Wiesbadener Tsgbls
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Nr. 487.
Wiesbaden, Freitag, 18. Oktober 1SV7.
55. Jahrgang.
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Pom marokkanischen Tohuwabohu.
W. Rabat, 15. Oktober.
Nachgerade kann auch der aufmerksamste Beobachter sich in demChaos vonNachrichten undGerllchten über das Tun und Treiben und die schwarzen Pläne der beiden marokkanischen Sultane nicht mehr zurechtfinden. Es ist geradezu unglaublich, was alles hier in europäischen und Eingeborenenkreisen kolportiert und für bare Münze genommen wird. Allerdings ist es sehr schwierig, die umlaufenden Gerüchte zu kontrollieren, und der einzige Weg, irgend verläßliche Nachrichten zu erhalten, bleibt die Erkundigung beim Maghzen, der gegenwärtig hier weilt. Freilich mich man auch die Mitteilungen des Maghzen cum grano salis nehmen, denn die Herren marokkanischen Würdenträger lügen, wenn es ihnen in den Kram paßt, trotz ihren Kollegen von der europäischen Diplomatie, wie gedruckt.
Was festzustehen scheint, ist, daß keiner der beiden Sultane sich getraut, mit dem andern anzubinden, wenn auch täglich aufs neue versichert wird, Muleh Hafid sei im Ausmarsch gegen Abd ul Asts und wenn auch ebenso oft vom Maghzen beteuert wird. Abd ul Asts werde sich den moralischen Vorteil der Offensive gegen Muley Hafid nicht nehmen lassen. Ob Muleh Hafid vorrücken wird, scheint sehr ungewiß. Gewiß aber ist, daß Asts nicht vorrückt. Dieser unentschlossene und kleinmütige Despot beschränkt sich vielmehr darauf, „seine Autorität in Masagan wieder herzustellen und in Moga- dor zu befestigen", wie einer seiner Vertrauten sich emphatisch ausdrückte. Zu diesen! Zweck hat er ganze tausend Mann nach Masagan und fünfhundert nach Mogador entsandt. Nicht ohne Interesse ist dabei, daß ihm — nach der Versicherung seines eben erwähnten Vertrauten — für den Transport französische Kriegsschiffe zur Verfügung gestellt waren; er hat darauf verzichtet, und die Truppen auf schleunigst gecharterten Handelsschiffen unter feiner eigenen Flagge abgesandt.
Der Grund ist klar: Er will bei der Bevölkerung
nicht den Verdacht erwecken, als stände er unter dem Einfluß der Franzosen. Diese Erwägung hat ihn freilich nicht gehindert, den französischen Admiral zu bitten, die Landung der beiden Truppenabteilungen im Notfälle durch Geschühfeuer von den aitf der Reede von Masagan und Mogador liegenden Kreuzern zu unterstützen.
Der Maghzen läßt es sich besonders angelegen sein, das Prestige der Franzosen zu v e r k I e i n e r n. So hat er, auf die Nachricht von der Unterwerfung einiger Clans des großen Stammes der Schauja unter die Autorität des Generals Drude, ausgesprengt, diese Clans hätten sich überhaupt nicht unterworfen: vielmehr habe Drude, dessen Streitmacht in
den lebten Gefechten sehr erhebliche Ver
luste gehabt habe, von den Schaujas die Einstellung der Feindseligkeiten für zwei Millionen Duros erkauft! Selbstverständlich wird das von den Eingeborenen geglaubt, die sich auch gern einreven lassen, Drudes Truppen seien so schwach, daß sie sich nicht aus dem Feuerbereich der französischen Schiffe hinauswagen könnten. Was der Maghzen mit dieser
Diskreditierung der französischen Aktion bezweckt, ist völlig unklar. Vielleicht hofft er Muleh Hafid dadurch zu verleiten, seine Kräfte im Kampf mit den Franzosen aufzureiben. Einstweilen aber denkt Muleh Hafid — verläßlichenNächrichten zufolge — an keinenWaffen- gang mit den Franzosen, obwohl ihm das bei den Süd- stümmen, die auf einen „Heiligen Krieg", will sagen auf eine Plünderung der reichen Küstenstädte gehofft hatten, sehr verübelt wird, und obwohl die Werbearbeit seines Parteigängers, des famosen Ma ei Ainin, durch diese Frontänderung stark beeinträchtigt wird. Jedenfalls ist vorderhand mit einer kriegerischen Aktion kaum zu rechnen, und Drudes Truppen werden noch eine gute Weile sich ihrer Ruhe erfreuen dürfen.
