhundert, wie z. B. das Nydamer Boot, das bereits aus elf mächtigen Eichenplanken auf Klinker gebaut und zum Rudern mit 28 Riemen eingerichtet ist, zeigen von Mast und Segeleinrichtung noch keine Spur.

In den folgenden Jahrhunderten, jedenfalls noch vor 800, muß dann in Skandinavien das Segel ein­geführt worden sein, denn die Wikingcrschiffe des 9. Jahrhunderts waren jedenfalls zum Rudern und Segeln eingerichtet. Wie solch einDrache" aussah, auf dem die kühnen Männer aus dem Norden das Meer durchschnitten und deren am Horizont aus­tauchende markante Gestalt Furcht und Entsetzen unter den Völkern der Küste hervorries, das zeigt am besten das 1880 bei Gokstad aufgesundene, vorzüglich erhal­tene Schiff, das etwa der Zeit um 900 entstammt. Dieses Fahrzeug zeigt bereits im Bau des Rumpfes, in der Anlage der Takelage und im Steuerruder eine so vortreffliche und praktische Ausführung, daß nordische Sachverständige erklärt haben, ein solches Boot könne, namentlich was die Form und Linien des Rumpfes an-

betrifft, nicht besser und vollkommener ausgesührt werden.

Viele der Wikingerschiffc werden einen größeren Tiefgang und eine breitereForm gehabt haben als das Gokstadschiff, denn sie mußten schwere Ladungen von Vieh, Hausrat und Beute aufnehmen, wie sie das Boot des erhaltenen Typus nicht hätte tragen können. Es bildeten sich überhaupt zwei verschiedene Typen her­aus, die Langschiffe, die hauptsächlich kriege­rischen Zwecken dienten und die Handels- schrsfe, die vollbauchiger und kürzer waren. So steht der Schiffsbau der Skandinavier im frühen Mittelalter schon auf einer hohen Stufe, und nicht min­der trefflich gebaut waren auch die sog.Koggen" der Friesen, die bereits in: neunten und zehnten Jahr­hundert hochbovdige und vollgedeckte Segelschiffe be­saßen und den Ruhm für sich in Anspruch nehmen können, das hohe, ausschließliche Segelschiff, das nicht mehr wie die schiffe der Wikinger auch noch für Ruder eingerichtet war, in die nor-deuropäische Seefahrt einge- sührt zu haben. Von diesen friesischenKoggen" nimmt das ausgebildete Segelschiff der neueren Zeit direkt seinen Ausgang.

Die Fahrten, die in damaliger Zeit selbstverständ­lich nur im Sommer unternommen wurden, erhielten durch das Fehlen von Kompaß und Seekarten ein von den heutigen ganz verschiedenes Gepräge. Man. hielt sich, solange es irgendwie möglich war, an den Küsten; brach die Dämmerung herein, so wurde geankert, ein Teil der Mannschaft ging an Land und kochte die Mahlzeit. Die Hauptspeise bestand aus an ör