Deutsches Deich»
* Der „rote Becker". Der bisherige Oberbürgermeister von Cöln, Becker, hat den Titel Exzellenz erhalten. Das gibt einigen Blättern Anlaß, seine Laufbahn anzustaunen, die ihn angeblich vom Revolutionär und gemaßregelten Referendar zum Inhaber des höchsten Titels hinaufgeführt habe, den der preußische Staat zu vergeben hat. Exzellenz Becker wird wohl dic Bürde der Verwechselung bis zu seinem Lebensende zu tragen haben. Es handelt sich nämlich um eine Verwechselung mit einem anderen Becker, der ebenfalls Oberbürgermeister von Cöln war. Dieser ältere Becker hatte wegen seiner Teilnahme an der Volksbewegung von 1848 den Namen des roten erhalten. Er wurde damals ans der Liste der Referendare gestrichen und zu mehrjähriger Festungshaft in Weichselmünde verurteilt. Nachdem er dann die Stufen der Selbstverwaltungswürden vom Stadtverordneten bis zum Oberbürgermeister von Dortmund durchlaufen hatte, wurde er 1877 in das Herrenhaus berufen, dem er später als Vertreter Cölns weiter angehörte. Diese Laufbahn spricht für dic Wcithcrzig- keit des preußischen Staates; er sollte die gleiche Vor- urteilssreihcit recht oft gegenüber ehemaligen „Revolutionären", die in späteren Jahren friedlicher geworden sind, anwcnden. Übrigens gibt die Weltgeschichte Beispiele von noch besseren Laufbahnen, als die vom Revolutionär und gemaßregelten Referendar zur preußischen Exzellenz ist.
* Rn de« Zufall beim Ausbleiben der Kaiser-Antwort auf das nationalliberale Telegramm will man außer bei der „Cölnischen Zeitung" bekanntlich nicht recht glauben. Die „Franks. Kl. Pr." bemerkt: „Das müßte aber doch ein merkwürdiger Zufall sein, denn auf dem telegraphischen Draht dürfte ein Telegramm an den Kaiser doch kaum verloren gegangen sein, und daß es Lucanus unterdrückt habe, ist auch nicht anzunehmen. Es scheint viel eher, daß dic „G e r m a n i a" mit ihrer Zitierung der bekannten Bassermannschen Reichstagsrede über die auswärtige Politik, in der einige scharfe Wendungen gegen den Kaiser enthalten waren, doch einen Erfolg erzielt hat: wenn auch nicht gegenüber Bülow, dem sie vorwarf, daß er sich in der Antwort auf -Mc Bassermanusche Rede nicht entschieden genug des Kaisers angenommen habe, so doch gegenüber Bassermann und
Feuilleton.
Machdruck verdotmo
Moderne Tempelräuber.
Ein kriminalistisches Romansenilleton. — In der Stadt Peters des Einsiedlers. — Get-r. Thomas, Fahfabrlk. — Die NelilMientruhe von Ambazac, die Muscunisschähe von Gneret sind die Krone deS Heiligen Michael, — Das rote Automobil. _ Liebe und Verbrechen. — Was die Seine ansgespien. — Die Bande der 400 000.
Paris, 16. Oktober.
Die Conan-Doyles haben noch gute Tage; auch Frankreich hat sich für die Sherlock Holmes- und Raffles-Literatur begeistert: nachdem der ehemalige
Directeur de la Suretch Coron, mit seinem Verbrecher- Aristokraten Baron de Saint-Magloire einen großen populären Erfolg gefunden, hat Caston Leroux jetzt das ,Genre" noch mit echt französischem Esprit gehoben und das Tagesgespräch von Paris auf seinen: Roman „Das Geheimnis des gelbenZimmers" gelenkt, der fortsetzungsweise in der Zeitschrift „l'Jllustration" erscheint. Wenn den Herren Kriminalautoren je die Phantasie ausgehen sollte, würden die Verbrecher der Realität, die nicht nur niit der Feder Verbrechen verüben, ihnen nachhelfen. Gerade schneiden wieder die hauptstädtischen Zeitungen ein Romanfeuilleton auf, das ihnen täglich und kolonnenweise frisch aus dem Zimmer des Untersuchungsrichters Coutras von den entsandten Spezialkorrespondenten in Clermont-Ferrand, der Stadt Peters des Einsiedlers, telegraphiert wird, das an Unwahr- scheinliLkeiten mindestens ebenso reich ist, wie die Prosa
der Conan-Doyle, Goron und Leroux, und Las bei hochgradiger Spamnntg außer blutigen Stiletten, roten Automobilen, Liebesintern,ezzos und Giftschrank den Vorzug hat, einen neuen Verbrechertyp zu „kreieren", den vornehmen, modernen Tempelräuber. Schon haben kurze Meldungen den deutschen Leser über die einzelnen Phasen dieses jüngsten französischen Skandals unterrichtet' aber es verlohnt sich schon, in eurem ausführlicheren Gesamtbild das Schalten und Walten der Gebrüder Thomas u. Co. zu beschreiben; auch tut der Cbronist immer gut zu warten, bis sich aus der Staubwolke der Reportererfindungen die nackte Wahrheit enr- hüllt, und die Wahrheit ist, so wie sie ist, immer amüsanter als die Erfindungen der Reporter.
Clermont-Ferrand, wo Papst Urban inmitten eines feindlichen Kirchenkonzils die Ritterschaft zum ersten Kreuzzug aufrief, war der Zentralsitz einer internationalen Bande geworden, die sich mit dem Plündern der französischen Kirchenschätze beschäftigte. Was den Skandal so.interessant macht, ist, daß er „werte Kreise" zieht; einige der bekanntesten Antiquare von Paris, millionenschwere Leute, mehrere Dutzend Pfarrer und ein Häuflein schöner Damen „der besten Gesellschaft" sind kompromittiert. Die Kirchendiebstähle in allen Teilen der Republik häuften sich in unheimlicher Weise; sie wurden mit Geschick verübt, es wurde, um in der Detektivcnsprache zu reden, „saubereArbeit" geleistet. Die Tabernakel von wohl hundert alten Kathedralen und Kapellen mutzten ihr Schönstes vergeben, nie griffen die Räuber fehl, nie belasteten sie sich niit Wertlosem; man hatte es, niit wohlgebildeten Archäologen zu tun, die mitunter eine alte echte Stickerei einen: schlvercn
silbernen Kelch vorzogen. Vom Verbleib der Kunstschätze hatte man keine Spur — augenscheinlich wmrderten sie ins Ausland, nach Deutschland, England und Amerika. Der erste wahrhaft sensationelle Raub geschah auf dem meerumspülten Felsen, dem Mont-Saint-Michel, an der bretonischen Küste; dort wurde in der alten Kirche der verlassenen Mönchsabtei eine wunderherrliche, sagenumwobene Krone aus purem Gold mit vielen Juwelen besetzt, aufbewahrt und den Cook-Karawanen, die von England herüberkamen, mit derselben Ehrfurcht gezeigt wie die Krondiamünten im Louvre. Eines Tages hörte inan, daß die Krone verschwunden sei; der metallene Schrein war erbrochen wie die eichene Tür der Kirche, doch von den Dieben fehlte jede Spur. Es wurde zwar erzählt, daß auf dem Damme bis abends spät ein Automobil gewartet hatte, dessen Insassen sich etwas rätselhaft benommen hatten und in der Nähe der Kirche bei Einbruch der Dunkelheit gesehen worden waren, aber bald wurde eine andere Version kolportiert. Das Trennungsgesetz trat in die Praxis ein; alle Kirchenschätze waren für »Staatseigentum erklärt worden, die Jnventuranfnahme führte zu Mißverständnissen; Klerikale behaupteten, das neue Gesetz wäre nur ein erster Schritt zur „spoliation" der Kirchen; bald werde man alle goldenen Gegenstände verkaufen. In seiner Angst, vielleicht auch auf einen Befehl aus Nom, habe nun der Pfarrer von Mont-Saint-Michel die Krone heimlich weggeschafft und selbst den Einbruch simuliert, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Der brave Geistliche leugnete natürlich hartnäckig, man konnte ihm nichtsSchlimmes Nachweisen und so hörte man bald nichts mehr von der kostbaren Krone des Keiliaen Michael.
